Seien wir impe-realistisch!

Ich gestehe, ich mag Halloween nicht und schon gar nicht, dass es den Charakter unserer eigenen Traditionen verändert und irgendwie auslöscht.

Und ich konnte die amerikanische Variante des Halloween schon in meiner eigenen Kindheit erleben: in den amerikanischen Armeestützpunkten um Stuttgart herum wurde diese Tradition gepflegt und ich durfte mitgehen. Verkleidet als kleine deutsche Hexe. Nicht mit dem absurden schwarzen Hut, sondern mit Kopftuch und Reisigbesen…

Ich fand es damals natürlich cool, so viele – sonst für mich unerhältliche Süßigkeiten – zu sammeln: Hershey Schokoladenriegel, Butterfingerkaramellriegel und Reese-Konfekt – die Poptörtchen empfand ich allerdings Klebstoff näher, als einem Nahrungsmittel. Aber so richtig toll fand ich das mit dem Erschrecken müssen anderer und mit „Trick or‘ Treat“ nicht – irgendwie hat das was Erpresserisches und ich dachte, dass das ein Grund ist, warum unter den Süßigkeiten – berechtigterweise – auch oft merkwürdiger Schrott war, den meine Eltern dann aussortierten: z.B. kleine Plastikpanzer usw…

Als wir ein paar Jahre später nach Bonn zogen machte ich dann mit einer, meiner Meinung nach, viel netteren und schöneren Tradition Bekanntschaft. Iim Gegensatz zum vorwiegend protestantischen Stuttgart wird Im vorwiegend katholischen Rheinland nämlich am 11.11 (was bekanntermaßen auch der Beginn der Karnevalssaison ist) der Namenstag des Heiligen Martins von Tours gefeiert. Die Heiligenlegenden und Lieder über ihn ranken sich um seinen Edelmut, dass er armen Menschen geholfen hat und immer alles teilte, was er besaß. Vor allem schnitt er mit seinem Schwert mal seinen Ritterumhang in zwei Teile, damit ein armer Mann im Schnee nicht mehr frieren musste…

St. Martin ist klasse

Um dieses Datum herum gibt es in vielen Regionen Deutschlands einen St. Martinsumzug, mit Blasmusik und einem Martin auf einem weißen Pferd“ (interessanterweise häufig ein Mitglied des lokalen Karnevalsvereins), der im Kostüm eines Ritters, natürlich mit Umhang, vorneweg reitet. Hinter ihm gehen alle Kinder der Gemeinde mit ihren selbstgebastelten Laternen – meist das Schulprojekt für das Winterhalbjahr – und alle gehen singend, von der Musik begleitet zur Stelle, wo das Martinsfeuer entzündet wird. Danach dürfen die Kinder dann mit ihren Laternen von Haus zu Haus gehen und singen die St. Martinslieder vor den Haustüren. Dafür erhalten sie dann Süßigkeiten – d.h. im Prinzip geht´s ums miteinander Teilen von Musik und Süßem… Wir haben bei uns zuhause anlässlich dessen öfters Zuckerrüben ausgehöhlt, die wir selbst auf dem Feld gesammelt haben (Stehlen ist vielleicht ein zu starkes Wort für drei Rüben…) Das geht zwar nicht so leicht, wie bei einem Kürbis, aber sieht mit einem Teelicht auch phantastisch aus, besonders wenn man die Wurzeln ein bißchen mit aushöhlt.

Allerdings gibt es auch ein paar Wesen, die das mit dem Teilen an St. Martin nicht so prickelnd finden: zum einen werden die Weckmänner – ein süßes Hefegebäck in Form eines Männchens mit einer kleinen Tonpfeife (Keiner weiß so richtig genau, warum eigentlich – außer dass die Pfeife es einfacher macht, ihn als Männchen zu identifizieren…) verteilt, die dann oft unter brutalem Kopf abreißen und Rosinenaugen rausbohren genussvoll verspeist werden – besonders lecker mit Butter und Zimt… und die sogenannten Martinsgänse werden dann nämlich auch geschlachtet und finden in Begleitung von Semmelknödeln und Rotkohl ihren Weg ins menschliche Verdauungssystem.

Aber hey, die Amis feiern ihr Erntedankfest, ihr Thanksgiving auch mit lauter schönen Bräuchen – die eben zu Lasten der Truthähne gehen.

Warum wir uns gerne gruseln

Die Popularität von Horrorfilmen zu ergründen, war mir mal so wichtig, dass ich zu Unizeiten eine Hausarbeit für die Uni über „Die Freuden der Angst“ geschrieben habe. Bis heute gilt, dass interessanterweise sind in den meisten bisherigen Horrorfilmen die Genderrollen klar verteilt sind: eine Frau ist das Opfer, ein Mann ist der Täter, der andere der Retter…

Es ist also…genau genommen…eine Ableitung des alten Themas der „Jungfrau in Nöten, die von einem Drachen bedroht und von einem Helden gerettet wird.“

Je böser der Drache, umso heldenhafter erscheint der Retter… Und u.a. ist es eine erwiesene Tatsache, dass junge Männer zwischen 16 und 25 ihre Dates gerne in einen Horrorfilm ausführen…denn dann kann besagtes Date sich in den heiklen Momenten an seine starken Schultern lehnen…oder seine Hand ergreifen. Dafür gibt´s sogar eine Fachbezeichnung – nämlich: „Snuggle theory of Horror“ – die Kuscheltheorie von Horror, die sogar Ovid schon angesichts der blutrünstigen Gladiatorenkämpfe bemerkte, bei denen sich geängstigten Damen die Gegenwart eines starken Mannes ersehnen…und sich ihm öffnen…bis hin zu sexuellen Privilegien.

Und natürlich ist das Ansehen von Horror aus dem kuscheligen Kinositz bzw. Sofa höchst komfortabel, weiß man doch im Allgemeinen, dass das eigene Leben so viel friedvoller ist… Wenn man denn die erste nachwirkende Paranoia beim alleine Duschen oder in der nächtlichen Tiefgarage überwunden hat.

Wenn wir einen Film sehen – und das gilt auch für jeden Horrorfilm, kann unser Gehirn nicht unterscheiden, zwischen eigener Erfahrung und dem Erleben eines Films: also ängstigen wir uns mit den Helden und krallen die Finger in den Kinositz…oder in den Arm unserer Begleitung… Um dann am Ende doch – erlösend – zu begreifen: alles nur Spiel, alles vorbei – war nur ein Film… Aber wir haben tiefe, z.T. auch unbewusste Ängste fühlen dürfen und sie vielleicht dadurch auch verarbeitet – wir sind dann dankbarer für das eigene aktuelle Leben. Das ist meist – hoffentlich – weit weniger bedrohlich…und vielleicht auch dadurch manchmal etwas öde. Aber der nächste Gruselfilm kommt bestimmt!

Gruseln ist außerdem für manche ein geradezu erotisierendes Lusterlebnis. Bekanntermaßen haben ja auch Vampire eine erotische Dimension…wenn die weißen Zähne in den zarten Hals eines unschuldigen Opfers eindringen und das rote Blut glühend tropft…

Insofern macht die Kostümierung als Skelett, Vampir, Monster aller Arten total Sinn – und es ist auch – zumindest ein bißchen – im Einklang mit dem Ursprung von Halloween, nämlich der Nacht vor Allerheiligen (englisch „All-Hallos‘ Eve“ -> Halloween), dem 1. November. Das ist nach keltischer Tradition auch das Samhainfest und läutet den Beginn des Winters ein…und der Schleier zwischen den Welten ist dünn und man muss alle unguten Geister, die dann auch herum schwirren tüchtig erschrecken.

Hübsch dazu auch das heutige Bild eines deutschen Friedhofstors auf dem das schöne Schild angebracht ist. „An Halloween wegen Betriebsausflug geschlossen!“

Und die Verkleidungskünste an Halloween sind beachtlich – es ist unglaublich, was man mit Make-up, Kunstblut und viel Geduld alles für Eindrücke erzeugen kann.

Was ich allerdings unter dieser Prämisse nicht verstehe, ist warum sich dann zu Halloween so viele – besonders in Amerika und natürlich Kinder – als ihre Lieblingsfigur verkleiden

Amerikanische Freunde haben mehrfach versucht, mir das zu erklären, dass es eben auch ein Tag ist, an dem man mal jemand anders sein kann… Aber haben wir dafür nicht Karneval? Bzw. die mitteleuropäische Fasnacht? Da haben wir uns immer als unsere Traum- oder Alptraumfiguren verkleidet. Ich war meistens Miss Piggy…

Aber wenn doch das Wesen von Halloween im Erschrecken und Vergraulen der bösen Geister liegt, dann ist doch ein Prinzessinnenkostüm kaum dazu angetan, oder? Ich glaube, so mancher Drache mag davon eher angetörnt sein… Andererseits… wenn man sich die schiere Maße an kleinen bunten Tüllbündeln vorstellt, kann das auch gruselig sein. Und ich bin nicht die einzige, die so denkt. Mir gefiel ein heutiger amerikanischer Facebookpost mit einer kleinen Elsa (Einer Heldin aus „Die Eiskönigin“ – ihre Popularität war mir einen eigenen Blogartikel wert.) und der Anregung: jedes Mal, wenn eine Elsa vor der eigenen Haustür steht einen Schnaps zu trinken…

Eine Idee

Liebe amerikanische Freunde:

Euer dicke rote Weihnachtsmann mit dem weißen Rauschebart hat längst die „Weihnachtshegemonie“. Dabei ist er eine kommerzielle Erfindung von Coca Cola aus den 20er Jahren – deswegen die Farben – und wurzelt in der Tradition des Heiligen Nikolaus, der aber eigentlich am 6. Dezember gefeiert wird… Euer Santa Claus hat unser Christkind verdrängt – denn wir Europäer feiern ja eigentlich an Weihnachten die Geburt des heiligen Jesus Christus… Ursprünglich kam bei uns immer das Christkind und hat die Geschenke heimlich und unsichtbar unter den Baum gelegt. Übrigens erst am Heiligen Abend, dem 24. Dezember und nicht, wie ich es auch schon erlebt habe, die ganze Adventszeit über bis sie am 25. erst ausgepackt werden dürfen… Eigentlich mag ich das, wenn sich die Geschenke unterm Baum ansammeln, aber das ist natürlich Folter für die Kinder.

Aber weil es so viele amerikanische Filme und Fernsehserien gibt, in denen natürlich auch Eure Feste gefeiert werden, ist es auf die Dauer schwer durch diese Übermacht in den Medien, die ursprünglichen Ortstraditionen aufrecht zu erhalten.

Also wird es Zeit, dass Ihr im Austausch auch einiges annehmt… Überhaupt könnte man doch auch gute Traditionen austauschen und nicht nur diesen ewige Einbahnstraßen-Kommerzzirkus von Halloween und wo wir schon dabei sind, Valentinstag… Aber dazu vielleicht ein andermal mehr…

Echter Kulturaustausch!

Wir feiern brav weiter Halloween und ziehen Eure dämlichen Hexenhüte auf… dafür fangt Ihr an Laternen zu basteln und bedichtet und besingt das Teilen, die Güte und Großzügigkeit.

Wir feiern ab sofort auch Thanksgiving, auch wenn wir keine Ureinwohner haben, mit deren (Ess)kultur wir würdigen müssten, dafür übt Ihr Euch in vernünftigem Karneval – nicht unbedingt den Teil mit dem Umzug – Paraden habt ihr längst mehr als wir, aber karnevalistische Ordensverleihungen zur Würdigung eines hervorragenden Sinns für Humor und Prunksitzungen… bei denen das politische Geschehen humorvoll aufgearbeitet wird können nachhaltiger sein, als Eure täglichen Late-Night-Sketche…

Und an allen Orten dürfen alle künftig die Wahl haben, was genau sie feiern. Ich stelle mir da so kleine Plaketten an den Haustüren vor, an denen zu erkennen ist, welcher Haushalt welche Vorlieben hat. Jede Plakette zeigt ein kleines Icon, das die Gesinnung zum Ausdruck bringt.

Wer alle hat, den interessiert alles, wer keine hat, den gar nix – da wird dann auch nie aus Feiergründen geklingelt!

Aber wer bei was wie mitmachen will, kann das ja – in dem Maße, in dem es ihn reizt – zum Ausdruck bringen:

Moderate Halloweenfans haben nur die Plakette mit dem Kürbis-Icon. Stärker engagierte können sich einen ausgehöhlten Kürbis vor die Tür stellen und sich selbst verkleiden…

Moderate Weihnachtsfans haben nur eine Plakette mit einem Tannenbaum-Icon. Stärker engagierte können ihren Garten mit Lichterketten etc. schmücken…

Moderate St. Martin Fans haben nur die Plakette mit dem Weckmann, stärker engagierte können sich Laternen ins Gebüsch hängen…

Für Thanksgiving eine Truthahnplakette, für Chanukkah einen kleinen neunarmigen Leuchter, für das islamische Zuckerfest eine Mondsichel usw. usf.

Diese Ideen bleibt wohl ein Traum und wird kaum je in der Wirklichkeit in dieser Form umgesetzt – obwohl es natürlich auch neuzeitlichere Varianten gibt: z.B. einen Eintrag bei Google-Earth, bei welcher Adresse man zu welchem Anlass erscheinen darf…

… aber auch das scheint Sciencefiction… und gibt damit der Phantasie Raum, in der schöne Traditionen sich über das Lokale hinaus global verbreiten… Der Halloweenkürbis und der dicke rote Weihnachtsmann haben´s vorgemacht… jetzt ist die Martinslaterne und die Narrenkappe dran!

…Und trotzdem allen ein fröhliches Halloween!

 

Transzendentale Geheimnisse der Ölsardinen oder Flutschen für den Frieden

In meinem steten Bestreben, das männliche und weibliche in mir und in meinem Leben in eine gesunde Balance zu bringen, entschloss ich mich vor kurzem wieder mal zur Teilnahme an einem Tantra-Seminar. Weil mir empfohlen und es gerade geographisch und zeitlich passte, nahm ich ein Angebot des Secret-of-Tantra Instituts auf dem ZEGG-Gelände in Bad Belzig, etwa eine Stunde von Berlin, wahr. Ich überwies die Kursgebühr, las die Liste der Dinge, die man mitbringen sollte und dachte, da das Seminar „Öl-Ritual: Spüren und Berühren“ hieß, es würde vor allem um mehrhändige Massagen mit Massageöl gehen…

Ein Sprung ins kalte Wasser – respektive ins warme Öl

Ich wurde von einem freundlichen Mitberliner im Auto mitgenommen, der auch am Ölritual teilnehmen wollte und auf der Fahrt nach Bad Belzig seine große Vorfreude darauf bekundete. Doch zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht ganz nachvollziehen, was denn nun so toll daran sein sollte – denn ein erfahrener Tantriker geht mit Ölmassagen, auch in Gruppen, eigentlich recht entspannt um… Mein Fahrer fuhr fort, seine Seminarerfahrungen bei anderen Tantralehrern zu schildern, wo es gelegentlich auch zu ungesunden Grenzüberschreitungen und schier archaischen Eifersuchtsszenen gekommen war. Das schürte meine Skepsis. Ich hatte zwar dergleichen noch nie erlebt…aber…Tantra kann natürlich auch einen Hochofen der Gefühle mit entsprechenden Explosionen erzeugen. Als mein netter Chauffeur dann auf einmal nicht mehr auftauchte und offenbar abgehauen war, wuchs mein Misstrauen… Doch später erfuhr ich, dass er aufgrund seiner allerdings heftigen Erkältung auf dem Absatz, oder vielmehr auf dem Hinterreifen kehrt gemacht hatte – und sich vom Seminarleiter via SMS verabschiedet hatte.

Also befand ich mich dann allein mit weiteren 31 mir völlig fremden Teilnehmern im Seminarraum des ZEGG. Wir lauschten den Schilderungen des Leiters, Silvio Wirth, worum es nun an diesem Wochenende gehen würde. Der Kern dieses Wochenendes bestand darin mit den anderen 23 Seminarteilnehmern, vier Assistenten und 5-6 Litern warmem Öl in einem entsprechend präparierten Becken splitterfasernackt zu …ja, was eigentlich…zu wuseln..? Silvio beschrieb es mehr als eine unvergleichliche Mischung aus „Schwimmen, Gleiten und Fliegen“ mit geschlossenen Augen und man verlöre Zeit und Raumgefühl. Da schrillte meine inneren Alarmglocke: „Kontrollverlust!!!“ Ich kann es nicht leiden, nicht zu wissen, wo ich bin, mit wem ich bin, das Tempo steuern zu können und das, was gerade ist… Fluchtgedanken hatte ich allerdings keine: tatsächlich wuchs meine Abenteuerlust.

Bereitschaft macht unendlich viel möglich

Möglichst unauffällig scannte ich die anderen Teilnehmer… etwa gleich viele Männer, wie Frauen… im Alter etwa zwischen Mitte zwanzig und Mitte sechzig. Darunter ein netter Engländer, der mit Entzücken darüber gelesen hatte und dann trotz intensiver Suche nirgendwo sonst in Europa ein vergleichbares Angebot gefunden hatte. Erst als er die deutschen Begriffe googelte und dann den deutschen Text der Webseite durch das Übersetzungsprogramm von Google laufen ließ, wusste er, sein Wunsch würde sich erfüllen – dass er kein Wort Deutsch konnte, war für ihn kein Hindernis.

Weil die Mehrheit der Teilnehmer tatsächlich noch nie ein Tantraseminar oder gar ein Ölseminar dieser Form gemacht hatte, wurden manche auch etwas blass um die Nase. Silvios Ausführungen und die Bemerkungen einiger anderer mit entsprechender Erfahrungen steigerten den Respekt vor dem Ritual – bei manchen bis zu ausgemachtem Muffensausen: je nach Gemütslage und Temperament donnerten unter anderem Schamgefühle; die Angst, etwas falsch zu machen und Angst vor Klaustrophobie hoch und manche Frauen mit langen Haaren sorgten sich, ob sie denn nicht lahmgelegt würden, wenn andere Körper auf ihren Haaren liegen würden…

Meine persönliche Hauptangst war weniger die geballte Nacktheit, die mögliche Begegnung mit erigierten Gliedern (Lingams, wie es im tantrischen Sprachgebrauch so schön heißt) oder mit meinem Haar festzuhängen, sondern vor allem die enorme physische Nähe von so vielen, dann ohnehin nicht mehr identifizierbaren Menschen. Da wir die Augen geschlossen halten sollten und die Haut als Hauptwahrnehmungsorgan einsetzen sollten, war es ausgeschlossen, sich innerhalb des Gewusels wirklich zu orientieren. Also kein oben und unten mehr, sondern im Zweifel nur ein unentrinnbares Mittendrin…

Aber erfahren wie Silvio und seine Co-Leiterin Kalinka, sowie sechs Assistenten, oder „Angels“ wie sie charmanterweise genannt werden, inzwischen damit sind – Silvio meinte, es sei wohl sein 25. oder 26. Ölritual, holten sie jeden einzelnen von uns ziemlich genau da ab, wo er sich befand – auch wenn er selbst darüber keine Orientierung (mehr) hatte…

Die Aufgabe der „Secret-of-Tantra-Crew“ bestand nun darin, innerhalb von wenigen Stunden eine Gruppe von über dreißig Menschen zu einer Gemeinschaft zu formen, in der achtsames Miteinander, Vertrauen in jeden einzelnen und in die ganze Gruppe, gesundes Grenzbewusstsein und Bereitschaft zu Selbstverantwortung so gestärkt wurden, dass jeder sich in der Erfahrung sicher und aufgehoben fühlen konnte und sie maximal genießen können würde. Wirklich keine kleine Herausforderung!

Doch es gelang ihnen! Zum einen bot die Harmonie innerhalb der Leitungscrew einen wunderbaren Anknüpfungspunkt von Vertrauen, Achtsamkeit und Verständnis: mit ihrem gemeinsamen „Grundton“ stimmten sie die ganze Gruppe ein. Zum anderen dienten eine kluge Struktur und liebevolle Organisation dem Ganzen; sowie verschiedene Tanzmeditationen und Übungen – die ich hier im Detail gar nicht schildern möchte. Ihre vorbereitende Wirkung offenbart sich ohnehin nur durchs machen. Und auch der Engländer fühlte sich dank übersetzungswilliger Teilnehmer schließlich vollkommen integriert. So waren wir keine 24 Stunden später alle bereit, einzeln und gemeinsam dieses Abenteuer des „im-Öl-Seins“ zu wagen und uns der transformativen Kraft des Öls zu stellen.

Öl ist eine heilige und heilsame Substanz

Denn natürlich ist Öl eine magische Substanz – gerade in einem solchen Ritualzusammenhang und unabhängig von seiner tatsächlichen biochemischen Beschaffenheit.

Mythologisch betrachtet ist Öl vielleicht so etwas, wie die Nervenflüssigkeit der Erde – so, wie Wasser das Blut der Erde ist. Allerdings kommt Erdöl für religiöse Zwecke wohl eher selten zum Einsatz… Doch vielleicht ist es gar nicht so überraschend, dass uns (Erd)öl zum „Kraft“ und „Treibstoff“ geworden ist und für viele ihre Vehikel durchaus Kultstatus haben… Nur für unsere menschlichen Körper bevorzugen wir eher pflanzliche Öle:

Mit ätherischen Ölen wurde von jeher geheilt und sterbende und neugeborene Menschen werden oft – besonders in religiösen Kontexten – mit Öl eingerieben. Ätherische Öle bringen uns – jedes auf seine Weise – mit unserem ureigenen Wesen in Kontakt. Sie stärken grundsätzlich das Gefühl von Anbindung, von Geborgenheit und Wärme und unterstützen damit auf besondere Weise bei der Überquerung einer seelischen Schwelle – wo genau auch immer diese sich gerade befindet.

Außerdem war es von jeher auch ein Ausdruck von besonderer Segnung und Würdigung: in der Antike und auch heute noch bei indigenen Völkern wurden und werden Götterstatuen und heilige Symbole regelmäßig eingeölt – um ihre Heiligkeit zu erhöhen und zu verdeutlichen. Die alten Ägypter und ihre Gottheiten hatten ohnehin zu Öl und vor allem zu Duftölen ein besonderes Verhältnis. Später ölten auch kämpfende Olympioniken und siegreiche römische Feldherren ihre Körper – für ihre Triumphzüge durch Rom. Jesus wird manchmal als „Der Gesalbte“ bezeichnet und auch in den Ermächtigungsritualen der katholischen Kirche, werden die Amtsanwärter „gesalbt“ – d.h. mit Öl eingeschmiert!

Schließlich kennen wir den – inzwischen negativen – Begriff des „Ölgötzen“ für einen Menschen, der an seinem Platz sinnlos ist. Doch ursprünglich war damit auch ein „mit Öl gesalbtes und mit Ölfarben angestrichenes Götzenbild“ gemeint – und das ganz sicher auch aus Anbetungsgründen!

Erst jetzt, im Nachhinein, habe ich mir die Frage gestellt, wie Silvio überhaupt dazu gekommen ist, das anzubieten, da es offenbar nicht ohne weiteres in den Kanon tantrischer Traditionen gehört. Und also habe ich jetzt erst Silvios Text dazu auf seiner Webseite gelesen. Mit Begeisterung stelle ich fest, dass sein Impuls aus der Kunst kam – genauer, der Wiener Aktionskunst der Sechziger Jahre und dass es auch gelegentlich mit Körperbemalung verbunden wird. Tatsächlich dachte ich, dass eine rituelle Körperbemalung das Ganze noch steigern könnte – denn auch das hat eine mythische Kraft und: ich bin ziemlich sicher, dass Ganzkörperölerlebnisse Teil der antiken Mysterienschulen waren. Da darüber bekanntermaßen nur sehr wenig überliefert ist, können wir nur spekulieren. Aber glücklicherweise ist das für die Intensität der Erfahrung in unserer Zeit unbedeutend.

Das Unsagbare in schlüpfrigen Worten

Silvio und einige andere „Wiedergänger“ in Sachen Öl hatten Recht, als sie sagten, es sei in Wirklichkeit eine unbeschreibliche Erfahrung. Tatsächlich werden die Sinne in einer Weise stimuliert, die weit jenseits von Sprache liegt. Und damit meine ich jetzt nicht nur – und besonders für jene, deren Phantasie jetzt mit ihnen durchgeht – das orgiastische, wilde, archaische – oder, was es aus meiner Sicht, eher trifft: das bedingungslose, unendliche, universelle.

Aber dies ist ein Blog und ich bin Autorin und also wage ich es das unbeschreibliche zu beschreiben…und bin mir dabei vollkommen bewusst, dass es nur eine Annäherung sein kann. So ähnlich, wie ein Kochrezept zu lesen und statt das Gericht zu kosten…oder, um der Materie gerechter zu werden: über Sex zu lesen oder zu hören, statt ihn selbst zu erfahren…

Denn natürlich ist es auch eine hocherotische Angelegenheit: Mal streift man mit den Fingern oder dem Gesicht eine Brust und spürt die Brustwarze, dann stupst ein Penis im Rücken, gleitet ein Bein unter den Arm, hebt sich ein Bauch unterm Kopf, schiebt sich eine Hand auf dem Po, reibt sich ein Fuß an der Schulter und das im fortwährenden Fluss…dazwischen – immer spürbar das weiche, aufweichende Öl, das immer wieder, wie ein warmer Regen, auf die vielen Körper rieselt und überall eindringt: in Haare, Ohren und anderswo… und alle und alles miteinander immer weiter vereint…

Gleichzeitig ist spürbar, dass dieser heilige Raum gehalten wird und feine Seelen unsichtbar, aber hörbar und manchmal auch spürbar, dafür sorgen, dass es allen immer möglichst gut geht, verirrte oder verwirrte „Fische“ wieder den Weg in den „Schwarm“ finden und Öl aus den Augen gewischt werden kann. Außerdem intensivieren Impulssätze die Erfahrung: an Delphine, Amöben und Wassertropfen wird erinnert. Das Ganze wird mit immer wieder wechselnder und doch passender Musik untermalt. Alle sind Teil eines grandiosen Gesamtkunstwerks, dessen treibende Kraft die Liebe ist und das Ziel die Begegnung – mit dem anderen, mit sich selbst, mit dem was gefürchtet und/oder ersehnt wird, mit dem, was auch immer sich dem einzelnen offenbaren möchte.

Und so hatte jeder „Fisch“ sein ganz eigenes Erlebnis: es gab Frauen, die das subjektive Gefühl hatten, nur von Männern umgeben zu sein; genau, wie es auch Männer gab, die ihrerseits das Gefühl hatten, nur von Männern umgeben zu sein…es gab manche, die das Gefühl hatten, nie genug Platz für sich zu finden, andere die das Gefühl hatten, die Nähe anderer gezielt suchen zu müssen. Manche hatten das Gefühl das Becken sei riesig, andere, es sei winzig…Einige waren dankbar, weil ihre Sehnsucht nach physischem Kontakt und ihre Bedürftigkeit endlich einmal gestillt worden waren; andere hatten das Gefühl zu sehr begrabscht worden zu sein und manche kamen mit tiefen Gefühlen von Traurigkeit, Einsamkeit und einstmaligen Verletzungen in Kontakt und auch das durfte alles sein und wurde von allen mitgetragen.

Es war berührend und faszinierend hinterher den individuellen Erfahrungsberichten zu lauschen, dabei tauchten natürlich auch erigierte Lingams auf und ab… Doch, bevor die Diskussion für die Betroffenen und Beteiligten zu schamlastig werden konnte, bemerkte eine kluge Frau, dass sie erigierte Lingams grundsätzlich sehr möge und dass dies etwas sehr Schönes sei und sie sicher sei, dass es vielen Frauen ginge, wie ihr!

Ich konnte ihr nur von Herzen zustimmen und es verleitete mich zu folgendem kleinen „Pöm“ (Da ich wirklich überhaupt nicht dichten kann, bezeichne ich meine Verse als Pösie – statt echter Poesie…und entsprechend ein Gedicht nicht als Poem, sondern als Pöm…):

Steht der Lingam zur guten Zeit
Erhöht er die Lust und erhebt die Weiblichkeit.
Steht der Lingam zur falschen Zeit
Fordert er Humor und kluge Weiblichkeit.

Nichttantriker können den erigierten Lingam auch gerne durch das Wort „Ständer“ ersetzen – es tut der Pösie wirklich keinen Abbruch… Mehr dazu auch in meinem Blogeintrag über den Charme von sichtbaren Ständern und Nippeln.)

Ganz besonders berührt haben mich auch die Schilderungen jener, die als Paar teilgenommen hatten. Es war bezaubernd und motivierend zu erfahren, dass es absolut möglich ist, auch als Paar so eine bereichernde und durchaus auch fordernde Erfahrung zu machen, indem man dem anderen maximale Freiheit in der Erfahrung gönnt und sich selbst auch erlaubt.

Flutschen für den Weltfrieden

Ich driftete zwischen mehreren Sinneszuständen hin- und her, je nachdem wie gut es mir gelang, meinen Kopf auszuschalten. Mal genoss ich diese totale Körperlichkeit, mich und so viele andere irgendwie gleichzeitig spüren zu können und war beglückt von der unglaublichen und überwältigenden Schönheit die jeder dieser Körper auch durch Berührung zum Ausdruck bringt. In dieser kleinen gefühlten Ewigkeit konnte ich mit innerer Seligkeit fühlen: wir sind wirklich alle göttliche Wesen – gerade auch in unserer Einzigartigkeit – und doch Teil eines großen phantastischen Ganzen, eine Art Gesamtwesen, dem sich hinzugeben mehr als belohnt wird. Überhaupt übte ich mich so gut ich konnte im Loslassen und Hingabe, an das, was auch immer da gerade war, mal mehr, mal weniger bewusst…bis sich sogar mein eigenes Haar, vollgesogen mit Öl, wie ein selbstständiges fremdes und doch vertrautes Wesen anfühlte. In diesem Zustand war es übrigens ohne weiteres möglich, es immer wieder aus verschiedenen Schichtungen herauszuziehen…

Und dann wieder schalteten sich sporadisch andere Bewusstseinsinstanzen meines Wesens ein und ich ahnte, dass sich so ähnlich die „Ursuppe des Lebens“ anfühlen könnte – ein scheinbar wirres und unberechenbares Chaos und doch von einer geheimen inneren Ordnung, bei der keine Grenze ungut überschritten wird, weil alle gleichzeitig geschützt und getragen werden vom Öl…das mir in dem Augenblick wie flüssige Liebe erschien…physisch und metaphysisch!

Und auch nach dem Ölbad und dem Auswaschen des Öls – mit ganz simplem fettlösendem Spülmittel – und der anschließenden Ruhe- und Integrationsphase, schwang die Erfahrung nach. Bei manchen führte sie noch weiter in die Tiefe, bei anderen steigerte sich die sexuelle Lust und ich hatte…mal wieder Kopfschmerzen. Kopfschmerzen sind oft ein spannungsvoller Ausdruck von Trennung – Migräniker suchen in der Regel immer den Rückzug, das Abseits, die Entfernung von den anderen – und doch ist es vielleicht auch ein Ausdruck des Urschmerzes über die fehlende Verbindung. Kein Wunder, dass sie bei mir durch die Ölerfahrung ausgelöst bzw. verstärkt wurden. Tatsächlich hatte ich schon vorher leichte Kopfschmerzen gehabt – aber glücklicherweise nicht „im Öl.“ Und doch hat mir diese Erfahrung vermutlich auch in diesem Aspekt weitere Heilung ermöglicht – das wird sich noch zeigen.

Ein Teilnehmer träumt nun davon, diese tiefgreifende und nachhaltige Erfahrung viel mehr Menschen und auch Kindern zugänglich zu machen bzw. regelrecht zu verordnen: denn wer mindestens alle fünf Jahre an einem Gruppenölritual teilnehme, könne auf Dauer keine Kriegsgedanken nähren…

Silvio stimmte zu und meinte, dass für ihn seine tantrische Arbeit und das Ölritual im Besonderen ein wichtiger Beitrag zu mehr Liebe und Frieden in der Welt sei – wie klein „der Tropfen auf den heißen Stein“ auch immer sein möge… Das mag manchem weltfremd, naiv und „gutmenschig“ vorkommen – aber nach meinen Recherchen hat Silvio völlig Recht. Aus meiner Sicht hat diese Arbeit viel mehr Kraft, als er vielleicht ahnt und zu wünschen wagt.

Das Ölritual ist ein Kraftwerk!

Vor einigen Jahren lauschte ich dem spirituellen Lehrers Michael Roads aus Australien, als er seine metaphysischen Forschungen zur Atomkraft schilderte. Er erklärte, die zerstörerische Kraft der Atomkraft entspräche energetisch

der Wut und dem Zerstörungswillen der Menschheit. Tatsächlich entspränge diese destruktive Schöpfung – zu der nur Menschen fähig sind – dem Fehlen von Liebe.

Daraufhin fragte ich ihn, was wir Menschen denn aus seiner Sicht tun könnten, um dieses hochschädliche Produkt mit etwas konstruktivem, heilendem auszubalancieren? Wie denn so ein „Kraftwerk“ der Liebe aussehen müsste?

Michael sah mich prüfend an, ob ich etwa auch jener weltfremden Esoterikfraktion angehörte, die mit lieb sein die Welt retten wollte. Dann antwortete er, dass keine „Kraftwerke der Liebe“ gebaut werden müssten, denn davon gäbe es bereits an die sieben Milliarden. Das bedauerliche sei nur, dass die meisten nicht „aktiviert“ seien… Denn tatsächlich verfüge jeder Mensch über die Fähigkeit, mit seiner Liebe alles (wieder) in die göttliche Ordnung, in die ganzheitliche Gesundheit zurück zu führen. Doch wir würden unsere Kräfte unterschätzen und uns von unseren Ängsten beherrschen lassen. Wenn jeder Mensch den Mut fände, seine Liebe maximal zu leben – dann würden die Schöpfungen aus Angst und Macht schließlich den Schöpfungen aus Liebe und Vertrauen weichen.

Das leuchtete mir damals ein und so bemühe auch ich mich, wie viele andere, das so oft und intensiv, wie möglich zu tun. Weil es vielleicht doch nicht für jeden offensichtlich ist, sei es hier noch einmal deutlich gesagt:

Liebe hat natürlich nicht nur einen physischen Ausdruck, aber auch und dann eine ganz besondere Kraft! Wer sich selbst und andere Menschen bedingungslos lieben und das auch physisch zum Ausdruck bringen kann, ist ein aktiviertes Kraftwerk der Liebe!

In der uns bisher bekannten Menschheitsgeschichte hat es das allerdings noch nicht gegeben, dass Liebe und Vertrauen stärkere Kräfte sind als Macht und Angst. Das heißt aber nicht, dass das nicht und vielleicht sogar bald geschehen kann. Das mag naiv erscheinen – doch steht der Beweis bekanntermaßen noch aus und ich persönlich gehöre unbedingt zu jenen, die schlichtweg Lust haben, dass mal zur Abwechslung in unserer Welt die Liebe siegt!

Auch aus diesen Gründen hat mir das Wochenende, die Begegnung mit diesen vielen wunderbaren Menschen und das Ölritual selbst, große Freude bereitet. Es hat mich sicher weit mehr bereichert und inspiriert, als ich derzeit ermessen kann. So viel mehr Informationen werden durch einen Körperkontakt ausgetauscht, als wir verbal je vermitteln können… Kein Wunder, dass die Kulturen, in denen das mehr Teil des alltäglichen Miteinanders ist, zumindest in seelischer Hinsicht oft viel gesünder und friedvoller sind als wir, die wir zwar Meister der materiellen Fülle sind, aber doch oft an einer gewissen Gefühls- und Kontaktarmut leiden. Berührung schafft da Abhilfe und führt aus dem Kopf mitten ins Herz! Ich bin allen, die mir diese Erfahrung ermöglicht haben sehr dankbar und wer nun Lust hat, diese selbst einmal zu erleben: den kann ich nur dazu ermutigen! Ganz sicher macht dann jeder seine ganz eigene und einzigartige und doch im höchsten Maße bereichernde Erfahrung! Ich persönlich habe durch dieses wundersame Ölritual wieder etwas mehr vom Mysterium unseres menschlichen Seins und der Magie der Liebe erfassen können – und ich war damit nicht allein!

 

Mehr Informationen: www.secret-of-tantra.de

Innere Balance und der BS

Nachdem der „BeitragsService ARD, ZDF,Deutschlandradio“ zunehmend ein Thema für viele ist und immer wieder mehr oder weniger hilfreiche Beiträge dazu im Internet gepostet werden, war es mir ein Bedürfnis, von meinen Erfahrungen und Erkenntnissen in der Sache zu berichten – auf dass sie dem Einzelnen seine eigene Standpunktfindung erleichtern mögen!

Hier mein Blogeintrag dazu:

Einfach für Alle?! – Aber kompliziert für den Einzelnen!

Nachdem ich mich einige Zeit intensiv mit dem ganzen GEZ Kram auseinandergesetzt habe – ursprünglich hießt das „Gebühreneinzugszentrale“ jetzt heißt es seit einigen Jahren: „Beitragsservice ARD, ZDF, Deutschlandradio“ (Kurz BS – was so schön an Bullshit gemahnt…) – mich stundenlang auf Foren und in Chats herum getrieben habe; in Erwägung zog, ob ich zu einem Berliner Treffen einer Zweiggruppe vom „Freundeskreis für Heimat und Recht“ gehen sollte… Und auch durchaus informative Broschüre mit dem schönen Titel „Raus aus dem Zwangs-TV – die Beitragsservice Falle“ von Marco Fredrich bestellt und durchgelesen habe, und natürlich auch mit ein paar Freunden darüber geredet hatte, habe ich für mich folgendes erkannt:

Der Sumpf ist im Zweifel viel größer, als wir uns vorstellen können

Ich kann nicht ermessen, wie sumpfig unser politisch-rechtlicher Sumpf in Wirklichkeit ist, dafür verstehe ich viel zu wenig davon. In jedem Falle ist er aber wesentlich sumpfiger, als ich je dachte… Und zu versuchen, sich das zu erschließen ist – zumindest für mich – ein kafkaeskes Unterfangen…

Der BS ist ein Teil dieses Sumpfs, sogar ein besonders schlammiger. Ich finde es höchst respektwürdig und ehrenwert, wie viele Menschen sich inzwischen damit und vielen anderen schmutzigen Aspekten des Staatsbürgerwesens gezielt auseinandersetzen. Dies ist bestimmt ein würdiger Weg zur Selbstermächtigung – d.h. Mitläufertum zu überwinden und zu bewusstem, oder, wie es in den Chats heißt, „aufgewachtem“ Handeln zu gelangen. Ich selbst fand es eigentümlich belebend, die Hintergründe selbst zu recherchieren und mir selbst ein Bild von diesem Sumpf zu machen… Das reduziert die Angst und steigert die Wut. Tatsächlich geht die Anzahl der BS-Verweigerer wohl inzwischen in die Hundertausende…Und auch die anderen „Widerstandsgruppen“ zur Staatsbürgerschaft, Arbeitslosenunterstützung, Wasser- und Stromgebühren etc. wachsen stetig.

Wachsender Wahnsinn

Dazu gehört auch, dass man sich langfristig neue Freunde suchen muss, weil viele alte einen für verrückt erklären… wenn man ihnen beispielsweise, ohne mit der Wimper zu zucken mitteilt, dass unsere aktuelle Verfassung im Grunde ungültig ist; in Deutschland in Wirklichkeit noch die Staatsgrenzen von 1937 gelten und unser Personalausweis nicht ausreicht, um eine Partei zu gründen – dafür muss die eigene Staatsbürgerschaft gesondert nachgewiesen werden. Auf Dauer muss man sich dann ein neues Beziehungsfeld erschließen und vor allem, bereit sein, so tief in diese ganze Materie reinknien, dass man seine eigenen Behauptungen glaubwürdig untermauern und kompetent mit anderen diskutieren und analysieren kann.

Natürlich sind manche jener Menschen, die sich diesbezüglich engagieren frustrierte Ossis und Hartz-IV-ler, die viel Zeit haben und die nicht länger Opfer „des Systems“ sein wollen. Aber nicht nur. Es sind auch viele kluge, integre Leute dabei, die einfach das Bedürfnis haben, respektvoll und würdig behandelt zu werden und nicht wie dumme, unmündige Schafe…

Widerstand kostet viel Zeit, Kraft und Energie

Allerdings erfordert ein solches Engagement die Bereitschaft, viel Zeit und Energie in Recherchen zu stecken, sich Gesetzestexte etc. durchzulesen und sie dann auch verstehen zu wollen. Das juristische Wörterbuch wird zum dauerhaften Begleiter.
Und es braucht ein gehöriges Maß an Wut, Kampfbereitschaft und Durchhaltevermögen, sich dann schließlich – legal, aber aufwendig – gegen das System „zu wehren“. Wichtig ist auch der Austausch mit Gleichgesinnten, um sich darin nicht einsam und verloren zu fühlen. Und, natürlich: je mehr sich zusammenschließen, umso größer und schneller wird die Lawine, die zur ersehnten Umwälzung führen kann.

Und ich habe unbedingt einen Aspekt in mir, eine Art innerer Revoluzzerin, die menschenfeindliche Systeme zutiefst ablehnt und zumindest emotional auf die Barrikaden geht. Aber physisch? In unserer Zeit? Hier und jetzt?

Wir erschaffen unsere eigene Wirklichkeitserfahrung

Mir ist schließlich auch bewusst, dass wir mit unserem Denken und Handeln unsere eigene Wirklichkeitserfahrung erschaffen. D.h. wenn ich mich mit meinem Bewusstsein in dieses Feld begebe – was durchaus wahnhafte, bis fanatische Züge annehmen kann – dann unterstütze ich diese Sicht der Welt und damit das Erstarken dieser Wirklichkeit, in der wir alle ahnungslose Opfer eines in Wahrheit völlig wahnsinnigen Systems sind. Und selbst wenn unser Wissen darüber wächst, begreifen wir doch nie die ganze Wahrheit, die noch viel größer und komplexer ist, als die meisten von uns erfassen können…
Denn das ist auch eines meiner Erkenntnisse der jüngsten Zeit: wir bewegen uns tatsächlich in unterschiedlichen Wirklichkeiten – und keine ist weniger real, als die andere… Doch für den Einzelnen gilt halt nur die seine und das gilt gewissermaßen auch für „die Wahrheit“: man erkennt nur das, was man zu erkennen bereit ist bzw. kann nur das sehen, was man sehen will… Und auch etwas nicht sehen zu wollen, bzw. es gezielt auszublenden lenkt den Fokus auf das unerwünschte Objekt und unterstützt damit seine Manifestation – oft gegen den eigenen ausdrücklichen Wunsch.

Kampf ist für mich out!

Ganz abgesehen davon, dass ich vom Naturell her viel zu faul für offenen Kampf und Auseinandersetzungen dieser Art bin,  ist mir auch klar, dass dies ein höchst altparadigmatischer Weg ist. Sich gegen etwas zu wehren, erzeugt automatisch Widerstand, wenn nicht Gegenschläge: das ist die Kriegsenergie… Wenn ich mich also einer Gruppe von Leuten anschließe, die sich aus noch so ehrenwerten Gründen für eine Staats- und Rechtsreform einsetzen, indem sie sich gegen das Bestehende wehren, dann gehe ich in Resonanz mit ihrer Unzufriedenheit, mit ihrem Opfertum und ihrem Machtkampf. Denn man muss sich ja nur wehren, weil ein anderer stärker ist. Aber Kampf geht letztlich immer zu Lasten aller Beteiligten, weil die treibende Energie Ablehnung und Trennung ist.

Mit diesem Fokus wäre mein Alltag geprägt von ständigen Infos über all das, was in unserer Welt im Argen liegt…und das ist bekanntermaßen viel! Das macht auf die Dauer depressiv und krank! Und man kriegt schnell ein schlechtes Gewissen, wenn man auf das gute, schöne, angenehme fokussiert und bezichtigt sich selbst der Ignoranz… da doch „in Wirklichkeit“ alles viel düsterer und abgründiger ist… Das will ich nicht!

 Es gibt einen anderen Weg!

Also habe ich entschieden, meine Zeit und Aufmerksamkeit auf die Dinge zu richten, die mir wahrhaft wichtig sind: meine eigene physische, psychische und seelische Gesundheit, die Entfaltung meiner höchsten Potentiale und dem Ausdruck dessen, was meine Einzigartigkeit ausmacht und womit ich, mindestens metaphysisch, meinen konstruktiven Beitrag zu unserem kollektiven Bewusstseinsfeld leisten kann.

Außerdem habe ich entschieden, dass ich einen anderen Weg der Reform und des Wandels gehen werde. Ich will lieber schreiben, als unverschämte und schmerzhafte Gesetze, Untergesetze und Übergesetze zu recherchieren… Ich verbringe meine Zeit lieber mit Menschen, die auf Teilen und Austausch ausgerichtet sind, als auf „Kampf gegen den Feind“ und ein „wir hier“ und „die dort“. Ich fokussiere ab sofort und noch bewusster auf die Schönheit des Möglichen, als auf die Hässlichkeit des Unmöglichen! Ab sofort gilt meine Aufmerksamkeit nicht mehr den Probleme unserer Welt, sondern dem, was gut und besser funktioniert. Die Bereiche, in denen das Gesunde sich schon durchsetzt… Denn die gibt´s ja längst! Das ist eine Wirklichkeit, die ich gerne mit meiner Energie speise!

Und was den BS betrifft: ich habe den jetzt voll nachgezahlt und werde ihn auch künftig zahlen. Obwohl ich den BS für ein parasitäres Dunkelsystem halte und das in mehr als einer Hinsicht: mit dem Geld wird alles Mögliche finanziert, was die Menschen genau in ihrer Unbewusstheit erhält. Wenn man auf der Couch sitzt und Fernsehen guckt, macht man wenigstens gerade keinen anderen Unsinn! Außerdem betäuben viele Sendungen auch auf angenehme Weise das eigene Denken und verhindern Kreativität…

Auch die Medienberichterstattung lässt sich mit den Einnahmen sicher manipulieren… und was weiß ich, wo noch Verstrickungen sind, die alle der Absicht jener Instanzen dienen, über die wir kaum etwas wissen. Denn der BS ist natürlich nicht der eigentliche Gegner, sondern seine Schöpfer – die aber gar nicht öffentlich bekannt sind.

In Wirklichkeit geht es doch um aktiv gelebte Liebe und Schöpferkraft!

Doch ist es ihre Absicht, die Menschen von ihrer wahren Größe, ihrer Göttlichkeit und schöpferischen Fähigkeiten abzulenken und stattdessen auszubeuten… Das funktioniert natürlich noch viel besser, wenn diese sich auch noch selbst in eine Opferhaltung begeben. Ganz besonders dann, wenn sie meinen, sich dieser durch Widerstand zu entziehen. Doch das Lesen und Analysieren von Gesetzestexten und Bestimmungen bindet natürlich auch sehr viel Aufmerksamkeit und Energie: ähnlich, wie bei einer Fliege, die im Spinnennetz für ihre Befreiung zappelt und sich dabei stetig mehr verwickelt…

Dieser Erkenntnisprozess war meiner Entscheidung geschuldet, nicht aus Angst vor Willkür, aus Bequemlichkeit oder Ignoranz dem BS nachzukommen. Jetzt kann ich sagen, ich zahle ihn! Sogar voller Freude und im Bewusstsein, dass ich mit jedem einzelnen Euro auf meine Weise zum Wandel beitrage: möge dieses Geld von Licht und Liebe durchströmt dazu beitragen, dass sich das System von innen und im Sinne des Lichts neu ordnet – und wenn dies einen Kollaps bedeutet, ist das auch in Ordnung!

Denn das derlei funktioniert, habe ich am eigenen Leib erfahren: eine Weile arbeitete ich als Drehbuchautorin fürs deutsche Fernsehen und jedes Projekt, an dem ich beteiligt war, scheiterte. Frustriert wandte ich mich an ein Medium, um einen Einblick aus geistiger Perspektive in diese Dynamik zu erhalten und erfuhr, dass ich selbst die Ursache für dieses Scheitern war: mit meinem Bekenntnis zum Licht und meiner grundsätzliche Entscheidung, nur im Dienst der Liebe handeln zu wollen, vergiftete ich alle Dunkelsysteme – das Licht wurde quasi zum Virus! Und wie machtvoll auch ein kleines Licht sein kann, weiß jeder der mal im Stockfinstern ein Streichholz entzündet hat…

Leuchten statt kämpfen!

Also achte ich ab sofort auf meine persönliche Hochfrequenz – dass ich so viel Freude und Liebe empfinde, erfahre und zum Ausdruck bringe, wie nur möglich und andere möglichst mit diesen höheren Frequenzen anstecke. Denn je höher wir schwingen, umso leichter und schneller passt sich auch unsere Wirklichkeitserfahrung unserer Schwingung an… Mögen wir alle gemeinsam eine gesunde Wirklichkeit zum Leuchten bringen!
Dazu gehört auch, dass ich meine Aufmerksamkeit vom stets defizitäre Mangelbewusstsein (BS-Zahlen ist mir zu viel; ich bin zu schwach, mich – alleine – zu wehren; ich bin zu doof, all das zu durchschauen und schließlich zu faul, mich mit einem ohnehin kollabierenden System noch intensiv auseinanderzusetzen) umlenken, hin zur Fülle und bewusster Selbstermächtigung:

Ich fokussiere auf so viel materielle Fülle, dass ich meinen Beitrag immer entspannt und heiter zahlen kann. Ich wehre mich nicht, aber ich resigniere auch nicht, sondern ich gehe in die totale Akzeptanz dessen, was gerade ist und wähle auf dieser Grundlage die bestmöglichen nächsten Entwicklungen…

Ich entscheide, einen Sumpf nicht durchschauen oder trocken legen zu wollen! Ich fokussiere auf das Wachstum von Klarheit und Transparenz und darauf, dass die trüben Wasser von ganz alleine versiegen, wenn sie nicht mehr durch Angst und Macht genährt werden. Ich investiere meine Energie in Kreativität und ermutigendes Bewusstseinswachstum für mich und andere.
Ich gehe davon aus, dass die Tage der Dunkelheit ohnehin gezählt sind und sich alles zeitnah und gut neu ordnen wird – und alle jetzt und in Zukunft einen guten Platz für sich in diesen aktuellen Umwälzungen und danach, finden werden. Möge die Liebe siegen – oder vielmehr: alles durchdringen, bis wirklich alles, was keine Liebe ist, einfach zerfällt…

In diesem Sinne, allen einen kraftvollen Entscheidungsprozess im Umgang mit dem BS…

Von der Venus mit Penis zu Conchita Wurst, Teil 2

Von der gesellschaftlichen Provokation ist der Weg nicht weit zur Unterhaltung, denn schon immer wurden auf der Bühne Dinge gewagt und gesagt, die im Alltag unvorstellbar waren…

Verkleidung und Rollentausch der Geschlechter gab´s immer schon

Auch wenn von den antiken griechischen Theaterstücken nur ein Bruchteil überliefert ist und es keine entsprechenden Hinweise gibt… so halte ich es doch für absolut möglich, dass in irgendeinem Satyrspiel – einer komischen Einlage zwischen den ernsten Tragödien, der eine oder andere Mann zur Gaudi des Publikums in eine Frauenrolle schlüpfte… Denn selbst ihre Götter verkleideten sich gelegentlich als Person des anderen Geschlechts und es gab den im vorigen Artikel erwähnten Aphroditekult, bei dem die Geschlechter die Rollen tauschten. Ob es nun intendiert war oder nicht: das wird auch durchaus unterhaltsam gewesen sein…

Überhaupt wird die Verkleidung als Vertreter des anderen Geschlechts schon immer Teil der Volksbelustigung gewesen sein, besonders zu bestimmten Festen, bei denen Verkleidung ein zentrales Element ist, wie im europäischen Karneval, bei dem inzwischen fast globalen Halloween oder beim jüdischen Purimfest.

Männer als Frauen als Männer…

Bekanntermaßen war Frauen in Westeuropa die Bühne und das Tragen von Männerkleidung lange verwehrt und so mussten Schauspieler die Frauenrollen übernehmen. Eine hübsche Illustration dessen ist der Film „Shakespeare in Love“, der zeigt, wie ungewöhnlich es im Elisabethanischen Zeitalter gewesen wäre, wenn eine Frau auf der Bühne erschienen wäre.

Doch als die Theater 1660 in England wieder eröffnet wurden, traten erstmals weibliche Darsteller auf und kurz darauf sogar auch in Männerkleidung. Unabhängig davon, ob die Figuren nun von Männern oder Frauen dargestellt wurden, hat Shakespeare in mehreren Stücken den zum Teil mehrbödigen Rollentausch zur Unterhaltung eingesetzt, z.B. in Was Ihr Wollt: so verkleidet sich die junge Viola (gespielt von einem Schauspieler) als ihr Zwillingsbruder Sebastian (eine klassische Doppelrolle bei Shakespeare, denn beide haben keine gemeinsame Szene) und nennt sich Cesario. Als solcher gerät er zwischen die Liebesfronten, eines Fürsten, der eine Edelfrau liebt, die aber „Cesario“ liebt, während Viola in Wirklichkeit den Fürsten liebt… Glücklicherweise taucht der tot geglaubte Bruder am Ende auf und bringt Ordnung in alle Angelegenheiten…

Hohe Stimmen sind nicht unmännlich

In den Barockopern war es anfangs nicht selbstverständlich, dass Darstellergeschlecht bzw. Stimmlage und Rollengeschlecht übereinstimmte. Die Hauptrollen wurden von Kastraten und Frauen übernommen, deren „engelsgleicher“ Gesang als besonders anziehend galt. Dass eine besonders hohe Stimme der kraftvollen Männlichkeit eines Feldherrn vielleicht nicht ideal entspricht – daran störte sich damals niemand. Jeder sang die Partie, für die sich seine Stimme am besten eignete. Kastrat und Sopranistin tauschten sogar in der Berliner Uraufführung von Cleopatra e Cesare in Berlin im letzten Akt die Rollen, um die Oper musikalisch zu Ende führen zu können.

Als die Kastraten aus der Mode kamen, setzte sich die heterosexuelle Ordnung auch auf der Bühne durch. Allerdings wurden Opern und Operetten mit Gesangseinlagen für Männerrollen mit hohen Stimmen noch immer komponiert und gespielt. Diese wurden dann von Frauen in sogenannten „Hosenrollen“ übernommen. Das bot auch noch einen pikanten Bonus, weil einen Blick auf das Bein einer Frau zu erhaschen, damals als höchst verwegen galt.

Charlys Tante und die Travestiekünstler

Im Übrigen leuchtet es ein, dass der Rollentausch natürlich dann besonders reizvoll und unterhaltsam ist, wenn die Geschlechterrollen in der Gesellschaft ansonsten ziemlich rigide sind. Insofern war der enorme Erfolg des englischen Theaterstücks „Charlys Tante“ von Brandon Thomas aus dem Jahr 1892 nicht wirklich überraschend. Die Farce erzählt von zwei Studenten, die mit zwei jungen Damen ausgehen wollen, dazu aber eine Anstandsdame brauchen. Weil die erhoffte Tante von Charly nicht rechtzeitig eintrifft, überreden sie einen Freund, eben diese Tante zu mimen…

Heute nicht mehr so bekannt, dafür damals umso mehr war die Britin Vesta Tilley (1864-1952), die in ihren Bühnenshows auch diverse Sketche einbaute, in denen sie die Männer ihrer Zeit karikierte.

Sie war über dreißig Jahre lang ein Star in der englischsprachigen Welt. Und sie war nicht die einzige, die als Frau mit der Imitation von Männern großen Erfolg hatte. Dragkings hat es genauso oft und prominent gegeben, wie Dragqueens – gerade an Orten, wo diese Kunst besonders populär ist, wie z.B. in San Francisco – von jeher eine Hochburg der „queeren Szene“.

Populärität über die „Szene“ hinaus erlangten meines Wissens in jüngster Zeit vor allem Dragqueens: wie „Dame Edna Everage“ – das Alterego des australischen Komikers und erfolgreichen Autors Barry Humphries. Mit dieser Figur trat der Komiker zum ersten Mal 1955 auf und hatte schließlich ihre Blüte mit einer eigenen Fernsehshow in England, die schließlich auch international ausgestrahlt wurde in den 80er und frühen 90er Jahren. Danach tauchte die Figur regelmässig in einer britischen TV-Serie auf und die 2000er Jahre waren geprägt von ihren Auftritten in einer zwei Personen Revue und in diesem Jahr gab Dame Edna ihre Abschiedstour… Barry Humphries ist letztes Jahr 80 geworden!

In Deutschland vielleicht bekannter ist das Travestieduo Mary & Gordy, alias Georg Preuße und Reiner Kohler die vor allem in den 80er Jahren höchst populär waren. Doch 1987 musste sich Kohler wegen eines Rückenleidens von der Bühne verabschieden und starb 1995 an Krebs. Preuße setzte seine „Mary“-Karriere bis in die 2000er Jahre solo fort.

Sowohl Humphries als auch Preußes und Kohlers Figur waren charakterisiert durch eine Überzeichnung des Weiblichen, viel Frivolität und grandiosen Kostümen – was typisch für das Genre der Travestie ist.

Gender-crossing zur Unterhaltung

Möglicherweise ist der Billy Wilder Film „Some like it hot“ (USA 1959) der lustigste „cross-dressing“ Film. Aber vielleicht weniger, wegen der beiden Musiker, die sich um der Rache der Mafia zu entgehen als Frauen verkleiden und fortan in einer Frauenband spielen, sondern weil der Film mit Tony Curtis, Jack Lemmon und Marilyn Monroe grandios besetzt ist und vor genialen Dialogzeilen nur so strotzt. Als ich den Film in den 80ern das erste Mal sah, habe ich Tränen gelacht. Doch als ich den Film vor einigen Jahren noch einmal sah, konnte ich mich zwar an Schauspiel, Dialog und Dramaturgie noch immer begeistern – doch das cross-dressing Element erschien mir eigentümlich überholt. Außerdem empfand ich den Film auf unterschwellige Weise als gleichzeitig männer- und frauenfeindlich…irgendwie menschenverachtend. Was, wenn man Wilders´ Biographie in Betracht zieht gar nicht so abwegig ist.

Vielleicht werde ich ihn nächstens noch einmal ansehen und meine Wahrnehmung überprüfen. Denn möglicherweise zeigt sich daran der Wandel unseres Zeitgeistes deutlicher, als man meinen möchte.

Eins der erfolgreichsten Bühnenstücke der 70er Jahre war „La Cage aux Folles“, was dann auch 1978 von den Franzosen verfilmt wurde. Die Handlung ist so simpel, wie spassig: ein Showproduzent und sein Travestiestar sind ein glückliches homosexuelles Paar mit Glamourfaktor – was alleine schon eine gewisse Komik garantiert – doch wird ihre Harmonie auf die Probe gestellt, als der Sohn des Produzenten aus seinem heterosexuellen Vorleben mit seiner Verlobten und deren hochkonservativen Eltern auftaucht. Um die Verlobung nicht zu gefährden, entschließt sich der Travestiekünstler auch im „normalen Leben“ die „Mutter“ zu spielen… Ebenfalls aus den Siebzigern stammt der Klassiker „Rocky Horror Picture Show“(USA 1975), ursprünglich ein Bühnenmusical, wurde es schließlich verfilmt. In dem Stück werden alle möglichen Grenzen auf unterhaltsame Weise überschritten werden und eben auch die Grenzen der Gender-Konventionen.

1982 kamen gleich zwei Filme zum Thema heraus, und – wie es der Zeitgeist so oft will – in eigentümlicher Komplementarität:

Der britische Filmhit Victor/Victoria, in dem die Engländerin Julie Andrews eine arme Sopranistin spielt, die erst Erfolg hat, als sie sich als „Graf Viktor Grazinski“ ausgibt, der Frauen darstellt… (Übrigens ein Remake eines deutschen Films von 1933.) ist gewissermaßen das Gegenstück zu dem amerikanischen Filmhit Tootsie: Dustin Hoffmann spielt einen brillanten Schauspieler, der als so schwierig gilt, dass keiner mehr mit ihm arbeiten will. Also gibt er sich als Frau aus und wird schließlich zum Fernsehstar…

Mitte der 90er Jahre war die Darstellung des bunten, aber auch zwiespältigen Lebens von Dragqueens noch so populär, dass die Amerikaner 1996 ein erfolgreiches US- Remake von „La cage aux folles“ mit Robin Williams und Nathan Lane in den Hauptrollen produzierten. Und auch der australische Independent-Film „Priscilla, Königin der Wüste (AUS 1994)“ wurde zum internationalen Erfolg. Eher eine Tragikomödie, erzählt der Film vom Schicksal dreier Dragqueens auf und abseits der Bühne.

Mit „The Crying Game“ (IRL 1992) erhält das Thema Einzug in das Genre des Psychothrillers. Vor dem Hintergrund der politischen Probleme Irlands wird auch die Vielfalt von Sexualität reflektiert.

Und weil seit mitte der 80er Jahre die Anzahl der Aidstoten immer weiter stieg, bekamen Homosexualität und Gender-Crossing eine neue, ernstere Aufmerksamkeit. Das mehrfach preisgekrönte Theaterstück „Angels in America“ (USA 1993) erzählt das Schicksal eines schwulen Paares, von dem einer an Aids erkrankt. Auf verschiedenen Handlungs- und Bewusstseinsebenen (viele der Figuren sind Engel und Geister) wird das Geschehen reflektiert. Es geht um Politik, um Homosexualität und um die amerikanische Geschichte.

Das Stück ist so geschrieben, dass mehrere Schauspieler mehrere Rollen übernehmen müssen und dafür mehr als einmal auch das andere Geschlecht darstellen.

Auch der spanische Filmemacher Pedro Almodovar liebt Figuren, die sich nicht eindeutig festlegen lassen und in seinem ebenfalls preisgekrönten Film „Alles über meine Mutter „(E 1999) spielen Transgender-Männer eine wichtige Rolle. Wiewohl der Film über die Almodovareske Dramaturgie verfügt in der höchste Tragik und höchste Komik berührend nah beieinander liegen und sich oft kreuzen, so zeigt er doch auf unaufdringliche Weise, wie zerrissen Transgender-Menschen oft sind. Es ist selten ein einfaches Schicksal – wenn ein Mensch von sich feststellt, dass sein Körper nicht zu seiner gefühlten geschlechtlichen Identität passt.

Trotz des anhaltenden Erfolgs von „La cage aux folles“ und vielen Dragqueen und einigen Dragking-Bühnenshows in vielen westlichen Großstädten, ist neben der Travestie nun auch der ernstere Aspekt der Gender-Mannigfaltigkeit Unterhaltungstauglich – und zwar durchaus auch in ernsten und dokumentarischen Darstellungen.

Die amerikanische Schauspielerin Glenn Close spielt die Titeltrolle in dem Film „Albert Hobbs“ (Irl/GB 2011), der die Geschichte einer Frau erzählt, die sich als Butler ausgibt, weil sie darin ihre einzige Chance sieht im Dublin des 19. Jahrhunderts selbstbestimmt zu leben.

Auch im Fernsehen gibt es inzwischen einige Serien, vor allem in Amerika, wo transgender-Charaktere mal als Haupt, mal als Nebenfiguren zu sehen sind, teilweise auch von echten transgender-Menschen gespielt.

2012 entschloss sich der deutsche TV Sender RTL 2 eine Doku-Serie auszustrahlen mit dem Titel „Transgender – Mein Weg in den richtigen Körper“. Darin werden sieben Transgender Personen auf ihrem Weg durch ihre Geschlechtsumwandlung begleitet. Dabei kommen auch Ärzte und Psychologen zu Wort. Bisher gibt es zwei Staffeln dieser Serie.

Und auch die Online-Plattformen widmen sich dem Thema. Amazon hat eine Serie mit dem schönen Titel Transparent (auf Englisch auch lesbar als Trans-Elternteil) produziert, in der ein älterer, geschiedener Vater beschließt, endlich einen langgehegten Wunsch zu verwirklichen und als Frau zu leben… Auch Netflix hat eine Transgenderfrau unter den Protagonisten seiner neuen Serie Sense8 – die auch tatsächlich von einer Transgenderfrau gespielt wird.

Außerdem gibt es übrigens einige Zeichentrickfiguren, die sich gerne mal als Frau verkleiden, wie Bugs Bunny und auch in den japanischen Manga ist das „cross-dressing“ fester Bestandteil der Figurengestaltung. Am bizarrsten vielleicht in den Futanari (das japanische Wort für Hermaphroditismus bzw. Androgynie) – einem pornographischen Genre von Computerspielen, Comics und Zeichentrickfilmen in denen die Figuren beide Geschlechter haben.

Ich glaube, die Entwicklung weit längst über die bereits erwähnten Dragkings und – queens hinaus. Zum einen gibt es längt einige prominente Transgendermänner, wie der Pornostar Buck Angel und Transfrauen, wie zuletzt Caitlyn Jenner, die spektakulär auf dem Cover von Vanity-Fair dieses Jahr ihre Entscheidung einer breiten Öffentlichkeit bekannt gab. Viele hatten auch schon ihren Übergang in der achtteiligen TV-Serie „I am Cat“ gesehen.

Transgender als Kunstform

Der vielseitige Musiker britische David Bowie und die jamaikanische Sängerin Grace Jones müssen unbedingt in diesem Kontext erwähnt werden, denn beide hatten massiven Einfluss auf die Musikszene und die Gesellschaft jener Zeit und teilweise bis heute.

David Bowies schillerndes Spiel mit Geschlechterrollen – wozu sein ohnehin apartes Aussehen mit zwei von Natur aus verschiedenen Augenfarben und markanten Gesichtszügen beitrug – und seine gelegentlich gezielt feminine und mindestens androgyne Erscheinung sowie das Schüren der Spekulationen über seine mögliche Bisexualität, machten sexuelle Mehrdeutigkeit in den 70er Jahren salonfähig.

Grace Jones wurde zunächst als Supermodel bekannt und schließlich als Sängerin. Die Tatsache, dass sie über zwei Oktaven singen kann, über 180 cm groß ist und ihr gezielt androgynes Erscheinungsbild prägte die Popszene der 80er Jahre und die Cross-Dressing Mode dieser Zeit.

Und dann gibt es jene, denen es dabei nicht um das Spektakuläre geht sondern, sondern die das ganze zu einer echten Kunstfigur erheben. In Deutschland haben wir die Kunstfigur Georgette Dee, eine Diseuse, Sängerin und Schauspielerin, deren bürgerlicher, männlicher Name der Öffentlichkeit nicht einmal bekannt ist.

Sie beherrscht perfekt die Gratwanderung zwischen den Geschlechtern – und drückt damit quasi in sich selbst die Faszination für die Qualitäten des anderen aus – indem sie zwischen beidem permanent changiert.

Denn das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ist nun auch grundsätzlich von dem Spannungsfeld des gegenseitigen Mysteriums und häufig von Erotik geprägt.

Obwohl es in ihren selbstgeschriebenen Chansons, selten vordergründig darum geht, ob ein Mann eine Frau liebt oder umgekehrt, so geht es doch immer um die Liebe selbst – zu beidem. Georgette lebt wirklich beide Seiten…auf eine poetische, berührende, oft humorvolle, erotische und souveräne Weise. In gewisser Weise ist sie längt ihr eigenes Genre.

Auch die immer gern glamouröse Conchita Wurst ist eine Kunstfigur, immer in Abendkleidern, mit langem Haar, perfektem Make-up – und Bart. Sie ist das Alterego des österreichischen Sängers Tom Neuwirth und wurde bekannt als die österreichische Grandprixsiegerin von 2014. Seit dem ist sie vor allem in der Schwulen- und Lesbenszene eine prominente Figur. Ihr Anliegen ist es Menschen mit ihrer Erscheinung zum Nachdenken anzuregen – über sexuelle Orientierung und das anders sein an sich. Amüsanterweise erinnert ihr Bild viele an Jesusdarstellungen und tatsächlich gibt es Kommentatoren die diesbezüglich Bezüge herstellen. Selbst Kinder erinnern die photographischen Darstellungen oft an den berühmten Erlöser – gerade wegen des zarten, scheinbar weiblichen Gesichts – mit Bart.

An dieser Stelle möchte ich auch die junge Britin indischer Herkunft, Harnaam Kaur erwähnen, die vor

einigen Monaten Internet-Ruhm erlangte. Aufgrund eines speziellen medizinischen Umstands, eines sogenannten polyzystischen Eierstocksyndroms hat sie einen extremen Haarwuchs. Weil sie in den Glauben der Shiks initiiert wurde und damit bewusst akzeptierte, dass sie nun ihren Haarwuchs nicht mehr unterdrücken können würde – da das Schneiden von Haaren im Shik-Glauben untersagt ist, hat sie diesen – in ihrem Fall unfreiwilligen – Look beherzt angenommen und entschied sich gegen die gesellschaftliche Definition, wie Frauen auszusehen haben, zu wehren. Sie sagt: „Wir müssen begreifen, dass ein jeder von uns anders ist. Wir sind alle unperfekt perfekt. Ich möchte der Gesellschaft zeigen, dass wir alle unsere Individualität feiern können. Ich liebe meinen Bart und werde ihn ewig wertschätzen.“

Symptom des Zeitenwandels

Aber egal ob als Kunstfigur oder aufgrund eines mutigen Bekenntnisses zur eigenen Besonderheit: ich glaube, dass die Genderdiskussion derzeit so viel Aufmerksamkeit erfährt ist ein Hinweis. Genau wie die bereits erwähnte bärtige Venus im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung ein Ausdruck des Übergangs vom Matriarchat zum Patriarchat war, so stehen wir wohl wieder an der Schwelle zu etwas Neuem – weg vom Postpatriarchat und dem Postfeminismus hin zu etwas, in dem weder das eine noch das andere Geschlecht dominiert. Sondern wo echte Balance und Harmonie möglich sind und wir erforschen können, was uns individuell anzieht und anziehend macht und dabei bewusst unsere Einzigartigkeit feiern – gemeinsam!