Göttin aus der Balance

So erlaubte sich ein lieber Freund meine Situation zu charakterisieren, als er mich vor fünf Wochen im Krankenhaus besuchte, weil man meine gebrochene Schulter operiert hatte. Jetzt habe ich drei kleine Schrauben in meinem rechten Oberarmknochen.

Was geschah

Vor fünfeinhalb  Wochen erwartete ich um 17.45 Uhr eine Klientin und wollte vorher noch das Wasser im Wasserkrug erneuern und das alte in die Balkonpflanzen gießen. Doch meine spielende Katze hatte eine Teppichfalte aufgeworfen. Ich wollte der Katze und dem Teppich ausweichen, übersah aber das im Teppich verborgene Spielstöckchen und darüber stolpernd, stürzte ich so unglücklich, dass mir der Krug aus der Hand fiel und mit der rechten Schulter auf die Dielen knallte. Der Knall war genauso hör- wie fühlbar und der Schmerz war unbeschreiblich intensiv. Mir war sofort wahnsinnig übel und ich lag nur auf dem Rücken, hielt mir die Schulter inmitten der Scherben eines Glases, dass ich auch noch hatte ausleeren wollen, dem Wasser aus dem Krug und dem Krug selbst – der das ganze unbeschadet überstanden hatte.

Ich riss mich zusammen, in dem Wissen, dass meine junge Klientin jeden Moment klingeln würde – tatsächlich hatte sie den Sturz auf der Straße durch meine offene Balkontür sogar gehört. Kaum stand ich im Flur, klingelte sie und als sie herein kam, bat ich sie, das Chaos in meinem Wohnzimmer zu beseitigen. Ans gemeinsame Arbeiten war nicht mehr zu denken. Hilfsbereit und freundlich räumte sie die Scherben weg, wischte das Wasser auf, holte mir Rescue-Tropfen aus meinem Küchenschrank, half mir zu trinken…während ich vom Schock zitternd auf meiner Couch lag und der Schmerz stetig zunahm. Sie blieb noch einige Stunden, half mir, auf die Toilette zu gehen, ins Bett zugehen – ich behielt mein Jerseykleid einfach an, An- und Ausziehen war mir schlicht unmöglich. Dann fütterte sie die Katze und verließ meine Wohnung mit dem Löschen des Lichts. Ich telefonierte im Dunkeln noch mit lieben Freunden und gemeinsam meditierten wir auf die Heilung meines Arms. Dann lag ich zwischen meinen Telefonen im Bett und betete mehr oder weniger ununterbrochen, dass es nur eine Prellung sein möge. Ich schlief wenig – unruhig vor lauter Angst und Schmerz und der mir dräuenden Szenen, wie ich mit dieser Unbeweglichkeit fertig werden sollte. Inzwischen war der Schmerz so schlimm, dass es mir unmöglich war, aufzustehen, den Oberkörper aus dem Liegen aufzurichten. Doch ein Kochtopf, den mir meine Klientin hingestellt hatte, und bevor sie ging noch einmal leerte, leistete gute Dienste. Mir wurde immer klarer, dass mein Leben gerade eine ungeplante Veränderung erfahren hatte, deren Ausmaß ich noch lange nicht würde absehen können.

Die Dinge nehmen ihren Lauf

Das begann schon mit meiner Klientin: angesichts dieses plötzlich äußerst intimen Miteinanders wandelte sich unser eher professionelles Verhältnis an diesem Abend zu einem freundschaftlichen. Sie fand ihr eigenes Verhalten selbstverständlich und ich war einfach nur dankbar, dass sie wie ein rettender Engel genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen war. Sie war dann auch in den drei Wochen nach dem Krankenhaus einer derjenigen, die mir mit dem Haare waschen und Duschen half…denn anfänglich durfte die Operationsnarbe nicht nass werden und so hatte ich mit einer anderen klugen und hilfsbereiten Freundin ein feines Patent aus Cellophanfolie, Crepeband und einer Plastiktüte entwickelt, dass die Wunde trocken hielt, mich allerdings noch unbeweglicher machte. Und also saß ich wie eine Statue in meiner Wanne auf einem Hocker und wurde abgeduscht…

Und wieder war ich vor allem und immer wieder äußerst dankbar, dass spontan zwölf Menschen ihre eigenen Pläne umgeworfen oder angepasst hatten, um mir zu helfen.

Eine Freundin und ihr Mann, boten neben der gemeinsamen Meditation auf meine Heilung sofort ihre Hilfe an. Die Freundin war es dann auch, die mich am nächsten Vormittag in die Notaufnahme des Klinikums bei mir gegenüber begleitete und trotz unseren fleißigen Meditierens, Visualisierens und Intendierens für einen guten Ausgang, wurde es etappenweise schlimmer: der erste Arzt, ein netter junger Spanier, hob und zog prüfend meinen rechten Arm. Das war schmerzhaft. Auf meine ängstliche Frage „Prellung oder Gebrochen?“ antwortete er: „Röntgen.“ Die Röntgenschwester bat mich, das Kleid auszuziehen und ich schüttelte den Kopf: „Geht nicht.“ Während sie mir liebevoll die Bleischürze anlegte, fragte sie, was passiert sei und ich erklärte, ich sei über ein Katzenspielzeug gestolpert. Dann verließ sie den Raum für die Aufnahme und als sie wieder kam, erklärte sie, ich möge der Katze nicht böse sein, der Arm sei gebrochen…

Dann war ich wieder bei dem jungen Spanier und er erklärte, er hole jetzt einen Fachkollegen für Schulterchirurgie und in der Zwischenzeit bekäme ich Schmerztabletten und einen sogenannten „OmoLoc-Gürtel“. Das ist so eine Art Nierengürtel mit drei Schlaufen versehen und Klettverschlüssen der, den Oberarm seitlich am Körper fixiert und Unterarm auf dem Bauch. So wird die Schulter stabilsiert. Immerhin hatte ich die rechte Hand etwas frei und die war und blieb auch glücklicherweise beweglich.

Der Schulterspezialist erklärte, es handele sich um eine Fraktur. Noch im Schock und von Wunschdenken geprägt, dachte ich eher an einen Sprung, wie in einer Keramikschüssel und meinte: „Aber nicht gebrochen?“ Woraufhin meine liebe Freundin, die mich begleitete, bemerkte: „Lisa, eine Fraktur ist ein Bruch!“ Dem Schulterchirurgen zuckte ein Schmunzelnd über die Lippen, aber sein Mitgefühl behielt die Oberhand und er erklärte, wie er das zu operieren beabsichtige und glücklicherweise sei am Montagmorgen gerade ein OP-Termin frei geworden… und vorher sollte ein MRT stattfinden. Dann verabschiedete er sich und auch meine Freundin musste dann ihrem Tagwerk nachgehen, erklärte, aber sie würde mich später mit ihrem Mann abholen. Denn das Wochenende sollte ich bei  ihnen verbringen. Schließlich war ich alleine völlig unbeholfen – ich hätte mir nichts zu essen machen, geschweige denn die Katze füttern können. Das übernahm freundlicherweise sofort eine darin längst geübte Nachbarin.

Ich verbrachte dann die nächsten zwei Stunden in der Klinik mit dem Ausfüllen von Formularen, Vorgesprächen für die OP, u.a. mit der Finanzabteilung und dem Narkosearzt. Alle waren freundlich, alle waren hilfsbereit – mich Hinzusetzen war zu schmerzhaft, also durfte ich stehenbleiben und weil ich nur mit Mühe schreiben konnte, weil ja der Verband meinen rechten Arm fixierte, hielten sie mir Klemmbretter mit den Formularen genauso hin, dass ich sie ausfüllen und unterschreiben konnte.

Ich kam heil alleine nach Hause. Die Klinik ist fußläufig von meiner Wohnung und die Haustür bekam ich glücklicherweise auch problemlos auf und dann verbrachte ich ein paar Stunden damit, meine nächsten vier Wochen umzugestalten: ich sagte sämtliche Termine ab: Klienten, Physiotherapie, Qi Gong, einigen Freunden und musste außerdem zwei Reisen absagen, bzw. Gastgebern und Mitreisenden mitteilen, dass ich mit größter Wahrscheinlichkeit ausfiele – ich hatte noch immer die naive Vorstellung, gegebenenfalls auch mit Arm in der Schlinge reisen zu können… Dann suchte ich meine Sachen für die Klinik zusammen – meine Freundin packte sie später- und meinen Autoresponder für Emails einrichten. Am Abend kamen meine Freunde und packten mich mit allem ein, ich verabschiedete mich von meiner Katze, wohl wissend, ich würde meine Wohnung erst nach dem Klinikaufenthalt wieder betreten…

Das Wochenende war sonnig und warm und während meine lieben Freunde, die obendrein gerade umgezogen waren, mich liebevoll umsorgten und sich ansonsten ihren Umzugskartons widmeten, saß ich auf ihrem schönen neuen Balkon, las und meditierte so vor mich hin… Denn, meine Haltung zu diesen Dingen ist, dass es keine Zufälle/Unfälle gibt, jeder Erkrankung eine Botschaft innewohnt und dass es nun galt, sich dem Heilungsprozess hinzugeben und sich dem dazugehörigen Erkenntnisprozess zu öffnen.

Am Sonntagabend meditierten wir zu dritt nochmals gemeinsam auf meine Heilung und mein Freund erklärte, er wünsche mir, dass ich die bestmögliche Behandlung und das optimale Operationsteam für meine Schulter erhielte. Diesen Wunsch unterstützte meine Freundin und ich nahm ihn von Herzen an.

In der Klinik

Absurd braungebrannt – von zwei Tagen in der Sonne und stocknüchtern für die OP brachte mich meine Freundin Montagmorgen zur Klinik…und es folgte  zwei surreale Stunden, die von einer Kette von Missverständnissen geprägt waren… Ich hatte die Ansage des Chirurgen, um acht schon beim MRT zu sein, nicht mehr richtig erinnert, aber auch die Diensthabende Schwester auf der Station, auf der ich am Vorabend anrufen sollte, um den Termin zu bestätigen, bemerkte nur, ich würde auf der Station erwartet. Dann habe ich obendrein die Stationen verwechselt und die diensthabende Krankenhausangestellte, die das Missverständnis hätte flugs aufklären können, war an diesem Morgen krank gemeldet und keiner der anderen kam in ihr Büro. Erst als mich um zehn der Schulterchirurg auf dem Handy anrief, klärte sich das Missverständnis auf… Und er meinte, ich müsse jetzt länger auf die OP warten… aber in so einer Verfassung, spielt Zeit eine untergeordnete Rolle. Doch als ich endlich auf der richtigen Station war – wo man mich schon gesucht hatte, hatte die Absurdität ein Ende und kaum hatte meine Freundin mich verlassen, um ihren Verpflichtungen nachzugehen, kam schon die Oberschwester der diesmal richtigen Station und präparierte mich für die OP. Sie stellte amüsiert fest, dass meine ganze Kleidung lila sei – ich trug eine weite lila Bluse und eine lila Jogginghose… anderes war mit dem verletzten Arm nicht möglich und das bekam der Krankenpfleger mit, der mich im Bett unter dem Klinikgelände durch diverse Kellerflure zur OP fuhr. Unterwegs bemerkte er, ob ich wüßte, was man über die Farbe lila sagen würde, es würde mir aber wohl nicht gefallen. Ich entgegnete er meine wohl, es sei die Farbe frustrierter Frauen und er sagte: Die Farbe der sexuell frustrierten. Und ich nickte und meinte, dies sei ja kaum auf Frauen beschränkt, denn sonst würden wohl kaum die Kardinäle alle lila tragen… Und dann erklärte ich ihm, dass das wohl vor allem in den achtziger Jahren eine populäre Reaktion auf die Farbe war, weil damals das Frauenmagazin Emma (Erstausgabe 1977) mit seinem pinken Frauenzeichen als Logo oft Aufmerksamkeit erregte. Aber dennoch stellte ich mir die Frage, woher eigentlich dieser Spruch kommt – ob nur die Emanzipationsbewegung dahinter steckt. Inzwischen habe ich das recherchiert und es geht wohl tatsächlich auf die katholische Kirche zurück: früher galt es in der Adventszeit als besonders fromm, sexuell abstinent zu sein und weil die Priester dann während der Messe lila tragen…war es eben die Farbe lila…die für so manche abstinenten ihren Frust illustrierte…

Weil nun keine Zeit mehr für ein MRT war, hatte man sich für eine Arthroskopie entschieden und gleich darauf die OP. Ich erhielt das Narkosemittel intravenös…und hatte das Gefühl zunehmend nach hinten zu kippen. Ich fand es nicht besonders angenehm, bekam aber gerade noch mit, dass andere das wohl regelrecht genießen…

Drei Stunden später lag ich im Aufwachraum und wurde wieder von meinem Pfleger zurück auf die Station gefahren. Diesmal fragte er mich, was passiert sei und ich wiederholte die Geschichte vom Katzenspielzeug, woraufhin er erklärte, Katzen seien ja äußert gefährlich und berichtete von Gruselgeschichten, wo Menschen aufgrund des ach so giftigen Katzenspeichels eine lebensgefährliche Sepsis erhalten hatten oder ihnen aufgrund eines Katzenbisses ein Zeh amputiert werden müsse. Ich musste lachen, was nicht ganz schmerzfrei war und entgegnete, medizinisches Personal habe wohl meist eine etwas verschobene Sicht auf die Realität: die meisten Bürger hätten mit ihren Katzen keine gesundheitsgefährdenden Probleme und auch das Katzenspielzeug, bzw. die Teppichfalte hätte ich ja beseitigen können… Die Katze treffe keine Schuld.

Ich hatte ein sehr schönes Einzelzimmer auf der Station – hatte entschieden, den Zuschlag für ein Einzelzimmer selbst zu zahlen. Denn die Idee mit einer möglicherweise schnarchenden Zimmergenossin und einem flackernden Bildschirm schlafen zu müssen, erschien mir äußerst unattraktiv. Die Schwester, die den Fernseher für mich aktivieren wollte, war verblüfft, als ich das ablehnte. Ich läse lieber…Und das habe ich dann auch gemacht. Dank meinem Tablet musste ich die rechte Schulter und den Arm kaum bewegen und nach drei Stunden konnte ich dann auch endlich wieder alleine aufs Klo gehen. Noch immer hatte keiner der Mediziner mit mir gesprochen – aber ich vermutete, dass alles glatt gegangen war – denn sonst hätte garantiert einer was gesagt. So erfuhr ich erst am nächsten Morgen bei der Visite vom Oberarzt, dass es sich entgegen der Wahrnehmung auf dem Röntgenbild, es sich nicht um zwei, sondern nur um einen Bruch gehandelt habe. Das habe die Arthroskopie ergeben und ein MRT sei gar nicht nötig gewesen. Medizinisch betrachtet, sei es ein kleiner Routineeingriff gewesen. (Tatsächlich sind die Narben sehr klein.) Dann setzten er und sein Geschwader ihre Tour fort und ich geriet ins Grübeln.

Die Kraft des Geistes

Wir hatten die Heilmeditationen auf meine Schulter das ganze Wochenende fortgesetzt und andere Freunde, die davon inzwischen erfahren hatten, hatten mich geistig auf ihre Art unterstützt. Ich bin sicher, dass dies den einen Bruch bereits geschlossen hatte – wer weiß, mit wieviel Meditation und Vertrauen darin, dass mit dem Geist auch abgespaltene Knochen wieder zu vereinen sind, sich die OP vielleicht erübrigt hätte. Doch offenbar war noch eine höhere Intelligenz am Werk, die mir nun drei Titanschrauben im Kopf des rechten Schulterknochens beschert hat – die ich, weil wir ja nun dauerhaft in diesem Körper zusammenwohnen, liebevoll Tick, Trick und Track nenne.

Und die merkwürdigen Verzögerungen am Morgen vor der OP machten plötzlich Sinn: meine Freunde hatten mir ja das bestmögliche OP-Team gewünscht, tatsächlich sagte mir der Narkosearzt, ich hätte ja schon um acht da sein sollen, aber da hätten wir noch nicht das Vergnügen miteinander gehabt, er sei gerade erst gekommen… und außerdem wurde so auch das MRT verhindert, von dem ich persönlich das deutliche Gefühl hatte, dass der höllische Lärm, den man dabei hört mich eher stressen, als entspannen würde – Entspannung ist aber gut für die OP… Und also fügte sich eins zum anderen.

Und ich meditiere seitdem oft und intensiv auf meine Schulter, stelle mir vor, wie Heilenergie ungehindert durch sie hindurchfließt, wie ich mit beiden Armen freudvoll tanze, Menschen umarme, schwimme, bildhauere, koche usw.

Betreuung

Dabei wurde ich immer wieder unterstützt von diversen freundlichen Besuchern und Anrufern. Und wirklich alle boten sofort und uneingeschränkt ihre Unterstützung an. Sei es, dass sie mich einluden, bei ihnen zu wohnen oder sogar, zu mir zu ziehen, bis ich wieder einigermaßen beweglich war. Denn die ersten vierzehn Tage sollte ich den Arm ja möglichst ruhig halten und naß werden durfte die Operationsnarbe auch nicht…

Also verbrachte ich den Mittwoch SMS-schreibend und telefonierend im Bett – und organisierte mir meinen Betreuungsdienst und sagte betrübt meine Reisen endgültig ab… Keiner war überrascht.

Zwischendrin kam noch ein Pfleger und wollte mich mit dem Bett zum Kontrollröntgen fahren. Weil ich aber zu Fuß durchaus beweglich war, bat ich, ob wir zu Fuß gehen könnten. Das war nicht gestattet, aber Rollstuhl ging und weil man dann auch überirdisch zur Röntgenstation kommt, fuhren wir durch herrliches Herbstwetter über das schöne Klinikgelände. Als ich auf dem Rückweg mich der frischen Luft erfreute, machte der Pfleger sogar eine extra Runde mit mir durch den Park!

Außerdem kam auch ein netter phantastisch kompetenter Physiotherapeut und massierte meine Rückenverspannungen und regte mich schon zu ersten Bewegungen an. Überhaupt gab es dazu unterschiedliche Ansagen und ich entschied, meinen eigenen Impulsen zu folgen.

Wenn es nach dem Oberarzt gegangen wäre, hätte er mich – schon am zweiten Tag nach der OP entlassen, doch die Oberschwester meinte einen weiteren Tag dranzuhängen…und sie hatte Recht. Denn fit genug fühlte ich mich erst am Donnerstag und Mittwoch musste ich auch noch meinen Betreuungsdienst organisieren.

Wieder Zuhause

Eine liebe Freundin holte mich ab und brachte mich nach Hause – und mir wurde klar, dass die geographische Entfernung winzig ist – man kann von der Notaufnahme der Klinik mein Haus sehen, dass aber die psychische gewaltig ist: selbst wenn es mir gestattet gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich nicht einfach meine eigene Wohnung und meine Katze besucht… Die ja nunmehr praktisch eine Woche allein war.

Sie reagierte dann auch ganz ungewohnt bei meiner Rückkehr. Wenn ich sonst von einer Reise komme, begrüßt sie mich leise miauend im Hausflur und streicht mir um die Beine. Doch diesmal wich sie mir maunzend aus und als ich sie anfasste, fauchte sie sogar. Erst eine Dreiviertelstunde später, als meine Freundin mich geduscht hatte, wie eine Vierjährige, ließ sie sich wieder streicheln und war dann auch von da an wieder sehr anhänglich. Inklusive ihrer Angewohnheit, wenn ich länger weg war dann in den Anfangsnächten auf meinem Bauch zu treteln, bis ich richtig wach bin – vorzugsweise morgens um halb vier

Meine Freundin meinte, die Katze habe wohl ein schlechtes Gewissen, denn schließlich habe sie ja den Sturz verursacht. Ich bin mir nicht so sicher. Ich denke eher, dass der Sturz, bei dem sie ja dabei war, auch sie massiv erschreckt hat und vor allem, dass ich sie von einem Moment auf den anderen nicht mehr in gewohnter Form streicheln konnte. Ich konnte mich nicht zu ihr hinunterbeugen und auch wenn sie auf meinem Schreibtisch saß, nur mit einer Hand. Das könnte sie als Liebesentzug wahrgenommen haben.

Und vielleicht war ihr auch der Klinikgeruch unangenehm…und vielleicht hat sie in der ihr eigenen Weise auch gespürt, dass ich eben nicht auf einer gewöhnlichen Reise war…

Dann folgten knappe drei Wochen an denen ich bestens von zwölf lieben Menschen wunderbar versorgt wurde: sie halfen mir u.a. beim Duschen/Haare waschen, Wäsche waschen, Katze füttern, Katzenklo sauber machen, kauften ein, bekochten mich und flochten mir einen Zopf. Die ersten fünf Tage kam immer morgens und abends jemand, dann zwei Wochen lang nur noch einmal am Tag und schließlich nur noch alle zwei oder drei Tage und inzwischen komme ich weitestgehend alleine klar. Nur Glühbirnen auswechseln und Bett beziehen geht noch nicht, aber ich kann mich wieder vollständig alleine anziehen und seit die Narbe nass werden kann, auch wieder die Haare waschen – mit links!

Außerdem begann ich eine Woche nach der OP mit intensiver Physiotherapie: dreimal die Woche. Es ist bemerkenswert, wie schnell manches ging und wie langsam anderes. Halbwegs tippen ging von Anfang an – inzwischen ist es problemlos, auch wenn ich häufiger Pausen mache als sonst. Mittlerweile hat die sechste Woche nach der OP begonnen und ich kann mir noch immer nicht selbst einen Zopf flechten – ich komme mit dem rechten Arm nicht so weit nach hinten. Pullover anziehen ist leichter, als sie auszuziehen – anfangs trug ich ohnehin nur Strickjacken und Hosen mit Gummizug und einen Poncho, der ein optimales Kleidungsstück ist, wenn man die Arme nicht heben kann. Jeden Tag gab gibt es etwas, was erfreulicherweise wieder geht: wie BEIDE Hände unter den Wasserkran halten zu können, die Jeans wieder zuzukriegen, eine Flasche aufzuschrauben (mit links)… Inzwischen kann ich schon fast wieder alle Bewegungen mit rechts machen, aber manche sind noch sehr schmerzhaft und teilweise fehlt mir die Kraft. Auto fahren wäre wohl aufgrund der Gangschaltung wohl noch schwierig. Doch kriege ich schon genau eine bestimmte Haarspange befestigt, kann weiche Äpfel und Lauch kleinschneiden, eine harte Zitrone oder Zwiebel jedoch noch nicht… Ich denke, in drei Wochen kann ich auch wieder zum QI Gong gehen und Weihnachten wieder Fahrrad fahren und meine geliebten Tibeter (mit der Liegestütze) machen…

Die Botschaft

Wie bereits erwähnt, glaube ich nicht an Zufälle oder Unfälle und also erübrigen sich auch die Fragen, ob es hätte verhindert werden können. Ich bin der festen Überzeugung: wenn es hätte verhindert werden können oder sollen, wäre es nicht passiert. Und offensichtlich steht die Ursache in keinem Verhältnis zur Wirkung. Ich musste nicht waghalsig surfen oder Ski laufen, um mir die Knochen zu brechen – es geschah in meinem eigenen Heim… Eine liebe Freundin, die die voller Anteilnahme anrief, während ich in der Klinik lag, berichtete dagegen, sie sei ebenfalls vor zwei Tagen mit dem Mountainbike dramatisch gestürzt…habe sich aber nur die Lippe aufgeschlagen…

Es ist zu einfach zu sagen, dass mein Körper eine Auszeit wollte – was stimmt; und dass ich vorher etwas zu gestresst war – was auch stimmt. Doch wäre es nur um Pause und Entschleunigung gegangen, hätte eine ordentliche Grippe oder ein verstauchter Knöchel wohl auch ihren Dienst geleistet. Übrigens kam ich nach dem Sturz noch nicht mal auf die Idee, den Notarzt zu rufen – ich war einfach zutiefst davon überzeugt, dass alles am nächsten Tag besser wäre und ich mich nur ausruhen musste…

Und also stelle ich mir die Frage, was es hier für mich zu erkennen und zu entschlüsseln gilt. Einiges hat sich mir schon offenbart, anderes wird dies noch in Zukunft tun.

Einige Hinweise hat meine Schulter selbst geliefert – die natürlich selbst ein Symbol für gewisse Dynamiken ist, andere, der nach wie vor beachtliche Schmerz. Ich habe mir in der Vergangenheit schon mal den Fuß und das linke Handgelenk gebrochen – das war bei weitem nicht so schmerzhaft. Und auch dem Schmerz wohnt eine Botschaft inne, denn physischer Schmerz ist der Ausdruck von einem emotionalen, psychischen oder seelischen Schmerz, der vorher nicht anders fühlbar war. Denn schließlich ist es so, dass die Seele sich erst in letzter Instanz physisch äußert. D.h. jeder physischen Beschwerde geht eine energetische, psychische, emotionale Schieflage voraus – wenn man das nicht wahrnehmen kann oder will, wird’s physisch erfahrbar.  Und die gefühlten Schmerzen stehen in direktem Verhältnis zu dem Schmerz, der zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort hätte gefühlt werden müssen – meistens in der Kindheit, aber nicht immer. Doch die Schmerzen akut zu fühlen und auszudrücken war aus verschiedenen Gründen nicht möglich. Doch, damit die Seele ihren Bewusstseinsweg weiter gehen kann und wir die Erfahrungen machen können, nach denen wir uns zutiefst sehnen…zeigt sich das, was dem noch im Wege steht. Oft durch Widerstände und Ängste und manchmal eben auch in heftiger physischer Form.

Und immer wieder die Erkenntnis, es geht gar nicht immer in erster Linie darum, zu verstehen oder zu erinnern, was irgendwann, irgendwie geschah, was dies zur Folge hatte. Aber zu akzeptieren, dass unsere Traumata und dazugehörigen Gefühle im Körper gebunden sind und sich – wenn man an Bewusstseinswachstum interessiert ist – eben auch zeigen wollen, damit sie vom Bewusstsein berührt und dadurch gelöst werden können. Dazu muss man sie nicht unbedingt verstehen – aber die entsprechenden Gefühle zulassen können…

Manchmal kommen Bilder hoch – die in der subjektiven Wahrnehmung der Wahrheit entsprechen, mindestens was die emotionale Erfahrung, die damit einherging, angeht. Doch oft ist es schwer, sie in der eigenen bewussten Wirklichkeit zu verankern und oft stammen sie aus Zeiten, an die wir keine bewusste Erinnerung haben, seien sie aus diesen oder anderen.

Wichtig ist nur zu akzeptieren, dass unser Körper quasi eine gigantische Festplatte ist, der in seiner Zellen unsere physischen und emotionalen Erinnerungen speichert…die, je nachdem wie heftig, zu Energie- und Gefühlsblockaden führen können.

Was bleibt

Körper-Kintsugi: ich habe entschieden, die drei Titanschrauben, die wahrscheinlich mein restliches Leben in diesem Körper bleiben, wie die japanische Reparturkunst für den Körper zu betrachten: etwas das zerbrochen vollkommener wird als es vorher war…

Eine inzwischen bemerkenswerte Geschicklichkeit mit der linken Hand: ich bediene die Computermaus nach wie vor mit links, obwohl es mit rechts schon wieder ginge….

Eine tiefe große Dankbarkeit für meine Freunde und einige Bekannte und ihre enorm großzügige und zuverlässige Unterstützung, die ich auf so liebevolle Weise erfuhr.

Eine tiefe Demut ob der Macht des Lebens…das, wie John Lennon es mal so treffend ausdrückte, „geschieht, während wir andere Pläne haben.“

Eine hohe Achtung für unsere physische Verletzlichkeit, unsere tatsächliche Zerbrechlichkeit einerseits und dass mein Körper weit mehr Achtsamkeit verdient, als ich ihm bisher habe angedeihen lassen…und dass das wohl für sehr viele Menschen gilt. Andererseits verfügen wir auch über eine enorme Selbstheilungskraft: ich arbeite daran, dass ich in absehbarer Zeit beschwerdefrei bin und bin jung und fit genug, das auch hinzukriegen. Dazu bedarf es einer gewissen Disziplin…und vor allem der Geduld und ich lerne gerade nochmals, Erwartungen los zu lassen – aber trotzdem zielstrebig weiter zu machen. Zeit ist wohl das, was wir daraus machen. Für mich ist sie gerade ein Heilmittel…denn mit jeder Übung und jedem Tag nimmt meine physische Selbstständigkeit weiter zu.

Ein noch erhöhter Respekt vor unserer geistigen Kraft: ich bin sicher, ohne die Meditationen wäre alles weit weniger glimpflich abgelaufen.

Und noch mehr Mitgefühl habe ich für jene, die auch – plötzlich aus ihrem Leben gerissen – nun ihr Sein ganz anders gestalten müssen. Das ging mir durch den Kopf, als ich auf der Röntgenstation in der Klinik zwischen einigen anderen wartete, die es zum Teil noch wesentlich schlimmer getroffen hatte, als mich.

Von den Botschaften habe ich einige wohl schon erkannt, andere werden sich zu gegebener Zeit noch offenbaren. In jedem Falle akzeptiere ich, dass ich all dies selbst erschaffen habe und dass all dem ein tieferer Sinn innewohnt, der mir dienlich, wenn auch noch nicht völlig begreiflich ist. Ich bin sicher, die Erkenntnisse setzen sich weiter fort.