Sprachbalance

In meinem Bemühen, zur Balance zwischen dem Männlichen und Weiblichen beizutragen, wird mir immer klarer, dass es im Grunde auch einer balancierten Ausdrucksweise bedarf. Das geht einigermaßen gut, wenn es um männlich und weiblich als energetische Qualitäten geht, wie ich es ja bereits beschrieben habe.

Aber sobald sich das auf die Geschlechter bezieht, wie z.B. in meinem vorigen Artikel, in dem ich Männer zum Tragen von Röcken ermutige…und dabei explizit nicht Männer meine, die Lust haben sich als Frau zu verkleiden oder damit zu spielen…wie z.B. Dragqueens. Sondern…“echte Kerle“… wird es schwierig. Denn so manche Dragqueen mag in ihrem normalen männlichen Alltag ein echterer Kerl sein, als so mancher Mann, der im Leben nicht auf die Idee käme sich mit weiblichen Attributen zu zieren und doch vielleicht manchmal weiblicher, oder um ein altmodisches Wort zu benutzen… „weibischer“ wirkt, als ihm bewusst und/oder lieb ist.

Unter Umständen wirken manche Männer weiblicher als manche Frauen und manche Frauen männlicher als manche Männer und manchmal absichtlich und manchmal unabsichtlich… und so schnell schleichen sich Klischees und Vorurteile in die Diskussion. denn bisher ist unser Sprachgebrauch da in der Regel ziemlich undifferenziert, oder, polemischer formuliert: es ist ein leichtes, sich mit diesbezüglichen Äußerungen im Elektrozaun diverser Befindlichkeiten zu verheddern… Vergleichbar vielleicht mit der Gefahr bei Äußerungen zum Thema Rassismus oder Antisemitismus…

Und also wurde mir klar, dass ich darauf achten muss, nicht das Gegenteil auszulösen, von dem was ich erreichen will: nämlich mehr Akzeptanz, Toleranz und Mut zum individuellen Ausdruck – gerade was unseren Umgang mit männlich-weiblich in uns selbst und bei anderen angeht…

Mögliche Metaphern

Offensichtlich ist die Polarität der biologischen Geschlechter weit weniger schwarz/weiß als uns die Konventionen unserer Kultur und entsprechend oft die Medien bisher vermitteln. Es gibt eben nicht nur „das Männliche“ und „das Weibliche“! Sondern dazwischen ein breites Spektrum an Kombinationen aus beidem, sowohl energetisch als auch physisch. Deswegen hat sich die Szene wohl auch den Regenbogen als Emblem auserkoren, um die Buntheit des Ausdrucks zu untermalen… und doch sind wir – so gesehen – am Ende alle reines Licht!

Eine liebe „bunte“ Freundin meinte, dass viele Menschen ihrer Bekanntschaft sich von unserem „binären System“ eingeengt fühlen… aber ich denke, dem liegt vielleicht ein Missverständnis zugrunde: denn „binär“ heißt ja nicht „entweder-oder“ sondern, dass etwas aus zwei Komponenten zusammengesetzt ist. In der Informationstechnologie gibt´s den „binären Code“ der besagt, dass alle Informationen durch die Kombination von genau zwei Symbolen, nämlich 1 und 0, codiert werden können…

Und auf männlich-weiblich übertragen finde ich das sogar sehr passend: denn energetisch sind wir alle eine Kombination aus beidem und zwar immer, nur eben in unterschiedlichen Variationen. Und genau, wie man in unserer dualen Welt hell nicht ohne dunkel oder heiß nicht ohne kalt wahrnehmen kann, ist weiblich ohne männlich kaum zu erfassen.

Vielleicht ist das charmanteste Bild eine Art Kontinuum aufgespannt zwischen zwei Polen: am einen Ende „männlich“, am anderen „weiblich“ und doch ist das eine auch immer ein Teil vom anderen… Ich stelle mir das etwa wie ein langgezogenes Yin-Yang-Symbol vor. Und jeder von uns befindet sich irgendwo dazwischen. Je nach Situation und Verfassung manchmal an verschiedenen Punkten und das sogar gleichzeitig… Denn manchmal ist die Positionierung im physischen Außen nicht immer deckungsgleich mit der Positionierung im psychischen Innern. Manche bewegen sich entspannt zwischen den Polen hin- und her und nehmen im Laufe ihres Lebens manchmal sogar unterschiedliche Positionen ein. Andere finden nicht den ihnen gemäßen Platz in den derzeit angebotenen gesellschaftlichen Nischen, so dass sie sich mittels einer Geschlechtsumwandlung näher an ihren persönlichen dominanten Pol begeben und also auch äußerlich entsprechend wahrgenommen und behandelt werden können.

Ganz sicher ist es für diesen Blog reizvoll, die einzelnen Positionen mal genauer zu untersuchen und mit einzelnen Vertretern zu sprechen. Denn eine kurze Recherche ergab, dass in der Szene u.a. die Frage, wie man eine Transgenderperson angemessen anspricht und wer auf welche Toilette geht…heiß diskutiert werden.

In diesem Artikel geht es mir allerdings erst mal darum, mir einen gewissen Überblick über die aktuellen Begrifflichkeiten zu verschaffen. Das ist nämlich weit komplexer, als ich anfangs dachte. Ich muss gestehen, dass ich mir zunächst einmal erst bewusst machen musste, dass es – natürlich – Unterschiede zwischen der sexuellen Orientierung, des biologischen Geschlechtsursprungs und deren Ausdruck gibt.

Sexuelle Orientierung

Anders ausgedrückt: es gibt heterosexuelle Frauen und Männer, die sexuell jeweils an Vertretern des anderen Geschlechts interessiert sind. Es gibt homosexuelle Frauen und Männer – bzw. Lesben und Schwule, die sexuell an Vertretern ihres eigenen Geschlechts interessiert sind. Dann gibt es jene, die sich für beide Geschlechter interessieren – die werden meist als bisexuell bezeichnet und jene, die sich für keins von beidem interessieren, als asexuell. Dann gibt es noch pansexuelle – die für Menschen mit allen möglichen geschlechtlichen Identitäten sexuelle bzw. romantische Gefühle empfinden können. D.h. also auch für Menschen in der Mitte des Kontinuums von männlich-weiblich und polysexuell sind jene, die sich zu einigen, aber nicht zwingend zu allen Menschen auf dem Kontinuum angezogen fühlen.

Ursprüngliches biologisches Geschlecht

Aber unsere geschlechtliche Identität wird ja nicht nur von unserer sexuellen Orientierung bestimmt – sondern auch und in aller Regel, von unseren Genen und unseren Geschlechtsorganen. Menschen mit weiblichen Sexualorganen – sind Frauen, Menschen mit männlichen – Männer.

Es gibt jedoch auch Menschen, die werden sowohl mit weiblichen, als auch mit männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren – in unterschiedlichen Graden und genetischer Prägung. D.h. sie befinden sich auch physisch im Kontinuum und näher an der Mitte, als jeweils an einem der Pole… Diese Menschen werden im Allgemeinen als „intersexuell“ bezeichnet. Bis vor Kurzem war es noch üblich, dass Kinder, die keine eindeutige physische Geschlechtlichkeit hatten, mittels Operation „angepasst“ wurden. Seit dem 1. November 2013 ist nun gesetzlich festgelegt, dass die Geschlechtlichkeit des Kindes offen bleiben kann – medizinisch und auch legal, etwa auf der Geburtsurkunde.

Inneres Befinden und gewählter Ausdruck

Und dann gibt es jene, die sich – wieder innerhalb des Kontinuums – mehr oder weniger mit dem anderen Geschlecht identifizieren und im Extremfall Maßnahmen ergreifen, auch ihren physischen Geschlechtsausdruck dauerhaft zu verändern. Diese Menschen werden als transsexuell bezeichnet und sie streben stark danach in ihrer – neuen Identität – möglichst ein „normales Leben“ führen zu können.

Aber nicht alle, die sich stark mit ihrem nicht-biologischen Geschlecht identifizieren, haben das Bedürfnis dies dauerhaft zu ändern und darin Normalität zu erleben. Sie wehren sich also gegen den Begriff transsexuell und ziehen Transgender vor. Zu den Transgender Gruppierungen gehören Transvestiten – die Spaß daran haben, entweder zum persönlichen Vergnügen und/oder zur Unterhaltung anderer in die Rolle und Kleidung des anderen Geschlechts zu schlüpfen; dazu gehören dann auch Dragqueens und – kings… Menschen, die einen androgynen Selbstausdruck wählen – also gleichzeitig männlich und weiblich erscheinen…und Menschen, die deutlich zwischen beiden Polen hin- und her schalten, für sie haben die Amerikaner den Begriff bi-gender gewählt.

So, und um es richtig bunt zu machen, gibt es Transsexuelle, die vielleicht ursprünglich heterosexuell waren…aber aufgrund ihrer Geschlechtsumwandlung jetzt homosexuelle sind und umgekehrt… Im Prinzip gibt es also jede geschlechtliche Disposition in Kombination mit jeder sexuellen Präferenz…

Übrigens hat der deutsche Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch 1991 den Begriff der Zissexualität in die Debatte eingeführt – als Gegensatz zur Transsexualität. Denn laut Sigusch ist das Zusammenfallen von körperlichem Geschlecht und geschlechtlicher Identität eben keine Selbstverständlichkeit.

Zissexuell sind also Menschen, die sich mit dem Geschlechtsausdruck ihres Körpers zweifelsfrei identifizieren. Das sagt aber noch nichts über ihre sexuelle Orientierung aus…

Im Zweifel queer

Im Englischen Sprachgebrauch gibt es eine Art Sammelbegriff, der alle bisher als ungewöhnlich wahrgenommenen Geschlechterrollen und sexuellen Orientierungen umfasst. Menschen, die finden dass das auf sie zutrifft, bezeichnen sich als „queer“ und im englischen Sprachraum ist das auch der Begriff für die gesamte politisch-kulturelle Bewegung, die sich für mehr sexuelle Selbstbestimmung und sexuellen Selbstausdruck engagiert. Dazu zählen sich auch Menschen, die mit mehreren Menschen gleichzeitig sexuelle und Liebesbeziehungen unterhalten (Polyamorie) und auch Menschen, die BDSM praktizieren – d.h. besondere sexuelle Verhaltensweisen, die u.a. Sado-Masochismus und Fetischismus mit einschließt. Und interessanterweise begegnen sich die verschiedenen Gruppierungen auch mit einem unterschiedlichen Maß an Toleranz… Manche Transgender Menschen lehnen Transsexuelle, die zu operativen Maßnahmen greifen ab; BDSM wird nicht von allen gleichermaßen toleriert und über den Gebrauch der verschiedenen Begrifflichkeiten herrscht auch immer wieder Uneinigkeit…

Wer also irgendwie das Gefühl hat, mit seinem Befinden, seiner Orientierung, seinen Vorlieben und seinen Interessen auf diesen Gebieten von der derzeitigen Norm – also zissexuell, heterosexuell, ohne auffällige Neigungen – abzuweichen, kann sich getrost als „queer“ bezeichnen.

Schick wäre natürlich, wenn wir überhaupt ohne diese qualifizierenden Begriffe, die so schnell immer so wertend klingen, auskämen. Aber so lange wir als Gesellschaft zu Weiblichkeit und Männlichkeit im Allgemeinen, sowie im Besonderen kein wirklich entspanntes und erlöstes Verhältnis haben, so lange helfen diese Begriffe sich zu definieren, zu identifizieren und auf andere zu beziehen… Und das ist wohl eins unserer Urbedürfnisse…uns in uns selbst und mit anderen orientieren zu können. Vielleicht läuft die aktuelle Entwicklung tatsächlich immer weiter darauf hinaus, dass wir lernen uns als Wesen unabhängig von unserem geschlechtlichen Ausdruck wahrzunehmen. Metaphysiker sagen, unsere Seelen sind in Wahrheit androgyn und erst durch die Verkörperung erfährt ein Wesen seine spezifische geschlechtliche Ausprägung – die sich im Übrigen von Inkarnation zu Inkarnation unterscheiden kann. Kurz, wie das einmal eine kluge Freundin von mir für sich auf den Punkt brachte: „Ich liebe eine schöne Seele – die Verpackung ist mir egal!“

Kerle, tragt Röcke!

Ich muss mal was gestehen: ich stehe auf Männer in Röcken und damit meine ich definitiv keine Dragqueens oder Männer in Frauenkleidung!

Sondern echte Kerle – die eben Röcke mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie Jeans tragen.

Als erstes kommen einem dabei wohl Schottenröcke in den Sinn (und das eindrucksvolle Bild einer ganzen Heerschar von Männern in Röcken im Film „Braveheart“ (USA 1995), und vielleicht noch die weißen Röcke der griechischen Nationaltracht. Apropos Tracht: natürlich tragen Männer auf Inseln mit tropischem Klima, wie Indonesien oder Hawaii ganz selbstverständlich ihre Variation des Sarongs/Hüfttuchs, oft mit nacktem Oberkörper und auch in anderen Ländern mit heißem Klima wird der gerne mal üppige Bauch nicht obendrein noch eingeschnürt: Inder und Araber zeigen, wie das auch in hohem Alter mit Würde geht! Dann gibt es noch viele historischen Krieger, wie römische Legionäre in ihren kurzen Lederröcken oder die japanischen Samurais mit ihren schicken schwarzen Röcken – oder weiten Hosenröcken…

Das kann zweifellos sehr attraktiv sein und hat obendrein den Exotenbonus… Und auf die, gerade bei Schotten, üblichen frivolen Spekulationen, was sich denn nun unter dem Rock genau befindet, gehe ich gar nicht erst ein. Das sollte, genau wie bei Frauen, die Privatangelegenheit des Trägers sein!

Die Sache mit dem Sexappeal

Es ist schon bemerkenswert, wie sehr unsere Wahrnehmung von Männlichkeit und Weiblichkeit durch „angemessene“ Kleidung geprägt ist… Aber was ist angemessen? Ich persönlich finde grundsätzlich Menschen anziehend, die das tragen, was ihnen gefällt und damit entspannt wirken… Je souveräner, desto sexier!

Das gilt auch für die die langen Hemden, die gnädig über die kritische Bauchregion bei übergewichtigen Männern hinwegfließen – das kann lässig elegant wirken, sogar nobel…wie die Toga eines römischen Senators… Stattdessen gibt es an allen Orten in der westlichen Welt, sei es bei einer amerikanischen Landwirtschaftsmesse, oder einem Volksfest in Europa häufig folgenden qualvollen Anblick: da glänzen schon mittags die Schweißperlen auf den Stirnen, die Schweißflecken dehnen sich bis zum Hosenbund aus und die Wampe quillt über dem Gürtel aus der Hose. Die Hemden spannen überm Bauch und rutschen oft hilflos irgendwann aus dem Bund und geben die speckige Pracht frei. Und noch schlimmer ist das Ganze dann mit kurzen Hosen – am besten noch mit den berüchtigten weißen Socken und Sandalen. Irgendwo, irgendwann ist da der Eros zwischen Bouletten und Bier auf der Strecke geblieben. Das einzig positive, was man da sagen kann, ist, dass die dazugehörigen Damen ihren Eros ebenfalls längst eingebüßt haben und dies gerne durch grellen Nagellack, üppiges Schminken und selten schmeichelhafte Oberteile, die den Solariumsteint zur Geltung bringen sollen, kompensieren. Sie gehen mit sich und ihrem Äußeren also kaum weniger würdig um, als ihre Männer.

Aber hier geht es mir vor allem um die Männer und außerdem soll das keine Meckerorgie werden, sondern ein Ermutigungsplädoyer, endlich würdiger mit der eigenen Erscheinung umzugehen und sich nicht mehr unnötig einzuzwängen! Weder in zu enge Klamotten, noch in zu enge Konventionen!

Eine längst überfällige Entwicklung!

Ich würde es so gerne noch erleben, dass Männer in unserer Kultur mit gleicher Selbstverständlichkeit Röcke tragen, wie wir Frauen Hosen – ohne dabei an Männlichkeit einzubüßen. Im Gegenteil! Dafür gibt es schon viele schöne Beispiele:

  • Jürgen Vogel, ein bekannter deutscher Schauspieler, spielt im Film Scherbentanz (D 2002) den Modedesigner Jesko – der vorzugsweise Röcke trägt und es steht ihm sehr gut! Ehrlich gesagt, sind dass die Bilder vom Film, die ich am eindrücklichsten in Erinnerung behalten habe!
  • Im Oktober 2012 wurde der deutsche Journalist und Autor Nils Pickert weltweit berühmt, weil er seinem damals fünfjährigen Sohn zuliebe ebenfalls einen Rock trug. Die Aufnahme von Vater und Sohn vor der historischen Kulisse einer deutschen Kleinstadt – Inbegriff des Spießertums – ging damals um die Welt und ist seit dem überall im Netz zu finden. Er selbst wirkt in seinem roten Rock dabei vollkommen natürlich und überhaupt nicht unmännlich. Gibt man die entsprechenden Stichworte ein, taucht das Bild sofort auf. Pickert tat und tut es, um das Selbstbewusstsein seines Sohnes zu unterstützen.
  • Vor bald zwanzig Jahren war ich mal im Sommer zu einem Lagerfeuerevent eingeladen, bei dem wir alle zu später Stunde bei Trommelmusik barfuß ums Feuer tanzten. Es hatte was herrlich archaisch-heidnisches! Und einige der Männer trugen Röcke und wirkten nicht nur auf mich wesentlich anziehender, als jene in Shorts oder im Himmelskleid…
  • Jungen und Männer, die Fans des „Goth Looks“ sind tragen gelegentlich schwere lange schwarze Röcke und dokumentieren dabei oft enormen stilistische Kreativität und modisches Geschick. Das finde ich eindrucksvoll und oft attraktiv – allerdings tue ich mich mit ihrer Obsession für das Dunkle, Schwarze, Schwere, Todesnahe und Morbide eher schwer. Aber hey, man kann auch Fußbälle schön finden, ohne Sportfan zu sein!
  • Und für jene, die jetzt vielleicht spekulieren: nein, ich stehe nicht auf Pfarrer und Mönche in ihren langen Gewändern – auch wenn das durchaus attraktiv sein kann – so ist doch meist der Kerl der drin steckt schwerstens darum bemüht, seine Männlichkeit seiner Funktion unterzuordnen. Allerdings hat genau dieses Spannungsfeld gerade bei Katholiken schon einige Menschen mächtig angemacht. Nicht zuletzt ist dies ein wesentlicher Aspekt des australischen Melodrams „Die Dornenvögel“ von Colleen McCollough, der 1977 mit Richard Chamberlain als Kardinal Bricassart und Rachel Ward als seiner Meggie fürs Fernsehen verfilmt wurde.
  • In Berlin-Friedrichshain sind lange schwarze Röcke an Männer schon keine Seltenheit mehr. Gelegentlich wurde aber auch schon das eine oder andere Rüschenmodell oder ein enger pinker Minirock gesichtet. Kommt – wie, bei den Damen auch, natürlich auf den Träger an. Erfreulicherweise sind Männerröcke zunehmend im Trend. Und übrigens erfreut sich auch das Tragen von High Heels unter Herren immer größerer Beliebtheit. Zugegebenermaßen sind viele davon homosexuell mit besonderer Freude an Femininem oder Transgender-Männer…aber eben nicht nur! Sie haben einfach Spaß dran – und je nach Styling wirkt selbst das nicht unbedingt unmännlich…

Und im Zuge meiner Recherchen für diesen Artikel, stellte ich fest, dass es tatsächlich auch einen Wikipedia-Eintrag zum Thema gibt. Dem deutschen Artikel habe ich auch entnommen, dass die britische Universität von Oxford ihre Kleiderordnung erweitert hat. Seit 2012 können bei Examina oder formalen Anlässen Männer in Röcken und Strumpfhosen und Frauen in Anzug und Krawatte erscheinen!

Am besten natürlich: coole Kerle in coolen Röcken

Der Gipfel ist natürlich ein cooler Typ in einem coolen Rock. Hier sind ein paar aktuelle Beispiele  Und auf dieser Seite kann der Herr problemlos Modelle nach seinem Geschmack bestellen. Das heutige Titelbild kommt von dort.

tacticaldutykiltObiges Bild ist, wenn man seinen Ursprung in Betracht zieht, wohl als Gag gemeint… Aber auf viele Kommentatoren und auch auf mich wirkt das gar nicht so witzig, sondern eher wie eine richtig gute Idee!

Doch auch ein weniger cooler Typ – würde ganz sicher in einem Rock (besonders, wenn er gut geschnitten ist) würdiger und attraktiver aussehen, als in einer Hose mit Gürtel – oder gar Hosenträgern, die manchmal qualvoll in die Leibesfülle einschneiden. Und genau wie bei uns Damen, wenn die Beine „es“ nicht hergeben, einen kurzen Rock zu tragen, kann auch ein Mann einen Rock in passender Länge wählen! Ansonsten schützt natürlich auch ein Rock nicht vor schlechtem Geschmack oder unschmeichelhaftem Kleidungsstil – aber ich wage zu behaupten, dass das Risiko etwas geringer ist, als bei Hosen… Natürlich bin ich gerne bereit, mich diesbezüglich eines Besseren belehren zu lassen! Denn, wenn in unserem Straßenbild Männer in Röcken mit der gleichen Häufigkeit anzutreffen sind, wie Frauen in Hosen – egal, wie gut oder schlecht der Look…

…dann sind wir sicher auch mit der Gleichberechtigung und der Balance der Geschlechter ein großes Stück weiter!

 

Wahrnehmung und Größe

Immer wieder fasziniert mich die Unterschiedlichkeit von Menschen wenn es ums Augenmaß geht: tendenziell ist es so, dass Menschen eher zu viel Raum, als zu wenig Raum anberaumen (sic!)… Mit anderen Worten: der übrig gebliebene Essensrest wandert in eine Schüssel, in die locker die doppelte Menge passen würde; ein Kofferraum, der gepackt werden soll, wird als zu klein fürs Gepäck wahrgenommen und doch passt am Ende alles rein und noch ein bißchen mehr…

Auffällig ist auch, dass die Maß- bzw. Größenwahrnehmung bei Männern und Frauen oft sehr unterschiedlich ist. Meine Qi Gong Lehrerin berichtet, dass wann immer sie ihre Kursmitglieder auffordert, sich schulterbreit hinzustellen, Männer meistens die Beine zu weit auseinander stellen und die Frauen zu eng…

Doch die Verschiebung geht über die rein physische Wahrnehmung hinaus. Es geschieht auch in psychischer Hinsicht – die offenbar nicht nur charakterspezifisch, sondern auch geschlechterspezifisch sind und auch da neigen Männer im Allgemeinen zur Aufwertung ihres Tuns und Frauen zu Abwertung. (Was natürlich auch wieder den bereits erwähnten Basisdynamiken in meinen Artikeln zu Narzissmus und Scham entspricht)

Treffendes Bild

Es gibt da einen wunderbaren Comic vom phantastischen Walter Moers in seinem Buch Huhu:

Ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen spielen im Sand und wir sehen immer nur ihn bauen, sie ist auch mit im Bild, aber nicht woran sie baut. Derweil doziert er Bild für Bild darüber, dass Männer bleibende kulturelle Werte schaffen, während Frauen dazu verurteilt sind, aufgrund der Biologie ihre schöpferischen Energien in Schwangerschaft und Geburt zu stecken. Da Männer dieser Kanal fehlt, bleibt ihnen nichts anderes, als weltbewegende Leistungen zu erringen… Und bezeichnenderweise gibt es kaum Künstlerinnen von Weltrang, nach dem Motto: Ausnahmen bestätigen die Regel. Es mündet in seinem Diktum: „Ihr macht die Kinder, wir die Kunst!“ und leitet dann über in seine Frage: „Apropos, wie findest du meine Sandburg?“ Und sie bewundert kritiklos seinen kindlichen Sandhaufen mit den Worten: „Oh, toll!“ Während wir hinter ihr endlich das sehen, woran sie während seines ganzen Monologs gearbeitet hat: einem mehrstöckigen römischen Sandpalast inklusive Statuen…

Fazit vielleicht: Männer schwingen große Reden und schaffen wenig, während Frauen großes vollbringen, es aber selbst missachten, weil die Größe der Rede (noch) wichtiger ist, als die Größe der Tat… Ob sich das seit Moers diesen Comic 1989 zeichnete geändert hat? Immerhin hat Deutschland seine erste Kanzlerin, die USA ihre erste Präsidentschaftskandidatin und weit mehr Frauen sind in Führungspositionen als vor 25 Jahren. Zumindest im Westen. Und doch… die „Schattendynamik“ bleibt: Frauen übertreiben in ihrer Bescheidenheit, Männer in der Bewertung ihrer Leistungen und beide verstricken sich oft hoffnungslos in der unsachlichen Bewertung aller Leistungen.

Konditionierung der Wahrnehmung

Warum das so ist? Weil es offenbar in unserer Kultur seit der Blüte des Patriarchats die kollektive Konditionierung gibt, dass Männer älter, größer, stärker, führend sein müssen – und also ist ihr Wasserglas immer „schon halbvoll!“ Während Frauen jünger, kleiner, schwächer und führungsbedürftig sein müssen und also ist ihr Wasserglas immer „noch halbleer“.

Es hat zwar immer schon Frauen gegeben, die physisch größer waren als ihre Ehemänner, oder Männer die beruflich weniger prominent oder erfolgreich waren als ihre Ehefrauen – ohne dass dies intern die Qualität der Beziehung beeinträchtigt hätte. Dennoch ist dies für viele – bis heute – ein Handicap: alles, was von der konditionierten Norm zu weit abweicht, erzeugt Unbehagen.

Nicht nur bei den Betroffenen, sondern auch und oft noch mehr in der sozialen Umgebung: klassisches Beispiel sind große Altersunterschiede in beide Richtungen (das gibt vielleicht nochmal einen extra Artikel). Doch auch physische Größenunterschiede und Gehaltsunterschiede können das harmonische Gleichgewicht in einer Beziehung empfindlich gefährden und letztlich zu deren Scheitern bzw. deren Nicht-zustande-kommen führen. Wie sehr dieses mehr oder wenige subtile Beharren auf der männlichen Überlegenheit und der weiblichen Unterlegenheit das Zustandekommen von Paarbeziehungen beeinflusst, ist ein eigenes Thema, das ich vielleicht in einem weiteren Artikel behandeln werde. Jetzt geht es mir lediglich darum, festzustellen, wie sehr wir in Bezug auf die Geschlechterrollen konditioniert sind und sich dieses antrainierte Rollenspiel nur bewusst durch das eigene Verhalten ändern lässt.

Richtig wichtig wird dieses Verhalten in einem beruflichen Umfeld, wo Rang eine Rolle spielt – der ist interessanterweise weniger Abhängig von Status und Gehalt, als von persönlicher Autorität und zum Ausdruck gebrachtem Selbstwertgefühl. Letzteres kann man lernen und so gibt es jede Menge Berufscoachings, die darauf abzielen, Menschen eine Körperhaltung und Sprache zu vermitteln, die ihnen das Maß an Respekt und Achtung bescheren können, die sie erstreben. Dabei gibt es für Männer und Frauen unterschiedliche Strategien.

Gefahren beim Kaffee

Beispielsweise ist es bei einem Konferenzgespräch mit Frauen und Männern fatal, wenn die Frau den Kaffee ausschenkt und die Kekse verteilt – damit kommuniziert sie automatisch einen niedrigen Rang, während wenn ein Mann das macht, es als charmante Geste wahrgenommen wird – gerade unter Frauen und so im Ansehen steigt.

Die Kommunikationstrainerin Kornelia Straub-Kuri empfahl in einem Interview der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Sonntag vom 8./9. März 2014 Frauen, die mehr Ansehen wünschen, sich weibliche Vorbilder zu suchen, die dies auf positive Weise verkörpern. Allen voran die britische Königin, deren Alpha-Status nie bezweifelt wird. In ihrem Buch „Spielregeln der Führung“ listet sie auf, worin sich souveräne Frauen und Männer von einander und vor allem auch von unsouveränen Geschlechtsgenossen unterscheiden:

Eine souveräne, ranghohe Frau fordert soziale Regeln ein, lässt sich bedienen, gewährt, ermahnt, hat einen festen Blick, macht klare und direkte Gesten und nutzt die hochgezogene Augenbraue.

Unterwürfige Frauen schenken den Kaffee nach, lächeln ununterbrochen, kichern, spielen mit dem Haar, halten den Kopf leicht schräg, weichen Blicken aus und haben eine hohe, aufgeregte Stimme.

Ein souveräner, ranghoher Mann gibt Anweisungen, stellt Forderungen, nimmt Raum ein, doziert, hat einen festen Händedruck, wendet sich bewusst ab und hat ein gönnerhaftes Auftreten.

Unterwürfige Männer dagegen stehen stramm, dienen, tragen, geben Raum, nicken, haben eine geduckte Haltung und bestätigen.

Bei der Betrachtung dieser Liste dachte ich, dass ein guter Chef oder eine gute Chefin sich im besten Sinne durch väterliche bzw. mütterliche Qualitäten auszeichnen und vor allem den Respekt der anderen erwarten und einfordern. Richtig sexy werden sie, wenn sie dabei auch würdig mit ihrer Geschlechterrolle umgehen können. Nach meiner Beobachtung ist das für Frauen in Deutschland offenbar sehr schwer, denn all die Damen in Führungspositionen die eben offene Decolletés vermeiden und den neutralisierenden Hosenanzug und dezentes Make-up bevorzugen. In Frankreich sieht das anders aus. Da sind auch Frauen in Führungspositionen oft – nicht immer – echte „Weiber“, einschließlich hoher Absätze, weiten Ausschnitten und teuren Parfüms… In den USA scheinen Frauen in Führungspositionen oft gut und teuer gekleidet zu sein und tragen häufig Schmuck, aber vermeiden auch alles, was zu sehr von ihrer öffentlichen Funktion ablenken könnte. Hilary Clinton ist ein Beispiel dafür. Die US-Talkkönigin Oprah Winfrey jedoch erhält sich ihren Sexappeal auf souveräne Weise. Die beiden sind ein gutes Beispiel, weil ihr Altersunterschied nur sieben Jahre beträgt. (Oprah ist die Jüngere.)

Sich immer auf Augenhöhe begegnen können

Aber letztlich geht es wohl darum, dass die meisten von uns in Wirklichkeit einander auf Augenhöhe begegnen möchten und das geht nur, wenn alle einen gesunden Selbstwert haben und weder sich noch andere in Bezug auf das eigene Wesen auf- oder abwerten. Das ist gar nicht so einfach, denn wir Menschen neigen dazu, uns mit anderen zu vergleichen und uns dementsprechend ein- bzw. unter- bzw. überzuordnen … weil wir so konditioniert sind, dass nur dann die Gesellschaft funktionieren kann. Wie eben auch Hühner eine Hackordnung brauchen… Aber sind wir Hühner?

Diese Falle lauert immer irgendwo und meist näher, als wir ahnen. Und gar nicht mal immer nur in Abgrenzung zum anderen Geschlecht. Bis zu diesem Artikel und dem Hinweis einer lieben Freundin, die mich auf mein eigenes Stolpern in diese Falle aufmerksam machte und damit den Anstoß zu diesem Artikel gab, hatte ich auf dieser Webseite unter „Über diesen Blog“ noch den Satz stehen: „Im Übrigen ist dieser Blog für mich ein persönliches Experiment. Sowohl inhaltlich als auch formal bin ich noch am Anfang und es wird sicher seine Zeit dauern, bis die angestrebte Professionalität erreicht ist.“ Besagte Freundin wies mich empört darauf hin, dass Blogs grundsätzlich Experimentalcharakter haben und ich meine Leistung – die sie schon ziemlich professionell findet – von vornherein in den Augen meiner Leser beschneiden würde. Und dann kam der magische Schlusssatz: „Ein Mann würde das NIE tun!“

Das saß – und einsichtig habe ich den peinlichen Satz inzwischen gelöscht: ich stehe zu der Qualität dieses Blogs, wie auch immer sie sich in den Augen der werten Leser gerade ausnehmen mag!

 Wie kommen wir da heraus?

Seit dem bemühe ich mich, noch bewusster mit diesbezüglichen Konditionierungen umzugehen. Und ich denke oft darüber nach, wie man Männern so begegnet, dass sie sich im besten Sinne männlich fühlen können und wie ich mir wünsche, dass Männer mir begegnen, damit ich mich im besten Sinne fraulich fühlen kann.

Offensichtlich beginnt dies schon mit Gesten der Höflichkeit, wie eine Frau zuerst durch eine Tür gehen zu lassen, ihr aus- oder in den Mantel zu helfen, die Autotür aufzuhalten… Souveränes Kavalierverhalten (da wäre sie wieder, die Ritterlichkeit…)

Und Frauen… sollten Männer für dieses Verhalten echt loben und sich dankbar erweisen… wenn er die Einkaufstaschen schleppt, einen guten Tisch im Restaurant wählt und einen aufdringlichen Bettler freundlich abwehrt – ganz souveräne Männer machen das mit großzügigen Geldbetrag gütiger Ermahnung.

Und vielleicht sollen wir uns alle noch viel öfter gegenseitig ehrliche Komplimente machen und eben sagen, wenn wir sie oder ihn attraktiv finden – was auch immer gerade der Auslöser dafür ist! Ich denke noch weiter nach und freue mich über Anregungen, wie das noch besser gelingen kann, aber ich denke, einander öfter und deutlich zu würdigen ist ein guter Anfang!