Wachstumskurven

Ich hatte mir geschworen, keine Katzengeschichten zu schreiben…und erst recht keine Fotos zu posten. Bis mir meine Katze eine Strich durch die Rechnung machte. Ein Teil dieser Entscheidung war nämlich auf meine Gedanken zurückzuführen, dass meine Katze ihrerseits keine Gelegenheit hat, sich mit ihren Artgenossen über ihren Mensch auszutauschen, wenn sie sich beispielsweise über meine Ausdauer amüsiert, etwa: „Einfach putzig, wie sie immer wieder das Bällchen für mich über den Teppich rollt, selbst wenn ich längst woanders bin.“ Oder bei meiner Morgengymnastik spöttisch die Schnurrhaare zuckt: „Das soll Yoga sein?“ So lange ist es irgendwie unfair, wenn ich das umgekehrt tue. Doch Entscheidendes hat sich geändert.

Also doch eine Katzengeschichte:

Unsere Freundschaft begann im März vor zwei Jahren, als ich das zehn Jahre alte Hauskatzenfräulein aus dem Tierheim holte, um einer alternden felinen Lady einen angenehmen Lebensabend zu bieten, und in der Hoffnung, dass sie nicht ganz so viel Bespassung und Abwechslung bräuchte wie ein jüngeres Tier. Doch es stellte sich heraus dass SEVAL, wie ich sie nenne, (keine Ahnung ob sie vorher eine Minka oder Miezi war) für ihr Alter bemerkenswert fit ist und keinesfalls aufs Klettern auf mehrere Meter hohe Regale (ich wohne in einer Altbauwohnung) , wilde Jagden auf durch die Wohnung nach echten Leckerlis und fiktiven Mäusen und selbstständige Freilauftaufenthalte verzichten will.

Als sie zu mir kam, war nicht klar, ob sie nun eine Freigängerin ist oder nicht. Man hatte sie kurz vor Weihnachten draußen in der Kälte gefunden, abgemagert, apathisch, voller Parasiten und mit einer Herzerkrankung. Als ich sie im März bei mir einzog, waren zwar die Parasiten bereits auskuriert, sie hatte etwas Gewicht zugelegt und eine Herzoperation hinter sich. Doch das Fell auf der Brust war noch recht kurz und Streicheln am Bauch sehr unwillkommen. Und vor jedem neuen Besucher und unangenehmem Geräusch, wie Türklingel, Dampfbügeleisen und Staubsauger floh sie unters Sofa.

Doch inzwischen ist ihr schwarz-weißes Fell wieder üppig und glänzend, das leichte Röcheln beim Atmen und Schnurren aufgrund der vergrößerten Herzklappe ist völlig verschwunden und sie hat ordentlich zugenommen. Zugenommen hat auch ihre Neugier und Abenteuerlust, mehr und mehr Besucher bekommen sie nun zu Gesicht und unangenehm lärmende Tätigkeiten beobachtet sie jetzt missbilligend vom obersten Regalbrett.

Und als dieses Jahr die ersten warmen Abende kamen, stand sie mitten in den Blumenkästen auf der Balkonbrüstung, und machte gewagte Verrenkungen, um sich einen besseren Überblick über den Vorgarten zu verschaffen – ich wohne im Hochparterre. An solchen Tagen sind auch geworfene Bällchen und Leckerlis und das sonst begeisternde Spiel mit einer Pfauenfeder für sie offenbar so aufregend, wie für uns die x. Wiederholung eines Fernsehfilms.

Doch letztes Jahr war sie beim Müll hinausbringen in den Hinterhof gefolgt und mit zwei zackigen Sprüngen über die Mülltonnen und den Zaun im Nachbarhof verschwunden…Auf mein Rufen antwortete sie kläglich maunzend, war aber nicht in der Lage, das Schlupfloch im Zaun, was ich ihr geöffnet hatte, zu finden. So musste ich mich selbst durch den Zaun zwängen und sie in einem fremden Hauseingang, wo sie miauend auf einer der Stufen kauerte, wieder einsammeln. Daraufhin schwor ich mir, diese Katze bleibt ein Stubentiger!

Aber manche Schwüre muss man aus Liebe brechen…

Denn nach dem dritten Abend unzufriedenen Streifens über den kleinen Balkon bei herrlichstem Sommerwetter, dachte ich, ich wäre auch unglücklich, wenn ich schönes Wetter immer nur vom Balkon aus genießen könnte. Aber was, wenn die Katze wegrennt und sich dann verläuft? Noch schlimmer, was wenn sie überfahren wird? Ich wohne unweit von einer stark befahrenen Straße…

Andererseits: diese Katze hatte ein Leben vor mir – wenn sie doch eine Freigängerin war, dann musste sie auch mit Autos klar kommen. So überlegte ich hin und her, bis mich eine Freundin auf eine Idee brachte. Sie hatte eine Frau mit Katze an der Leine auf dem Friedhof gesehen. Ein guter Ort, um eine Katze laufen zu lassen, weil es da keine Hunde oder Autos gibt… Aber trotzdem fand ich Friedhofsausflüge irgendwie unattraktiv und konnte mir auch nicht vorstellen, dass Seval sich an der Leine bewegen würde. Aber so etwas weiß Frauchen nicht, bevor sie es ausprobiert hat. Also schaffte ich ein Katzengeschirr an und befestigte daran meinen Namen und Telefonnummer. Am ersten Abend zog ich Seval das Geschirr an. Das ließ sie über sich ergehen, aber von der Folge war sie überhaupt nicht begeistert. Ihre Empörung fühlte sich an, wie: „Dieses peinliche Ding ist nicht dein Ernst, oder?“ und kroch über die Dielen, immer an der Wand entlang. Bis ich ihren Bauch sanft hochhob und sie begriff, dass sie sich damit durchaus normal bewegen kann. Nach zwanzig Minuten hatte sie sich dran gewöhnt und machte keine Anstalten, das Teil abzustreifen.

Das Experiment wird gewagt

Daraufhin entschied ich, nun mit ihr vor das Haus in den Vorgarten zu gehen, ohne Leine – denn mein Name stand ja auf dem Geschirr. Sie war selig, konnte fröhlich herum streifen und als ich nach einer halben Stunde wieder hinein wollte, ließ sie sich ohne Probleme hereinlocken. Am Abend danach, wieder einer lauen Frühsommernacht, funktionierte Locken gar nicht und ich musste sie Einfangen. Aber dank des Geschirrs und einem beherzten Sprung über den Zaun eines benachbarten Kindergartens, hatte ich sie nach einer Dreiviertelstunde wieder in den Armen. Ich entschied, dass Ausflüge erst abends nach neun stattfinden sollten, weil dann merklich weniger Verkehr in meiner Straße ist und ich in der Regel dann auch nicht mehr ausgehe, d.h. wenn ein Ausflug mal länger dauert, ist das auch kein Problem. Bei diesen beiden Ausflügen war ich zeitgleich draußen, las oder telefonierte…und fühlte mich ähnlich einer Mutter, deren Kind auf einem Spielplatz zugange ist. Inzwischen sträubte sich Seval nicht mehr gegen das Geschirr, wenn es auch immer einen Moment dauerte, bis sie sich daran erinnerte, dass sie sich auf ganze Höhe aufrichten konnte. Und ich fühlte mich sicher, sollte sie abhauen, sich verlaufen und dann gefunden werden würde mich ein hoffentlich ein freundlicher Mensch kontaktieren, dank meiner Telefonnummer auf dem Geschirr. In der Regel erwischte ich sie nach einer halben Stunde, wenn sie durch die Hecke am Zaun schlüpfte oder eine Einfahrt zum benachbarten Garten überqueren wollte. Doch nach drei Tagen davon hatte Seval genug. Es war wieder eine besonders laue Nacht und sie schaffte es diesmal, mir immer wieder zu entwischen. Der Vorgarten ist von einer stacheligen Buchsbaumhecke umgeben und also ist meine Bewegungsfreiheit auch eingeschränkt, während sie sich einfach unter dem Gestrüpp ducken kann. Tatsächlich fand Seval wohl, dass das ein grandioses Fangenspiel war, denn sie war immer im Vorgarten, aber eben nicht bereit, hinein zu kommen. Ich saß auf der Treppe zum Eingang und versuchte sie mit Rufen und Leckerli anzulocken. Sie interessierte sich gar nicht für mich, sondern putzte sich demonstrativ unter dem großen Rhododendron – immer in Sichtweite und doch unerreichbar… Einige Nachbarn, die kamen und gingen nahmen mehr oder weniger erheitert Anteil. „Was, Sie führen Ihre Katze aus?“ und dem Unterton war deutlich anzumerken, dass die Aktion meinem Ruf nicht unbedingt förderlich war.

Das Experiment droht zu scheitern

Ich lächelte verlegen und schwieg. Und wenn sie weg waren, machte ich einen erneuten Versuch, die Katze einzufangen. Aber Seval kannte die Hecke inzwischen besser und ließ sich nicht mehr so ohne weiteres überlisten. Dann kam unsere Lieblingsnachbarin und erkundigte sich mitfühlend, ob Seval vom Balkon gefallen sei, ich verneinte und berichtete von meinem Experiment. Sie nickte freundlich, wünschte mir viel Glück und verschwand dann auch im Haus. Jetzt war es schon nach elf. Seit zwei Stunden versuchte ich nun, die Katze einzufangen. Es war vollkommen sinnlos. Könnte man das Lachen von Katzen hören, wäre sicher ein durchdringendes Kichern durchs Gebüsch gedrungen… Um Mitternacht schließlich musste ich so dringend auf Toilette, dass ich beschloss, die Jagd kurz zu unterbrechen. Als ich anschließend wieder herunterkam, war Seval nirgends zu sehen. Ich schluckte nervös und begann mich über meine Schnapsidee zu ärgern. Mit meinem Handy als Taschenlampe streunte ich durch Hinterhöfe und Gärten und rief und miaute, aber weit und breit keine Seval. Nur gelegentlich begegnete mir jemand, der seinen Hund ausführte und mich entweder besorgt oder belustigt ansah. Aber keiner sagte was. Schließlich war es halb ein Uhr morgens und ich so müde, dass ich entschied, nach Hause zu gehen. Irgendjemand würde die Katze bestimmt irgendwann finden – sie hatte ja das Geschirr mit meiner Nummer…Gott sie Dank! Niedergeschlagen ging ich ins Bett und schlief voller Schuldgefühle ein, eine rechte „Rabenkatzenmutti“ zu sein. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Seval war schließlich eine Katze, ein Tier, verflixt nochmal!!!

Nächtlicher Weckruf

Mein Handy legte ich griffbereit und auf ganz laut gestellt, und als um drei Uhr morgens eine SMS kam, sprang ich sofort aus dem Bett, in der Hoffnung, jemand habe Seval gefunden… Doch es war eine SMS aus den USA, und hatte mich aufgrund der verschiedenen Zeitzonen eben zu nachtschlafender Zeit erreicht, obwohl es für den Absender erst neun Uhr abends war. Trotzdem trat ich auf den Balkon und blickte hoffnungsvoll hinunter in den Vorgarten. Und tatsächlich: da saß ein schwarzweißes etwas direkt unter dem Balkon und maunzte, kaum dass sie mich hörte! Dankbar und selig stürzte ich barfuß und im Nachthemd durch den Hausflur die Treppe hinunter zur Haustür und ließ die Katze herein. Sie raste an mir vorbei, die Treppe hinauf, durch die Wohnungstür direkt aufs Katzenklo! Ich möchte nicht übertreiben, aber nicht nur aufgrund meiner Erleichterung klang das ausgiebige Scharren ausgesprochen freudvoll. Nach Umfang der erledigten Geschäfte zu schließen, war auch Seval heilfroh, wieder in heimischen Gefilden zu sein und war sicher kein Fan der Wildnis. Währenddessen hatte ich ihr frisches Futter in ihren Napf in der Küche gefüllt und als sie aus dem Bad kam, nahm ich ihr das Geschirr ab. Dann machte sie sich über das Futter her und zwinkerte mich dabei freundlich an. Dankbar und erleichtert ging ich wieder ins Bett, wohin sie mir kurz darauf laut schnurrend folgte und sich an ihren Lieblingsplatz begab. So schliefen wir dann glücklich aneinander geschmiegt beide bis zum Morgen.

Experiment hat funktioniert, alle Beteiligten glücklicher als zuvor

Seit dem funktioniert das mit den abendlichen Ausflügen fabelhaft: irgendwann gegen neun kratzt sie an der Wohnungstür, dann lasse ich sie zur Haustür heraus und etwa eine halbe Stunde bis Stunde später sitzt sie miauend unter dem Balkon und möchte wieder rein. Wenn ich dann die Haustür aufmache, kommt sie sofort aus dem Gebüsch und rennt in den Hausflur, die Treppe hinauf zu meiner Wohnung. Weil das so gut klappt, darf sie jetzt auch ohne Geschirr hinaus – denn jetzt findet sie ja ihr zuhause wieder. Und wenn es gewittrig ist, oder ich mal abends unterwegs, dann verbringt sie ihren Abend, wie gewohnt drinnen. Doch die abendlichen Spaziergänge bekommen ihr offensichtlich gut, sie wirkt deutlich ausgeglichener, frisst wieder mehr und wir beide freuen uns jedes Mal, wenn sie von ihren Ausflügen nach Hause kommt, genauso, wie wenn ich von meinen Ausflügen nach Hause komme und wir beide wieder vereint sind!

Das eigenartige Huhn

Inspiriert von einer Debatte auf der Michael Roads Facebookseite während dieser Woche, heute mal ein etwas anderer Blogeintrag, eine Geschichte: MEINE Variante zum Thema Adler und Hühner – da gibt es bekanntermaßen schon einige Geschichten…die ich aber eher frustrierend als ermutigend finde. Und außerdem war es mir aus verschiedenen Gründen wichtig, eine weibliche Protagonistin zu haben – auch wenn es dadurch stilistisch scheinbar holpert, weil wir das nicht gewöhnt sind. Ich bitte diesbezüglich um Verständnis und wünsche nun viel Vergnügen beim Lesen:

Das eigenartige Huhn

Keiner weiß mehr, wie es dazu kam, aber eines Tages lag zwischen den auszubrütenden Hühnereiern ein Adlerei. Die Glucke, die darauf saß, entschied sich nicht weiter an dem fremden Ei zu stören. Wenn der Vogelgott wollte, dass auch dieses Küken ausgebrütet werden sollte, dann wollte sie ihr Bestes geben und auch diesem Vögelchen helfen, ein stolzes Geflügel zu werden, so, wie sie es schon von ihrer Mutter gelernt hatte!

Doch, das war nicht so einfach, denn das Küken aus dem anderen Ei sah ihren Geschwistern nicht besonders ähnlich, und verhielt sich auch anders. Aber die Glucke gab sich wirklich große Mühe, dem kleinen weißen Vögelchen auch das ordentliche Picken und Scharren beizubringen und obwohl  sich ihr Schnabel schlecht zum Picken und die Klauen schlecht  zum Scharren eigneten, so wuchs doch dieses eigenartige Huhn zu einem gesunden großen Vogel heran.

Und eins musste man dem eigenartigen Huhn lassen:  obwohl von anderer Gestalt und Erscheinung als ihre Geschwister war, bemühte sie sich nach besten Kräften, es den anderen Hühnern gleich zu tun. Sie lief morgens – wenn auch langsam – mit aus dem Hühnerstall, stolperte dann über den Hof, regte sich auch mal über einen widerspenstigen Wurm oder plötzlichen Regen auf und war, wenn auch nicht besonders beliebt, so doch durchaus wohl gelitten unter den anderen Hühnern. Die Glucke liebte ihre ‚besondere‘ Vogeltochter, die ihr so viel mehr Herzeleid, aber auch mehr Herzensfreude beschert hatte, als all die anderen vergleichsweise pflegeleichten Küken, denn alles schien für das eigenartige Huhn mit besonderer Anstrengung verbunden. Manchmal machte sich die Glucke auch insgeheim Sorgen um sie. Schon jetzt mieden viele Hühner sie immer häufiger und ob wohl jemals ein Hahn nach ihr krähen würde? Schließlich musste sie auch irgendwann Eier legen, denn sonst, – so war das Gesetz – würde sie eines Tages geschlachtet werden und im Kochtopf enden. Doch solchen Gedanken gab sich die Glucke nur selten hin, zu beschäftigt war sie mit all den anderen Dingen, die ein Hühnerleben erfüllen.

Das eigenartige Huhn musste jedoch feststellen, dass es ihr zunehmend schwerer fiel, wie die anderen Hühner zu empfinden. Sie sprachen endlos darüber, wie ein Nest sauber und trocken zu halten sei, wie das Stroh dafür beschaffen sein müsse, und welche Körperhaltung fürs Eier legen die beste sei und ihre Schwestern sprachen immer häufiger von flotten Hähnen. Tatsächlich wurde das Krähen der jungen Hähne immer ausführlicher von ihnen diskutiert. Doch dem eigenartigen Huhn war das alles merkwürdig gleichgültig. Die sich ewig wiederholenden Gespräche erschienen ihr eintönig und langweilig. Jeden Tag wurde ihr schwerer ums Herz. Nur der Anblick der Berge am Horizont oder der Wolken hoch am Himmel konnten sie manchmal aufheitern. Doch jedes Mal, wenn sie sehnsüchtig in die Ferne blickte, wurde sie unweigerlich von der Glucke aufgeschreckt und daran erinnert, nur ja das Scharren und Picken nicht zu vernachlässigen. Als gäbe es nichts Wichtigeres – aber gab es das tatsächlich?

Eines Abends, der Bauer war offensichtlich heute sehr spät dran, erschien in der Abenddämmerung ein Fuchs am Zaun. Panisch flüchteten die Hühner  in den Stall. Doch das eigenartige Huhn stellte fest, dass sie ursprünglich den anderen so schnell wie möglich – so, wie sie es gelernt und oft geübt hatte – in den sicheren Unterschlupf hatte folgen wollen, doch… tatsächlich empfand sie keinerlei Angst. Eher so etwas, wie Neugier und eine eigentümliche Verwandtschaft, und sogar eine Art Sehnsucht.  Der Blick des Fuchses hatte jedoch Erstaunen und vielleicht sogar etwas, wie Verachtung ausgedrückt, aber warum nur? Das mahnende Geschrei der Glucke riss sie aus ihren Gedanken und als dann kurz darauf endlich der Bauer mit einem Gewehr auf dem Hof erschien, verschwand auch der Fuchs.

Doch diese neu empfundenen Gefühle ließen das eigenartige Huhn nicht mehr los. Plötzlich stellte sie fest, dass sie lieber bei Tage ruhte – trotz des sorgenvollen Gezeters der Glucke, dass so nie ein richtiges Huhn aus ihr würde – und dafür auch bei Dunkelheit  gerne draußen war. Da war es ruhig und still und sie konnte jenen Gedanken nachhängen, die sonst keines der anderen Hühner zu teilen schien.  So kam es, dass eines Morgens im Frühsommer,  ein großer dunkler Vogel  sich lautlos auf einem Zaunpfosten am Hof niederließ, während das eigenartige Huhn nach Art der Hühner aufgeplustert in einer kleinen Sandkuhle unruhig schlief.

Plötzlich wurde es von dem großen Vogel aus seinen Träumen gerissen. „Hey du! Was machst du denn da?“ „Ich schlafe!“ antwortete das eigenartige Huhn. „Da lachen ja die Hühner!“ erwiderte der große Vogel und zupfte seine Schwanzfedern wieder in Form. „Warum sollen die lachen?“ fragte das eigenartige Huhn und der große Vogel antwortete: „Na, weil Adler einfach nicht bei Hühnern schlafen. Ich weiß das, ich bin ein alter Adler und ich schlafe seit ewig hoch oben, in einem Horst im Felsen, nahe den Bergen.“ Das eigenartige Huhn hüpfte zum Zaunpfosten und erwiderte: „Aber ich bin doch kein Adler, ich bin ein Huhn!“ Der Adler fiel vor Lachen fast  vom Pfosten. „Wer hat dir denn den Blödsinn erzählt? Sieh dich doch mal an! Siehst du aus, wie die Viecher im Stall, oder siehst du so aus wie ich?“

Das eigenartige Huhn hielt den Kopf schräg und begann zögernd den Vergleich: ihr Schnabel ähnelte in Form, Farbe und Größe tatsächlich dem des Besuchers, auch die Klauen, die Flügelspannweite und die Beschaffenheit des Gefieders….sollte sie etwa wirklich…?  Der alte Adler unterbrach ihre Gedanken: „Lass das Denken! Komm! – Flieg mit mir.“ „Aber, ich kann doch nicht fliegen!“ erwiderte sie. Der Adler schüttelte den Kopf: „Das weißt du nicht, bevor du es nicht selbst ausprobiert hast. Wenn es dir nicht gelingt…dann bist du eben nur ein Huhn, das versehentlich einen Adlerkörper hat! Aber wenn doch, dann bist du vielleicht ein Adler, mit der versehentlichen Illusion ein Huhn zu sein?!“

Das eigenartige Huhn geriet in große Zweifel: sollte sie wirklich fliegen können? Und was würde das für Folgen haben? Wenn sie tatsächlich etwas tat, was den anderen ganz sicher nie gelänge? Andererseits war die Neugier groß, sie dachte an die Berge und die Wolken und eine tiefe Kraft aus ihrem Herzen brach sich Bahn. Sie wusste, sie würde sich nie vergeben, wenn sie es nicht wenigstens versuchte.  Mutig breitete sie die Flügel aus und sah den alten Adler fragend an. Mit gezielten und knappen Anweisungen gelang es ihm, dem eigenartigen Huhn zu einem kurzen Flug auf den hohen  Zaunpfosten neben ihm zu verhelfen.

Das eigenartige Huhn hatte kaum Zeit darüber zu staunen, denn der alte Adler rief: „Und jetzt denk nicht nach, folge einfach deinem Körper!“ Mit ausgebreiteten Schwingen ließ er sich vom Zaunpfosten in die Luft fallen. Mit wenigen Flügelschlägen erhob er sich hoch in die Luft über ihr. Das eigenartige Huhn hatte große Angst, doch langsam breitete sie die Flügel aus und ließ sich fallen, so wie sie es bei dem alten Adler beobachtet hatte. Plötzlich war ihr, als würde eine magische Kraft ihren Körper durchströmen.  Der Aufwind hob sie hoch in die Lüfte und als ob sie nie etwas anderes gemacht hätte, flog sie dem anderen Vogel hinterher.  So elegant, wie sich ihr Körper durch die Luft bewegte, so unelegant purzelten Gedanken und Gefühle durch ihr Gemüt: sollte sie wirklich ein Adler sein? Aber dann war sie zu einem ganz anderen Leben bestimmt, als all die anderen Hühner… Und doch…aus der Gegend ihres Herzens kam ein kraftvolles Gefühl der Bejahung:  sie war anders, als die anderen Hühner, sie war zu einem anderen Leben bestimmt und ja, offenbar war sie ein Adler.  Je mehr sie sich erlaubte, dem in ihrem Bewusstsein Raum zu geben, umso leichter wurde ihr ums Herz. Mit jedem Flügelschlag, der sie höher hob und je mehr sie sich der Weite der Landschaft gewahr wurde und doch gleichzeitig die Details auf der Erde unter ihr genau erkennen konnte… umso mehr wurde sie von der berauschenden Erkenntnis beseelt: „Ich bin ein Adler! Ich bin wahrhaft ein Adler! Das ist meine wahre Natur!“

Plötzlich stürzte der alte Adler in die Tiefe, auf eine Maus zu, die an einer Ähre knabberte, da überkam das junge Adlerweibchen der Übermut. Sie beschleunigte ihren Flug, kam dem anderen Vogel zuvor, schnappte sich mit natürlichem Geschick die Beute und flog auf den Ast eines Baumes, wo bereits der alte Adler saß. Sie zerriss  die Maus mit ihrem dafür vorzüglich geeigneten Schnabel und Klauen und schlang sie voller Genuß hinunter. Erst da setzte wieder ihr Denken ein und nun fürchtete sie auf einmal, die ungewohnte Nahrung könnte ihr nicht bekommen. Doch das Gegenteil war der Fall: zum ersten Mal schien die Nahrung sie zu beleben, zu stärken. Der alte Adler sah ihr belustigt zu. „Ist was anderes, als der tägliche Körnerfraß, hm?!“  Der frischgebackene Raubvogel nickte nur und erklärte: „Du hattest Recht. Ich bin ein Adler!“ Der alte Adler lachte: „Schön, dass du es endlich selbst gemerkt hast! Ich bin gespannt, wie du das den Hühnern beibringen willst!“ Das  Adlerweibchen überkam auf einmal ein furchtbar schlechtes Gewissen. Die Hühner hatte sie ja ganz vergessen! Aber um nichts in der Welt wollte sie jetzt schon zurückkehren. So verdrängte sie ihre Gedanken an die anderen und verbrachte einen wunderbaren Tag mit dem alten Adler. Gemeinsam flogen sie durch die Lüfte  und der alte Vogel zeigte dem jungen die Welt und das Leben der Artgenossen. Als es dämmerte, war das Adlerweibchen müde und wollte nach Hause… Aber war ihr zuhause noch ihr Zuhause?

Vorsichtshalber landete sie hinter dem Hühnerstall und hüpfte dann um diesen herum zu den anderen Hühnern, die bereits darauf warteten, vom Bauern zur Nacht in den Stall gescheucht zu werden. Die Glucke erblickte sie als erstes und gackerte aufgeregt: „Wo um Himmels willen bist du gewesen? Ich hab mir große Sorgen gemacht! Dir hätte wer-weiß-was passieren können. Wir hatten Angst, der Fuchs hat dich geholt bei deiner unguten Gewohnheit nachts draußen zu schlafen… Was hast du dir nur dabei gedacht?“ Das Adlerweibchen senkte den Kopf und sagte leise: „Es tut mir leid, dass ihr euch Sorgen gemacht habt, “ und kaum hörbar fügte sie hinzu: “Ich war fliegen.“ Doch der Glucke war dies nicht entgangen. Entrüstet plusterte sie sich auf: „Du warst was?“ „Fliegen…“ und dann berichtete der junge Raubvogel erst langsam und zaghaft und dann immer leidenschaftlicher von den hohen  Bäumen, die sie umkreist hatten, von den Feldern und Wiesen und sogar einem sich schlängelnden Fluß,  über denen sie geflogen waren und von den Bergen, die sie nun endlich aus der Nähe gesehen hatte. Aber die Glucke unterbrach sie: „Papperlapp, alberne Phantasien – du bist irgendwo in der Sonne eingeschlafen und hast geträumt! Das vergeht wieder! Und ab heute schläfst du wieder im Stall, wie alle anderen! Denn eins kann ich dir sagen: ein richtiger Adler wirst du nie. Die können gar nicht unter Hühnern leben, die fressen doch Hühner! Das sind Raubtiere! Und Jäger! Außerdem sind die ganz viel allein und müssen furchtbar einsam und ungeschützt das ganze Jahr draußen leben und immer selbst ihre Beute suchen – ich sage dir, so ein Leben will kein vernünftiger Vogel! Das ist gefährlich, waghalsig und wahnsinnig anstrengend. Das willst du ganz bestimmt nicht.“ Einige der anderen Hühner pflichteten der Glucke nickend bei. Die meisten von ihnen hatten das Gespräch jedoch gar nicht weiter verfolgt, sondern widmeten sich dem Scharren und Picken. Das Adlerweibchen betrachtete die ihr so vertraute Hühnerschar.  Einige von ihnen mochte sie wirklich gerne, die hatten einen wirklich feinen Charakter und manchmal sogar Humor. Aber…sollte sie wirklich wieder im Hühnerstall schlafen? Und den morgigen Tag wieder mit Scharren, Picken und Gackern verbringen? Je mehr er sich das ausmalte, umso größer wurde ihr Widerstand und umso deutlicher ihr Wissen: sie konnte das nicht mehr. Sie war heute ein neuer Vogel geworden und würde nie wieder so tun können, als sei sie ein Huhn. Auch nicht, damit alten Freunde und Verwandte sich sicherer fühlen konnten mit ihr.

Heute war etwas unwiederbringlich verloren gegangen…doch dafür hatte etwas Neues, noch leicht Fremdes diesen Raum eingenommen: eine unglaubliche Stärke, eine magische Verbindung, eine unendlich große Liebe zum Leben, die sie vorher so nicht gekannt hatte. Darauf wollte sie nie, nie, nie wieder verzichten und so erklärte sie laut und deutlich: „Doch, genau das will ich!“ Die Glucke schüttelte energisch den Kopf. „Unsinn, du weißt nicht, was du willst! Hier bei uns wirst du versorgt, beschützt und geliebt! Das ist doch das allerwichtigste!“ Das Adlerweibchen seufzte schwer: „Ich liebe euch auch. Aber ich kann und will trotzdem nicht so leben wie ihr. Das ist gegen meine wahre Natur!“

Und vor den Augen der verblüfften Hühner breitete sie die Schwingen aus und erhob sich hoch in die Luft und mit jedem Flügelschlag, mit dem sie sich weiter von ihnen entfernte, wußte sie, dass dies die einzig richtige Entscheidung war.  Doch ein Huhn schrie ihr hinterher: „Wie kannst du uns einfach im Stich lassen?“ Und ein anderes brüllte: „Du undankbares Mistvieh!“ Und wieder ein anderes rief: „Ich wusste immer, das mit dir etwas nicht stimmt!“ Doch die Glucke, die sie großgezogen hatte, flüsterte nur zu sich selbst: „Dann flieg‘, aber flieg‘ mit Gott!“

Das Adlerweibchen war da schon längst außer Hörweite, doch plötzlich spürte sie, dass, auch wenn sie noch nicht wusste, wo sie heute Nacht schlafen und wo sie morgen Nahrung finden würde, ihr das Leben den Weg weisen würde, der bestmögliche Adler zu sein, der sie eben sein konnte! Voller Ehrfurcht und Glück schlug sie noch ein paar Mal mit den Flügeln, und flog immer höher und weiter in den nächtlichen Himmel, den Sternen entgegen.