Wieder ein bißchen mehr Balance

Am vergangenen Freitag, den 26. Juni 2015 hat der oberste amerikanische Gerichtshof entschieden, dass die gleichgeschlechtliche Ehe nun in den gesamten vereinigten Staaten legal ist. Damit wurden auch Regelungen in den einzelnen Bundesstaaten unwirksam, die das teilweise noch verboten hatten. Für die Amerikaner war das ein großer historischer Moment und für viele ein Feiertag. Alle meine amerikanischen Facebookfreunde haben an dem Tag ihr Profilbild regenbogenfarben eingefärbt. Ich habe mich sehr mit ihnen gefreut und auch, weil ich finde, dass dies ein wichtiger Schritt zu einer gesamt gesellschaftlichen – diesbezüglich auch globalen – Balance ist: nämlich zur Anerkennung unserer Gleichheit und in diesem Bewusstsein zu leben und zu handeln.

In Deutschland sieht die Situation leider noch ganz anders aus. Bei uns können gleichgeschlechtliche Paare eine sogenannte „eingetragene Lebenspartnerschaft“ schließen – mit den gleichen Pflichten, aber weniger Rechten als der Zivilehe. Eine Ausnahme gibt´s nur, wenn in einer bestehenden heterosexuellen Ehe einer der Partner sein Geschlecht ändert… Doch trotz der großen Zustimmung der Mehrheit der Deutschen und massivem Engagement der deutschen LGBT-Bewegung beziehen unsere Politiker nach wie vor keine klare Stellung, um gewisse Wähler nicht zu verlieren. Denn dazu gehören auch viele Christlich-Konservative, die meinen, die Institution der Ehe diene vor allen Dingen der Fortpflanzung zum Bevölkerungserhalt. Doch möglicherweise haben sie im Biologieunterricht mehr gebetet, statt aufgepasst, denn sonst wüssten sie dass Kinder auch außerhalb von Ehen gezeugt werden und jede Menge kinderloser Ehen und auch Adoptionen in- und außerhalb von Ehen gibt.

Gesellschaftlicher Wandel ist ein Segen!

Offenbar wird das, was eine Ehe bzw. eine Familie ausmacht, in unserer Welt oft religiös und grundsätzlich kulturell und gesellschaftlich definiert und ist damit den entsprechenden Entwicklungen ausgesetzt, die der gesellschaftliche Wandel natürlich mit sich bringt. Unsere Familienstrukturen haben sich besonders seit dem zweiten Weltkrieg massiv verändert und werden es auch immer weiter tun. Viele Dinge, die für unsere Großeltern noch unvorstellbar oder strafbar waren, lohnen heute nicht mal mehr der Empörung.

Dazu gehörte in Deutschland zum Beispiel bis in die 60er Jahre die Strafbarkeit von „Kuppelei“ wegen „vorsätzlicher Förderung von Unzucht“. Gemischt geschlechtliche Wohngemeinschaften waren damals unmöglich, weil sich der Vermieter strafbar machte. Schon ein Besuch bei jemandem des anderen Geschlechts, der alleine wohnte, konnte den Vermieter des Gastgebers große Unannehmlichkeiten bescheren… Da hatten es Homosexuelle – wenn sie diskret genug vorgingen – wiederum einfacher…

Die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Ehe war ein wichtiger Meilenstein.

Ehe und Scheidung, wie wir sie heute in Deutschland kennen, also ohne gesetzliche Vorschrift der Aufgabenteilung in der Ehe, sowie mit gleichberechtigtem Entscheidungsrecht (Frauen brauchten z.B. die schriftliche Erlaubnis ihres Mannes, um Arbeiten gehen zu können) sowie der Umstellung des Scheidungsrechts vom Schuld- auf das Zerrüttungsprinzip gibt es in der aktuellen Form in Deutschland erst seit 1977. Hinzu kommen noch viele Regelungen zu Mutter- und Vaterschaft, dem Sorgerecht und im Scheidungsfall mit Kindern. In diesen Bereichen gibt es aktuell noch immer heftige Diskussionen – auch unabhängig davon, ob ein Paar verheiratet war oder nicht. Das gilt für hetero- wie für homosexuelle Paare. Doch in jedem Falle ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Ehe auch eine wichtige Voraussetzung für die gleichgeschlechtliche Ehe.

Das Heiraten mit staatlicher Anerkennung ist homosexuellen Paaren weltweit seit 2001 möglich – die Niederländer waren die ersten. Dieser Trend scheint vor allem in den westlichen Ländern unaufhaltsam und sogar das katholische Spanien legalisierte dies 2005. Doch in den muslimischen Ländern ist nicht nur die Homo-Ehe noch völlig unmöglich, sondern Homosexualität als solches noch immer strafbar. Es wird also wohl noch eine grausame Weile dauern, bis die vergnügliche Vision des deutschen Karikaturisten Klaus Stuttmann Gestalt annehmen kann: Sie zeigt einen Araber mit Bart und Sonnenbrille, sowie langem Gewand und Palästinenser Tuch auf dem Kopf– gefolgt von einer Gruppe von acht lang bewandeten Arabern, mit Bart und Sonnenbrille und mit Palästinensertüchern auf dem Kopf. Die Überschrift lautet: „Der Prinz und sein Harem“, die Unterzeile: „Die Homoehe ist nicht mehr aufzuhalten.“

Ich persönlich finde übrigens, dass gerade viele homosexuelle Paare zum Werteerhalt von Ehe und Familie beitragen. Anders als uns Medien und Vorurteile oft Glauben machen, sind Polygamie und Promiskuität unter ihnen keineswegs weiter verbreitet, als unter Heterosexuellen – das hat nichts mit der sexuellen Orientierung zu tun.

Traditionelle Werte werden besonders in gleichgeschlechtlichen Beziehungen gepflegt.

Nach meiner Beobachtung und Erfahrung mit den homosexuellen Paaren in meinem persönlichen Umfeld werden nirgendwo sonst die Ideale von Partnerschaft, respektive Ehe und Treue so geachtet, wie bei ihnen. Nicht nur, dass sie oft die stabilsten und längsten Beziehungen führen; sie pflegen auch bürgerliche Traditionen auf exquisite Weise: Sie backen phantastische Plätzchen zu Weihnachten, schmücken bezaubernde Ostersträuße und verpacken feine Geschenke auf originelle Weise. Außerdem bügeln sie phantastisch, haben höchst gepflegte Gärten und liebevoll gestaltete Wohnungen und könnten einem geradezu spießig vorkommen – wenn nicht eben ihre sexuelle Veranlagung genau das verhindern würde.

Auch wenn es vielleicht eine Art der Kompensation sein mag, dass homosexuelle Paare sich um Traditionserhalt oft mehr bemühen als heterosexuelle Paare, so ist es doch als Basis für den gesellschaftlichen Bestand der Werte von Ehe und Familie großartig! Diese Stabilität und Beständigkeit ist auch genau das, was Kindern in ihren heterosexuellen (Patchwork)-Familien oftmals fehlt und also kann ich auch die Adoption von Kindern durch Homosexuelle persönlich nur befürworten.

Gerade weil sie es selbst als Kinder meist nicht so leicht hatten, gehen sie mit Beziehungen zu ihrem Partner und auch zu Kindern meist sehr achtsam um und bemühen sich, Kindern einen gesunden Selbstwert zu vermitteln. Dabei bin ich ganz sicher, dass die Kinder gerade auch in ihrer geschlechtlichen Identität geachtet und unterstützt werden. Vielleicht lernen sie viel bewusster mit ihrer eigenen Weiblichkeit oder Männlichkeit umzugehen, als es Kinder heterosexueller Paare tun und das kann für die gesamte Gesellschaft nur von Vorteil sein! Die Zukunft wird es zeigen!

Angst vor dem anderen: Scham und Verletzlichkeit

Die amerikanische Sozialforscherin Brené Brown, die seit 2010 mit ihren phantastischen Tedx-Talks über Verletzlichkeit einer breiten Öffentlichkeit bekannt ist, hat außerdem einige Bücher geschrieben. Ich lese gerade das amerikanische Original ihres Buchs: „Verletzlichkeit macht stark. Wie wir unsere Schutzmechanismen aufgeben und innerlich reich werden“ und bin sowohl von ihrem Schreibstil, als auch von dem äußerst erkenntnisreichen Inhalt begeistert. Im dritten Kapitel des Buches geht es um die Erscheinungsformen von Scham bzw. die „Schamdämonen“, und wie man ihnen konstruktiv begegnen kann. In diesem Kapitel beschreibt sie auch, wie schockiert sie war, feststellen zu müssen, dass Frauen mit Scham und Verletzlichkeit nicht mehr kämpfen, als Männer. Männer leiden genauso und erfahren ihren diesbezüglichen Schmerz ähnlich, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, aufgrund unserer gesellschaftlich geprägten Rollenbilder. Ein Schlüsselerlebnis für sie war als nach einem einer ihrer Vorträge sich ein Familienvater sich bei ihr bedankte und fragte, wie sie die Scham von Männern einschätze. Sie erklärte damals wahrheitsgemäß, dass sie das nicht wüsste, weil sie nur Frauen interviewt habe. Der Herr nickte nur und sagte: „Nun! Wie bequem!“ Angespannt fragte sie: „Warum bequem?“ Und er entgegnete, ob sie es wirklich wissen wollte. Sie sagte zögerlich ja und ihm kamen die Tränen. Dann sagte er: „Wir schämen uns. Tief. Aber wenn wir versuchen, uns damit mitzuteilen – dann werden wir emotional zur Schnecke gemacht… Meine Frau und Töchter, für die Sie all die Bücher signiert haben…würden mich lieber auf meinem weißen Pferd sterben sehen, als mir zusehen zu müssen, wie ich herunter falle. Ihr sagt, dass Ihr wollt, dass wir verletzlich und authentisch sind, aber seid ehrlich: Ihr könnt es nicht aushalten. Es macht euch krank, uns so zu sehen.“ Seit der Begegnung begann Brené Brown auch Männer zu interviewen und kam zu der Feststellung, dass wenn wir einen Ausweg aus der Scham, Verletzlichkeit und dem sich bloß gestellt fühlen finden wollten, dann nur gemeinsam: Frauen und Männer zusammen. Dann schildert sie was sie beobachtet hat, wie wir einander verletzen und dass wir gegenseitiger Heilung bedürfen. Sie schreibt: „Die Erwartungen, die die Scham bedingen, entsprechen den gesellschaftlichen Geschlechterrollen, aber die Erfahrung des Schamgefühls ist universell und zutiefst menschlich.“

Schamauslöser für Frauen

Für Frauen ermittelte sie folgenden Schamkatalog:

  • „Perfekt aussehen. Perfekt handeln. Perfekt sein. Weniger als perfekt sein ist beschämend.
  • Von anderen Müttern verurteilt zu werden.
  • Bloß gestellt zu werden – die peinlichen Teile der eigenen Möglichkeit werden für alle sichtbar gemacht.
  • Egal, was ich erreicht habe oder wie weit ich gekommen bin, woher ich kam oder was ich überlebt habe – sie [die Scham] wird mich immer daran hindern, fühlen zu können, dass ich gut genug bin.
  • Auch wenn alle genau wissen, dass es keine Möglichkeit gibt, alles hinzukriegen, erwartet es doch jeder.
  • Scham bedeutet, wenn es einem nicht gelingt, den Eindruck zu vermitteln, als hätte man alles unter Kontrolle.
  • Nie genug zu sein – zuhause, auf der Arbeit, im Bett. Nie genug für die Eltern. Scham heißt: nie genug!
  • Kein Platz am Tisch der „coolen kids“ – die hübschen Mädchen lachen einen aus.“

Ich denke, dass dies generell auch für deutsche Frauen und überhaupt die Frauen der westlichen Welt zutrifft. Lakonisch stellt Brown fest, dass nach all den Jahren der Bewusstseinsentwicklung in Bezug auf die Geschlechterrollen und Emanzipation der Hauptschamauslöser für Frauen noch immer auf ihrem Erscheinungsbild beruht. Die Scham darüber, nicht dünn, jung und schön genug zu sein… Ein weiteres wichtiges Thema ist für die Amerikanerinnen das Thema Mutterschaft: wenn man Kinder hat, muss man sich ständig mit anderen Müttern vergleichen (lassen) und die eigenen Kinder mit denen der anderen. Wenn man keine hat, ist man eine minderwertige Frau… Als kinderloser Single kann ich diese letztere Erfahrung nicht bestätigen. Tatsächlich habe ich im Kontakt mit Amerikanern festgestellt, dass sie oft verblüfft sind, wenn sie mit Deutschen Kontakt haben, dass bei uns der Beziehungsstatus und die Familiensituation für den Selbstwert offenbar nicht so relevant sind, wie es einem in den USA suggeriert wird. Ich habe keine Daten, aber ich kann mir gut vorstellen, dass wir im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung mehr unverheiratete Paare und lose Patchworkfamilien haben, als die USA. Trotzdem ist es natürlich so, dass es auch bei uns Situationen gibt, in denen Partnerlosigkeit (gerade bei allein erziehenden Müttern) und Kinderlosigkeit (besonders bei jenen, die gerne welche gehabt hätten) Schmerz und Scham auslösen. Die Scham darüber…irgendwie versagt zu haben, also nicht genug zu sein. Was Brown zusammenfassend über die Amerikanerinnen sagt, gilt wahrscheinlich überhaupt für die Frauen in der westlichen Welt: nämlich dass viele Frauen sich in einem höchst gespannten Netz aus Widersprüchen bewegen müssen:

  • Sei perfekt, aber mache kein Aufhebens darum und nichts darf darunter leiden, dass du deine Perfektion erreichst: weder die Familie, noch dein Partner, noch deine Arbeit.Wenn du wirklich gut bist, sollte dir die Perfektion leicht fallen.
  • Kränke niemanden und verletze niemandes Gefühle – aber sage, was du denkst.
  • Dreh auf in Sachen Sex (nach dem die Kinder im Bett sind, der Hund ausgeführt und das Haus sauber ist) aber ja nicht bei den Elternabenden. Und verwechsele beides um Himmels willen nie – du weißt doch, wie wir über die Sexualität in den Medien denken!
  • Sei ganz einfach du selbst, aber nicht, wenn das bedeutet schüchtern oder unsicher zu sein. Es gibt nichts, was sexier ist, als Selbstvertrauen (besonders wenn du jung und rattenscharf bist)
  • Bringe Menschen nicht in Verlegenheit, aber sei ehrlich.
  • Sei nicht zu emotional, aber auch nicht zu abgeklärt. Zu emotional und du bist hysterisch, zu abgeklärt und du bist ein kaltherziges Biest.

Für deutsche Frauen könnte man vielleicht ergänzend und zusammenfassend hinzufügen: „Gib dein bestes, aber sei pflegeleicht.“

Schamauslöser für Männer

Auf die Frage, wie Männer Scham definieren, erhielt die Autorin folgende Antworten:

  • Scham ist Versagen. Auf der Arbeit. Auf dem Sportplatz. In deiner Ehe. Im Bett. Beim Geld. Bei den Kindern. Es spielt keine Rolle. Scham ist Versagen.
  • Scham bedeutet, verkehrt zu sein. Nicht, es verkehrt zu machen, sondern verkehrt zu sein.
  • Scham ist ein das Gefühl, unzulänglich zu sein.
  • Scham passiert, wenn Menschen denken, dass du weich bist. Es ist erniedrigend, als irgendwas anderes als wahrgenommen zu werden, als taff!
  • Jegliche Art von Schwäche zu zeigen ist beschämend. Im Grunde ist Scham Schwäche.
  • Angst zu zeigen, ist beschämend. Man kann keine Angst zeigen. Du darfst keine Angst haben, egal was ist.
  • Scham bedeutet als derjenige gesehen zu werden, den man an die Wand drücken kann.
  • Unsere größte Angst ist kritisiert oder lächerlich gemacht zu werden – beides ist extrem beschämend.

Laut Brené Brown leben Männer mit dem großen Druck einer unbarmherzigen Botschaft: Werde ja nicht als schwach wahrgenommen!“

Ergänzend und zusammenfassend könnte man für deutsche Männer vielleicht hinzufügen: „Weiche nix aus, aber sei immer stark.“

Sie muss schön sein, er muss stark sein

Das heißt, für Frauen geht es bei der Scham vor allem um ihre Erscheinung, bei Männern vor allem um ihre Darbietung. Wehe, diese entsprechen nicht der gesellschaftlichen Norm und/oder familiären und schulischen Erwartungen – das kann traumatische Folgen haben. Begabungen und Träume werden nicht gelebt, weil die Ablehnung derjenigen, deren Anerkennung lebensnotwendig scheint zu sehr gefürchtet wird. Und in jedem Falle hat die Wahrheit des Wesens unter diesen Bedingungen keine Chance. Viele ziehen die Selbstverleugnung dem möglichen Verlust von Zugehörigkeit und potentiellem Liebesentzug vor. Bei Frauen ist eine der Folgen vor der Angst nicht (mehr) attraktiv genug zu sein – gerade für den Mann, den sie am meisten lieben, dass sie unendlich viel Geld und Zeit in Kosmetika, Diäten und Klamotten investieren. Im Extremfall kann das u.a. in Essstörungen enden.

Für Männer ist einer der Folgen vor der Angst zu unerträglich schwach zu erscheinen – gerade in den Augen der Frau, die sie am meisten lieben und deren Schmerz angesichts ihrer Schwäche sie nicht aushalten können, verschließen sich irgendwann ihren Gefühlen – sie verbieten sich selbst regelrecht ängstlich oder verletzlich zu sein – nach dem berühmten Motto: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ Meist gibt es dazu ein Schlüsselerlebnis während der Pubertät und an die Stelle der unterdrückten Gefühle der Schwäche tritt dann die Wut darüber, diese Gefühle unterdrücken zu müssen – und wie viele Männer kämpfen mit ihren bewussten und unterbewussten Aggressionen?

Ein ganz besonders schambehaftetes Gebiet für beide Geschlechter liegt natürlich in der sexuellen Begegnung. Männer haben oft das Gefühl, für den anderen nicht „gut genug zu sein“ – und wollen einfach nur bedingungslos angenommen werden. Frauen fürchten dagegen, nicht schön genug zu sein – und wollen doch nur bedingungslos angenommen werden… Letztlich geht es um die Angst, der Liebe des anderen nicht würdig zu sein. Offenbar geht es um die Angst, um dessentwillen abgelehnt zu werden – was man bei sich selbst als größten Makel empfindet. In einer gesunden Intimität ist für alle Ängste und die Anerkennung derselben immer Raum und kann die Verbindung und Intimität sogar noch verstärken. Aber dazu muss man diese erst einmal entwickeln.

Wege aus der Scham

Browns gesamtes Buch widmet den verschiedenen Bereichen der Scham und den verschiedenen Strategien im Umgang damit und das sehr konkret. Wer mehr und genaueres dazu wissen will, dem kann ich die Lektüre nur wärmstens empfehlen. An dieser Stelle beschränke ich mich auf einen eher allgemeinen Ansatz im konstruktiven Umgang mit Scham und Verletzlichkeit. Natürlich ist eine der Hauptwurzeln von Scham, bei Frauen, wie bei Männern, ein mangelndes Selbstwertgefühl. Es geht also einerseits darum, selbst einen gesunden Selbstwert zu entwickeln und das kann man ein Stück weit üben. Es gilt beispielsweise, sich nicht ständig mit anderen zu vergleichen – und wenn, sich klar zu machen, dass die anderen im Zweifel mit ähnlichen Unsicherheiten kämpfen, auch wenn sie anders wirken… Es hilft auch, sich klar zu machen, dass es letztlich keinem dienlich ist, wenn man um ihretwillen leidet. Denn dieses Leid, dieser Schmerz ist auf Dauer zäher und qualvoller als die mögliche Scham über die wahrhafte Offenbarung der eigenen Verfassung. In der Regel erlaubt das Bekenntnis zur Wahrheit sogar allen Beteiligten mehr Authentizität und damit echte Liebe, statt irgendeinem merkwürdigen Rollenspiel, was man sowieso nie richtig beherrschen kann und einen letztlich zermürbt. Andererseits ist sehr wichtig, andere und besonders jene, die man liebt, gerade dann zu würdigen, wenn sie sich verletzlich zeigen und gerade mit ihrer eigenen Selbstliebe hadern. Auch wenn es einen massiv verunsichert – der beste Weg ist dann, das direkt zu thematisieren. Das ist wahrscheinlich überhaupt der Schlüssel, miteinander – so ehrlich wie möglich – über diese Schamdämonen zu reden… Dann verlieren sie langsam ihre schreckliche Erscheinung und können verschwinden langfristig sogar. Beispielsweise aufgrund der Tatsache, dass fast allen Menschen diese Erfahrung auch kennen und es also etwas ist, was uns in Wahrheit eint und nicht trennt… Und natürlich hilft es, weder sich noch die anderen allzu ernst zu nehmen und grundsätzlich darauf zu vertrauen, dass der Mut zur Wahrheit, viel Humor und unendlich viel Liebe immer ein guter Ansatz sind.

Anmerkung: Während ich diesen Blogeintrag schrieb, hatte ich die deutsche Übersetzung des Buchs nicht zur Hand und also sind alle Zitate meine eigene Übersetzung und werden also entsprechend von der offiziellen deutschen Übersetzung abweichen.

Reale Märchen

Am 13. Juni dieses Jahres gab es mal wieder eine königliche Hochzeit und ich war erstaunt, wer alles in meinem Umfeld sich bemüßigt fühlte, dies zu kommentieren. Denn im Allgemeinen wird es in meinem Freundeskreis eher verpönt, sich für die Schicksale jener zu interessieren, die nur aufgrund ihrer Geburt und ihres Status prominent sind. Das ist doch eher etwas für kitschfreudige Omis und glamourgeile Friseurkundinnen…

Die Kommentare waren übrigens weder zynisch-negativ noch schwärmerisch-positiv. Der Grundtenor war, dass mal wieder ein sympathischer junger Mensch offenbar eine Frau geheiratet hat, die er wirklich liebt – in diesem Fall Carl-Phillip, Prinz von Schweden – der kleine Bruder von Kronprinzessin Victoria.

Doch bei aller Nüchternheit der Betrachtung spielt natürlich der „Märchenfaktor“ in die Sache rein. Denn was den Bräutigam und seine spektakuläre Hochzeit so medienwürdig macht, ist allein die Tatsache, dass er ein echter Prinz ist, mit einem wirklichen König zum Vater und natürlich lauter Titeln, Orden, und einer schicken Uniform. Obendrein ist er auch noch ein wirklich attraktiver Mann und seine Braut – ein ehemaliges Model, mit Businessabschluß und Yoga-Ausbildung – ist auch im Brautkleid sehr ansehnlich und wirkt sympathisch.

Und auch wenn in unserer westlichen Welt die Zeiten vorbei sind, in denen gekrönte Häupter die Geschicke ihrer Untertanen regierten, so sind sie doch so etwas wie Ikonen der nationalen Identität und willige Projektionsfläche für alle möglichen Volksfilme: von der Schnulze bis zu anti-royalistischen Politthrillern… Ihr Leben – meist als Teil des internationalen Jet-set – lenkt ab, unterhält und vereint Menschen unterschiedlichster Hintergründe in bunten Diskussionen.

Und doch sind sie meiner Ansicht mehr, als nur nationaler Luxus (ein beständiges Argument der Anti-Royalisten, dass der aufwendige Lebensstil auf Staatskosten stattfindet) und beständige Protagonisten der Regenbogenpresse – hochadlig zu sein ist in der Regel eine lebenslange Angelegenheit…

Die mythologische Dimension bleibt aktiv

Doch allein durch ihren Status, als König oder Prinzessin, als Fürst oder Gräfin vertreten sie die gleichnamigen Archetypen. Auch deswegen kommen sie so häufig in alten Märchen und Legenden vor und gehören auch oft zum Figurenkanon in zeitgenössischen Fantasy-Computerspielen.

Das wirft die spannende Frage auf, ob das Märchenhafte, Archetypische immer den Beigeschmack von etwas historischem, einstmaligen haben muss? Wie drückt sich das Märchenhafte in der Gegenwart aus? Welche Form findet das Archetypische in unserer Kultur? Ich glaube, dass einige unserer hochkarätigen Aristokraten eine sinnvolle Vorbildfunktion haben – in dem sie sich auch oft für würdige Dinge engagieren, die ohne ihren Einsatz weit weniger Aufmerksamkeit und Unterstützung erführen. Aber das leisten andere – mehr oder weniger populäre – Prominente auch… Also, was ist heutzutage das Besondere an jemandem, der dazu befugt ist, mit „Königliche Hoheit“ angesprochen zu werden?

Eine neue Bedeutung für einen alten Topos

Beispielsweise präsentiert sich der englische Thronfolger Prinz Charles glaubwürdig als Förderer der Umwelt, u.a. indem er auf seinen Gütern ökologischen Landbau betreiben lässt. Damit gibt er der Klischeerolle des weltfremden Aristokraten als Nutznießer, wenn nicht gar als Ausbeuter seiner Ländereien einen positiven Rollenwandel hin zum bewussten Beschützer. Die Missachtung für die traditionellen spanischen höfischen Hofsportarten wie die Jagd und den Stierkampf wird offen von König Felipe IV. von Spanien zum Ausdruck gebracht. Aber am eindrucksvollsten hat für mich Prinzessin Victoria von Schweden mit dem alten Rollenbild der Prinzessin aufgeräumt: nicht nur, dass ihretwegen in Schweden die traditionelle Erbfolge, die nur männliche Thronfolger erlaubte, zugunsten des oder der Erstgeborenen geändert wurde, sie hat auch das Aschenputtelprinzip modernisiert:

Nachdem die Regenbogenpresse ihre ganze Jugend lang spekuliert hatte, wer denn einstmals ihr Prinzgemahl würde und allen möglichen jungen Männern aus dem europäischen Hochadel diesbezüglich öffentlich Chancen ausgerechnet wurden, verblüffte Victoria ihre Familie und Adelsexperten aller Länder mit ihrer Partnerwahl – nicht nur eines bürgerlichen Mannes, sondern auch noch ihres Fitnesstrainers…! Ein hochrangiges Mitglied der Streitkräfte oder gar ein hochdotierter Akademiker oder vielleicht sogar ein Spitzensportler wären noch akzeptabler gewesen…aber ein ganz gewöhnlicher, leicht prolliger Fitnesstrainer an der Seite einer künftigen Königin?

Der Ehemann einer Königin ist nicht automatisch ein König

Dabei haben es die Männer von Königinnen gar nicht so leicht – denn sie sind nicht ohne weiteres König. Wohingegen die angeheirateten Frauen immer auch den Königstitel kriegen, auch wenn sie nicht adliger Herkunft sind, wie z.B. Königin Sylvia von Schweden oder Königin Maxima der Niederlande. Außerdem wurden die Prinzgemahle des europäischen Hochadels bisher auch oft kritisch wahrgenommen und haben – mal mehr, mal weniger öffentlich – durchaus mit ihrer Rolle als royaler Samenspender und öffentliches Beta-Tier gehadert. Prinz Claus der Niederlande, der inzwischen verstorbene Ehemann der inzwischen abgedankten Königin Beatrix, war vor seiner Eheschließung ein geachteter deutscher Diplomat und durfte nun plötzlich nur noch alles mögliche ehrenhalber tun und sein. Es war öffentlich bekannt, dass er auch deswegen unter Depressionen litt.

Prinz Philip, der diesen Titel erst zehn Jahre nach seiner Eheschließung von seiner Frau Königin Elisabeth II von England verliehen bekam und vorher vornehmlich als Duke von Edinburgh bezeichnet wurde, gilt als verschroben und taktlos. Und ist demnächst Rekordhalter ausgerechent in seiner Eigenschaft als Prinzgemahl – denn die Dauer der Regentschaft seiner Frau (über 60 Jahre) währt bald länger als die ihrer Großmutter, Königin Victoria. Doch auf einem Fleckchen Erde wird er von etwa 400 Menschen eines melanischen Stammes über den Status seiner Frau erhoben: von ihnen wird er als Gottheit verehrt. Die Bewohnern des Dorfes Yaohnanen auf der zum melanesischen Vanuatu gehörenden Insel Tanna betrachten ihn als Verkörperung eines ihnen heiligen Naturgeistes.

 Herz über Amt

Also – für welchen Mann ist die Aussicht auf eine Rolle in der zweiten Reihe schon wirklich auf Dauer attraktiv? Aber deswegen Kompromisse machen? Kronprinzessin Victoria war offenbar immun gegen die sicherlich vielen Bemühungen, die ihr verdeutlichen sollten, dass sie als öffentliche Person nicht einfach ihrem Herzen folgen könne, sondern Rücksicht auf ihren Status, ihre Geschichte und  ihre edlen Gene nehmen müsse – ganz zu schweigen von der gesamten Verwandtschaft. So zumindest stelle ich mir das vor… Denn auch ich entnehme mein Wissen in diesen Dingen ausschließlich den Medien.

Aber Prinzessin Victoria blieb sich und ihrer Liebe treu und – den Bildern und Berichten in den Medien zufolge – liebt Daniel auch ehrlich sie und hat sich für sie und ihre gemeinsame Zukunft allen möglichen Prozeduren ausgesetzt. Laut der schwedischen Presse unterzog er sich zahlreichen Weiterbildungen und einer PR-Beratung um würdig und angemessen nehmen Victoria auftreten zu können – er musste u.a. seinen Job als Fitnesstrainer aufgeben, änderte seinen Kleidungsstil, bekam eine Intellektuellenbrille verpasst und paukte Englisch. Über acht Jahre dauerte es, bis sich Victoria mit ihrer Partnerwahl in der Familie und schließlich auch in der Öffentlichkeit durchgesetzt hatte. Seit dem gewinnt Daniel als ihr Ehemann und Vater ihrer Tochter stetig an Popularität und die ihre hat nie gelitten.

Wenn man es also wagt, das Sortieren von Erbsen und Linsen durch Gymnastik und Liegestützen zu ersetzen, dann ist Prinz Daniel eine Art moderner Aschenputtlerix…der aus vergleichsweise einfachen Verhältnissen stammt: Er wuchs in einem 6000 Seelenkaff als Sohn des Leiters der kommunalen Sozialbehörde und einer Postangestellten auf. Dank seiner Liebe zur schwedischen Kronprinzessin kann er sich jetzt locker seinen eigenen Personaltrainer leisten…wenn ihm danach der Sinn stände.

Auch ich habe 2010 die Fernsehberichte seiner Eheschließung mit Victoria verfolgt und neben dem Spaß an der üppigen Inszenierung: eine Hochzeit mit so vielen Gästen in so märchenhaften Roben ist halt immer spektakulär, hat mich vor allem berührt und fasziniert, wie ich die beiden wahrgenommen habe: sie erschienen mir wirklich glücklich miteinander und selig darüber, alle bisherigen Hürden bis zu diesem grandiosen Moment genommen zu haben und zwar gemeinsam.

Das hat mich am Ende mehr beeindruckt, als aller Prunk und Glamour. Für mich ist Prinzessin Victoria schon jetzt eine Königin in Sachen Selbstliebe, Authentizität und Durchhaltevermögen und unabhängig von ihren Kronen, die sie zurecht tragen darf – echt souverän, oder cool, wie man stattdessen heute wohl sagt…

Ein tierisches Weib!

Meine erste Muppetshow habe ich vermutlich 1977 gesehen – da war ich elf Jahre alt. Von da an war ich Miss Piggy Fan. Weil ich im Rheinland aufwuchs, wo jedes Jahr der Karneval groß gefeiert wird, wurde ich von da ab jedes Jahr zu Karneval eine Teenie-Version von Miss Piggy. Jedes Jahr montierte ich liebevoll gebastelte Schweineohren an ein Haarband im langen blonden Haar, klemmte einen Schweinerüssel mit rosa gefärbtem Gummiband über meiner Nase hinter meinen Ohren und befestigte mittels einer Sicherheitsnadel ein rosa Ringelschwänzchen aus Schaumstoff an einem ausrangierten Abendkleid meiner Mutter. Dazu ein geräuschvolles Schnauben und ein spitzes „Moi“ statt einem „ich“ und ich konnte meine alljährliche Huldigung meines Lieblingsschweins lustvoll beginnen.

Denn: Miss Piggy ist eine vollendete Dame und trotzdem herrlich unerzogen. Sie ist vielleicht die inspirierendste Diva der Welt und ja, sie liebt einen Frosch. Kleiner, leiser, schmächtiger, zarter als sie… als ob eine Walküre ihr Herz an einen Elf verloren hätte. Ihm gilt ihre ganze üppige Liebe – inklusive seiner quietschgrünen Filzhaut und Schwimmhäuten, wie es eben seine Natur ist. Für diesen Prinzen wird sie gerne mal zur furiosen Queen – da folgt sie kompromisslos ihrem Herzen, auch über zoologische Grenzen.

Dass sie jetzt einen Preis für feministische Kunst gekriegt hat, ist mehr als stimmig – obwohl sie mehr das Kunstwerk als die Schöpferin ist. Sie ist das Produkt des vielleicht raffiniertesten und rührendsten Drag-Acts der Welt – denn hinter Miss Piggy stecken in Wirklichkeit männliche Puppenspieler und männliche Sprecher…!

Diese geglückte Vereinigung von männlichen und weiblichen Qualitäten ist seit mehr als vier Jahrzehnten bezaubernd und genauso alterslos wie die aggressive Weiblichkeit die sie auf manchmal buchstäblich umwerfende Weise zum Ausdruck bringt. Miss Piggy hat nie ein Problem damit, Miss Piggy zu sein und mit diesem zweifelsfreien Wissen um das Weib im Schwein, liefert sie auf ihre einmalige Weise einen wertvollen Beitrag zur weiblichen Identität in unserem Medienzeitalter. Insofern finde ich es besonders angemessen, dass mit ihrem Preis geradae auch die Frau in diesem Tier gewürdigt wird. Es gibt mir umgekehrt das Gefühl, dass damit in gewisser Weise auch die Tiere in uns Frauen gewürdigt werden!

Lang lebe Miss Piggy, die vielleicht dramatisch wirksam mit ein bisschen Übergewicht zu kämpfen hat, aber sicher nie mit Alterungserscheinungen!