Narzissmus 2: Was Selbstliebe ist

Selbstliebe ist bewusste Zuwendung zur eigenen Seele

Der vorangegangene Artikel beschreibt den Ursprung und die Folgen von narzisstischen Störungen in unserer Gesellschaft, wie Hans-Joachim Maaz sie in seinem Buch „Die narzisstische Gesellschaft“ beschrieben hat. Dieser Artikel widmet sich den Heilmöglichkeiten von Narzissmus.

Narzissmus ist heilbar

Ich persönlich bin davon überzeugt, dass auch Narzissmus heilbar ist. Denn ich habe schon Menschen kennengelernt, die mit schwerer „narzisstischer Störung“ diagnostiziert wurden oder auch Menschen, die diese selbst bei sich erkannt haben und doch nach einigen Jahren weit weniger gestört schienen: man kann Mitgefühl, Anteilnahme und Lieben tatsächlich lernen und gezielt üben.

Michael Roads, der spirituelle Lehrer aus Australien, hat als Dauerempfehlung für alles und jeden: „Choose Love“ – „Wähle Liebe“ und insbesondere Menschen, die krank sind, egal ob physisch oder psychisch empfiehlt er – auch wenn sie es zunächst nicht fühlen können – sich zweimal täglich vor dem Spiegel mindestens zwanzig Minuten lang zu sagen: „Ich liebe dich“. Seiner Erfahrung nach stellt sich dann mit der Zeit auch das Gefühl ein – denn dieser Satz ist ein Aufruf an das Bewusstsein, diese Wirklichkeit dann auch manifestieren. Das führt dann meist auch zu einer massiven Verringerung bis hin zum Verschwinden der Beschwerden.

Meine eigene Arbeit hat mir gezeigt, dass es sehr wohl Wege gibt, diese Urwunden der mangelnden elterlichen Liebe aus der frühen Kindheit zu heilen – völlig unabhängig davon, wie sie entstanden sind. Das Fehlen dieser Liebe kann neben bereits vorhandenen Gefühlsblockaden bei den Eltern, z.B. durch Traumata, auch durch den frühen Verlust oder die Abwesenheit eines Elternteils (ein heißes Eisen in unserer Welt mit so vielen Alleinerziehenden) verursacht worden sein

Neben Therapie hilft auch psycho-energetisches Arbeiten

Zwei Wege haben sich dabei bisher als ergiebig erwiesen: Zum einen kann man mit gründlicher psycho-emotionaler Arbeit mit dem inneren Kind und genau jenem Anteil der so früh und nachhaltig verletzt wurde, in Kontakt gehen und seinem Schmerz endlich heilsame Aufmerksamkeit schenken. Dazu muss man bereit sein, diesen oft enormen Urschmerz auch einmal zu fühlen. (Wenn man ihn einmal richtig gefühlt hat, genügt das für die Heilung – es ist nicht notwendig sich wiederholt in diesem alten Leid zu ergehen.) Dieser Ansatz entspricht noch einigermaßen den therapeutischen Maßnahmen von Maaz, wie im vorigen Artikel beschrieben.

Doch meine Kollegen und ich gehen oft noch einen Schritt weiter: da unser Geist nicht zwischen einer tatsächlichen oder einer vorgestellten Erfahrung unterscheiden kann (was ein Grund ist, warum Kinofilme so besonders stark wirken, aber das ist Thema für einen anderen Artikel), kann die Wirkung sich plastisch vorzustellen, wie es ist, von der eigenen Mutter, dem eigenen Vater die so dringend ersehnte Bestätigung und Bejahung zu erhalten, seelisch schon sehr helfen.

Noch viel kraftvoller ist die Wirkung der Vorstellung und der Arbeit mit dem eigenen erwachsenen Selbst als bemutternden und bevaternden Aspekten gegenüber dem Kinderselbst: tatsächlich können wir uns selbst nähren!

Zu den magischen Phänomenen unseres Menschseins gehört die Fähigkeit, dass wenn wir an jemanden denken und zwar besonders, wenn wir das mit intensivem Gefühl tun, diese Gedanken oft auch bei ihm ankommen – unabhängig von der physischen Entfernung, die zwischen uns liegen mag. Viele Paare, Eltern und Kinder und enge Freunde kennen das.

Genauso erreichen wir auch uns selbst mit unseren eigenen liebevollen Gefühlen und Gedanken, wenn wir diese bewusst zu unserem bedürftigen Kinderselbst senden. Vielen hilft dabei, ein Stofftier oder ein Kissen wie ein Kind zu halten – ein Kind, das sie gleichzeitig selbst sind! So fließen dann liebevolle Gedanken, Gefühle und Energie aus dem eigenen Herzen auf heilsame Weise in die Verletzung der Vergangenheit. Wer das Bedürfnis hat, kann dies gerne mal ausprobieren!

Sogar die Natur hilft uns

Wer noch mutiger ist und auch Vertrauen in die Metaphysik hat, der kann sich auch von der kosmisch-väterlichen und kosmisch-mütterlichen Energie (nach)nähren lassen. Dann hält man einfach Gesicht und Brust Richtung Sonne und bittet die Sonne, mit der Wärme auch die alten Verletzungen im eigenen Männlichkeitsfeld zu heilen. Unser Weiblichkeitsfeld wird von der Erde genährt. Dazu stellt man sich mit beiden Füßen auf die Erde, oder noch besser, legt sich ins Gras und stellt sich vor, von der liebenden Mutter Erde umfangen zu werden, wie von einer menschlichen Mutter und bittet auch sie um die Heilung der alten Wunden im eigenen weiblichen Feld.

Das erscheint vielen sicher verrückt – aber jene, die es ausprobiert und sich dieser psycho-physischen Erfahrung geöffnet haben, geht es dann meist merklich besser!

Seinen Narzissmus kann man in Wirklichkeit nur selbst heilen

Der Ursprung von Narzissmus liegt – da stimme ich Maaz völlig zu – in einem Mangel an tiefer Liebeserfahrung in der frühen Kindheit. Dieser Liebesmangel führt letztlich zu einer Unfähigkeit, sich als Erwachsener mit anderen in Liebe zu verbinden, worunter viele tatsächlich sehr leiden.

Diesbezüglich befragt, erklärte die geistige Welt einer medialen Freundin und mir, dass Narzissmus dann heilt, wenn man sich wieder seinem eigenen Licht, der eigenen Seele zuwendet. Dies ist zunächst einmal eine bewusste Entscheidung, die beinhaltet sich selbst (wieder) bedingungslos lieben zu lernen und beginnt mit der bewussten und kompletten Annahme alles Erlittenen und der Verantwortungsübernahme für die eigene Heilung, sowie der Bereitschaft diese für möglich zu halten.

In Wahrheit gibt es also niemanden, der einen davon heilen kann, außer einem selbst. Wer nicht bereit ist, sich der eigenen Seele wirklich anzunehmen, dem kann auch kein Therapeut wirklich helfen.

Narziss verzweifelte letztlich an seiner nicht erfüllbaren Liebe zu sich selbst, bzw. seinem Selbstbegehren. Hätte er eine Chance gekriegt, sich nicht nur selbst zu kennen – womit der Seher Teiresias offenbar sein Spiegelbild im Wasser meinte – sondern sich zu erkennen… hätte vielleicht ein heilsamer Erkenntnisprozess einsetzen können, der ihm letztlich wahre Selbstliebe, statt tödlicher Selbstsehnsucht ermöglicht hätte. Dann hätte er vielleicht lernen können, ein Teil des Kreislaufs des gesunden Austauschs von Liebe zu werden – und wäre nicht in der Sackgasse des unstillbaren Begehrens verendet.

Ein hilfreiches Bild

Vor einiger Zeit fragte mich eine junge Freundin, ob und in welchem Maße ich bei mir selbst je Narzissmus wahrgenommen hätte. Ich musste an gewisse mehr oder weniger schmerzhafte Momente in meinem Leben denken. Und dachte an unsere Wahrnehmung der Welt, in der uns vielleicht besonders mit Beginn der Pubertät der narzisstische Spiegel noch an die eigene Nasenspitze stößt: es ist eine Zeit in der wir praktisch alles persönlich nehmen, uns Reflektion schwerfällt und wir alle Superlative unserer jeweiligen Wahrnehmung auf uns vereinigen. Sei sie nun positiv oder negativ… Doch mit der Zeit ahnen wir, dass es klug ist, den Spiegel etwas weiter zu weg zu halten und je älter und bewusster wir werden, umso größer wird der Abstand zwischen uns und dem Spiegel. Wir nehmen uns zwar immer noch zentral wahr – schließlich sind wir die Protagonisten unseres Lebens… Aber je weiter der Blick wird, umso mehr sehen wir andere und begreifen, dass sie wiederum die Helden ihres Lebens sind…damit wird alles immer relativer…

So schrumpft dann oft die einstmalige narzisstische Störung auf ein erträgliches Maß und mit Hilfe verschiedener Erkenntnisse und Erfahrungen erreicht man dann allmählich die so notwendige „narzisstische Sättigung“, d.h. einen wachsend gesundenden Selbstwert, der einem erlaubt sich selbst und die Welt mit freundlichem Mitgefühl, vertrauensvoller Liebe, humorvoller Gelassenheit und großzügiger Nachsicht wahrzunehmen.

Ich denke so oder ähnlich geht es den meisten von uns. Vermutlich hat fast jeder „narzisstische Zonen“ in der eigenen Psyche wo die „Software der Selbstliebe“ einst korrumpiert wurde und stattdessen ein Schmerzprogramm aktiviert wurde. Doch das Programm kann man ändern und damit verändert sich auch das eigene Spiegelbild: man sieht nicht mehr nur, was man alles erlitten hat, was einem alles fehlt und was man braucht…sondern lernt, sich mit allem vollkommen zu würdigen und anzunehmen wie gesunde Eltern ihre Kinder oder als sei man Gott und sähe seine göttliche Schöpfung im natürlich göttlichen Spiegel… Wie könnte man dieses einzigartige göttliche Kind nicht wahrhaft und bedingungslos lieben?

Narzissmus 1: Was Selbstliebe nicht ist

Selbstliebe ist nicht Selbstverliebtheit

Dieser Tage habe ich ein faszinierendes Buch gelesen: „Die narzisstische Gesellschaft“ von Hans-Joachim Maaz. Es ist so erhellend, wie betrüblich, zu erfahren wie narzisstische Verhaltensmuster unsere aktuelle Gesellschaft prägen. Sowohl individuell, als auch kollektiv. Weil dies für uns alle, direkt oder indirekt ein wichtiges Thema ist und ein sinnstiftender Umgang für ein Leben in Balance wesentlich, habe ich dem diesen und den nächsten Blogartikel gewidmet.

Der Begriff Narzissmus entstammt übrigens mal wieder der Mythologie, die uns schon einige Symptomatiken zu charakterisieren geholfen hat. U.a. auch den bekannten Ödipus-Komplex, die Satyriasis (auch Donjuanismus genannt…) und die Albträume.

Die Sage von Narziss

Narkissos – oder Narziss war der junge Kerl, der in der griechischen Mythologie, bei der Vergewaltigung einer Nymphe durch einen Flussgott gezeugt wurde. Narziss wies schon früh alle Liebe anderer ab und verzweifelte schließlich beim Anblick des eigenen Spiegelbildes in einem Teich. Denn er konnte es weder umarmen noch küssen und also erdolchte er sich selbst. Damit machte erfüllte er ein Orakel, das seine Mutter vom Seher Teiresias erhalten hatte: ihr Sohn würde nur dann alt werden, wenn er sich selbst niemals kennen würde.

Doch das Spiegelbild vereitelt das (an dieser Stelle übrigens spannend, vereiteln heißt: nicht machen, kraftlos werden und eitel – auch im Sinne der eigenen Eitelkeit – heißt: nichtig, leer…) und er stirbt also…an seiner Eitelkeit. Oder freundlicher: an unerfülltem Selbstbegehren. Das musste er sowieso, damit diese mythologische Geschichte und ihre moralische Lehre daraus bis heute Sinn macht. (Nebenbei wirft dies auch die Frage auf: ob einem Wesen, das nicht aus Liebe gezeugt wurde, sondern aus Gewalt, vielleicht Gewalt näher ist als Liebe – schließlich bereitet Narziss sich selbst ein gewaltsames Ende…) Sein toter Körper verwandelte sich in eine Narzisse.

Aber die Moral ist natürlich: zu viel Narzissmus ist auf Dauer tödlich… drum liebe Kinder, nehmt Euch selbst bloß nicht zu wichtig, vermeidet Eitelkeit und Egoismus und übt Euch in Demut, sonst bleibt höchstens ein Gewächs von euch übrig. Oder so ähnlich. Das Programm kennen viele von uns. Aber trotzdem grassiert der Narzissmus und wenn man Maaz glauben mag, mehr als je.

Ursache für Narzissmus liegt laut Maaz in der frühen Kindheit

In seiner lebenslangen Praxis als Psychiater und Psychotherapeut kam Maaz zu der Erkenntnis, dass die Weichen für narzisstische Störungen in der frühen Kindheit gestellt werden – mit späterer Erziehung kann der Kurs kaum korrigiert werden.

Die massive ursprüngliche Verletzung, die in Narzissmus resultieren kann und es leider häufig tut, ist laut Maaz die fehlende elterliche Zuwendung in der frühen Kindheit. Es fehlt an Liebe, die das Kind in seinem wahren Wesen bejaht und bestätigt und es eben nicht zur Filialstelle der elterlichen Bedürftigkeit macht. Was jedoch bei Eltern, die ihrerseits oft stark traumatisiert ist, leider kaum möglich ist. Sie selbst sind oft schon narzisstisch gestört… Kurz: Narzissmus ist erblich bzw. die damit einher gehenden Verhaltensmuster übertragen sich auf vielerlei Ebenen.

Und weil viele in unserer Kultur deutlich von einem Popularitätswahn angetrieben werden, d.h. Anerkennung und Zustimmung, – die Scheinliebe anderer – um jeden Preis zu ergattern, kriegt man eine Ahnung, wie heftig der Narzissmus sein Unwesen treibt.

Das betrifft die Klatschzeitschriftenprotagonisten genauso, wie ihre glamourgeilen Leser; korrupte Politiker genauso, wie ihre permanent jammernden Wähler, gierige Banker genauso, wie ihre vertrauensseligen Gläubiger und den jüngsten Selfie-Wahn, mit seiner unkrautähnlichen Ausbreitung –

Diese narzisstischen Defizite münden dann in das, was Maaz „Regulationsformen“ nennt, d.h. Verhaltensmechanismen, um den einstmaligen und scheinbar unheilbaren Schmerz zu kompensieren bzw. zu verdrängen. Dabei gibt es zwei Grundtendenzen. Die eine folgt dem Leistungsprinzip, in dem derjenige durch überragende Leistungen immer wieder beweisen will, dass er doch liebenswert ist…sein Selbstwert ist in hohem Maße von Anerkennung anderer, d.h. vom Erfolg und von einem Siegesgefühl abhängig. Die andere folgt dem Selbsterniedrigungsprinzip, bei dem derjenige sich und anderen ständig klar macht, dass er hilflos und ohnmächtig ist und jedes Scheitern ist eine weitere offensichtliche Bestätigung seines negativen Selbstwerts, d.h. er sorgt unbewusst immer dafür, dass er sich als Verlierer fühlt.

Dabei folgt ein narzisstisch gestörter Mensch nicht unbedingt nur einer Tendenz. Abhängig von Situation und Verfassung schwankt er heftig hin- und her zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex.

Denn ziemlich wenige Menschen verfügen offenbar über das, was Maaz eine ausreichende „narzisstische Sättigung“ nennt, d.h. über ein gesundes Selbstbewusstsein, frei und unabhängig von der Bestätigung durch andere und dennoch mit Kritik und Würdigung souverän umgeht.

Männlicher und weiblicher Narzissmus

Tatsächlich gibt es Unterschiede in der Ausprägung von männlichem und weiblichem Narzissmus, da in unserer frühen Entwicklungsphase geschlechtsbezogene Unterschiede in der Annahme eines Kindes oft eine große Rolle spielen. Frauen, die dem männlichen Geschlecht gegenüber unsicher sind oder es ablehnen, werden ihre Haltung in die Erziehung ihrer Söhne fließen lassen. Das sind Mütter, die in Extremfällen ihren Söhnen entweder das Gefühl geben, potentielle Gewalttäter und Taugenichtse zu sein oder sie zu ihrem persönlichen Retter und Erlöser stilisieren, ihn am besten noch über den „bösen Vater“ erheben.

Töchter dagegen „erben“ oft den angeschlagenen Selbstwert der Mutter, und müssen sich dann mit im Extremfall mit all den mütterlichen Projektionen und Hoffnungen was Schönheit, Jugend und Attraktivität angeht herumschlagen – das sind oft die Mütter die ihre Töchter in den Ballettunterricht und Misswahlen drängen und/oder ihnen permanent klar machen, dass sie bei allem Bemühen doch letztlich zu einem Mauerblümchendasein verurteilt sind…

Bei Müttern setzt – aufgrund der Schwangerschaft – dieses prägende Verhalten eher ein, aber auch Väter können schmerzhafte Spuren hinterlassen: Väter, die ihre Söhne nur dann anerkennen, wenn sie ihrem Erwartungen entsprechen und sie dabei in ein Bild zwängen, das ihnen gar nicht entspricht. Sie verachten dann oft die Söhne, z.B. wegen ihren mangelnden sportlichen oder wirtschaftlichen Leistungen. Auch Väter, die Söhne höher bewerten als Töchter, vermitteln ihren Töchtern immer das Gefühl nur Menschen zweiter Klasse zu sein – das sind dann oft Frauen, die später im Leben alles tun, um einem Mann zu gefallen.

So begegnen sich in unserer Gesellschaft häufig narzisstische Muttersöhnchen – die alles tun für die Anerkennung der von ihnen bedienten Frauen, an erster Stelle meist die eigene Mutter…und narzisstische Vatertöchter, denen die Anerkennung des Mannes, vor allem des Vaters und/oder des Chefs das allerwichtigste ist. Beide setzen tragischerweise immer die Bedürfnisse des einen Elternteils über die eines potentiellen Partners und über die eigenen, in der Hoffnung sich dadurch als ausreichend liebenswert zu erweisen – aber es reicht natürlich nie aus…

Unsere Gesellschaft hat für beide Geschlechter ein Hauptmuster ausgeformt, für deren Kompensation und Schmerzverdrängung, sowie die Abwehr des nagenden Mangelgefühls von und der doch starken Sehnsucht nach Liebe.

Männer kompensieren ihren Narzissmus meist durch das Streben nach Machtfunktionen. Insbesondere dann, wenn der Kampf um die Macht zum Selbstzweck wird: wenn die Karriere wichtiger wird als alles andere, wenn es um maximale Einflussnahme oder gar Manipulation geht.

Frauen kompensieren ihren Narzissmus häufig durch Schönheitswahn und einem Streben nach einem unerreichbaren Ideal. Denn die Unzufriedenheit mit dem eigenen Äußeren wird durch unsere Medien noch geschürt und auch durch die Werbung, die mit Nahrung, Kleidung, Make-up und sonstigen Mitteln die Optimierung des eigenen Äußeren verspricht – und dabei wird das erhoffte Wunder nie wirklich eingelöst.

Damit entspricht Maaz‘ Bestandsaufnahme exakt den Beobachtungen von Brené Brown zu der Erfahrung von Scham und Verletzlichkeit bei Männern und Frauen, wie ich sie bereits hier geschildert habe.

Ist Narzissmus wirklich unheilbar?

Maaz‘ hält Narzissmus für unheilbar, denn die Urwunden aus der frühen Kindheit, als es eben an Mutter- und/oder Vaterliebe so eklatant gefehlt hat, um einen gesunden Selbstwert zu entwickeln, bleiben ein Leben lang.

Deswegen hält Maaz Prävention für die beste Therapie: wir sollten darauf achten, dass unsere Kinder einen gesunden Selbstwert entwickeln können und ausreichend „narzisstische Sättigung“ erfahren, so dass sie mögliche Defizite später nicht anderweitig kompensieren müssen. Doch für Erwachsene, bei denen sich die narzisstischen Verhaltensmuster längst etabliert haben, sieht Maaz keine Möglichkeit die alten Verletzungen zu heilen.

Laut Maaz kann man nur lernen, damit gesund umzugehen – doch dafür bedarf es der Bereitschaft und dem Willen, das eigene Leben, die eigene Geschichte und auch die Familie kritisch zu hinterfragen und dann gezielt und bewusst ein anderes Verhalten zu gestalten – oft begleitet von jahrelanger Psychotherapie. Wichtig ist dabei maximale Ehrlichkeit, die Bereitschaft den einstmals verdrängten Schmerz auch zu fühlen und überhaupt sich intensiv mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen.

Allerdings ist gerade der Narzissmus selbst oft der größte Hemmschuh bei diesem Prozess: die leistungsorientierten bevorzugen Psychopharmaka und die Leidensorientierten halten eine Therapie eh für aussichtslos…denn sich „besser“ zu fühlen läuft ihrer Prägung zuwider…

Nach meiner Erfahrung und Beobachtung ist Narzissmus jedoch durchaus heilbar. Mehr dazu im folgenden Artikel.

Die Macht der Biologie

Es ist Sommer. Es ist heiß. Wir wollen so wenig Kleidung wie möglich tragen, am liebsten gar keine… Aber wir sind nicht unter afrikanischen Eingeborenen, die fröhlich ohne Oberteile und oft gerade mal nur mit Lendenschurz/Rock umherlaufen. Konditioniert, wie wir es von unserer Kultur sind, tragen wir also brav Unterwäsche und dann Kleidung darüber. Gerne aus dünnen indischen Baumwollstoffen – überhaupt haben die Inder vielleicht mit ihrer locker fallenden, leichten und bequemen Kleidung vielleicht die eleganteste Lösung im Umgang mit Hitze gefunden.

Aber wir Europäer müssen das irgendwie jedes Jahr neu lernen… und hinzu kommt noch eine, nicht rein jahreszeitlich bedingte, weitere Herausforderung: denn je mehr vom Körper zu sehen ist, umso mehr nehmen Menschen Anstoß. Besonders dann, wenn es nicht im Schwimmbad oder am Strand ist. Da waltet mehr Toleranz. Meistens.

Wir alle kennen solche Momente…

Wer als Junge oder Mann je mit einer mehr oder weniger öffentlichen Erektion zu kämpfen hatte – ich erinnere mich an einen bis heute(!) legendäre Situation, als es einen mir bekannten Herrn, damals 14 Jahre alt, auf dem Dreimeter-Sprungbrett vor 30 Jahren im Schwimmbad ereilte… oder als Mädchen oder Frau je mit der angeblich unangemessenen Sichtbarkeit ihrer Nippel zu kämpfen hatte, weiß wovon ich spreche.

Ich glaube, letzteres ist der Grund, warum viele Frauen dann doch im Sommer noch die Extralage BH anziehen – auch wenn es ihre Brüste sonst nicht bräuchten. Aber eine ausdrucksstarke Brustwarze kann eben die Trägerin und andere mächtig in Verlegenheit bringen und das wollen wir uns gewöhnlich gegenseitig ersparen. Zu den Schmuckstücken meines Peinlichkeitskörbchens gehört ein Erlebnis auf einer relativ vornehmen Veranstaltung in Malaysia – ich war damals Mitte 20. Ich weiß nicht mehr, was der Anlass war. Vielleicht die Eröffnung eines Orchideengartens, vielleicht eine karitative Veranstaltung für bedürftige Kinder. In jedem Falle war es ein tropisch heißer Tag und ich trug ein dünnes Baumwollkleid, immerhin aus einem dicht gewebten Stoff und ließ also den unbequemen BH weg. Dazu trug ich schicke Schuhe mit Absatz – mit denen ich dann auf gut 180 cm Körpergröße komme. Am Eingang erwartete uns ein freundlicher Malaie, der ein gutes Stückchen kleiner war als ich und uns alle mit Namensschildern ausstatten sollte. Also schrieb er in schönster Schrift meinen Namen auf einen feinen Papieraufkleber und klebte ihn dann ungefähr dahin, wo bei Männern die Brusttasche des Jackets ist – und zu unser beider Verlegenheit knitterte das dünne Papierchen, der Stoff hatte sich genau an der Stelle in Falten gelegt – weil eben meine linke Brustwarze sich versteift hatte und also super sichtbar wurde. Übrigens nicht nur für uns. Auch einige andere wurden amüsierte Zeugen dessen. Immerhin. Lieber Heiterkeit auslösen, als prüde Mahnungen.

Es gibt kulturelle Unterschiede

Und Prüderie und Scham sind ja ohnehin eine Frage der Kultur. Ein lieber italienischer Freund pflegt auf äußerst unterhaltsame Weise seinen ersten Besuch in einer ostdeutschen Sauna zu schildern, den er in Begleitung seiner damaligen Freundin und deren Mutter absolvierte und zu seinem Entsetzen erfuhr, dass man natürlich keine Badehose trug. In der Sauna nicht und auch sonst nicht. Er sagte er war den ganzen Tag damit beschäftigt so unauffällig wie möglich, in diesem Entspannungstempel verkrampft seinen beharrlichen Ständer mit einem Handtuch zu kaschieren.

Wenn sich die Brustwarze einer prominenten Frau frech bemerkbar macht, z.B. weil die Kleidung verrutscht, die Beleuchtung zu harsch ist oder der Penis eines bekannten Mannes sich in einem unpassenden Moment aufrichtet – dann schreien die Medien sofort „Nippel-Alarm“ oder „Ständer-Skandal“ – als ob dies eine absichtliche Provokation wäre. Schön wär´s – denn wenn man das steuern könnte, würden es ja die meisten Menschen eher vermeiden… Gerade weil es ja die allgemeine Aufmerksamkeit plötzlich auf etwas gelenkt wird, was eigentlich intim und persönlich sein sollte und damit bei den Betroffenen Scham und Verlegenheit auslöst. Etwas ist plötzlich nicht so, wie es sein soll – egal, wie groß das Bemühen um Haltung ist. Doch der eigene Körper macht einem einen Strich durch die Selbstdarstellungsrechnung.

Die Biologie ist glücklicherweise stärker als wir

Wir sind natürliche Wesen – auch wenn wir dies gerne vergessen und meinen dies beherrschen zu müssen, um als zivilisiert oder gar anständig und vornehm wahrgenommen zu werden. Aber die Biologie macht auch vor Status nicht halt. Das kann der Queen genauso passieren, wie dem Papst. Heute vielleicht nicht mehr – das Alter und ihre öffentliche Position lassen da eine gewisse Gnade walten. Aber sicher hat jeder von ihnen zu seiner Zeit entsprechende Erfahrungen gemacht und dann eben auch gelernt, damit umzugehen…

Übrigens finden Frauen einen Ständer gar nicht so unangenehm – besonders wenn er ihnen gilt. Aber das kommt natürlich auf die Umstände an: das Spektrum ist breit von provokativem Tabledancing, wo es intendiert ist, über eine Minirockträgerin auf einem Fahrrad – was einen älteren Herrn antörnt bis hin zu einer Frau, die ihren Herzensmann spontan umarmt und auf mehr als einer Ebene begrüßt wird. Und natürlich sind gerade auffällige Ständer – wegen der dem anhaftenden Peinlichkeit – auch gerne mehr oder weniger gelungenes Gagmaterial in Slapstickfilmen. Unpassend sichtbare weibliche Brustwarzen erfahren nicht ganz das gleiche Spektrum – sie sind einfach weniger spektakulär. Außerdem scheint es auch in unserer Kultur legitimer zu sein, sich diesbezüglich über Männer lustig zu machen, als über Frauen.

Aber ist es im Grunde nicht großartig, dass wir zu solchen natürlichen Reaktionen fähig sind? Dass ein Mann sich von etwas – für ihn erregenden – physisch stimuliert fühlt? Wenn eine Frau bei einer zärtlichen Berührung noch so charmant non-verbal reagieren kann? Das wunderbare ist doch, dass diese Reaktionen immer echt sind und also absolut ehrlich. Man kann sie kaum vortäuschen. Es entsteht ein Moment besonderer Authentizität und man erlebt das Wunders der menschlichen Biologie. Es ist wie das plötzliche Erröten mit erotischem Augenzwinkern. Eigentlich sollte das unser Leben versüßen und nicht als beschämend oder peinlich gelten: wir sollten mehr feiern, dass auch wir Wesen der Natur sind und unseren Körper deswegen lieben und vielleicht auch die Körper der anderen… In diesem Sinne: uns allen einen charmant-erotischen Sommer!