Kraftquelle Haar – Teil 1: Färben oder nicht färben?

Dieser Blog sollte eigentlich eine aktuelle Bestandsaufnahme zum Mythos Haare sein… aber, wie das immer so ist, wenn man seinen Fokus auf ein bestimmtes Thema lenkt, so drängt sich auch der persönliche Bezug ins Bewusstsein und also habe ich mich auch mal wieder mit meinen eigenen Haaren auseinander gesetzt… Und so ist dieser Blogeintrag schließlich zum Zweiteiler geworden. Der erste Teil widmet sich meinen persönlichen Fragen, der zweite eher einer allgemeinen Betrachtung. Aus jüngsten Erfahrungen drängt sich mal wieder die  fundamentale Frage für mich auf: Färben oder nicht färben?

Die Macht der Natur

Die, die mich kennen, wissen, dass die Grauhaarigkeit bei mir mit auf natürliche Weise Mitte zwanzig begann – damals hab ich natürlich noch gefärbt… Diese ganze Geschichte habe ich schon vor drei Jahren in meinem alten Blog mit dem Titel „Powergrau“ niedergeschrieben. (Siehe unten)  Und damals war ich noch uneingeschränkt der Meinung, dass man die konditionierte Wahrnehmung von Grauhaarigkeit = alt,  wandeln könnte und dachte, dass die vielen Menschen, die sich die Haare aus modischen Gründen grau färben ein ermutigender Ausdruck dessen sind. Denn um die Haare grau zu färben muss man es wirklich wollen und bereit sein, Zeit und Geld zu investieren – das ist mit einer Schnellpackung vom Drogisten nicht getan.

Ich persönlich färbe seit nunmehr neun Jahren nicht mehr und finde es in vielerlei Hinsicht wunderbar: kein finanzieller und zeitlicher Stress mehr mit den Biofärbemitteln. Es gibt da natürlich ganz wunderbare, die hinterher super aussehen und auch für den Stoffwechsel keine Belastung sind. Doch sind sie für jemanden, wie mich, bei dem die weißen Haaransätze spätestens nach zehn Tagen schon wieder sichtbar werden – eine kostspielige Angelegenheit und da die Einwirkzeit vier Stunden berät eben auch zeitaufwendig. Und außerdem liebe ich Natürlichkeit und Authentizität…

Ungefärbt und lang

Außerdem habe ich Glück, mein Haar ist voll und kräftig und nachdem ich zehn Jahre lang einen Pagenkopf trug, stand mir der Sinn nach was anderem und so habe ich inzwischen so etwas wie eine über schulterlange Silberfuchsmähne. Weil mir das glücklicherweise einigermaßen steht und meine Gesichtszüge ansonsten vielleicht sogar jünger wirken, als ich tatsächlich bin, ist dies eine wilde Mischung, die vielen gefällt oder mindestens auffällt. Tatsächlich drehen sich gelegentlich sogar Menschen auf der Straße nach mir um oder starren mich in der Bahn unverhältnismäßig lange an…

Am meisten Eindruck macht dies bei Frauen und so manchen Männern, die mein Bekenntnis zum grauen Haar aus verschiedenen Gründen mutig finden. Und ganz besonders anziehend finden das viele Männer, die sich bereits dem Pensionsälter nähern oder schon längst darin sind…

Und das ist mein Problem: Oft stelle ich fest, dass die meisten Männer sich in der Regel für jüngere Frauen begeistern, und/oder für jene, welche Unschuld, Frische und Jugendlichkeit ausstrahlen…

Die Macht der Konditionierung

Ich wußte, als ich aufhörte zu färben, dass ich damit umgehend mindestens zehn Jahre älter aussehen würde als ich tatsächlich bin… und dachte jetzt, mit beinahe fünfzig, würde es allmählich stimmig wirken. Aber weit gefehlt: denn jetzt habe ich ein wenig die Aura der „weisen, alten Indianerin“ was sicherlich grundsätzlich attraktiv ist, aber womit ich offenbar oft aus dem Beuteschema vieler Männer falle, die ich meinerseits attraktiv finde.

Denn die unterbewusste Konditionierung „Frau mit grauem Haar = Großmutter“ greift auch bei Männern, die es natürlich eigentlich besser wissen. Doch wir wählen unsere potentiellen Partner zunächst einmal nicht mit dem Verstand – irgendeine kryptische multidimensionale Chemie aktiviert sich…die zu entschlüsseln Parfumeure, Modedesigner und Datingcoachs, Sexualtherapeuten und Heiratsvermittler seit Beginn unserer Paarkultur zu ergründen versuchen…

Aus lauter Ratlosigkeit nennen wir das Magie und die läßt sich vielleicht ein bißchen verstärken oder schwächen aber nicht grundsätzlich und auf Dauer manipulieren. Da greifen Dynamiken, die wir bisher noch nicht vollkommen erfassen können und irgendwie ist das ja auch beruhigend, denn dann spielt letztlich auch die Haarpracht nur noch eine untergeordnete Rolle… Wenn´s passt, passt´s, wenn nicht, eben nicht.

Chancen erhöhen!

Doch um herauszufinden, ob „es“ passt oder nicht, muss ja erst einmal ein gewisser Kontakt zustande kommen und genau da hakt es gerade bei mir. Denn obwohl ich nicht im mindestens Lust habe, meine Haare zu färben, habe ich noch viel weniger Lust, bei den Beutekategorien ständig weiter in der Rentnerrubrik zu landen. Also habe ich mir Input von Freunden und Freundinnen geholt und natürlich erklären die einen, sie würden unbedingt färben, oder wenigstens tönen oder Strähnchen machen lassen… Die anderen erklären, ich könnte mich doch keineswegs nur wegen des „Markts“ und für potentielle Partner verbiegen… Und die ganz schlauen erklären, maßgeblich sei doch das Gefühl meiner eigenen Attraktivität: wenn ich mich selbst – egal wie – attraktiv und sexy fühlte…würde sich das doch auch möglichen Interessenten vermitteln! Und schließlich gibt es noch jene, die vorsichtig darauf hinweisen, dass ich vielleicht Männern, die mich interessieren, meinerseits deutlichere Signale zur Kontaktbereitschaft geben müsste, damit sie zwischen all den Häschen, Gazellen, Löwinnen  und sonstigen Beutetieren…durchaus auch mal eine Silberfüchsin in Erwägung ziehen können.

Ich bin in mich gegangen und habe entschieden, dass das Färben meiner Haare für mich wirklich nicht in Frage kommt. Allerdings habe ich gezielt meinen Kleidungsstil überprüft, damit er weder der Kategorie „Spätes Mädchen“ noch der Kategorie „Flotte Oma“ entspricht, entschieden doch gelegentlich etwas mehr Make-Up zu benutzen,  und mir auch vorgenommen, noch selbstbewusster zu meinem Äußeren zu stehen… in der Absicht künftig weniger das Bild der weisen, abgeklärten, alten Indianerin in anderen zu erwecken, sondern dass einer klugen, forschungsfreudigen, abenteuerlustigen und sinnenfrohen Frau im besten Alter!

POWERGRAU

Mein erster Artikel zum Thema vom 23. März 2013, aus meinem alten Blog „Notizen einer Alltagsgöttin“.

Heute fiel mir zum ersten Mal eine Anzeige in der Zeitung für „Powergrau“ auf – eine deutsche Haarschampoofirma scheint seit einiger Zeit ein Herrenprodukt gezielt mit dem Slogan „Die neuen grauen Männer“ zu bewerben – bisher habe ich damit immer die grauen Herren, die Zeitdiebe in Michael Endes Roman Momo assoziiert.

Aber nicht so der Haarwaschmittelhersteller, sie empfehlenden Gebrauch ihres Haarwaschmittels, weil es den „schmuddeligen Gelbstich“ in eben jenes Powergrau umwandelt. Weiter heißt es in der Anzeige, dass zunehmend mehr Männer in der Öffentlichkeit von dem Powergrau Gebrauch machen… Subtext: es macht alle seriöser und sexier… Von jeher gelten die grauen Schläfen bei Männern von Cary Grant bis George Clooney als ultra attraktiv.

Aber bei den Frauen? Was ist mit Powergrau für die Powerfrau? Wer mich persönlich kennt, weiß, dass ich seit ich dreißig bin erstaunlich grau für meine jungen Jahre war – tatsächlich fing es schon mit Mitte 20 an – damals färbte ich voller Empörung mein Haar sofort und hatte dann in den folgenden Jahren mal rotes, mal blondes, mal gestreiftes (blond und dunkelbraun) Haar….

Mit 33 hatte ich dann das erste Mal den Mut wirklich dazu zu stehen – denn ein junges Gesicht und diese stählerne Haarfarbe haben einen gewissen Charme. Aber nur wenn man gerade nicht blass ist. Mit diesem Look war ich 2001 in China und sah leider nicht immer so fit aus, wie ich es mir gewünscht hätte: die Zeitverschiebung und die miese Luft in den chinesischen Hotels forderten einen gewissen Tribut. Die Folge: viele völlig erstaunten Chinesen starrten mich an und bei einer Gelegenheit erkundigte sich eine Chinesin mittels des Dolmetschers, ob ich früh sterben wolle…

Genauso erfuhr ich mit gewissem Interesse, dass wenn Frauen graues Haar haben, dies eine Botschaft der Natur ist, dass die Frau ihre Fruchtbarkeit eingebüßt hat… Und also sind zeugungswillige Männer von Frauen mit grauen Haaren bewusst oder unbewusst eher abgetörnt.

Entsprechend interessant waren auch immer die Reaktionen verschiedener Männer auf meine ach so authentische Haarfarbe: von vielen kriege ich bis heute richtig schöne Komplimente. Tatsächlich haben mir schon wildfremde Männer auf der Straße oder in Bahn deswegen sehr nette Dinge gesagt.

Andererseits habe ich beim Onlinedating die Erfahrung gemacht, dass kaum, dass ich mein Foto – mit dem deutlich grauen Haar – freigeschaltet hatte, die vorher schier euphorischen Herren sich abwandten. Übrigens je älter, desto schneller…

2005 habe ich dann meine Haare wieder eine Weile gefärbt – weil mir nach einer gründlichen Veränderung war und der 50er Jahre Effekt mit neuem Hut oder neuen Schuhen in unserer Zeit so schrecklich wirkungslos ist. Also habe ich dank eines wunderbaren Bioprodukts einen phantastischen Dunkelschokoladenbraunen Schopf gehabt.

Der Effekt hielt genau zehn Tage – denn meine Haare wachsen so schnell, dass in Nullkommanichts meine Ansätze wieder zu sehen waren und ich verlor bald die Lust, dauernd meine Ansätze zu färben – Bio bedeutet nämlich dass die Färbeaktion 4 Stunden dauerte…und außerdem Kostspielig war: eine Packung kostete über 20 Euro…

Also hat meine Faulheit und schließlich mein Bedürfnis nach Authentizität gesiegt und nach einer mutigen Phase, in der ich praktisch zwei Haarfarben hatte: grau vorne und rotbraun hinten, habe ich alles Gefärbte abschneiden lassen, und hatte einen sexy Kurzhaarschnitt – ganz in grau. Jetzt sind sie wieder etwas länger und ich habe im Allgemeinen einen grauen Pagenkopfhaarschnitt.

Kleine Kinder sprechen von mir gerne als Oma und die Assoziation zur Hexe schwingt auch immer wieder mit. Dazu passt auch die mythologische Sichtweise: ein Bekenntnis zur eigenen Grauhaarigkeit ist auch immer ein Ausdruck von großer Weisheit und innerem Frieden: Menschen mit grauem Haar sind mit sich und dem Leben im reinen und versuche nicht, etwas zu sein, was sie nicht sind… Das gefällt mir!

Meine Erkenntnis: wir Grauhaarigen werden – in Deutschland schon aus demographischen Gründen – immer mehr. Schon seit einigen Jahren bezeichnen Schauspieler das Publikum vor ihnen als „Baumwollfelder“.  Ich bin gespannt, ob graues Haar irgendwann eine Neubewertung erfährt – weg von alt, biologisch unfit und hexig…hin zu weise, von reifer Sexualität jenseits von Fortpflanzung und zauberhaft… Ich jedenfalls bin bereit, meinen Beitrag dazu zu leisten!