Wieso ist Gott Single?

Wie oft heißt es „Gott ist die Liebe“… und dieser Tage in denen der Papst hat verlauten lassen, dass auch geschiedene Katholiken in neuer Ehe vielleicht unter ganz bestimmten Umständen und in Absprache mit ihrem lokalen Pfarrer und der in Absprache mit seinem Gewissen…vielleicht dann doch wieder an der Eucharistie (Das Essen vom „Leib Christi“ – d.h. das Essen der heiligen Oblate) teilnehmen dürfen. Freut mich für alle, die das freut – mich persönlich interessiert in der Sache etwas anderes:

Da leben Milliarden von Christen seit angeblich 2000 Jahren mit dem Glauben an Jesus, als dem einen Sohn eines einzigen Gottes, und die Frau, die die Gnade hatte, ihn weltlich zur Welt bringen zu dürfen, war auch noch ´ne Jungfrau. Und der Vater bzw. der Heilige Geist, wird oft auf alten Gemälden als Taube dargestellt, die auf die heilige Maria hernieder… ja was eigentlich?…In jedem Fall verleiht es dem Begriff „Vögeln“ irgendwie eine ganz eigene Note. Also eine ganz einmalige und geradezu magische und natürlich heilige Sache trug sich dazu und sowas ist natürlich überhaupt nur bei Göttern möglich. Übrigens ist Jesus da in guter Gesellschaft mit anderen Götterkindern:  Kastor und Pollux wurden von Zeus in Gestalt eines Schwans gezeugt, und als Kuckuck verführte er seine künftige Ehefrau Hera und wurden je nach Mythos damit Eltern u.a. von Hephaistos und/oder Ares… In der Mythologie einiger nordamerikanischer Indianerstämme ist der „Vater der Menschheit“ ein Rabe, der sich mit den anderen Vögeln langweilte und eines Tages einen Stein ins Meer warf, aus dem sich die Welt erhob in der nun Menschen leben…

Und damit diese Vorstellungen beim gewöhnlichen Sterblichen nicht allzu viel Kopfzerbrechen erzeugen, werden einem diese einmaligen erotischen Begegnungen und Folgen als Metapher vermittelt…

Die katholische Kirche – wahrscheinlich das älteste und effektivste Macho-Unternehmen der Welt – hat jedoch immer die Ehe für alle, die nicht ganz so heilig wie ihre eigenen Mitarbeiter sind, propagiert und zwar hauptsächlich als Zeugungsinstitution zukünftiger Katholiken. Je mehr Katholiken, desto stärker die katholische Kirche… Das „Heilige Sakrament der Ehe“ ist das einzige Sakrament, dass sich ein Ehepaar gegenseitig spendet – die anderen Sakramente (Taufe und Letzte Ölung) werden vom Priester gespendet. Dennoch haben hier und da haben sicher auch ein paar kirchliche Würdenträger doch auch ihren Samen gespendet und so persönlich zur Mehrung ihrer Schafherde beigetragen. Doch genaue Zahlen sind nicht bekannt. Zu groß ist das Tabu, zu viel das, was die Beteiligten dabei verlieren würden, denn ein Priester, der das inzwischen seit fast 1000 Jahren institutionalisierte Zölibat bricht – verliert sein Amt und ist selten fähig oder ausgebildet mit etwas anderem seine Existenz zu sichern.

Wieso kein heiliges Götterpaar?

Worauf ich hier hinaus will: wenn denn die Vereinigung von Männern und Frauen für den Erhalt eines Volkes und auch ihrer Religion so schrecklich wichtig ist, warum gibt es dann keine Weltreligion die ein göttliches Paar würdigt?  Stattdessen ist die Sache mit Mann und Frau in allen Religionen ein ewiger Quell von Konflikten und glücklicherweise auch von viel Humor und Weisheit. Aber ich bin sicher, wenn Männer ohne Frauen Nachwuchs zeugen könnten,  hätten es Frauen wahrscheinlich noch viel schwerer…

Und leider bin ich auch sicher, dass es in der langen Zeit der Matriarchate nicht viel besser war. Denn vor dem Entstehen unserer aktuellen Weltreligionen gab es eine lange, lange Zeit der Menschheitsgeschichte, in der die Muttergöttin verehrt wurde.  Historische Zeugnisse aus dieser Zeit wurden lange unterdrückt, verschleiert oder absichtlich fehlinterpretiert – von männlichen Forschern und Historikern, die nicht im Leben auf die Idee kamen oder kommen wollten, dass das Weibliche tatsächlich mal höher geachtet war als das Männliche. Glücklicherweise gibt´s inzwischen doch einige sehr kluge und mutige Menschen, die sich der Erforschung dieser Tatsache gewidmet haben und ich habe gerade erst angefangen, tiefer in diese Materie einzusteigen.

Jedenfalls waren zur Zeit des Matriarchats die Frauen diejenigen, die sich um Politik, Wirtschaft, Krieg, und Recht kümmerten, während Männer zu diesen Zeiten für den Haushalt und die Kindererziehung zuständig waren.

Also kann man das ganze kurz und knapp auf die Formel bringen, wie es auch einige Autoren tun: Wird ein männlicher Gott angebetet, sind die Männer an der Macht. Wird eine Göttin angebetet, sind die Frauen an der Macht.

 Was war davor?

Ich halte es für absolut möglich, dass es in noch früherer Zeit – also bevor das Pendel Richtung Matriarchat schwang  – es möglicherweise eine Zeit gab, in der die Menschheit entweder ein göttliches Paar, also männliches und weibliches gleichermaßen angebetet hat – oder es überhaupt keine Religion in dem Sinne, wie wir sie heute definieren gab, weil kein Bedarf war. Vielleicht, weil die Menschen mehr im Einklang mit den Wandlungsprozessen in der Natur waren und auch

nicht in dem uns vertrauten Maß untereinander litten und also keine „höhere Macht“ als ihr eigenes Herz und Gewissen brauchten, um einem kindlichen Bedürfnis nach Gerechtigkeit und Ordnung nachzukommen. Vielleicht waren sie so liebesfähig, dass ihre Welt im besten Sinne in Ordnung war.

Ich kann nur spekulieren, aber es macht mir Spaß darüber nachzudenken, wie ein glückliches Leben als natürlicher Atheist aussehen kann.

In jedem Falle hat es in der langen Zeit des Übergangs vom Matriarchat zum Patriarchat neue Religionen gegeben, in denen es Götterpaare gab – deren Beziehungen allerdings oft heftig menschliche Dynamiken hatten: mit viel Sex und Ehebruch und jeder Menge göttlicher Bastarde. Da es sich um Götter handelte, griffen menschliche Moralansprüche nicht:

Das gilt u.a. für die Religion der alten Griechen, die der Germanen und teilweise für den Hinduismus…

Außerdem gibt´s auch jede Menge göttlicher Liebesgeschichten – und glücklicher Götterehen. Neben Göttern der Liebe (meist weiblich) und ihren Tempeln gab´s sicher auch Tempel, wo für eine gute Ehe gebetet wurde. Nach bisherigem Forschungsstand sind die zuständigen Gottheiten, die eine gute Ehe unterstützen würden Einzelgottheiten und ausschließlich weiblich…Z.B. Hera/Juno – bei den alten Griechen und Römern, Frigga bei den alten Germanen und Parvati im Hinduismus.

Und in Zukunft?

Aber die interessante Frage ist ja eigentlich, was als nächstes kommt? Sind wir als Menschheit auf ewig dazu verdammt die Pendelbewegungen von Matriarchat zum Patriarchat und wieder zurück mitzumachen?

Oder erleben wir vielleicht gerade wieder eine Zeit des Übergangs (manche sprechen schon vom „Postpatriarchat“) in der ein Stück weit das gegenwärtige bereits veraltet ist, dass uralte eine gewisse Renaissance erlebt: in gewissen Kreisen wird die Muttergöttin (wieder) verherrlicht und allgemein die Zeit ihrer Blüte wieder herbei gesehnt. Aber das ist vielleicht gefährlich – denn dann könnte das Pendel wieder ins andere Extrem schwingen.

Meine Vorstellung ist, um im Bild zu bleiben, dass das Pendel in eine ganz neue Richtung schwingen muss und wird. Ich stelle mir eine Pendelskala vor, wo rechts das männliche ist, links das weibliche, unten das männliche-und-weibliche angebetet wird und oben an beide nicht geglaubt wird.  Dann hat es zunächst den Anschein, dass keine neue Richtung eingeschlagen werden kann, weil das Pendel nicht stagnieren soll  und somit alles zum Stillstand kommt.

Aber ich glaube, es gibt eine neue Richtung…und diese ist möglicherweise ein Ausdruck unseres nächsten Evolutionsschritts: ich glaube nämlich, dass ein Pendel „nach innen“ schwingen kann. Vielleicht vergleichbar mit der Frage, aus welcher Perspektive man alle Seiten eines Würfels gleichzeitig sehen kann: die Antwort lautet, vom Innern des Würfels…

Und dieses „nach-Innen-Schwingen“ würde ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt so interpretieren, dass jeder den Glauben (wenn er ihn denn braucht) in sich selbst findet. Idealerweise sich selbst als göttlich begreift – und jedes andere Wesen eben auch. Damit würde jede Begegnung ein heiliger Akt…und der Sex könnte vielleicht auch wieder und vielleicht noch mehr als jemals, seine verjüngende, heilende, weisheitsspendende Kraft entfalten, die ihm von jeher zu eigen ist, die ihm aber im Laufe der Religionsgeschichte/n oftmals abgesprochen wurde und die entsprechenden Techniken wurden dämonisiert und/oder gerieten in Vergessenheit.

Denn guter Sex trägt zur Selbstliebe und damit zur Selbstermächtigung bei und Selbstermächtigung ist genau das, was eine Religion nicht will: sie will das Selbst jedes Menschen entmächtigen und den auch wie immer definierten aber äußerlichen „Gott/Göttin“ und seine Repräsentanten ermächtigen…

Doch ich persönlich glaube, dass ein jeder von uns göttlich ist, oder, wie es auch in der esoterischen Literatur immer wieder heißt, ein Funken des universellen göttlichen Lichts – ein einzigartiger und großartiger Teil und Ausdruck des Einen göttlichen Bewusstseins. Je bewusster sich jeder einzelne Mensch dessen wird – umso göttlicher wird unser Leben… Für jeden einzeln und für alle miteinander!

Diese Bewusstwerdung geschieht schon allenthalben und immer häufiger – wie im vorigen Blogartikel bereits erläutert.  Also ist es auch hier nicht eine Frage des ob, sondern nur eine Frage des wann – und ja, in diesen Dingen muss man in großen Zeiträumen denken können. Aber irgendwann ist unser aller Religion die Liebe…und wir sind ihre Götter, wenn wir uns denn trauen, es zu sein!

Von der Venus mit Penis zu Conchita Wurst, Teil 2

Von der gesellschaftlichen Provokation ist der Weg nicht weit zur Unterhaltung, denn schon immer wurden auf der Bühne Dinge gewagt und gesagt, die im Alltag unvorstellbar waren…

Verkleidung und Rollentausch der Geschlechter gab´s immer schon

Auch wenn von den antiken griechischen Theaterstücken nur ein Bruchteil überliefert ist und es keine entsprechenden Hinweise gibt… so halte ich es doch für absolut möglich, dass in irgendeinem Satyrspiel – einer komischen Einlage zwischen den ernsten Tragödien, der eine oder andere Mann zur Gaudi des Publikums in eine Frauenrolle schlüpfte… Denn selbst ihre Götter verkleideten sich gelegentlich als Person des anderen Geschlechts und es gab den im vorigen Artikel erwähnten Aphroditekult, bei dem die Geschlechter die Rollen tauschten. Ob es nun intendiert war oder nicht: das wird auch durchaus unterhaltsam gewesen sein…

Überhaupt wird die Verkleidung als Vertreter des anderen Geschlechts schon immer Teil der Volksbelustigung gewesen sein, besonders zu bestimmten Festen, bei denen Verkleidung ein zentrales Element ist, wie im europäischen Karneval, bei dem inzwischen fast globalen Halloween oder beim jüdischen Purimfest.

Männer als Frauen als Männer…

Bekanntermaßen war Frauen in Westeuropa die Bühne und das Tragen von Männerkleidung lange verwehrt und so mussten Schauspieler die Frauenrollen übernehmen. Eine hübsche Illustration dessen ist der Film „Shakespeare in Love“, der zeigt, wie ungewöhnlich es im Elisabethanischen Zeitalter gewesen wäre, wenn eine Frau auf der Bühne erschienen wäre.

Doch als die Theater 1660 in England wieder eröffnet wurden, traten erstmals weibliche Darsteller auf und kurz darauf sogar auch in Männerkleidung. Unabhängig davon, ob die Figuren nun von Männern oder Frauen dargestellt wurden, hat Shakespeare in mehreren Stücken den zum Teil mehrbödigen Rollentausch zur Unterhaltung eingesetzt, z.B. in Was Ihr Wollt: so verkleidet sich die junge Viola (gespielt von einem Schauspieler) als ihr Zwillingsbruder Sebastian (eine klassische Doppelrolle bei Shakespeare, denn beide haben keine gemeinsame Szene) und nennt sich Cesario. Als solcher gerät er zwischen die Liebesfronten, eines Fürsten, der eine Edelfrau liebt, die aber „Cesario“ liebt, während Viola in Wirklichkeit den Fürsten liebt… Glücklicherweise taucht der tot geglaubte Bruder am Ende auf und bringt Ordnung in alle Angelegenheiten…

Hohe Stimmen sind nicht unmännlich

In den Barockopern war es anfangs nicht selbstverständlich, dass Darstellergeschlecht bzw. Stimmlage und Rollengeschlecht übereinstimmte. Die Hauptrollen wurden von Kastraten und Frauen übernommen, deren „engelsgleicher“ Gesang als besonders anziehend galt. Dass eine besonders hohe Stimme der kraftvollen Männlichkeit eines Feldherrn vielleicht nicht ideal entspricht – daran störte sich damals niemand. Jeder sang die Partie, für die sich seine Stimme am besten eignete. Kastrat und Sopranistin tauschten sogar in der Berliner Uraufführung von Cleopatra e Cesare in Berlin im letzten Akt die Rollen, um die Oper musikalisch zu Ende führen zu können.

Als die Kastraten aus der Mode kamen, setzte sich die heterosexuelle Ordnung auch auf der Bühne durch. Allerdings wurden Opern und Operetten mit Gesangseinlagen für Männerrollen mit hohen Stimmen noch immer komponiert und gespielt. Diese wurden dann von Frauen in sogenannten „Hosenrollen“ übernommen. Das bot auch noch einen pikanten Bonus, weil einen Blick auf das Bein einer Frau zu erhaschen, damals als höchst verwegen galt.

Charlys Tante und die Travestiekünstler

Im Übrigen leuchtet es ein, dass der Rollentausch natürlich dann besonders reizvoll und unterhaltsam ist, wenn die Geschlechterrollen in der Gesellschaft ansonsten ziemlich rigide sind. Insofern war der enorme Erfolg des englischen Theaterstücks „Charlys Tante“ von Brandon Thomas aus dem Jahr 1892 nicht wirklich überraschend. Die Farce erzählt von zwei Studenten, die mit zwei jungen Damen ausgehen wollen, dazu aber eine Anstandsdame brauchen. Weil die erhoffte Tante von Charly nicht rechtzeitig eintrifft, überreden sie einen Freund, eben diese Tante zu mimen…

Heute nicht mehr so bekannt, dafür damals umso mehr war die Britin Vesta Tilley (1864-1952), die in ihren Bühnenshows auch diverse Sketche einbaute, in denen sie die Männer ihrer Zeit karikierte.

Sie war über dreißig Jahre lang ein Star in der englischsprachigen Welt. Und sie war nicht die einzige, die als Frau mit der Imitation von Männern großen Erfolg hatte. Dragkings hat es genauso oft und prominent gegeben, wie Dragqueens – gerade an Orten, wo diese Kunst besonders populär ist, wie z.B. in San Francisco – von jeher eine Hochburg der „queeren Szene“.

Populärität über die „Szene“ hinaus erlangten meines Wissens in jüngster Zeit vor allem Dragqueens: wie „Dame Edna Everage“ – das Alterego des australischen Komikers und erfolgreichen Autors Barry Humphries. Mit dieser Figur trat der Komiker zum ersten Mal 1955 auf und hatte schließlich ihre Blüte mit einer eigenen Fernsehshow in England, die schließlich auch international ausgestrahlt wurde in den 80er und frühen 90er Jahren. Danach tauchte die Figur regelmässig in einer britischen TV-Serie auf und die 2000er Jahre waren geprägt von ihren Auftritten in einer zwei Personen Revue und in diesem Jahr gab Dame Edna ihre Abschiedstour… Barry Humphries ist letztes Jahr 80 geworden!

In Deutschland vielleicht bekannter ist das Travestieduo Mary & Gordy, alias Georg Preuße und Reiner Kohler die vor allem in den 80er Jahren höchst populär waren. Doch 1987 musste sich Kohler wegen eines Rückenleidens von der Bühne verabschieden und starb 1995 an Krebs. Preuße setzte seine „Mary“-Karriere bis in die 2000er Jahre solo fort.

Sowohl Humphries als auch Preußes und Kohlers Figur waren charakterisiert durch eine Überzeichnung des Weiblichen, viel Frivolität und grandiosen Kostümen – was typisch für das Genre der Travestie ist.

Gender-crossing zur Unterhaltung

Möglicherweise ist der Billy Wilder Film „Some like it hot“ (USA 1959) der lustigste „cross-dressing“ Film. Aber vielleicht weniger, wegen der beiden Musiker, die sich um der Rache der Mafia zu entgehen als Frauen verkleiden und fortan in einer Frauenband spielen, sondern weil der Film mit Tony Curtis, Jack Lemmon und Marilyn Monroe grandios besetzt ist und vor genialen Dialogzeilen nur so strotzt. Als ich den Film in den 80ern das erste Mal sah, habe ich Tränen gelacht. Doch als ich den Film vor einigen Jahren noch einmal sah, konnte ich mich zwar an Schauspiel, Dialog und Dramaturgie noch immer begeistern – doch das cross-dressing Element erschien mir eigentümlich überholt. Außerdem empfand ich den Film auf unterschwellige Weise als gleichzeitig männer- und frauenfeindlich…irgendwie menschenverachtend. Was, wenn man Wilders´ Biographie in Betracht zieht gar nicht so abwegig ist.

Vielleicht werde ich ihn nächstens noch einmal ansehen und meine Wahrnehmung überprüfen. Denn möglicherweise zeigt sich daran der Wandel unseres Zeitgeistes deutlicher, als man meinen möchte.

Eins der erfolgreichsten Bühnenstücke der 70er Jahre war „La Cage aux Folles“, was dann auch 1978 von den Franzosen verfilmt wurde. Die Handlung ist so simpel, wie spassig: ein Showproduzent und sein Travestiestar sind ein glückliches homosexuelles Paar mit Glamourfaktor – was alleine schon eine gewisse Komik garantiert – doch wird ihre Harmonie auf die Probe gestellt, als der Sohn des Produzenten aus seinem heterosexuellen Vorleben mit seiner Verlobten und deren hochkonservativen Eltern auftaucht. Um die Verlobung nicht zu gefährden, entschließt sich der Travestiekünstler auch im „normalen Leben“ die „Mutter“ zu spielen… Ebenfalls aus den Siebzigern stammt der Klassiker „Rocky Horror Picture Show“(USA 1975), ursprünglich ein Bühnenmusical, wurde es schließlich verfilmt. In dem Stück werden alle möglichen Grenzen auf unterhaltsame Weise überschritten werden und eben auch die Grenzen der Gender-Konventionen.

1982 kamen gleich zwei Filme zum Thema heraus, und – wie es der Zeitgeist so oft will – in eigentümlicher Komplementarität:

Der britische Filmhit Victor/Victoria, in dem die Engländerin Julie Andrews eine arme Sopranistin spielt, die erst Erfolg hat, als sie sich als „Graf Viktor Grazinski“ ausgibt, der Frauen darstellt… (Übrigens ein Remake eines deutschen Films von 1933.) ist gewissermaßen das Gegenstück zu dem amerikanischen Filmhit Tootsie: Dustin Hoffmann spielt einen brillanten Schauspieler, der als so schwierig gilt, dass keiner mehr mit ihm arbeiten will. Also gibt er sich als Frau aus und wird schließlich zum Fernsehstar…

Mitte der 90er Jahre war die Darstellung des bunten, aber auch zwiespältigen Lebens von Dragqueens noch so populär, dass die Amerikaner 1996 ein erfolgreiches US- Remake von „La cage aux folles“ mit Robin Williams und Nathan Lane in den Hauptrollen produzierten. Und auch der australische Independent-Film „Priscilla, Königin der Wüste (AUS 1994)“ wurde zum internationalen Erfolg. Eher eine Tragikomödie, erzählt der Film vom Schicksal dreier Dragqueens auf und abseits der Bühne.

Mit „The Crying Game“ (IRL 1992) erhält das Thema Einzug in das Genre des Psychothrillers. Vor dem Hintergrund der politischen Probleme Irlands wird auch die Vielfalt von Sexualität reflektiert.

Und weil seit mitte der 80er Jahre die Anzahl der Aidstoten immer weiter stieg, bekamen Homosexualität und Gender-Crossing eine neue, ernstere Aufmerksamkeit. Das mehrfach preisgekrönte Theaterstück „Angels in America“ (USA 1993) erzählt das Schicksal eines schwulen Paares, von dem einer an Aids erkrankt. Auf verschiedenen Handlungs- und Bewusstseinsebenen (viele der Figuren sind Engel und Geister) wird das Geschehen reflektiert. Es geht um Politik, um Homosexualität und um die amerikanische Geschichte.

Das Stück ist so geschrieben, dass mehrere Schauspieler mehrere Rollen übernehmen müssen und dafür mehr als einmal auch das andere Geschlecht darstellen.

Auch der spanische Filmemacher Pedro Almodovar liebt Figuren, die sich nicht eindeutig festlegen lassen und in seinem ebenfalls preisgekrönten Film „Alles über meine Mutter „(E 1999) spielen Transgender-Männer eine wichtige Rolle. Wiewohl der Film über die Almodovareske Dramaturgie verfügt in der höchste Tragik und höchste Komik berührend nah beieinander liegen und sich oft kreuzen, so zeigt er doch auf unaufdringliche Weise, wie zerrissen Transgender-Menschen oft sind. Es ist selten ein einfaches Schicksal – wenn ein Mensch von sich feststellt, dass sein Körper nicht zu seiner gefühlten geschlechtlichen Identität passt.

Trotz des anhaltenden Erfolgs von „La cage aux folles“ und vielen Dragqueen und einigen Dragking-Bühnenshows in vielen westlichen Großstädten, ist neben der Travestie nun auch der ernstere Aspekt der Gender-Mannigfaltigkeit Unterhaltungstauglich – und zwar durchaus auch in ernsten und dokumentarischen Darstellungen.

Die amerikanische Schauspielerin Glenn Close spielt die Titeltrolle in dem Film „Albert Hobbs“ (Irl/GB 2011), der die Geschichte einer Frau erzählt, die sich als Butler ausgibt, weil sie darin ihre einzige Chance sieht im Dublin des 19. Jahrhunderts selbstbestimmt zu leben.

Auch im Fernsehen gibt es inzwischen einige Serien, vor allem in Amerika, wo transgender-Charaktere mal als Haupt, mal als Nebenfiguren zu sehen sind, teilweise auch von echten transgender-Menschen gespielt.

2012 entschloss sich der deutsche TV Sender RTL 2 eine Doku-Serie auszustrahlen mit dem Titel „Transgender – Mein Weg in den richtigen Körper“. Darin werden sieben Transgender Personen auf ihrem Weg durch ihre Geschlechtsumwandlung begleitet. Dabei kommen auch Ärzte und Psychologen zu Wort. Bisher gibt es zwei Staffeln dieser Serie.

Und auch die Online-Plattformen widmen sich dem Thema. Amazon hat eine Serie mit dem schönen Titel Transparent (auf Englisch auch lesbar als Trans-Elternteil) produziert, in der ein älterer, geschiedener Vater beschließt, endlich einen langgehegten Wunsch zu verwirklichen und als Frau zu leben… Auch Netflix hat eine Transgenderfrau unter den Protagonisten seiner neuen Serie Sense8 – die auch tatsächlich von einer Transgenderfrau gespielt wird.

Außerdem gibt es übrigens einige Zeichentrickfiguren, die sich gerne mal als Frau verkleiden, wie Bugs Bunny und auch in den japanischen Manga ist das „cross-dressing“ fester Bestandteil der Figurengestaltung. Am bizarrsten vielleicht in den Futanari (das japanische Wort für Hermaphroditismus bzw. Androgynie) – einem pornographischen Genre von Computerspielen, Comics und Zeichentrickfilmen in denen die Figuren beide Geschlechter haben.

Ich glaube, die Entwicklung weit längst über die bereits erwähnten Dragkings und – queens hinaus. Zum einen gibt es längt einige prominente Transgendermänner, wie der Pornostar Buck Angel und Transfrauen, wie zuletzt Caitlyn Jenner, die spektakulär auf dem Cover von Vanity-Fair dieses Jahr ihre Entscheidung einer breiten Öffentlichkeit bekannt gab. Viele hatten auch schon ihren Übergang in der achtteiligen TV-Serie „I am Cat“ gesehen.

Transgender als Kunstform

Der vielseitige Musiker britische David Bowie und die jamaikanische Sängerin Grace Jones müssen unbedingt in diesem Kontext erwähnt werden, denn beide hatten massiven Einfluss auf die Musikszene und die Gesellschaft jener Zeit und teilweise bis heute.

David Bowies schillerndes Spiel mit Geschlechterrollen – wozu sein ohnehin apartes Aussehen mit zwei von Natur aus verschiedenen Augenfarben und markanten Gesichtszügen beitrug – und seine gelegentlich gezielt feminine und mindestens androgyne Erscheinung sowie das Schüren der Spekulationen über seine mögliche Bisexualität, machten sexuelle Mehrdeutigkeit in den 70er Jahren salonfähig.

Grace Jones wurde zunächst als Supermodel bekannt und schließlich als Sängerin. Die Tatsache, dass sie über zwei Oktaven singen kann, über 180 cm groß ist und ihr gezielt androgynes Erscheinungsbild prägte die Popszene der 80er Jahre und die Cross-Dressing Mode dieser Zeit.

Und dann gibt es jene, denen es dabei nicht um das Spektakuläre geht sondern, sondern die das ganze zu einer echten Kunstfigur erheben. In Deutschland haben wir die Kunstfigur Georgette Dee, eine Diseuse, Sängerin und Schauspielerin, deren bürgerlicher, männlicher Name der Öffentlichkeit nicht einmal bekannt ist.

Sie beherrscht perfekt die Gratwanderung zwischen den Geschlechtern – und drückt damit quasi in sich selbst die Faszination für die Qualitäten des anderen aus – indem sie zwischen beidem permanent changiert.

Denn das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ist nun auch grundsätzlich von dem Spannungsfeld des gegenseitigen Mysteriums und häufig von Erotik geprägt.

Obwohl es in ihren selbstgeschriebenen Chansons, selten vordergründig darum geht, ob ein Mann eine Frau liebt oder umgekehrt, so geht es doch immer um die Liebe selbst – zu beidem. Georgette lebt wirklich beide Seiten…auf eine poetische, berührende, oft humorvolle, erotische und souveräne Weise. In gewisser Weise ist sie längt ihr eigenes Genre.

Auch die immer gern glamouröse Conchita Wurst ist eine Kunstfigur, immer in Abendkleidern, mit langem Haar, perfektem Make-up – und Bart. Sie ist das Alterego des österreichischen Sängers Tom Neuwirth und wurde bekannt als die österreichische Grandprixsiegerin von 2014. Seit dem ist sie vor allem in der Schwulen- und Lesbenszene eine prominente Figur. Ihr Anliegen ist es Menschen mit ihrer Erscheinung zum Nachdenken anzuregen – über sexuelle Orientierung und das anders sein an sich. Amüsanterweise erinnert ihr Bild viele an Jesusdarstellungen und tatsächlich gibt es Kommentatoren die diesbezüglich Bezüge herstellen. Selbst Kinder erinnern die photographischen Darstellungen oft an den berühmten Erlöser – gerade wegen des zarten, scheinbar weiblichen Gesichts – mit Bart.

An dieser Stelle möchte ich auch die junge Britin indischer Herkunft, Harnaam Kaur erwähnen, die vor

einigen Monaten Internet-Ruhm erlangte. Aufgrund eines speziellen medizinischen Umstands, eines sogenannten polyzystischen Eierstocksyndroms hat sie einen extremen Haarwuchs. Weil sie in den Glauben der Shiks initiiert wurde und damit bewusst akzeptierte, dass sie nun ihren Haarwuchs nicht mehr unterdrücken können würde – da das Schneiden von Haaren im Shik-Glauben untersagt ist, hat sie diesen – in ihrem Fall unfreiwilligen – Look beherzt angenommen und entschied sich gegen die gesellschaftliche Definition, wie Frauen auszusehen haben, zu wehren. Sie sagt: „Wir müssen begreifen, dass ein jeder von uns anders ist. Wir sind alle unperfekt perfekt. Ich möchte der Gesellschaft zeigen, dass wir alle unsere Individualität feiern können. Ich liebe meinen Bart und werde ihn ewig wertschätzen.“

Symptom des Zeitenwandels

Aber egal ob als Kunstfigur oder aufgrund eines mutigen Bekenntnisses zur eigenen Besonderheit: ich glaube, dass die Genderdiskussion derzeit so viel Aufmerksamkeit erfährt ist ein Hinweis. Genau wie die bereits erwähnte bärtige Venus im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung ein Ausdruck des Übergangs vom Matriarchat zum Patriarchat war, so stehen wir wohl wieder an der Schwelle zu etwas Neuem – weg vom Postpatriarchat und dem Postfeminismus hin zu etwas, in dem weder das eine noch das andere Geschlecht dominiert. Sondern wo echte Balance und Harmonie möglich sind und wir erforschen können, was uns individuell anzieht und anziehend macht und dabei bewusst unsere Einzigartigkeit feiern – gemeinsam!

Von der Venus mit Penis zu Conchita Wurst, Teil 1

Das im vorigen Artikel beschriebene „Kontinuum zwischen den Polen von männlich-weiblich“ gibt es mit großer Wahrscheinlichkeit schon genauso lange, wie es beide Geschlechter gibt. Und je nachdem, auf welche Zeit und Gesellschaft man den Blick lenkt, erfährt das Thema mehr oder weniger Aufmerksamkeit, mal mehr, mal weniger umstritten. In jedem Falle durchdringt es alle möglichen gesellschaftlichen Bereiche.

Mythologische Varianten

Die Hindus haben vielleicht die bezauberndste Gottheit, die der Vereinigung von männlich-weiblich einen würdigen Ausdruck gibt. Die bereits erwähnte hinduistische Gottheit Ardhanarishvara entspringt der vereinigten Gestalt von Shiva und seiner Partnerin Parvati und ist wirklich Mann und Frau in einem und damit ein Ausdruck der Ureinheit von allem, aus der alles entspringt… Die ältesten erhaltenen Darstellungen stammen aus dem ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung.

Die alten Griechen haben in ihrer Mythologie den ebenfalls bereits erwähnten Hermaphroditos – der mit Penis und Brüsten sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale hat. Er wurde besonders auf Zypern als männlicher Ausdruck der Liebesgöttin Aphrodite verehrt. Der Kult des Hermaphroditos und der „bärtigen Venus“ hatte seine Blüte wohl um das 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Denn zu Hermaphroditos gehört auch unbedingt Androgyne. Über diese Gottheit ist nichts bekannt, außer dass es Gegenden im antiken Griechenland gab, wo eine bärtige Göttin verehrt wurde. Ein Ausdruck dieses Kults war, dass die Anhänger sich als Angehörige des anderen Geschlechts verkleideten.

Dies sind laut dem britischen Mythenforscher Robert von Ranke-Graves religiöse Stufen im Übergang von Matriarchat zu Patriarchat. Er zählt auch die oft weibische Darstellung des Fruchtbarkeitsgottes Dionysos dazu.

Im späteren Mythos von Ovid (um Beginn unserer Zeitrechnung) ist von der Kultfigur nichts mehr übrig. Stattdessen erleidet der Sohn der Götter Hermes und Aphrodite – denen er auch seinen Namen verdankt – ein tragisches Schicksal, das ihn letztlich zu einem unglücklichen Doppelwesen macht. Das entspricht der Haltung des Patriarchats und seinem Hang zu klaren Grenzen. Und passend auch dazu sein Name als Beschreibung eines „Missstandes“ in der Natur, nämlich wenn Wesen „doppeltgeschlechtlich“ sind – wie z.B. Schnecken oder Regenwürmer. Früher galt der Begriff „Hermaphroditismus“ auch für Menschen, mit beiden Geschlechtsmerkmalen. Aber das ist sowohl biologisch, als auch kulturell überholt. Biologisch gilt er nur noch für Wesen, die auch in „beide Richtungen“ fortpflanzungsfähig sind, in der Biologie auch als „Zwitter“ bezeichnet und kulturell ist heute der korrekte Begriff intersexuell.

Die alten Ägypter hatten ebenfalls eine doppelgeschlechtliche Gottheit: Hapi war zuständig für die jährliche Überflutung des Nilufers und also Ausdruck einer reichhaltigen Befruchtung. Er war männlich, trug einen Bart und hatte doch Hängebrüste und einen großen Bauch.

Interessanterweise gibt keine Legenden, in denen die wirklich besondere, vielleicht sogar heilige Eigenschaft dieser Gottheiten Beachtung findet: nämlich ihre einzigartigen Möglichkeiten beide Geschlechter beglücken zu können…

Spirituelle Funktionen

Doch tatsächlich gilt in einigen Kulturen die „Zweigeschlechtlichkeit“ als heilig. Natürlich weniger, wegen der sexuellen Möglichkeiten, als wegen ihrer Verortung in diesem „besonderen Zwischenraum“. Menschen, die sich darin aufhalten, gelten als besonders …grenzkundig… sind. Und auch, weil sie dadurch dem Göttlichen vielleicht näher sind und gar über magische Fähigkeiten verfügen.

Schamanen in Frauenkleidung

So ist es unter den mongolischen Schamanen des Bo-Kultes Sitte, dass der initiierte Schamane Frauenkleidung trägt. Auch in alten Germanengräbern fand man jüngst Männerkörper in Frauenkleidung und vermutet, dass es sich um Schamanen handelte… Auch wenn ich persönlich prä-historische Travestiekünstler durchaus vorstellbar finde!

Two Spirits

Die in den USA anerkannten, sogenannten „Two Spirits“, die von sich sagen, dass sie beides absolut gleichwertig sind, weil in ihrem Körper sowohl eine männliche, als auch eine weibliche Identität wohnt. Diese spezielle Position und oft besondere spirituelle Rolle wird bei vielen nordamerikanischen Indianergruppen gewürdigt und unterstützt. Bei den meisten Indianerstämmen gibt es keine streng getrennten Geschlechterrollen, aber bei jenen, wo das der Fall ist, werden mindestens vier unterschieden: männliche Männer, weibliche Männer, männliche Frauen und weibliche Frauen.

Radical Faeries

In diese Rubrik passen wohl auch die „Radical Faeries“: eine weltweite lose Gruppe von Menschen, die den heterosexuellen Lebensstil ablehnt und nach einem neuen, queeren Ausdruck sucht. Dabei spielt Spiritualität in einem undogmatischen Sinn eine gewisse Rolle. Ihnen liegt die Überwindung konventioneller Geschlechterrollen am Herzen zugunsten eines generell achtsamen Umgangs miteinander. Als erste Bewusstseinsbewegung, die aus der Homosexualität entspringt ist sie ein weltweites Phänomen. Sie hat ihren Ursprung in der schwulen Szene der 70er Jahre in Amerika. Ursprünglich war „fairy“ ein abwertender Ausdruck im Englischen für einen homosexuellen Mann, doch diese Gruppe hat ihn offensichtlich heiter umdefiniert und identifiziert sich mit der ursprünglichen Bedeutung: der Fee als natürlichem und Naturwesen…

Ethnologische Nischen

In einigen Ländern ist die Transgenderkultur schon länger viel offensichtlicher und etablierter, als im Westen:

Hijra

In den Gesellschaften Südindiens gibt es die Gemeinschaften der „Hijra“, die als Mitglieder des „dritten Geschlechts“ definiert werden, was auch formaljuristisch seit 2009 Gültigkeit hat.

Meist sind dies Männer, die einen weiblichen Ausdruck vorziehen. Traditionell verdienen Hijras ihr Geld und ihre Anerkennung durch Tanzen und Segnungen bei Hochzeiten, Hauseinweihungen und Geburten von Söhnen. Doch das reicht meist nicht aus und weil kaum andere Berufe zur Wahl stehen, arbeiten viele als Prostituierte.

Hijras begreifen sich Schutzbefohlene der Göttin Bahuchara Mata, die überhaupt von den Transsexuellen Indiens angebetet wird. Diese launische Hindu-Göttin hat einige heftige Mythen: u.a. betete einst ein König sie um einen Sohn an. Der Sohn wurde geboren, doch war er impotent. Die Göttin erschien dem Prinzen im Traum und befahl ihm, sich die Genitalien abzuschneiden, Frauenkleidung zu tragen und ihr zu dienen – wenn er das nicht täte, würde er die nächsten sieben Inkarnationen impotent sein müssen… So springt diese wenig barmherzige Göttin mit impotenten Männern um und das erklärt auch die häufige, oft rituelle Selbst-Kastration und das Zölibat der Hijras. Es gibt auch eine andere Legende, in der sie eine indische Braut war, der sich ihr Mann verweigerte und stattdessen lieber im Wald in Frauenkleidern herumlief – aus Rache kastrierte sie ihn…

Chanit

Im Oman leben die Chanith (oder Xanit) – ist das umgangssprachliche Wort im Oman für Männer, die die männliche Geschlechterrolle ablehnen und/oder aus westlicher Sicht intersexuell sind. Sie werden im Prinzip als Eunuchen angesehen, denn sie besitzen männliche Geschlechtsorgane sind jedoch sexuell nicht aktiv und gelten also als impotent. Im omanischen Verständnis bedeutet Mann = sexuell aktiv. Wer als Mann nicht mit einer Frau sexuell aktiv sein kann oder will – dem bleibt diese Nische im Gendercode.

Die Chanit haben einen Zwischenstatus, sowohl von ihrer Erscheinung her als auch im sozialen Gefüge. Sie tragen sowohl Männer- , als auch Frauenkleidung – wobei sich letzterer oft in der Farbgebung von üblicher Frauenkleidung absetzt. Sie haben einen halblangen Haarschnitt, den sie unverhüllt tragen. Im Verhalten sind sie Frauen meist näher, sie benutzen viel Parfum, bewegen sich weiblich und sprechen gerne mit hoher Stimme. Aufgrund ihrer Grenzposition können sie sich sowohl im häuslichen Bereich der Frauen, wie auch im öffentlichen Bereich der Männer bewegen. Bei Hochzeiten und anderen wichtigen Ereignissen nehmen sie eine wichtige Rolle ein.

Kathoey

Im thailändischen Verständnis umfasst Kathoey ursprünglich alle, die von ihrem ursprünglich biologischen männlichen bzw. weiblichen Rollenverständnis abwichen. Schon in den buddhistischen Ursprungsmythen ist von drei Geschlechtern die Rede – nämlich, männlich, weiblich und „zwitter“ – eben Kathoey und welches Geschlecht wir haben, ist auch – nach buddhistischer Lehre – von unserem Karma abhängig und man kann niemandem sein Karma und seine Folgen vorwerfen. So ist ihre Akzeptanz in der thailändischen Gesellschaft ist viel älter und weitreichender, als die Trans- oder Intersexueller in westlichen Gesellschaften.

Meist sind die Kathoey biologische Männer mit femininen Eigenschaften oder weiblicher Identifikation, die maskuline Männer begehren. Sie schlüpfen entweder dauerhaft oder gelegentlich in weibliches Rollenverhalten, inklusive Kleidung und Make-up. Manche von ihnen sind auch echte transsexuelle, inklusive Operationen und Hormonbehandlung.

Doch auch für sie ist der Arbeitsmarkt schwierig, meist sind sie in der Unterhaltungsindustrie und im Rotlichtmilieu beschäftigt.

Fa‘afafine

Auch in Polynesien wird ein drittes Geschlecht gesellschaftlich anerkannt. In der Regel sind die Fa’afafine bei ihrer Geburt männlich, aber verfügen über ausgeprägte männliche und weibliche Eigenschaften – die sie auf einzigartige Weise in ihrer Gesellschaft zum Ausdruck bringen können. Meist werden sie schon als Kinder identifiziert, wenn sie selbst merken, dass sie Dinge lieber auf weibliche Weise als auf männliche Weise tun. Von ihrer Erscheinung her können sie extrem weiblich bis extrem männlich wirken. Sie sagen von sich, dass ihre Rolle nicht mit der Homosexueller anderer Gesellschaften vergleichbar ist, auch wenn ihre Partner in der Regel männlich sind, gelegentlich auch weiblich und selten ebenfalls fa’afanfine.

Eingeschworene Jungfrauen

Burrneashas oder Virgjineshas sind Frauen auf dem Balkan, die in ihrer Familie die Rolle des Mannes übernehmen. Sie legen vor den Ältesten ihrer Gemeinde einen entsprechenden Schwur ab und werden fortan an als Mann behandelt. Sie tragen Männerkleidung und Waffen und verzichten auf sexuelle Beziehung und eine Ehe. Sie sind die einzige institutionalisierte Cross-Gender Kultur in Europa.

Das Abschwören von der Weiblichkeit war oft die einzige Möglichkeit für eine Frau einer arrangierten Verheiratung zu entgehen, ohne dass ihre Familie entehrt wurde. Außerdem war es für Familien, in denen es an Männern fehlte, eine Möglichkeit, den Schutz und die Autorität ihres Klans zu erhalten. Das war in einer Region, in der oft alle erwachsenen männlichen Familienmitglieder Opfer von Blutrache wurden, oftmals nötig. Dies war vor allem in ländlichen Gegenden üblich und nicht nur auf Albanien beschränkt, doch ist Albanien heute der einzige Ort wo noch ein paar Dutzend eingeschworener Jungfrauen leben.

Situative Notwendigkeit

Und immer wieder hat es Situationen gegeben, in denen die Kleidung des anderen Geschlechts das Leben gesichert oder massiv erleichtert hat. So haben sich während der Kriege immer wieder Frauen als Männer verkleidet, um Vergewaltigungen zu entgehen, oder Männer als Frauen, um unbeschadet desertieren zu können oder einem Massaker zu entgehen.

Außerdem haben immer wieder Menschen ihr biologisches Geschlecht verleugnet, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, was eben dem anderen Geschlecht vorbehalten war:

Dazu gehört z.B. die Chinesin Hua Mulan (die Vorlage des Disney-Films Mulan), die sich zur Zeit der nördlichen und südlichen Dynastien (420-589) als Mann verkleidete, um ihrem alten, gebrechlichen Vater den Krieg zu ersparen, so erzählt es jedenfalls eine alte Ballade. Man weiß nicht, wieviel Wahres daran ist.

Genauso auch ist die Geschichte von Päpstin Johanna umstritten – doch hat sie bis heute nichts von ihrer provokativen Kraft eingebüßt: im Mittelalter soll eine kluge und gelehrte Frau sich als Mann verkleidet durch die klerikalen Hierarchien bis zur Papstposition aufgestiegen sein. Doch soll sie während einer Prozession ein Kind geboren haben und kurz danach gestorben sein – entweder durch natürliche Umstände oder durch Mord…

Eine sicherlich reale Kämpferin in Männerkleidung war Johanna von Orléans (c.1412-1431) – die allerdings nie leugnete, eine Frau zu sein. Im Gegensatz zur Spanierin Catalina de Erauso (1592-1650) der es bis zu ihrem eigenen Geständnis gelang, unentdeckt als Soldat in der spanischen Armee in Süd-Amerika diente.

Shi Pei Pu war ein männlicher Sänger der Peking Oper, dem es während der Kulturrevolution gelang den französischen Diplomaten Bernard Boursicot davon zu überzeugen, dass er eigentlich eine Frau war. Doch schließlich kam die Wahrheit auf spektakuläre Weise ans Licht. Die Geschichte ist recht dramatisch und wurde zur Grundlage des Theaterstücks und gleichnamigen Films „M.Butterfly“ von David Henry Hwang.

Gesellschaftliche Provokation

Gar nicht heimlich, dafür aber vielleicht umso provokativer, agierte der französische Diplomat, Soldat und Spion Charles Geneviève Louis Auguste André Timothée d’Éon et Beaumont allgemein bekannt als Chevalier d’Eon (1728-1810) – der die ersten fünfzig Jahre seines Lebens als Mann lebte und sich dann entschied den Rest seines Lebens als Charlotte zu leben. Da er Zeit seines Lebens zwischen den Geschlechtern oszillierte – er veranstaltete u.a. Fechtduelle in Frauenkleidern, rätselte Frankreich bis zu seinem Tod um sein wahres Geschlecht. Als er starb wurde es schließlich öffentlich, dass er männliche Genitalien hatte.

George Sand (1804-1876) war das Pseudonym der französischen Schriftstellerin Amandine Aurore Lucile Dupin v war eine Schriftstellerin im frühen 19. Jahrhundert, die Männerkleidung der Frauenkleidung vorzog. Sie rebellierte gegen die traditionelle Frauenrolle in ihrer Gesellschaft: schließlich verdiente sie mit dem Schreiben ihren Lebensunterhalt und versorgte nach ihrer Scheidung ihre Kinder selbst. Sie war eine frühe Feministin.

Besonders interessant ist das fiktive Alterego des französisch-amerikanischen Künstlers Marcel Duchamp (1887-1968), der als schöne und erotische Rrose Sélavy (Rose ist ein Anagram von Eros und Selavy ist eigentlich c’est la vie: Eros – das ist das Leben) seiner weiblichen Seite Ausdruck gab. Zunächst auf Photos seines Freundes Man Ray und als selbständige Künstlerin mit eigenen Kunstwerken und Texten…

Und als Abschluss zu diesem Aspekt möchte ich die deutsche Schauspielerin und Sängerin Marlene Dietrich (1901-1992) erwähnen, die in ihrem ersten Hollywoodfilm „Marokko“ (USA 1930) erstens einen Smoking trug und zweitens eine Frau küsste. Bis dahin war der Smoking ein den Männern vorbehaltenes Kleidungsstück gewesen und Marlene fand überhaupt Gefallen darin, sich in Herrenkleidung fotografieren zu lassen. Die von ihr gerne getragenen weit geschnittenen und hoch in der Taille sitzenden Stoffhosen wurden als „Marlene-Hosen“ bekannt und unterstrichen ihre androgyne Ausstrahlung, die Männer, wie Frauen gleichermaßen reizte. Der britische Theaterkritiker und Autor, Kenneth Tynan, der mit ihr befreundet war, erklärte: „Sie hat Sex, aber kein eindeutiges Geschlecht.“

Im nächsten Artikel werde ich mich der Frage widmen, was an der öffentlichen Überschreitung der Geschlechtergrenze so reizvoll ist, das sie ein fester Bestandteil unserer Unterhaltungsindustrie geworden ist und auch warum es so viel mehr Dragqueens als Dragkings gibt…

 Anmerkung zum Schluss: die Recherche für diesen Artikel wurde ungemein durch Wikipedia erleichtert. Danke allen, die mit ihrer Arbeit diese Plattform unterstützen.

Sprachbalance

In meinem Bemühen, zur Balance zwischen dem Männlichen und Weiblichen beizutragen, wird mir immer klarer, dass es im Grunde auch einer balancierten Ausdrucksweise bedarf. Das geht einigermaßen gut, wenn es um männlich und weiblich als energetische Qualitäten geht, wie ich es ja bereits beschrieben habe.

Aber sobald sich das auf die Geschlechter bezieht, wie z.B. in meinem vorigen Artikel, in dem ich Männer zum Tragen von Röcken ermutige…und dabei explizit nicht Männer meine, die Lust haben sich als Frau zu verkleiden oder damit zu spielen…wie z.B. Dragqueens. Sondern…“echte Kerle“… wird es schwierig. Denn so manche Dragqueen mag in ihrem normalen männlichen Alltag ein echterer Kerl sein, als so mancher Mann, der im Leben nicht auf die Idee käme sich mit weiblichen Attributen zu zieren und doch vielleicht manchmal weiblicher, oder um ein altmodisches Wort zu benutzen… „weibischer“ wirkt, als ihm bewusst und/oder lieb ist.

Unter Umständen wirken manche Männer weiblicher als manche Frauen und manche Frauen männlicher als manche Männer und manchmal absichtlich und manchmal unabsichtlich… und so schnell schleichen sich Klischees und Vorurteile in die Diskussion. denn bisher ist unser Sprachgebrauch da in der Regel ziemlich undifferenziert, oder, polemischer formuliert: es ist ein leichtes, sich mit diesbezüglichen Äußerungen im Elektrozaun diverser Befindlichkeiten zu verheddern… Vergleichbar vielleicht mit der Gefahr bei Äußerungen zum Thema Rassismus oder Antisemitismus…

Und also wurde mir klar, dass ich darauf achten muss, nicht das Gegenteil auszulösen, von dem was ich erreichen will: nämlich mehr Akzeptanz, Toleranz und Mut zum individuellen Ausdruck – gerade was unseren Umgang mit männlich-weiblich in uns selbst und bei anderen angeht…

Mögliche Metaphern

Offensichtlich ist die Polarität der biologischen Geschlechter weit weniger schwarz/weiß als uns die Konventionen unserer Kultur und entsprechend oft die Medien bisher vermitteln. Es gibt eben nicht nur „das Männliche“ und „das Weibliche“! Sondern dazwischen ein breites Spektrum an Kombinationen aus beidem, sowohl energetisch als auch physisch. Deswegen hat sich die Szene wohl auch den Regenbogen als Emblem auserkoren, um die Buntheit des Ausdrucks zu untermalen… und doch sind wir – so gesehen – am Ende alle reines Licht!

Eine liebe „bunte“ Freundin meinte, dass viele Menschen ihrer Bekanntschaft sich von unserem „binären System“ eingeengt fühlen… aber ich denke, dem liegt vielleicht ein Missverständnis zugrunde: denn „binär“ heißt ja nicht „entweder-oder“ sondern, dass etwas aus zwei Komponenten zusammengesetzt ist. In der Informationstechnologie gibt´s den „binären Code“ der besagt, dass alle Informationen durch die Kombination von genau zwei Symbolen, nämlich 1 und 0, codiert werden können…

Und auf männlich-weiblich übertragen finde ich das sogar sehr passend: denn energetisch sind wir alle eine Kombination aus beidem und zwar immer, nur eben in unterschiedlichen Variationen. Und genau, wie man in unserer dualen Welt hell nicht ohne dunkel oder heiß nicht ohne kalt wahrnehmen kann, ist weiblich ohne männlich kaum zu erfassen.

Vielleicht ist das charmanteste Bild eine Art Kontinuum aufgespannt zwischen zwei Polen: am einen Ende „männlich“, am anderen „weiblich“ und doch ist das eine auch immer ein Teil vom anderen… Ich stelle mir das etwa wie ein langgezogenes Yin-Yang-Symbol vor. Und jeder von uns befindet sich irgendwo dazwischen. Je nach Situation und Verfassung manchmal an verschiedenen Punkten und das sogar gleichzeitig… Denn manchmal ist die Positionierung im physischen Außen nicht immer deckungsgleich mit der Positionierung im psychischen Innern. Manche bewegen sich entspannt zwischen den Polen hin- und her und nehmen im Laufe ihres Lebens manchmal sogar unterschiedliche Positionen ein. Andere finden nicht den ihnen gemäßen Platz in den derzeit angebotenen gesellschaftlichen Nischen, so dass sie sich mittels einer Geschlechtsumwandlung näher an ihren persönlichen dominanten Pol begeben und also auch äußerlich entsprechend wahrgenommen und behandelt werden können.

Ganz sicher ist es für diesen Blog reizvoll, die einzelnen Positionen mal genauer zu untersuchen und mit einzelnen Vertretern zu sprechen. Denn eine kurze Recherche ergab, dass in der Szene u.a. die Frage, wie man eine Transgenderperson angemessen anspricht und wer auf welche Toilette geht…heiß diskutiert werden.

In diesem Artikel geht es mir allerdings erst mal darum, mir einen gewissen Überblick über die aktuellen Begrifflichkeiten zu verschaffen. Das ist nämlich weit komplexer, als ich anfangs dachte. Ich muss gestehen, dass ich mir zunächst einmal erst bewusst machen musste, dass es – natürlich – Unterschiede zwischen der sexuellen Orientierung, des biologischen Geschlechtsursprungs und deren Ausdruck gibt.

Sexuelle Orientierung

Anders ausgedrückt: es gibt heterosexuelle Frauen und Männer, die sexuell jeweils an Vertretern des anderen Geschlechts interessiert sind. Es gibt homosexuelle Frauen und Männer – bzw. Lesben und Schwule, die sexuell an Vertretern ihres eigenen Geschlechts interessiert sind. Dann gibt es jene, die sich für beide Geschlechter interessieren – die werden meist als bisexuell bezeichnet und jene, die sich für keins von beidem interessieren, als asexuell. Dann gibt es noch pansexuelle – die für Menschen mit allen möglichen geschlechtlichen Identitäten sexuelle bzw. romantische Gefühle empfinden können. D.h. also auch für Menschen in der Mitte des Kontinuums von männlich-weiblich und polysexuell sind jene, die sich zu einigen, aber nicht zwingend zu allen Menschen auf dem Kontinuum angezogen fühlen.

Ursprüngliches biologisches Geschlecht

Aber unsere geschlechtliche Identität wird ja nicht nur von unserer sexuellen Orientierung bestimmt – sondern auch und in aller Regel, von unseren Genen und unseren Geschlechtsorganen. Menschen mit weiblichen Sexualorganen – sind Frauen, Menschen mit männlichen – Männer.

Es gibt jedoch auch Menschen, die werden sowohl mit weiblichen, als auch mit männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren – in unterschiedlichen Graden und genetischer Prägung. D.h. sie befinden sich auch physisch im Kontinuum und näher an der Mitte, als jeweils an einem der Pole… Diese Menschen werden im Allgemeinen als „intersexuell“ bezeichnet. Bis vor Kurzem war es noch üblich, dass Kinder, die keine eindeutige physische Geschlechtlichkeit hatten, mittels Operation „angepasst“ wurden. Seit dem 1. November 2013 ist nun gesetzlich festgelegt, dass die Geschlechtlichkeit des Kindes offen bleiben kann – medizinisch und auch legal, etwa auf der Geburtsurkunde.

Inneres Befinden und gewählter Ausdruck

Und dann gibt es jene, die sich – wieder innerhalb des Kontinuums – mehr oder weniger mit dem anderen Geschlecht identifizieren und im Extremfall Maßnahmen ergreifen, auch ihren physischen Geschlechtsausdruck dauerhaft zu verändern. Diese Menschen werden als transsexuell bezeichnet und sie streben stark danach in ihrer – neuen Identität – möglichst ein „normales Leben“ führen zu können.

Aber nicht alle, die sich stark mit ihrem nicht-biologischen Geschlecht identifizieren, haben das Bedürfnis dies dauerhaft zu ändern und darin Normalität zu erleben. Sie wehren sich also gegen den Begriff transsexuell und ziehen Transgender vor. Zu den Transgender Gruppierungen gehören Transvestiten – die Spaß daran haben, entweder zum persönlichen Vergnügen und/oder zur Unterhaltung anderer in die Rolle und Kleidung des anderen Geschlechts zu schlüpfen; dazu gehören dann auch Dragqueens und – kings… Menschen, die einen androgynen Selbstausdruck wählen – also gleichzeitig männlich und weiblich erscheinen…und Menschen, die deutlich zwischen beiden Polen hin- und her schalten, für sie haben die Amerikaner den Begriff bi-gender gewählt.

So, und um es richtig bunt zu machen, gibt es Transsexuelle, die vielleicht ursprünglich heterosexuell waren…aber aufgrund ihrer Geschlechtsumwandlung jetzt homosexuelle sind und umgekehrt… Im Prinzip gibt es also jede geschlechtliche Disposition in Kombination mit jeder sexuellen Präferenz…

Übrigens hat der deutsche Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch 1991 den Begriff der Zissexualität in die Debatte eingeführt – als Gegensatz zur Transsexualität. Denn laut Sigusch ist das Zusammenfallen von körperlichem Geschlecht und geschlechtlicher Identität eben keine Selbstverständlichkeit.

Zissexuell sind also Menschen, die sich mit dem Geschlechtsausdruck ihres Körpers zweifelsfrei identifizieren. Das sagt aber noch nichts über ihre sexuelle Orientierung aus…

Im Zweifel queer

Im Englischen Sprachgebrauch gibt es eine Art Sammelbegriff, der alle bisher als ungewöhnlich wahrgenommenen Geschlechterrollen und sexuellen Orientierungen umfasst. Menschen, die finden dass das auf sie zutrifft, bezeichnen sich als „queer“ und im englischen Sprachraum ist das auch der Begriff für die gesamte politisch-kulturelle Bewegung, die sich für mehr sexuelle Selbstbestimmung und sexuellen Selbstausdruck engagiert. Dazu zählen sich auch Menschen, die mit mehreren Menschen gleichzeitig sexuelle und Liebesbeziehungen unterhalten (Polyamorie) und auch Menschen, die BDSM praktizieren – d.h. besondere sexuelle Verhaltensweisen, die u.a. Sado-Masochismus und Fetischismus mit einschließt. Und interessanterweise begegnen sich die verschiedenen Gruppierungen auch mit einem unterschiedlichen Maß an Toleranz… Manche Transgender Menschen lehnen Transsexuelle, die zu operativen Maßnahmen greifen ab; BDSM wird nicht von allen gleichermaßen toleriert und über den Gebrauch der verschiedenen Begrifflichkeiten herrscht auch immer wieder Uneinigkeit…

Wer also irgendwie das Gefühl hat, mit seinem Befinden, seiner Orientierung, seinen Vorlieben und seinen Interessen auf diesen Gebieten von der derzeitigen Norm – also zissexuell, heterosexuell, ohne auffällige Neigungen – abzuweichen, kann sich getrost als „queer“ bezeichnen.

Schick wäre natürlich, wenn wir überhaupt ohne diese qualifizierenden Begriffe, die so schnell immer so wertend klingen, auskämen. Aber so lange wir als Gesellschaft zu Weiblichkeit und Männlichkeit im Allgemeinen, sowie im Besonderen kein wirklich entspanntes und erlöstes Verhältnis haben, so lange helfen diese Begriffe sich zu definieren, zu identifizieren und auf andere zu beziehen… Und das ist wohl eins unserer Urbedürfnisse…uns in uns selbst und mit anderen orientieren zu können. Vielleicht läuft die aktuelle Entwicklung tatsächlich immer weiter darauf hinaus, dass wir lernen uns als Wesen unabhängig von unserem geschlechtlichen Ausdruck wahrzunehmen. Metaphysiker sagen, unsere Seelen sind in Wahrheit androgyn und erst durch die Verkörperung erfährt ein Wesen seine spezifische geschlechtliche Ausprägung – die sich im Übrigen von Inkarnation zu Inkarnation unterscheiden kann. Kurz, wie das einmal eine kluge Freundin von mir für sich auf den Punkt brachte: „Ich liebe eine schöne Seele – die Verpackung ist mir egal!“