Stichflamme oder Herdfeuer?

Neulich wieder klagte eine meiner Klientinnen mal wieder über ihren Stress mit Tinder, einer Smartphone App für die umstandslose Begegnung mit passenden Vertretern des anderen Geschlechts. Durchaus zutreffend, wenn auch ziemlich böse, hat ein holländischer Künstler ein Smartphone mit der offenen Tinder-App unter einem schwenkenden Stück Fleisch platziert, das willkürlich mal rechts mal links über den Touchscreen streift….

Tinder heißt Zunder auf Englisch, das Logo ist der Schriftzug mit einer Flamme über dem i – wohl suggerierend, dass die Datenbank Kandidaten für einen gemeinsamen Funkenflug bereithält. Ob das dann ein Strohfeuer oder ein jahrelanges Herdfeuer ist – hängt vom Brennwert der Beteiligten ab…

Dabei ist die App ziemlich nüchtern: irgendeinem einem Algorithmus folgend stellt die Datenbank das Foto mit Vorname und Alter des anderen zur Verfügung – ein Wisch nach links heißt kein Interesse, ein Wisch nach rechts kann – wenn der andere ebenfalls Interesse signalisiert – ein „Match“ herstellen: dann können die beiden mit einander nach dem Whatsapp Prinzip chatten und alles weitere bleibt ihnen überlassen. Ein Abonnement dieser App kostet etwa 20 US$.

Meine Klientin hat mit ihren Anfang dreißig eine aufrichtige Sehnsucht nach einer langfristigen Partnerschaft und sogar Familie – aber das behält sie um Himmels willen für sich, denn derlei schreckt Männer im Alter ihrer Zielgruppe meist stark ab. Also gibt sie sich ein bisschen anders, um attraktiver zu sein…und weil sie hübsch und charmant ist und eine Weltmeisterin im Texten erfreut sie sich großer Nachfrage. Nur, die dann statt findenden Dates hinterlassen neben einer kurzen anfänglichen Aufregung, oft langfristig Enttäuschung und ein schales Gefühl: denn eigentlich will sie was anderes. Aber wer in dem Alter (Tinder ist für die Zielgruppe 18-35) traut sich schon, den Wunsch nach einer langfristigen, möglicherweise familienorientierten Beziehung zu äußern? Denn genauso groß, wie die Angst niemanden zu finden, mit dem das möglich ist, ist oft die eigene Angst, dass es doch möglich wäre und dann? Es ist offenbar viel leichter sich nach einem Partner zu sehnen, als einen zu haben….

Die Sehnsucht nach Partnerschaft gehört zu unserer Kultur

Ich kann nachvollziehen, wie schwer das mit der Partnersuche ist – bin schließlich selbst seit Jahrzehnten die meiste Zeit Single – und dabei nicht glücklicher oder unglücklicher, als jene in Partnerschaft. Ich habe längst gelernt, persönliches Wohlbefinden und Zufriedenheit nicht von meinem Beziehungsstatus abhängig zu machen.

Aber natürlich ist eine Liebes- und Partnerschaftsbeziehung etwas ganz anderes, als Beziehungen zu Freunden und auch der wirklich wichtigen Beziehung zum eigenen Selbst. Und also ist die derzeitige Popularität von Tinder und all den vielen anderen Apps und Datingwebseiten nur allzu verständlich. Denn die Sehnsucht nach Partnerschaft und romantischer Liebe ist unserer Kultur von jeher ein wichtiges, vielleicht sogar existentielles Thema. Denn gemeinhin gelten Liebe und Partnerschaft als Voraussetzung für Familie und damit für Fortpflanzung und diese wird ja zum Erhalt der Kultur dringend gebraucht… Und außerdem wird damit ein, vielleicht uns allen inne wohnender Sinn, für „die Ordnung des Lebens“ befriedigt. Denn zum einen ist es einfach schön, wenn zwei Menschen einander die seelisch-emotionale Priorität sind, und beruhigend, wenn jeder jemanden hat, der sich um ihn kümmern kann und zum anderen machen dann all die Paarangebote, Gutscheine für zwei und Doppelpacks viel mehr Sinn.

Ich habe übrigens schon als Teenager darüber sinniert, wie man herauskriegen könnte, wie all die lieben Menschen, die ich kenne und zwar nicht nur meine gleichaltrigen Freunde und Freundinnen, sondern auch die – wie es damals hieß – ledigen Menschen im Freundes- und Bekanntenkreis meiner Eltern einen passenden Partner finden könnten. Denn die Sehnsucht danach war bei den meisten immer wieder mehr oder weniger stark spürbar. Aus diesem Gedanken heraus habe ich damals die Bestrebungen meiner Mitschülerinnen auf unserer Mädchenschule unterstützt, eine Klassenfete zusammen mit einer Jungenklasse von einer Jungenschule zu organisieren (wir wählten einen Jahrgang über uns). Wir hatten auch alle einen ganz netten Nachmittag – ich glaube sogar, es kam unter ca. 60 Jugendlichen zu 1, 2 Paarbildungen. Und später als Studentin, bastelte ich während langweiliger Kunstgeschichtsvorlesungen an Ideen, wie man diese Heerschar braver, gut gebildeter und heiratswilliger Mädels zur en gros zur ersehnten Partnerschaft verhelfen könnte? Vielleicht in dem man ein Event mit dem Maschinenbaustudiengang anleierte, wo notorisch Frauenmangel war? Ich fand Frauen mit Kenntnissen über bayerische Barockkirchen passten ideal zu künftigen Ingenieuren…

Mehr Gelegenheiten schaffen leider nicht mehr Treffer

Doch mit dem Einzug des Internets hat sich unser Balzverhalten verändert. Übrigens hatten die Amerikaner ihre ersten virtuellen Erfahrungen gesammelt – von Eheanbahnung, online Affären und Scheidungen bevor in Deutschland die erste Email verschickt wurde. Und das auch lange vor Facebook – und doch erst vor knapp 20 Jahren! Das Potential der elektronischen Medien und damit die Chance einer zunächst oft anonymen und unverbindlichen Begegnung hat von Anfang an nicht nur sehnsüchtige Nerds angezogen, sondern auch viele, die in der freien physischen Wildbahn bis dato gescheitert waren. Die ersten Datingwebseiten, wie friendscout24 waren 2000 noch kostenlos… Aber schon am 14. Februar 2001 ging Parship online, und es folgten und folgen viele weitere. Meist gegen Gebühr und manchmal für Männer höher als für Frauen… Übrigens finde ich persönlich, dass die Webseiten für Homosexuelle mit den besten Service liefern.

Inzwischen gibt es natürlich auch schon wissenschaftliche Studien dazu – und zwar unabhängig von den jeweiligen Plattformen, die natürlich gerne suggerieren, dass sie eine besonders hohe Trefferquote haben. Aber dem ist nicht so. Man trifft online keineswegs häufiger oder schneller den passenden Partner. Wie das mal ein Mann, den ich meinerseits auf einer Datingplattform kennen gelernt hatte, während unseres „Schnupper-Spaziergangs“ durch Berlin, plastisch formulierte: er habe gelesen, dass man(n) rein statistisch 100 Begegnungen hinter sich bringen müsste, bis es funken würde! Das Internet mache es lediglich einfacher das Volumen abzuarbeiten…

Und mir wurde übel bei dem Gedanken, womöglich hundert Mal mit Männern durch Berlin spazieren zu müssen. Auch wenn das meine Ortskenntnis ganz sicher ungemein vertiefen würde, türmte sich doch der zeitliche und soziale Aufwand vor meinem inneren Auge wie ein unüberwindliches Gebirge auf. Ich meine, wie viele Male wollte ich Lieblingsreiseerlebnisse, Schlüsselmomente bei der Berufswahl und jüngste Gründe für herzliches Lachen wirklich erfahren? Zumal es oft ein Gemecker über Flugpreise, Gejammer über zu geringen Verdient und Begeisterung für Mario Barth enthielt. Bei der Aussicht wurde mir schwindlig.

Dennoch habe ich ein paar Mal in meinem Leben von diesen Plattformen Gebrauch gemacht – und je älter ich werde, umso mehr bin ich persönlich diesen Plattformen und Apps abgeneigt. Natürlich auch durch meine eigenen – nicht nur negativen – Erfahrungen, die mich haben erkennen lassen, dass diese Plattformen genau genommen vom Gegenteil dessen leben, was sie verkaufen wollen: denn eigentlich leben sie ja davon, dass Paare NICHT zu einander kommen, denn mit jedem Paar verlieren sie auf Anhieb zwei Kunden, die dann ihren Vertrag kündigen bzw. deaktivieren… so lange es eben gut geht.

Außerdem finde ich es unbehaglich finde, wenn im Namen der Liebe Geschäfte mit Sehnsucht und Bedürftigkeit gemacht werden. Irgendwie wirkt das auf mich wie die Vermarktung eines Diätmittels, was aber in Wirklichkeit die Gewichtsimbalance verstärkt und nur mehr oder weniger zufällig – und statistisch wirksam – bei einem gewissen Prozentsatz von Menschen dazu führt, ihr Idealgewicht zu finden und zu halten. Eine Weile jedenfalls… Aber ein Beitrag zur Gesundheit ist es eben in Wirklichkeit nicht, aber definitiv einer zum Klingeln in den Kassen der Anbieter.

Die elektronischen Medien gehören zur Paarungsindustrie

Aber ich kann da meckern, wie ich lustig bin – heutzutage gehören die elektronischen Datingserviceanbieter genauso zur Paarungsindustrie, wie früher nur die Kontaktanzeigen in den Printmedien und Heiratsvermittler. Fest steht auch, dass sich durchaus eine beachtliche Zahl an Paaren durchs Internet kennen lernt und manchmal sogar langfristig zusammen bleibt. Wenn auch die Quote vielleicht nicht so hoch ist, wie die Anbieter der Datingplattformen gerne glauben machen. Im Übrigen finden sich durch das Internet auch Paare die sich unter anderen Umständen nie begegnet wären – was sicherlich für die neuen Medien spricht.

Aber was mich wirklich diesbezüglich sehr beschäftigt ist, dass vor kurzem einem Artikel im Tagesspiegel zu entnehmen war, viele junge Leute in Berlin sich aufgrund ihrer Enttäuschungen mit den Apps und dem Dating überhaupt entschieden haben, single zu bleiben. Das finde ich wirklich traurig! Aber mit Medien, in denen in der Regel Paartrennungen dauernd und gründlich thematisiert werden, einer grundsätzlich hohen Scheidungsrate und einer wachsenden Anzahl von sich immer weiter verzweigenden Patchworkfamilien in der westlichen Welt – schwindet eben auch der Mut und die Bereitschaft Vertrauen ins partnerschaftliche Miteinander zu investieren.

Dabei ist es in Wirklichkeit gar nicht so düster: zum einen sinkt die Scheidungsrate seit ein paar Jahren und zum anderen ist laut Forschung die Beziehungsqualität der heutigen Ehen/Partnerschaften besser als früher!

 Laßt uns mutiger lieben!

Ich würde mir wünschen, dass Menschen auf allen Ebenen – in den Medien, in den Schulen, in den Familien mehr Mut zur Liebe und zum Lieben gemacht wird. Wenn wir alle bewusster lieben würden und könnten – dann hätten vielleicht Erwartungen, Vorstellungen und daraus resultierende Enttäuschungen nicht so eine verheerende Wirkung auf das individuelle und kollektive Liebesleben. Dann würden aus der Liebe zum Selbst und dem Vertrauen in die eigenen gesunden Gefühle Begegnungen möglich, bei denen der Funkenschlag langfristig genährt werden kann. Nicht wegen irgendeines merkwürdigen Algorithmus, sondern aus der Gemeinsamkeit der Begeisterung für ein Leben zu zweit und der mutigen Bereitschaft, gegebenenfalls im Miteinander zu scheitern – aber im Wissen, sich, dem anderen und dem Leben wenigstens eine ehrliche Chance gegeben zu haben.

Noch toller wäre es, wenn wir als Spezies endlich eine Fähigkeit hervorbringen könnten, die uns erlaubt, einen potentiellen Partner mit Bestimmtheit leicht und mühelos zu identifizieren und wir dann auch noch Konventionen etablieren könnten, die solchen Begegnungen unaufdringliche Unterstützung angedeihen lässt. Ich glaube übrigens tatsächlich, dass das möglich ist und werde diese Vision nähren!

Balance der Klänge

Missklänge und Harmonie gehören beide zur Balance!

Michael Roads, der spirituelle Lehrer, Autor und Metaphysiker aus Australien postet regelmässig seine Gedanken bei Facebook. Heute ist Balance sein Thema und der Post passt so wunderbar zu meinem Blog, dass ich ihn von Michaels Facebookseite hierher kopiert habe.

MICHAELS GEDANKEN vom 22. Mai 2015:
Balance ist der Treffpunkt zwischen Dissonanz und Harmonie. Laß dich nicht narren, zu glauben, dass es bei Balance darum geht, ungestört und glücklich zu sein. Im Gleichgewicht zu sein bedeutet, den Dissonanzen des Lebens ihren Ausdruck zu gestatten ohne davon gestresst zu sein – und nicht der Harmonie verhaftet zu sein. Laß Harmonie einen wichtigen Teil deines Lebens sein, aber nicht um den Preis die Missklänge zu verleugnen. Missklänge zu verleugnen ist kontraproduktiv. Akzeptiere Dissonanzen als Teil der Orchestrierung des Lebens. in dem du mitgehst, statt in Widerstand, wirst du den tieferen Grundrhythmus der inneren Harmonie finden. Das ist der Ort der Balance. In vielerlei Hinsicht ist Balance der Ort des inneren Friedens und der Hingabe. Du strebst sie nicht an, du erlaubst sie! Balance findest du leichter, wenn du beständig und bewusst…Liebe wählst!

 

Das Zwinkern im Auge des Sturms

Wie eine Schwangere ständig überall Babys sieht, so beeinflusst derzeit mein Blog immer wieder meine Wahrnehmung. Ständig fallen mir Bezüge zum Thema Balance auf und ein – manche vielleicht offensichtlicher als andere… Aber je mehr ich mit dem Thema beschäftige, umso mehr fasziniert mich, wie sehr es unser aller Leben durchdringt. Tatsächlich noch viel mehr, als ich je vermutete!

Auf der Suche nach einer schönen Abbildung von einem Mobile, mit dem ich demnächst mal einen Eintrag illustrieren werde, kam mir die „Kardanische Aufhängung“ unter – auf Englisch heißt das Ding „Gimbal“, was ich viel hübscher und spielerischer finde – auch weil die Endsilbe nach Ball klingt.

Ich will mich hier nicht mit den physikalischen Details allzusehr aufhalten: was ich begriffen habe, ist, dass die Konstruktion, die aus drei sich auf unterschiedlichen Achsen drehenden Ringen besteht dem Objekt in der Mitte ermöglicht, unabhängig von der Bewegung dessen, was sie hält, stabil zu bleiben. (Ok, alle Physiker dürfen die Augen verdrehen.) Das Prinzip wurde im 15 Jhd. von dem italienischen Physiker und Mathematiker Girolamo Cardano detailliert beschrieben – bekannt ist es aber schon seit der Antike.

Typischerweise kommt diese Konstruktion oft auf Schiffen zum Einsatz, wo neben dem Kompass auch der Herd und sogar Getränke dadurch stabilen Halt finden. Im Alltag kennt man das als Kreisel – wenn ein Kreisel sich dreht, bleibt die innere Mitte stabil…man muss ihn halt immer wieder anschwingen. Das macht die kardanische Aufhängung von allein: sie ist quasi ständig in Bewegung.

Alles in Bewegung, aber trotzdem stabil

Das ist natürlich das, was mich als Metapher hier reizt: alles in Bewegung…und die Mitte bleibt stabil…in Balance.

Denn wichtig ist bei einer gesunden Balance ja auch, dass sie nie statisch und fixiert ist – denn eine fixierte Wippe ist nur noch eine Bank, wenn vielleicht auch eine schräge…

Wir wollen und müssen ja auch alle beweglich sein und andererseits auch unter heftigsten Belastungen stabil. Damit wir in unserem manchmal sehr stürmischen Leben einigermaßen stabil bleiben können, bedarf es eines dynamischen Halts – oft auch von außen.

Den z.B. kann die eigene Familie geben oder gute Freunde – oder die Verlässlichkeit der Alltagsrhythmen und die Vertrautheit der heimischen Umgebung und natürlich auch persönlicher Glaube und Prinzipien – seien sie nun religiöser oder sonstiger Natur.

Wenn der Sturm kommt, wird´s spannend

Aber was passiert, wenn dies erschüttert wird, wie z.B. durch einen Todesfall in der Familie, durch ein zerstörerisches Erdbeben und/oder durch eine Glaubenskrise, die einen an der eigenen Existenz verzweifeln lässt? Wie viele „Halteringe“ haben wir noch, wenn einer oder mehrerer unserer gewohnten wegbrechen? Was hilft uns stabil zu bleiben – auch wenn scheinbar gar kein Halt mehr da zu sein scheint…? Was hilft uns, im Auge unserer eigenen Stürme zu bleiben? Manchmal sind das auch sehr eigenwillige Dinge und nicht frei von Humor.

Für jeden können die Ringe andere sein

Mir haben in einer stürmischen Lebensphase mal unzählige Partien von online-Mahjong geholfen, mein inneres Gleichgewicht zu wahren; ein Freund berichtete in einer Situation als ihm Job und Freundin gleichzeitig abhanden kamen, er neben alkoholfreiem Bier besonders viel Halt im Kinderfernsehprogramm fand und eine Bekannte, die sehr religiös aufgewachsen ist und stark unter Depressionen litt, überlebte zu ihrer eigenen Überraschung einen ihrer depressiven Schübe ausgerechnet wegen Jesus… Sie war nachts bei hoher Geschwindigkeit mit ihrem Auto unterwegs, fest entschlossen, ihrem Leben in einem Autobahntunnel ein Ende zu setzen. Doch dies wollte ihr nicht gelingen: irgendjemand hatte sämtliche Tunnelwände mit immer demselben Graffiti überzogen, das sie nicht zu ruinieren wagte. Es lautete: „Jesus loves you.“

Ritter des 21. Jahrhunderts

 

Sind ritterliche Tugenden überhaupt noch aktuell?

Vor einigen Wochen erwartete ich mal wieder eine Lieferung von Amazon. Also wunderte ich mich nicht, als der Postbote klingelte und mir einen Stapel mit drei Päckchen überreichte. Doch als ich die Päckchen öffnete, erwartete mich eine Überraschung: „Der Alpha Code“? Fitness für echte Männer?? Mit einem Vorwort von Arnold Schwarzenegger??? Das hatte ich ganz sicher nicht bestellt!!!

Hatte sich Amazon etwa mit dieser Lieferung vertan? Ich sah noch einmal in den Karton mit der Lieferbestätigung und siehe da, sie enthalt auch die Nachricht eines lieben Klienten von mir, der mir dieses Buch hatte zukommen lassen. Er schrieb, der „Alpha Code“ hätte ihn sehr begeistert und seiner Meinung nach enthielte das Buch jede Menge Material – jenseits der Fitness-Tipps – das ich bei meiner Forschung in Bezug auf die Geschlechterrollen in unserer Zeit und in Zukunft beachten sollte.

Zögernd und nicht ohne Vorurteile begann ich, das Buch zu lesen. Allerdings nicht ohne vorher mal schnell nach dem amerikanischen Original zu googeln und festzustellen: die beiden Autoren sind Koryphäen der amerikanischen Fitness- und Bodybuildingszene und ihr Buch verkauft sich so gut, dass es schon zwei Jahre später auf Deutsch erschien.

Das Buch geht in der Tat über eine reine und wirklich ausführliche Fitnessanleitung – zum Bedauern mancher und zur Begeisterung anderer Leser – weit hinaus. Es liefert nämlich auch eine psychisch-ethische Anleitung für das Mannsein!

Das heißt, es gibt auch heute noch Ritter! Und das weit weniger metaphorisch, als ich selbst je vermutet hatte. Nämlich nicht nur als Titel von Mitgliedern teilweise obskurer Orden und Bruderschaften, oder bei Computerspielen und bei Mittelalter-Veranstaltungen. Völlig unabhängig vom Ritter als Titel, gibt es sie als Verkörperung der Ritterlichkeit und es hat sie auch immer gegeben!

Historische Ritterregeln

Dass die Rittertugenden vom Mittelalter über die Romantik bis in die Gegenwart von Bedeutung waren und sind, zeigen z.B. die Arthussagen und das Rolandslied – beide begannen den Siegeszug ihrer Popularität im 12. Jahrhundert. Stellvertretend für den „Ehrenkodex“ eines Ritters, hier ein Auszug aus dem Rolandslied, wie ich ihn auf der englischen Webseite: lordandladies.org gefunden und selbst für diesen Blog übersetzt habe.

  • Gott zu fürchten und seine Kirche zu erhalten
  • Dem Lehensherrn mit Tapferkeit und Treue zu dienen
  • Die Schwachen und Wehrlosen zu beschützen
  • Witwen und Waisen Beistand zu leisten
  • Mutwilliger Beleidigung zu widerstehen
  • Ehrenhaft für den Ruhm zu leben
  • Entlohnung durch Geld zu verachten
  • Für das Wohlergehen aller zu kämpfen
  • Jenen in Autoritätspositionen zu gehorchen
  • Die Ehre anderer Ritter zu achten
  • Ungerechtigkeit, Geiz und Täuschung zu vermeiden
  • Den Glauben zu wahren
  • Zu allen Zeiten die Wahrheit zu sagen
  • Bei jeder Unternehmung bis zum Ende durchzuhalten.
  • Die Ehre der Frauen zu achten.
  • Niemals die Herausforderung eines Ebenbürtigen abzulehnen
  • Niemals einem Feind den Rücken zuzuwenden.

In der einen oder anderen Form sind diese oder ähnliche Regeln auch Teil von soldatischen Ehrenkodices (schließlich waren die Ritter ursprünglich die Soldaten ihres Lehensherrn) und von Gelübden einiger, wie auch immer zu definierenden, Kriegergruppen. Entsprechend ihrer Kultur spielen dann oft auch noch Gehorsam, Loyalität und Achtung der Hierarchien eine Rolle und das bis heute, wenn auch teilweise abgewandelt. Denn die Zeiten und gesellschaftlichen Verhältnisse haben sich glücklicherweise in weiten Teilen der Welt positiv verändert. In der westlichen Welt sind „Witwen und Waisen“ heute viel besser versorgt sind und weder die Kirche, noch Lehnsherren, noch sonstige Autoritätspersonen haben eine vergleichbare Macht.

Welche Regeln gelten also heute für einen „urbanen Ritter der westlichen Gegenwart“?

 Moderne Regeln für Ritter heißen heute z.B. „Alpha Code“

Wenn man statt Ritter „Alpha Regeln“ in die Suchmaschinen eingibt, gibt es einige interessante Listen. Die umfassendste und genaueste entnehme ich dem oben erwähnten Buch von Bornstein und Romaniello und habe sie für diesen Zweck leicht gekürzt.

1 Schaffe Zeit für Wichtiges…Alphas sind bereit, Kleinigkeiten für Großes zu opfern, auch wenn sie dabei auf ein wenig Spaß verzichten müssen.

2 Betrachte ein Problem von allen Seiten, um eine Lösung zu finden. Ein Alpha weiß, dass man manchmal einen Hammer, manchmal einen Schlüssel benötigt…

3 Akzeptiere dein Ego als Mechanismus für mehr Zuversicht – höre aber immer zu und bleibe lernbereit.

4 „Mach dir die Bedeutung von Sex klar“ oder, wie es die Autoren selbst drastisch formulieren: „Alphas ficken phantastisch“.

5 Sag Nein, wenn du etwas nicht magst.

6 Frag nicht um Erlaubnis – bitte um Verzeihung (Das ist einfacher).

7 Kritisiere keinen Vorschlag, für den du keine Alternative anbieten kannst.

8 Kauf dir maßgeschneiderte Klamotten. Ein 200 Euro Anzug, der sitzt, sieht besser aus als ein schlecht sitzender 500-Euro-Anzug.

9 Drücke deine Zuneigung aus. Verkneife dir niemals ein Kompliment, wenn es ehrlich gemeint ist. Es gibt keinen schlechten Zeitpunkt, etwas Nettes zu sagen; gewöhne es dir an.

10 Greife immer als Erster nach der Brieftasche. Auch wenn man eigentlich dich einladen wollte…Alphas möchten sich um andere kümmern und wollen in niemandes Schuld stehen, aber sie zwingen auch keinem etwas auf, schon gar nicht in Geldfragen.

11 Reagiere auf alle Beleidigungen mit einem Lächeln…

12 Gib deine Fehler ehrlich und humorvoll zu…

13 Übernimmt die Führung…Alphas warten nicht auf Vorschläge anderer – sie bewegen etwas.

14 …“Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Alphas nehmen Risiken auf sich, sie kosten ihre Siege aus, nehmen aber auch die Lehren aus den Niederlagen an.

15 Lerne kochen….Alphas können sich selbst ernähren. Das gehört zu den menschlichen Grundfunktionen.

(Aus: Der Alpha Code Fitness für echte Männer von Adam Bornstein und John Romaniello, Goldmann Verlag München 2015 S.37ff)

Diese Regeln spiegeln deutlich unseren gesellschaftlichen Wandel: der moderne Ritter trägt einen gut sitzenden Anzug, erobert den Markt mit Kompetenz, Charme und einem gesunden Selbstbewusstsein. Außerdem kann er Prioritäten setzen und kochen…

Und wie sieht´t mit den Rittertugenden aus – anders ausgedrückt, was zeichnete einen historischen Ritter aus? Laut Wikipedia gehörten zu den gewünschten Eigenschaften im Hochmittelalter: Demut, heitere Gelassenheit, Würde, Freundlichkeit, Höflichkeit, Tapferkeit, Maßhaltung, Großzügigkeit, Beständigkeit, Treue, Anstand und Erziehung und Ehre (eben ritterliches Ansehen.) und während der Blütezeit der Minnekultur auch noch: Hoffnung, Frauendienst und Liebe.

Frauendienst ist heute passé – und auch Liebe verstehen wir heute im Zweifel anders als unsere Vorfahren. Und doch passen einige der Begriffe auch in den Tugendkatalog von Bornstein und Romaniello. Sie listen 7 „Alpha-Merkmale“ auf:

1 Hilfsbereit – aber nicht herablassend

In der Erläuterung wird dazu ermutigt, andere auf kompetente Weise zur Selbsthilfe zu verhelfen – so dass auch der Helfer etwas davon hat.

2 Selbstsicher – aber nicht großspurig

Hier geht es darum, aufrichtig und authentisch zu sein und auch über ehrliche Kenntnis der eigenen Stärken und Schwächen zu verfügen.

3 Eitel – aber nicht eingebildet

Der Leser wird dazu ermutigt, zwar auf sein Äußeres zu achten und es weitestgehend zu optimieren – aber gleichzeitig zu wissen, dass nicht seine Erscheinung sondern sein Handeln ihn definiert.

4 Stolz – aber nicht arrogant

Der Leser wird dazu angehalten, klug mit dem eigenen Erfolg umzugehen.

5 Bescheiden – ohne Selbsthass

Ein gesunder Selbstwert, das Wissen um die eigenen Schwächen, den Mut diese zu überwinden und die Fähigkeit zur Selbstironie werden hier propagiert.

6 Tolerant – aber nicht schwach

Im Prinzip geht es um die Fähigkeit, unterscheiden zu können, wann man(n) Farbe bekennt.

7 Engagiert – aber nicht besessen

Zielorientiertes Arbeiten – mit einem Sinn für das rechte Maß auch zum Wohle der anderen wird hier betont.

(Aus: Der Alpha Code Fitness für echte Männer von Adam Bornstein und John Romaniello, Goldmann Verlag München 2015 S.66ff)

Bei der Lektüre konnte ich es mir nicht verkneifen, darüber nachzudenken, welche Männer ich kenne, die das in meiner Wahrnehmung tatsächlich leben oder wenigstens leben wollen…

Und dann gleich die weitere Frage: wie sieht´s eigentlich bei den Frauen aus und bei mir selbst?

Alle können ritterlich sein!

Denn Ritterlichkeit ist keineswegs nur Männern vorbehalten – und war es übrigens auch anfänglich nicht. Denn Ritterlichkeit galt immer schon als eine menschenwürdige Tugend, auch wenn sie mindestens sprachlich in der jüngsten Zeit aus der Mode gekommen ist. Aber ihre Bedeutung ist nach wie vor attraktiv. In beiden Richtungen: es ist durchaus erstrebenswert, sich ritterlich zu verhalten – und ritterlich behandelt zu werden. Doch das geht vielleicht nur, wenn man sich der „Hausordnung fürs eigene Gemüt“ einigermaßen bewusst ist und entsprechend handelt!