Das weibliche Bewusstsein der Schöpfung

Readymade: the breath of the goddess
the breath of the goddess | Holzboote – vergoldet, Salbei und Zeder aus Taos – New Mexico | 2016 born in Timmendorfer Strand

Die Bilder von der Kunstaktion 1000 Gestalten, einer Art stiller Demonstration während des G20 Gipfels am 5.7.17 in Hamburg haben mich tief berührt. Auf eindrückliche Weise zeigt sie die Ohnmacht der vielen einzelnen, die zunächst als graue, anonyme Masse sich dann – Mensch für Mensch – und doch auch gemeinsam befreien und die Macht der Vielen durch Gemeinschaft offenbaren. In tiefer Ruhe, friedlich und äußerst kraftvoll vermittelten diese Performancekünstler eine äußerst starke Botschaft: der Mensch ist mehr als nur seine Funktionen und Rollen und sehnt sich nach Frieden und Freiheit… Dann fielen mir Yael Deckelbaum, Miriam Toukan und die „Women Wage Peace“ Bewegung ein – wieder Kunst, diesmal Musik, die in den Dienst des weltweiten Friedens gestellt wird. Und immer wieder ist die Rede vom Erstarken des Weiblichen in der Welt. Gibt es da einen Zusammenhang?

Beim weiteren Nachdenken über dieses Thema fiel mir meine gute Freundin Casmina Magdalena Haas ein, die ich nicht nur sehr als Freundin schätze, sondern auch als Künstlerin. Ich empfinde sie als wahrhaft weiblich und wenn mich jemand fragen würde, ob es so etwas, wie eine weibliche Kunst gibt, dann würde ich unbedingt auf Casmina verweisen.

Außerdem ist Casmina seit ihrer Kindheit hochgradig hellsichtig und hellhörig und in der Lage, den Schöpfungsimpuls selbst in seinen vielfältigen Gestalten wahrzunehmen. Sie kann buchstäblich mit allem telepathisch kommunizieren, was beseelt ist – wenn es auch mit ihr kommunizieren will… Hunde sind beispielsweise oft sehr mitteilsam, Katzen dagegen eher verschwiegen… Aber Casmina „spricht“ auch mit Steinen, Pflanzen, Wüsten, Meeren und Bewusstseinsformen, für die wir gar keine Worte haben, die jedoch dennoch Teil unserer Welt sind und oft mit uns in Wechselwirkung stehen. Die meisten Menschen haben dafür  leider keinen Sinn, Casmina mit ihrem erweiterten Bewusstsein jedoch schon und also fand ich es als naheliegend, sie einmal zu den Themen Kunst und Weiblichkeit in unserer Zeit zu befragen:

Welche Aufgabe hat Kunst deiner Meinung nach für den Menschen?

Kunst ist ein Werkzeug unseres ureigenen inneren Feldes, uns selbst und das, was wir sind, in der Welt sichtbar und erfahrbar zu machen. Kunst führt uns, als Schöpfer sowie als Betrachter, im Optimalfall in das Zentrum unserer eigenen Kraft. Sie erinnert uns an das, was wir sind und an das, was durch uns in der Welt platziert und verankert werden kann.

Kunst ist ein Mittel der Schöpfung in uns und durch uns hindurch. Sie erstreckt sich in alles hinein, was aus der Schöpfung heraus Leben erhält. 

Gemälde: female release
female release | Erde, Piniennadeln, Gold, Acryl, Kreiden auf Leinwand Panel | 30 x 30 cm | 2015 born in Orange Grove, Tucson – Arizona

Meine Kunst entsteht in Zusammenarbeit mit dem Schöpfungsfeld der Erde, das heißt der Natur und exponiert auf diese Weise den heiligen Raum materialisierten Lichts. Und zwar in jedem von uns, in allem was lebt und vor allen Dingen, in dem, was wir nicht erklären, aber erfühlen können. Durch meine Liebe zum Feld der Kreativität, die unser Universum, unsere Erde und auch uns selbst ständig erschafft und erneuert,  bündelt meine Kunst den schöpferischen Ausdruck des Lebens selbst. Meine Kunst dokumentiert mit all meiner Liebe den unermüdlichen heiligen Kreislauf von Leben und Sterben und Neuwerdung.

Die Idee und Umsetzung der interdimensionalen Kunst (Bezeichnung für ihr derzeitiges Werk, Anm. E.) entstand auf meinem langjährigen künstlerischen Weg. Sowohl aus dem konkreten Schöpfungsprozess heraus, als auch aus meiner Liebe zur Natur, zur Erde, zum Leben selbst  und besonders dem tiefen Raum des Ursprungs eines jeden Neubeginns, der wiederum Leben erschafft.

Aus dieser Begeisterung heraus reise ich um die Welt, gehe in die Kommunikation mit Regenwäldern, Wüsten, Bergen, Kontinenten… Während meiner meditativen Retreats in diversen Ländern entsteht in dieser sensiblen und gleichzeitig kraftvollen Begegnung mit der Erde und ihren Schöpfungen meine Kunst. Dabei sammele ich Hölzer, Gräser, Sand, Steine, Blätter, Federn, Tierfelle, Knochen usw. in der Natur. Diese webe ich in meine Kunstwerke ein, seien es Bilder, Installationen oder Readymades (zum Kunstobjekt erklärte Gegenstände, die Casmina in besonderer Weise arrangiert oder gestaltet, Anm. E.) Oftmals entstehen auch aus den gesammelten Naturmaterialien heraus eigenständig Kunstwerke. Dabei erlebe ich mich in einer schöpferischen Synthese mit dem materialisierten Leben selbst. In dieser Weise wurden in den letzten Jahrzehnten rund um die Welt meine Werke geboren. Diese sind immer auch ein Verweis auf die besondere Energie, Geschichte, aber auch das Potenzial einer bestimmten Landschaft, eines Landes oder Kontinentes.

So drückt sich die Erde durch mich als Teil des Weiblichen aus. Als Teil dessen, was wir alles sind – ein immer noch unerforschtes Wunder des Lebens selbst, welches niemals wirklich verstanden, aber umfassend empfunden und so erlebt werden kann. Meine Kunst ist ein Verweis auf die Unendlichkeit der Schöpfung selbst und – im Optimalfall  – eine tiefe Erinnerung an das, dem wir uns nur hingeben können, dem Leben, dem „Göttlichen“ und der unendlichen Ewigkeit…

Readymade: das Monumentale muss nicht groß sein
das Monumentale muss nicht groß sein | Holz, Rosenquarz – vergoldet | 2016 born in Timmendorfer Strand

Deine Werke heißen: „Atem der Göttin“ oder „Freiheit der Erdseele.“ Wie kommst du zu diesen Titeln?

Die Titel meiner Arbeiten entstehen aus dem Prozess des Erschaffens heraus. Oder während des Schöpfungsprozesses, indem immer mehr und mehr fühlbar wird, was für eine Frequenz des Lebens sie transferieren. In einigen Fällen offenbart sich die Intention, die einem Kunstwerk innewohnt, im Zusammenspiel mit einem Betrachter oder häufiger noch einem Käufer, der in der Regel immer eine sehr intime und gefühlsbetonte Beziehung zu einem Werk von mir entwickelt.

Was glaubst Du, warum das Weibliche gerade so hoch im Kurs ist?

In der heutigen Zeit dehnt sich die Sehnsucht nach der Wahrheit unseres Lebens immer mehr aus, da Religion, Gesellschaft und Wissenschaft an ihre natürlichen Grenzen stoßen. Die Kunst ist das Feld, durch das wir bewusst an der Schöpfung teilnehmen können. Durch die Kunst geben wir der Schöpfung in unserem Leben und in unserer Gesellschaft mehr Raum.

Das weibliche Feld erinnert uns gerade heute an die Tiefe des Friedens alles Seienden. Ganz natürlich und wie selbstverständlich, erschafft es immer wieder aus sich selbst heraus Leben und läßt es weiterfließen.

Das Weibliche in der Kunst ist ein Feld, welches in der Tiefe weiß, aber nichts will. Es ist ein stiller Raum, der jenseits aller Worte durch Manifestation ständig über die Schönheit, Würde und Einzigartigkeit jeder Schöpfung informiert. So können wir wieder an das Wunder angeschlossen werden, welches wir als Teil der Schöpfung selbst sind.

Diese Rückanbindung, kann uns die Einsicht schenken, dass es nichts zu verbessern gibt. Es geht nur darum, die Fülle und die Freiheit, die der Schöpfung inne wohnt, anzunehmen und miteinander zu teilen. In und durch dieses Kraftfeld ist Frieden nicht nur möglich, sondern eine natürliche Konsequenz der Achtung vor dem Leben selbst. Das kann jeder einzelne von uns und gemeinsam verstärkt es sich. Ist das nicht wunderbar?

Gemälde: freedom of the earth soul
freedom of the earth soul | Federn, Gold, Sand, Acryl, Öl auf Leinwand Panel | 30 x 30 cm | 2016 born in Tucson – Arizona

Über Casmina Magdalena Haas und ihr Werk:

Von Beginn unserer Freundschaft an, war die Erforschung der Kreativität und gerade von Frauen als Schöpferinnen eines unserer Lieblingsthemen. Immer wieder durfte ich beobachten, wie Casminas Arbeiten entstehen und sich im Laufe ihrer Entwicklung wandeln. Von jeder Reise bringt sie neue Impulse, neue Bilder und neue Readymades mit.

Immer deutlicher wurde dabei ein Aspekt, der all ihren Werken seit 2012 auf besondere Weise inne wohnt: ein materieller Ausdruck der Ehrerbietung an unsere Natur und die Schöpfung selbst. Sie scheinen beinahe wie Gestalt gewordene Gebete der Liebe, Verehrung und Dankbarkeit. Es geschieht häufig, dass Menschen beim Anblick ihrer Werke die Tränen kommen oder sie ganz still werden, als ob sie in eine sakrale Sphäre eingetaucht sind. Tatsächlich wird in gewisser Weise jeder Raum, in dem sich ihre Kunst befindet und ihre Kraft entfalten kann, im besten Sinne heilig und kann diesen regelrecht zu einem Heilraum machen. Denn wer dafür offen ist, kann in seinem tiefsten inneren Wesen berührt werden und erinnert sich so daran, wer er in Wahrheit ist. Das ist eine zutiefst heilsame Erfahrung.

Inzwischen ist beobachtet worden, dass Casminas Bilder im Dunkeln leuchten – ohne Blitz fotografiert scheint es, als wären sie Lampen. Diese offensichtlich besondere Kraft, die ihre Werke ausstrahlen ist mittlerweile von einem Radiästheten gemessen worden. Er stellte fest, dass ihre Bilder und Skulpturen Werte von bis zu 200.000 Boviseinheiten erreichen. D.h. sie erhöhen die Frequenz ihrer Umgebung mit einer Reichweite von bis zu 20 Kilometern. Sensitive Menschen können die Strahlung ihrer Heilkraft oft  wahrnehmen. Tatsächlich können die Bilder im Betrachter den persönlichen Zugang zur Schöpfung und die heilige Präsenz alles Seienden eröffnen und damit die Frequenz der universellen Liebe in den Herzen der Menschen.

Nach Studien der Malerei an der Kunstakademie in München und der Hochschule der Künste in Bremen ist Casmina seit 2000 freischaffend als Künstlerin tätig. Derzeit lebt und arbeitet sie an der Ostsee und auf der ganzen Welt. Fast überall, wo sie dem Gesang der Schöpfung lauscht und diesem in ihrer Kunst auf einmalige Weise Ausdruck verleiht, hat sie ihre Werke auch ausgestellt, ob in Deutschland oder Amerika, den Arabischen Emiraten oder Indien und an vielen anderen Orten auf der ganzen Welt! So verbreitet sich die besondere Frequenz des Friedens, der Harmonie und des Feierns der Schöpfung, die Casminas Werk und Wesen auszeichnen, auf natürliche, sanfte und doch nachhaltige Weise immer weiter. So kann Kunst immer weiter zu Frieden und Freiheit führen – auf einem wahrhaft weiblichen Weg!

Readymade: und sie träumen fort und fort...
und sie träumen fort und fort… | Engelsflügel aus Gips – vergoldet, Kojotenköpfe | 2016 born in Timmendorfer Strand

Anmerkung: 

Diese zweidimensionalen Abbildungen werden der tatsächlichen Kraft der mehrdimensionalen Kunst leider kaum  gerecht. Auf Casminas eigener Webseite gelingt dies viel besser  und mehr Informationen über sie gibt es dort auch!

Transzendentale Geheimnisse der Ölsardinen oder Flutschen für den Frieden

In meinem steten Bestreben, das männliche und weibliche in mir und in meinem Leben in eine gesunde Balance zu bringen, entschloss ich mich vor kurzem wieder mal zur Teilnahme an einem Tantra-Seminar. Weil mir empfohlen und es gerade geographisch und zeitlich passte, nahm ich ein Angebot des Secret-of-Tantra Instituts auf dem ZEGG-Gelände in Bad Belzig, etwa eine Stunde von Berlin, wahr. Ich überwies die Kursgebühr, las die Liste der Dinge, die man mitbringen sollte und dachte, da das Seminar „Öl-Ritual: Spüren und Berühren“ hieß, es würde vor allem um mehrhändige Massagen mit Massageöl gehen…

Ein Sprung ins kalte Wasser – respektive ins warme Öl

Ich wurde von einem freundlichen Mitberliner im Auto mitgenommen, der auch am Ölritual teilnehmen wollte und auf der Fahrt nach Bad Belzig seine große Vorfreude darauf bekundete. Doch zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht ganz nachvollziehen, was denn nun so toll daran sein sollte – denn ein erfahrener Tantriker geht mit Ölmassagen, auch in Gruppen, eigentlich recht entspannt um… Mein Fahrer fuhr fort, seine Seminarerfahrungen bei anderen Tantralehrern zu schildern, wo es gelegentlich auch zu ungesunden Grenzüberschreitungen und schier archaischen Eifersuchtsszenen gekommen war. Das schürte meine Skepsis. Ich hatte zwar dergleichen noch nie erlebt…aber…Tantra kann natürlich auch einen Hochofen der Gefühle mit entsprechenden Explosionen erzeugen. Als mein netter Chauffeur dann auf einmal nicht mehr auftauchte und offenbar abgehauen war, wuchs mein Misstrauen… Doch später erfuhr ich, dass er aufgrund seiner allerdings heftigen Erkältung auf dem Absatz, oder vielmehr auf dem Hinterreifen kehrt gemacht hatte – und sich vom Seminarleiter via SMS verabschiedet hatte.

Also befand ich mich dann allein mit weiteren 31 mir völlig fremden Teilnehmern im Seminarraum des ZEGG. Wir lauschten den Schilderungen des Leiters, Silvio Wirth, worum es nun an diesem Wochenende gehen würde. Der Kern dieses Wochenendes bestand darin mit den anderen 23 Seminarteilnehmern, vier Assistenten und 5-6 Litern warmem Öl in einem entsprechend präparierten Becken splitterfasernackt zu …ja, was eigentlich…zu wuseln..? Silvio beschrieb es mehr als eine unvergleichliche Mischung aus „Schwimmen, Gleiten und Fliegen“ mit geschlossenen Augen und man verlöre Zeit und Raumgefühl. Da schrillte meine inneren Alarmglocke: „Kontrollverlust!!!“ Ich kann es nicht leiden, nicht zu wissen, wo ich bin, mit wem ich bin, das Tempo steuern zu können und das, was gerade ist… Fluchtgedanken hatte ich allerdings keine: tatsächlich wuchs meine Abenteuerlust.

Bereitschaft macht unendlich viel möglich

Möglichst unauffällig scannte ich die anderen Teilnehmer… etwa gleich viele Männer, wie Frauen… im Alter etwa zwischen Mitte zwanzig und Mitte sechzig. Darunter ein netter Engländer, der mit Entzücken darüber gelesen hatte und dann trotz intensiver Suche nirgendwo sonst in Europa ein vergleichbares Angebot gefunden hatte. Erst als er die deutschen Begriffe googelte und dann den deutschen Text der Webseite durch das Übersetzungsprogramm von Google laufen ließ, wusste er, sein Wunsch würde sich erfüllen – dass er kein Wort Deutsch konnte, war für ihn kein Hindernis.

Weil die Mehrheit der Teilnehmer tatsächlich noch nie ein Tantraseminar oder gar ein Ölseminar dieser Form gemacht hatte, wurden manche auch etwas blass um die Nase. Silvios Ausführungen und die Bemerkungen einiger anderer mit entsprechender Erfahrungen steigerten den Respekt vor dem Ritual – bei manchen bis zu ausgemachtem Muffensausen: je nach Gemütslage und Temperament donnerten unter anderem Schamgefühle; die Angst, etwas falsch zu machen und Angst vor Klaustrophobie hoch und manche Frauen mit langen Haaren sorgten sich, ob sie denn nicht lahmgelegt würden, wenn andere Körper auf ihren Haaren liegen würden…

Meine persönliche Hauptangst war weniger die geballte Nacktheit, die mögliche Begegnung mit erigierten Gliedern (Lingams, wie es im tantrischen Sprachgebrauch so schön heißt) oder mit meinem Haar festzuhängen, sondern vor allem die enorme physische Nähe von so vielen, dann ohnehin nicht mehr identifizierbaren Menschen. Da wir die Augen geschlossen halten sollten und die Haut als Hauptwahrnehmungsorgan einsetzen sollten, war es ausgeschlossen, sich innerhalb des Gewusels wirklich zu orientieren. Also kein oben und unten mehr, sondern im Zweifel nur ein unentrinnbares Mittendrin…

Aber erfahren wie Silvio und seine Co-Leiterin Kalinka, sowie sechs Assistenten, oder „Angels“ wie sie charmanterweise genannt werden, inzwischen damit sind – Silvio meinte, es sei wohl sein 25. oder 26. Ölritual, holten sie jeden einzelnen von uns ziemlich genau da ab, wo er sich befand – auch wenn er selbst darüber keine Orientierung (mehr) hatte…

Die Aufgabe der „Secret-of-Tantra-Crew“ bestand nun darin, innerhalb von wenigen Stunden eine Gruppe von über dreißig Menschen zu einer Gemeinschaft zu formen, in der achtsames Miteinander, Vertrauen in jeden einzelnen und in die ganze Gruppe, gesundes Grenzbewusstsein und Bereitschaft zu Selbstverantwortung so gestärkt wurden, dass jeder sich in der Erfahrung sicher und aufgehoben fühlen konnte und sie maximal genießen können würde. Wirklich keine kleine Herausforderung!

Doch es gelang ihnen! Zum einen bot die Harmonie innerhalb der Leitungscrew einen wunderbaren Anknüpfungspunkt von Vertrauen, Achtsamkeit und Verständnis: mit ihrem gemeinsamen „Grundton“ stimmten sie die ganze Gruppe ein. Zum anderen dienten eine kluge Struktur und liebevolle Organisation dem Ganzen; sowie verschiedene Tanzmeditationen und Übungen – die ich hier im Detail gar nicht schildern möchte. Ihre vorbereitende Wirkung offenbart sich ohnehin nur durchs machen. Und auch der Engländer fühlte sich dank übersetzungswilliger Teilnehmer schließlich vollkommen integriert. So waren wir keine 24 Stunden später alle bereit, einzeln und gemeinsam dieses Abenteuer des „im-Öl-Seins“ zu wagen und uns der transformativen Kraft des Öls zu stellen.

Öl ist eine heilige und heilsame Substanz

Denn natürlich ist Öl eine magische Substanz – gerade in einem solchen Ritualzusammenhang und unabhängig von seiner tatsächlichen biochemischen Beschaffenheit.

Mythologisch betrachtet ist Öl vielleicht so etwas, wie die Nervenflüssigkeit der Erde – so, wie Wasser das Blut der Erde ist. Allerdings kommt Erdöl für religiöse Zwecke wohl eher selten zum Einsatz… Doch vielleicht ist es gar nicht so überraschend, dass uns (Erd)öl zum „Kraft“ und „Treibstoff“ geworden ist und für viele ihre Vehikel durchaus Kultstatus haben… Nur für unsere menschlichen Körper bevorzugen wir eher pflanzliche Öle:

Mit ätherischen Ölen wurde von jeher geheilt und sterbende und neugeborene Menschen werden oft – besonders in religiösen Kontexten – mit Öl eingerieben. Ätherische Öle bringen uns – jedes auf seine Weise – mit unserem ureigenen Wesen in Kontakt. Sie stärken grundsätzlich das Gefühl von Anbindung, von Geborgenheit und Wärme und unterstützen damit auf besondere Weise bei der Überquerung einer seelischen Schwelle – wo genau auch immer diese sich gerade befindet.

Außerdem war es von jeher auch ein Ausdruck von besonderer Segnung und Würdigung: in der Antike und auch heute noch bei indigenen Völkern wurden und werden Götterstatuen und heilige Symbole regelmäßig eingeölt – um ihre Heiligkeit zu erhöhen und zu verdeutlichen. Die alten Ägypter und ihre Gottheiten hatten ohnehin zu Öl und vor allem zu Duftölen ein besonderes Verhältnis. Später ölten auch kämpfende Olympioniken und siegreiche römische Feldherren ihre Körper – für ihre Triumphzüge durch Rom. Jesus wird manchmal als „Der Gesalbte“ bezeichnet und auch in den Ermächtigungsritualen der katholischen Kirche, werden die Amtsanwärter „gesalbt“ – d.h. mit Öl eingeschmiert!

Schließlich kennen wir den – inzwischen negativen – Begriff des „Ölgötzen“ für einen Menschen, der an seinem Platz sinnlos ist. Doch ursprünglich war damit auch ein „mit Öl gesalbtes und mit Ölfarben angestrichenes Götzenbild“ gemeint – und das ganz sicher auch aus Anbetungsgründen!

Erst jetzt, im Nachhinein, habe ich mir die Frage gestellt, wie Silvio überhaupt dazu gekommen ist, das anzubieten, da es offenbar nicht ohne weiteres in den Kanon tantrischer Traditionen gehört. Und also habe ich jetzt erst Silvios Text dazu auf seiner Webseite gelesen. Mit Begeisterung stelle ich fest, dass sein Impuls aus der Kunst kam – genauer, der Wiener Aktionskunst der Sechziger Jahre und dass es auch gelegentlich mit Körperbemalung verbunden wird. Tatsächlich dachte ich, dass eine rituelle Körperbemalung das Ganze noch steigern könnte – denn auch das hat eine mythische Kraft und: ich bin ziemlich sicher, dass Ganzkörperölerlebnisse Teil der antiken Mysterienschulen waren. Da darüber bekanntermaßen nur sehr wenig überliefert ist, können wir nur spekulieren. Aber glücklicherweise ist das für die Intensität der Erfahrung in unserer Zeit unbedeutend.

Das Unsagbare in schlüpfrigen Worten

Silvio und einige andere „Wiedergänger“ in Sachen Öl hatten Recht, als sie sagten, es sei in Wirklichkeit eine unbeschreibliche Erfahrung. Tatsächlich werden die Sinne in einer Weise stimuliert, die weit jenseits von Sprache liegt. Und damit meine ich jetzt nicht nur – und besonders für jene, deren Phantasie jetzt mit ihnen durchgeht – das orgiastische, wilde, archaische – oder, was es aus meiner Sicht, eher trifft: das bedingungslose, unendliche, universelle.

Aber dies ist ein Blog und ich bin Autorin und also wage ich es das unbeschreibliche zu beschreiben…und bin mir dabei vollkommen bewusst, dass es nur eine Annäherung sein kann. So ähnlich, wie ein Kochrezept zu lesen und statt das Gericht zu kosten…oder, um der Materie gerechter zu werden: über Sex zu lesen oder zu hören, statt ihn selbst zu erfahren…

Denn natürlich ist es auch eine hocherotische Angelegenheit: Mal streift man mit den Fingern oder dem Gesicht eine Brust und spürt die Brustwarze, dann stupst ein Penis im Rücken, gleitet ein Bein unter den Arm, hebt sich ein Bauch unterm Kopf, schiebt sich eine Hand auf dem Po, reibt sich ein Fuß an der Schulter und das im fortwährenden Fluss…dazwischen – immer spürbar das weiche, aufweichende Öl, das immer wieder, wie ein warmer Regen, auf die vielen Körper rieselt und überall eindringt: in Haare, Ohren und anderswo… und alle und alles miteinander immer weiter vereint…

Gleichzeitig ist spürbar, dass dieser heilige Raum gehalten wird und feine Seelen unsichtbar, aber hörbar und manchmal auch spürbar, dafür sorgen, dass es allen immer möglichst gut geht, verirrte oder verwirrte „Fische“ wieder den Weg in den „Schwarm“ finden und Öl aus den Augen gewischt werden kann. Außerdem intensivieren Impulssätze die Erfahrung: an Delphine, Amöben und Wassertropfen wird erinnert. Das Ganze wird mit immer wieder wechselnder und doch passender Musik untermalt. Alle sind Teil eines grandiosen Gesamtkunstwerks, dessen treibende Kraft die Liebe ist und das Ziel die Begegnung – mit dem anderen, mit sich selbst, mit dem was gefürchtet und/oder ersehnt wird, mit dem, was auch immer sich dem einzelnen offenbaren möchte.

Und so hatte jeder „Fisch“ sein ganz eigenes Erlebnis: es gab Frauen, die das subjektive Gefühl hatten, nur von Männern umgeben zu sein; genau, wie es auch Männer gab, die ihrerseits das Gefühl hatten, nur von Männern umgeben zu sein…es gab manche, die das Gefühl hatten, nie genug Platz für sich zu finden, andere die das Gefühl hatten, die Nähe anderer gezielt suchen zu müssen. Manche hatten das Gefühl das Becken sei riesig, andere, es sei winzig…Einige waren dankbar, weil ihre Sehnsucht nach physischem Kontakt und ihre Bedürftigkeit endlich einmal gestillt worden waren; andere hatten das Gefühl zu sehr begrabscht worden zu sein und manche kamen mit tiefen Gefühlen von Traurigkeit, Einsamkeit und einstmaligen Verletzungen in Kontakt und auch das durfte alles sein und wurde von allen mitgetragen.

Es war berührend und faszinierend hinterher den individuellen Erfahrungsberichten zu lauschen, dabei tauchten natürlich auch erigierte Lingams auf und ab… Doch, bevor die Diskussion für die Betroffenen und Beteiligten zu schamlastig werden konnte, bemerkte eine kluge Frau, dass sie erigierte Lingams grundsätzlich sehr möge und dass dies etwas sehr Schönes sei und sie sicher sei, dass es vielen Frauen ginge, wie ihr!

Ich konnte ihr nur von Herzen zustimmen und es verleitete mich zu folgendem kleinen „Pöm“ (Da ich wirklich überhaupt nicht dichten kann, bezeichne ich meine Verse als Pösie – statt echter Poesie…und entsprechend ein Gedicht nicht als Poem, sondern als Pöm…):

Steht der Lingam zur guten Zeit
Erhöht er die Lust und erhebt die Weiblichkeit.
Steht der Lingam zur falschen Zeit
Fordert er Humor und kluge Weiblichkeit.

Nichttantriker können den erigierten Lingam auch gerne durch das Wort „Ständer“ ersetzen – es tut der Pösie wirklich keinen Abbruch… Mehr dazu auch in meinem Blogeintrag über den Charme von sichtbaren Ständern und Nippeln.)

Ganz besonders berührt haben mich auch die Schilderungen jener, die als Paar teilgenommen hatten. Es war bezaubernd und motivierend zu erfahren, dass es absolut möglich ist, auch als Paar so eine bereichernde und durchaus auch fordernde Erfahrung zu machen, indem man dem anderen maximale Freiheit in der Erfahrung gönnt und sich selbst auch erlaubt.

Flutschen für den Weltfrieden

Ich driftete zwischen mehreren Sinneszuständen hin- und her, je nachdem wie gut es mir gelang, meinen Kopf auszuschalten. Mal genoss ich diese totale Körperlichkeit, mich und so viele andere irgendwie gleichzeitig spüren zu können und war beglückt von der unglaublichen und überwältigenden Schönheit die jeder dieser Körper auch durch Berührung zum Ausdruck bringt. In dieser kleinen gefühlten Ewigkeit konnte ich mit innerer Seligkeit fühlen: wir sind wirklich alle göttliche Wesen – gerade auch in unserer Einzigartigkeit – und doch Teil eines großen phantastischen Ganzen, eine Art Gesamtwesen, dem sich hinzugeben mehr als belohnt wird. Überhaupt übte ich mich so gut ich konnte im Loslassen und Hingabe, an das, was auch immer da gerade war, mal mehr, mal weniger bewusst…bis sich sogar mein eigenes Haar, vollgesogen mit Öl, wie ein selbstständiges fremdes und doch vertrautes Wesen anfühlte. In diesem Zustand war es übrigens ohne weiteres möglich, es immer wieder aus verschiedenen Schichtungen herauszuziehen…

Und dann wieder schalteten sich sporadisch andere Bewusstseinsinstanzen meines Wesens ein und ich ahnte, dass sich so ähnlich die „Ursuppe des Lebens“ anfühlen könnte – ein scheinbar wirres und unberechenbares Chaos und doch von einer geheimen inneren Ordnung, bei der keine Grenze ungut überschritten wird, weil alle gleichzeitig geschützt und getragen werden vom Öl…das mir in dem Augenblick wie flüssige Liebe erschien…physisch und metaphysisch!

Und auch nach dem Ölbad und dem Auswaschen des Öls – mit ganz simplem fettlösendem Spülmittel – und der anschließenden Ruhe- und Integrationsphase, schwang die Erfahrung nach. Bei manchen führte sie noch weiter in die Tiefe, bei anderen steigerte sich die sexuelle Lust und ich hatte…mal wieder Kopfschmerzen. Kopfschmerzen sind oft ein spannungsvoller Ausdruck von Trennung – Migräniker suchen in der Regel immer den Rückzug, das Abseits, die Entfernung von den anderen – und doch ist es vielleicht auch ein Ausdruck des Urschmerzes über die fehlende Verbindung. Kein Wunder, dass sie bei mir durch die Ölerfahrung ausgelöst bzw. verstärkt wurden. Tatsächlich hatte ich schon vorher leichte Kopfschmerzen gehabt – aber glücklicherweise nicht „im Öl.“ Und doch hat mir diese Erfahrung vermutlich auch in diesem Aspekt weitere Heilung ermöglicht – das wird sich noch zeigen.

Ein Teilnehmer träumt nun davon, diese tiefgreifende und nachhaltige Erfahrung viel mehr Menschen und auch Kindern zugänglich zu machen bzw. regelrecht zu verordnen: denn wer mindestens alle fünf Jahre an einem Gruppenölritual teilnehme, könne auf Dauer keine Kriegsgedanken nähren…

Silvio stimmte zu und meinte, dass für ihn seine tantrische Arbeit und das Ölritual im Besonderen ein wichtiger Beitrag zu mehr Liebe und Frieden in der Welt sei – wie klein „der Tropfen auf den heißen Stein“ auch immer sein möge… Das mag manchem weltfremd, naiv und „gutmenschig“ vorkommen – aber nach meinen Recherchen hat Silvio völlig Recht. Aus meiner Sicht hat diese Arbeit viel mehr Kraft, als er vielleicht ahnt und zu wünschen wagt.

Das Ölritual ist ein Kraftwerk!

Vor einigen Jahren lauschte ich dem spirituellen Lehrers Michael Roads aus Australien, als er seine metaphysischen Forschungen zur Atomkraft schilderte. Er erklärte, die zerstörerische Kraft der Atomkraft entspräche energetisch

der Wut und dem Zerstörungswillen der Menschheit. Tatsächlich entspränge diese destruktive Schöpfung – zu der nur Menschen fähig sind – dem Fehlen von Liebe.

Daraufhin fragte ich ihn, was wir Menschen denn aus seiner Sicht tun könnten, um dieses hochschädliche Produkt mit etwas konstruktivem, heilendem auszubalancieren? Wie denn so ein „Kraftwerk“ der Liebe aussehen müsste?

Michael sah mich prüfend an, ob ich etwa auch jener weltfremden Esoterikfraktion angehörte, die mit lieb sein die Welt retten wollte. Dann antwortete er, dass keine „Kraftwerke der Liebe“ gebaut werden müssten, denn davon gäbe es bereits an die sieben Milliarden. Das bedauerliche sei nur, dass die meisten nicht „aktiviert“ seien… Denn tatsächlich verfüge jeder Mensch über die Fähigkeit, mit seiner Liebe alles (wieder) in die göttliche Ordnung, in die ganzheitliche Gesundheit zurück zu führen. Doch wir würden unsere Kräfte unterschätzen und uns von unseren Ängsten beherrschen lassen. Wenn jeder Mensch den Mut fände, seine Liebe maximal zu leben – dann würden die Schöpfungen aus Angst und Macht schließlich den Schöpfungen aus Liebe und Vertrauen weichen.

Das leuchtete mir damals ein und so bemühe auch ich mich, wie viele andere, das so oft und intensiv, wie möglich zu tun. Weil es vielleicht doch nicht für jeden offensichtlich ist, sei es hier noch einmal deutlich gesagt:

Liebe hat natürlich nicht nur einen physischen Ausdruck, aber auch und dann eine ganz besondere Kraft! Wer sich selbst und andere Menschen bedingungslos lieben und das auch physisch zum Ausdruck bringen kann, ist ein aktiviertes Kraftwerk der Liebe!

In der uns bisher bekannten Menschheitsgeschichte hat es das allerdings noch nicht gegeben, dass Liebe und Vertrauen stärkere Kräfte sind als Macht und Angst. Das heißt aber nicht, dass das nicht und vielleicht sogar bald geschehen kann. Das mag naiv erscheinen – doch steht der Beweis bekanntermaßen noch aus und ich persönlich gehöre unbedingt zu jenen, die schlichtweg Lust haben, dass mal zur Abwechslung in unserer Welt die Liebe siegt!

Auch aus diesen Gründen hat mir das Wochenende, die Begegnung mit diesen vielen wunderbaren Menschen und das Ölritual selbst, große Freude bereitet. Es hat mich sicher weit mehr bereichert und inspiriert, als ich derzeit ermessen kann. So viel mehr Informationen werden durch einen Körperkontakt ausgetauscht, als wir verbal je vermitteln können… Kein Wunder, dass die Kulturen, in denen das mehr Teil des alltäglichen Miteinanders ist, zumindest in seelischer Hinsicht oft viel gesünder und friedvoller sind als wir, die wir zwar Meister der materiellen Fülle sind, aber doch oft an einer gewissen Gefühls- und Kontaktarmut leiden. Berührung schafft da Abhilfe und führt aus dem Kopf mitten ins Herz! Ich bin allen, die mir diese Erfahrung ermöglicht haben sehr dankbar und wer nun Lust hat, diese selbst einmal zu erleben: den kann ich nur dazu ermutigen! Ganz sicher macht dann jeder seine ganz eigene und einzigartige und doch im höchsten Maße bereichernde Erfahrung! Ich persönlich habe durch dieses wundersame Ölritual wieder etwas mehr vom Mysterium unseres menschlichen Seins und der Magie der Liebe erfassen können – und ich war damit nicht allein!

 

Mehr Informationen: www.secret-of-tantra.de

Von der Venus mit Penis zu Conchita Wurst, Teil 2

Von der gesellschaftlichen Provokation ist der Weg nicht weit zur Unterhaltung, denn schon immer wurden auf der Bühne Dinge gewagt und gesagt, die im Alltag unvorstellbar waren…

Verkleidung und Rollentausch der Geschlechter gab´s immer schon

Auch wenn von den antiken griechischen Theaterstücken nur ein Bruchteil überliefert ist und es keine entsprechenden Hinweise gibt… so halte ich es doch für absolut möglich, dass in irgendeinem Satyrspiel – einer komischen Einlage zwischen den ernsten Tragödien, der eine oder andere Mann zur Gaudi des Publikums in eine Frauenrolle schlüpfte… Denn selbst ihre Götter verkleideten sich gelegentlich als Person des anderen Geschlechts und es gab den im vorigen Artikel erwähnten Aphroditekult, bei dem die Geschlechter die Rollen tauschten. Ob es nun intendiert war oder nicht: das wird auch durchaus unterhaltsam gewesen sein…

Überhaupt wird die Verkleidung als Vertreter des anderen Geschlechts schon immer Teil der Volksbelustigung gewesen sein, besonders zu bestimmten Festen, bei denen Verkleidung ein zentrales Element ist, wie im europäischen Karneval, bei dem inzwischen fast globalen Halloween oder beim jüdischen Purimfest.

Männer als Frauen als Männer…

Bekanntermaßen war Frauen in Westeuropa die Bühne und das Tragen von Männerkleidung lange verwehrt und so mussten Schauspieler die Frauenrollen übernehmen. Eine hübsche Illustration dessen ist der Film „Shakespeare in Love“, der zeigt, wie ungewöhnlich es im Elisabethanischen Zeitalter gewesen wäre, wenn eine Frau auf der Bühne erschienen wäre.

Doch als die Theater 1660 in England wieder eröffnet wurden, traten erstmals weibliche Darsteller auf und kurz darauf sogar auch in Männerkleidung. Unabhängig davon, ob die Figuren nun von Männern oder Frauen dargestellt wurden, hat Shakespeare in mehreren Stücken den zum Teil mehrbödigen Rollentausch zur Unterhaltung eingesetzt, z.B. in Was Ihr Wollt: so verkleidet sich die junge Viola (gespielt von einem Schauspieler) als ihr Zwillingsbruder Sebastian (eine klassische Doppelrolle bei Shakespeare, denn beide haben keine gemeinsame Szene) und nennt sich Cesario. Als solcher gerät er zwischen die Liebesfronten, eines Fürsten, der eine Edelfrau liebt, die aber „Cesario“ liebt, während Viola in Wirklichkeit den Fürsten liebt… Glücklicherweise taucht der tot geglaubte Bruder am Ende auf und bringt Ordnung in alle Angelegenheiten…

Hohe Stimmen sind nicht unmännlich

In den Barockopern war es anfangs nicht selbstverständlich, dass Darstellergeschlecht bzw. Stimmlage und Rollengeschlecht übereinstimmte. Die Hauptrollen wurden von Kastraten und Frauen übernommen, deren „engelsgleicher“ Gesang als besonders anziehend galt. Dass eine besonders hohe Stimme der kraftvollen Männlichkeit eines Feldherrn vielleicht nicht ideal entspricht – daran störte sich damals niemand. Jeder sang die Partie, für die sich seine Stimme am besten eignete. Kastrat und Sopranistin tauschten sogar in der Berliner Uraufführung von Cleopatra e Cesare in Berlin im letzten Akt die Rollen, um die Oper musikalisch zu Ende führen zu können.

Als die Kastraten aus der Mode kamen, setzte sich die heterosexuelle Ordnung auch auf der Bühne durch. Allerdings wurden Opern und Operetten mit Gesangseinlagen für Männerrollen mit hohen Stimmen noch immer komponiert und gespielt. Diese wurden dann von Frauen in sogenannten „Hosenrollen“ übernommen. Das bot auch noch einen pikanten Bonus, weil einen Blick auf das Bein einer Frau zu erhaschen, damals als höchst verwegen galt.

Charlys Tante und die Travestiekünstler

Im Übrigen leuchtet es ein, dass der Rollentausch natürlich dann besonders reizvoll und unterhaltsam ist, wenn die Geschlechterrollen in der Gesellschaft ansonsten ziemlich rigide sind. Insofern war der enorme Erfolg des englischen Theaterstücks „Charlys Tante“ von Brandon Thomas aus dem Jahr 1892 nicht wirklich überraschend. Die Farce erzählt von zwei Studenten, die mit zwei jungen Damen ausgehen wollen, dazu aber eine Anstandsdame brauchen. Weil die erhoffte Tante von Charly nicht rechtzeitig eintrifft, überreden sie einen Freund, eben diese Tante zu mimen…

Heute nicht mehr so bekannt, dafür damals umso mehr war die Britin Vesta Tilley (1864-1952), die in ihren Bühnenshows auch diverse Sketche einbaute, in denen sie die Männer ihrer Zeit karikierte.

Sie war über dreißig Jahre lang ein Star in der englischsprachigen Welt. Und sie war nicht die einzige, die als Frau mit der Imitation von Männern großen Erfolg hatte. Dragkings hat es genauso oft und prominent gegeben, wie Dragqueens – gerade an Orten, wo diese Kunst besonders populär ist, wie z.B. in San Francisco – von jeher eine Hochburg der „queeren Szene“.

Populärität über die „Szene“ hinaus erlangten meines Wissens in jüngster Zeit vor allem Dragqueens: wie „Dame Edna Everage“ – das Alterego des australischen Komikers und erfolgreichen Autors Barry Humphries. Mit dieser Figur trat der Komiker zum ersten Mal 1955 auf und hatte schließlich ihre Blüte mit einer eigenen Fernsehshow in England, die schließlich auch international ausgestrahlt wurde in den 80er und frühen 90er Jahren. Danach tauchte die Figur regelmässig in einer britischen TV-Serie auf und die 2000er Jahre waren geprägt von ihren Auftritten in einer zwei Personen Revue und in diesem Jahr gab Dame Edna ihre Abschiedstour… Barry Humphries ist letztes Jahr 80 geworden!

In Deutschland vielleicht bekannter ist das Travestieduo Mary & Gordy, alias Georg Preuße und Reiner Kohler die vor allem in den 80er Jahren höchst populär waren. Doch 1987 musste sich Kohler wegen eines Rückenleidens von der Bühne verabschieden und starb 1995 an Krebs. Preuße setzte seine „Mary“-Karriere bis in die 2000er Jahre solo fort.

Sowohl Humphries als auch Preußes und Kohlers Figur waren charakterisiert durch eine Überzeichnung des Weiblichen, viel Frivolität und grandiosen Kostümen – was typisch für das Genre der Travestie ist.

Gender-crossing zur Unterhaltung

Möglicherweise ist der Billy Wilder Film „Some like it hot“ (USA 1959) der lustigste „cross-dressing“ Film. Aber vielleicht weniger, wegen der beiden Musiker, die sich um der Rache der Mafia zu entgehen als Frauen verkleiden und fortan in einer Frauenband spielen, sondern weil der Film mit Tony Curtis, Jack Lemmon und Marilyn Monroe grandios besetzt ist und vor genialen Dialogzeilen nur so strotzt. Als ich den Film in den 80ern das erste Mal sah, habe ich Tränen gelacht. Doch als ich den Film vor einigen Jahren noch einmal sah, konnte ich mich zwar an Schauspiel, Dialog und Dramaturgie noch immer begeistern – doch das cross-dressing Element erschien mir eigentümlich überholt. Außerdem empfand ich den Film auf unterschwellige Weise als gleichzeitig männer- und frauenfeindlich…irgendwie menschenverachtend. Was, wenn man Wilders´ Biographie in Betracht zieht gar nicht so abwegig ist.

Vielleicht werde ich ihn nächstens noch einmal ansehen und meine Wahrnehmung überprüfen. Denn möglicherweise zeigt sich daran der Wandel unseres Zeitgeistes deutlicher, als man meinen möchte.

Eins der erfolgreichsten Bühnenstücke der 70er Jahre war „La Cage aux Folles“, was dann auch 1978 von den Franzosen verfilmt wurde. Die Handlung ist so simpel, wie spassig: ein Showproduzent und sein Travestiestar sind ein glückliches homosexuelles Paar mit Glamourfaktor – was alleine schon eine gewisse Komik garantiert – doch wird ihre Harmonie auf die Probe gestellt, als der Sohn des Produzenten aus seinem heterosexuellen Vorleben mit seiner Verlobten und deren hochkonservativen Eltern auftaucht. Um die Verlobung nicht zu gefährden, entschließt sich der Travestiekünstler auch im „normalen Leben“ die „Mutter“ zu spielen… Ebenfalls aus den Siebzigern stammt der Klassiker „Rocky Horror Picture Show“(USA 1975), ursprünglich ein Bühnenmusical, wurde es schließlich verfilmt. In dem Stück werden alle möglichen Grenzen auf unterhaltsame Weise überschritten werden und eben auch die Grenzen der Gender-Konventionen.

1982 kamen gleich zwei Filme zum Thema heraus, und – wie es der Zeitgeist so oft will – in eigentümlicher Komplementarität:

Der britische Filmhit Victor/Victoria, in dem die Engländerin Julie Andrews eine arme Sopranistin spielt, die erst Erfolg hat, als sie sich als „Graf Viktor Grazinski“ ausgibt, der Frauen darstellt… (Übrigens ein Remake eines deutschen Films von 1933.) ist gewissermaßen das Gegenstück zu dem amerikanischen Filmhit Tootsie: Dustin Hoffmann spielt einen brillanten Schauspieler, der als so schwierig gilt, dass keiner mehr mit ihm arbeiten will. Also gibt er sich als Frau aus und wird schließlich zum Fernsehstar…

Mitte der 90er Jahre war die Darstellung des bunten, aber auch zwiespältigen Lebens von Dragqueens noch so populär, dass die Amerikaner 1996 ein erfolgreiches US- Remake von „La cage aux folles“ mit Robin Williams und Nathan Lane in den Hauptrollen produzierten. Und auch der australische Independent-Film „Priscilla, Königin der Wüste (AUS 1994)“ wurde zum internationalen Erfolg. Eher eine Tragikomödie, erzählt der Film vom Schicksal dreier Dragqueens auf und abseits der Bühne.

Mit „The Crying Game“ (IRL 1992) erhält das Thema Einzug in das Genre des Psychothrillers. Vor dem Hintergrund der politischen Probleme Irlands wird auch die Vielfalt von Sexualität reflektiert.

Und weil seit mitte der 80er Jahre die Anzahl der Aidstoten immer weiter stieg, bekamen Homosexualität und Gender-Crossing eine neue, ernstere Aufmerksamkeit. Das mehrfach preisgekrönte Theaterstück „Angels in America“ (USA 1993) erzählt das Schicksal eines schwulen Paares, von dem einer an Aids erkrankt. Auf verschiedenen Handlungs- und Bewusstseinsebenen (viele der Figuren sind Engel und Geister) wird das Geschehen reflektiert. Es geht um Politik, um Homosexualität und um die amerikanische Geschichte.

Das Stück ist so geschrieben, dass mehrere Schauspieler mehrere Rollen übernehmen müssen und dafür mehr als einmal auch das andere Geschlecht darstellen.

Auch der spanische Filmemacher Pedro Almodovar liebt Figuren, die sich nicht eindeutig festlegen lassen und in seinem ebenfalls preisgekrönten Film „Alles über meine Mutter „(E 1999) spielen Transgender-Männer eine wichtige Rolle. Wiewohl der Film über die Almodovareske Dramaturgie verfügt in der höchste Tragik und höchste Komik berührend nah beieinander liegen und sich oft kreuzen, so zeigt er doch auf unaufdringliche Weise, wie zerrissen Transgender-Menschen oft sind. Es ist selten ein einfaches Schicksal – wenn ein Mensch von sich feststellt, dass sein Körper nicht zu seiner gefühlten geschlechtlichen Identität passt.

Trotz des anhaltenden Erfolgs von „La cage aux folles“ und vielen Dragqueen und einigen Dragking-Bühnenshows in vielen westlichen Großstädten, ist neben der Travestie nun auch der ernstere Aspekt der Gender-Mannigfaltigkeit Unterhaltungstauglich – und zwar durchaus auch in ernsten und dokumentarischen Darstellungen.

Die amerikanische Schauspielerin Glenn Close spielt die Titeltrolle in dem Film „Albert Hobbs“ (Irl/GB 2011), der die Geschichte einer Frau erzählt, die sich als Butler ausgibt, weil sie darin ihre einzige Chance sieht im Dublin des 19. Jahrhunderts selbstbestimmt zu leben.

Auch im Fernsehen gibt es inzwischen einige Serien, vor allem in Amerika, wo transgender-Charaktere mal als Haupt, mal als Nebenfiguren zu sehen sind, teilweise auch von echten transgender-Menschen gespielt.

2012 entschloss sich der deutsche TV Sender RTL 2 eine Doku-Serie auszustrahlen mit dem Titel „Transgender – Mein Weg in den richtigen Körper“. Darin werden sieben Transgender Personen auf ihrem Weg durch ihre Geschlechtsumwandlung begleitet. Dabei kommen auch Ärzte und Psychologen zu Wort. Bisher gibt es zwei Staffeln dieser Serie.

Und auch die Online-Plattformen widmen sich dem Thema. Amazon hat eine Serie mit dem schönen Titel Transparent (auf Englisch auch lesbar als Trans-Elternteil) produziert, in der ein älterer, geschiedener Vater beschließt, endlich einen langgehegten Wunsch zu verwirklichen und als Frau zu leben… Auch Netflix hat eine Transgenderfrau unter den Protagonisten seiner neuen Serie Sense8 – die auch tatsächlich von einer Transgenderfrau gespielt wird.

Außerdem gibt es übrigens einige Zeichentrickfiguren, die sich gerne mal als Frau verkleiden, wie Bugs Bunny und auch in den japanischen Manga ist das „cross-dressing“ fester Bestandteil der Figurengestaltung. Am bizarrsten vielleicht in den Futanari (das japanische Wort für Hermaphroditismus bzw. Androgynie) – einem pornographischen Genre von Computerspielen, Comics und Zeichentrickfilmen in denen die Figuren beide Geschlechter haben.

Ich glaube, die Entwicklung weit längst über die bereits erwähnten Dragkings und – queens hinaus. Zum einen gibt es längt einige prominente Transgendermänner, wie der Pornostar Buck Angel und Transfrauen, wie zuletzt Caitlyn Jenner, die spektakulär auf dem Cover von Vanity-Fair dieses Jahr ihre Entscheidung einer breiten Öffentlichkeit bekannt gab. Viele hatten auch schon ihren Übergang in der achtteiligen TV-Serie „I am Cat“ gesehen.

Transgender als Kunstform

Der vielseitige Musiker britische David Bowie und die jamaikanische Sängerin Grace Jones müssen unbedingt in diesem Kontext erwähnt werden, denn beide hatten massiven Einfluss auf die Musikszene und die Gesellschaft jener Zeit und teilweise bis heute.

David Bowies schillerndes Spiel mit Geschlechterrollen – wozu sein ohnehin apartes Aussehen mit zwei von Natur aus verschiedenen Augenfarben und markanten Gesichtszügen beitrug – und seine gelegentlich gezielt feminine und mindestens androgyne Erscheinung sowie das Schüren der Spekulationen über seine mögliche Bisexualität, machten sexuelle Mehrdeutigkeit in den 70er Jahren salonfähig.

Grace Jones wurde zunächst als Supermodel bekannt und schließlich als Sängerin. Die Tatsache, dass sie über zwei Oktaven singen kann, über 180 cm groß ist und ihr gezielt androgynes Erscheinungsbild prägte die Popszene der 80er Jahre und die Cross-Dressing Mode dieser Zeit.

Und dann gibt es jene, denen es dabei nicht um das Spektakuläre geht sondern, sondern die das ganze zu einer echten Kunstfigur erheben. In Deutschland haben wir die Kunstfigur Georgette Dee, eine Diseuse, Sängerin und Schauspielerin, deren bürgerlicher, männlicher Name der Öffentlichkeit nicht einmal bekannt ist.

Sie beherrscht perfekt die Gratwanderung zwischen den Geschlechtern – und drückt damit quasi in sich selbst die Faszination für die Qualitäten des anderen aus – indem sie zwischen beidem permanent changiert.

Denn das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ist nun auch grundsätzlich von dem Spannungsfeld des gegenseitigen Mysteriums und häufig von Erotik geprägt.

Obwohl es in ihren selbstgeschriebenen Chansons, selten vordergründig darum geht, ob ein Mann eine Frau liebt oder umgekehrt, so geht es doch immer um die Liebe selbst – zu beidem. Georgette lebt wirklich beide Seiten…auf eine poetische, berührende, oft humorvolle, erotische und souveräne Weise. In gewisser Weise ist sie längt ihr eigenes Genre.

Auch die immer gern glamouröse Conchita Wurst ist eine Kunstfigur, immer in Abendkleidern, mit langem Haar, perfektem Make-up – und Bart. Sie ist das Alterego des österreichischen Sängers Tom Neuwirth und wurde bekannt als die österreichische Grandprixsiegerin von 2014. Seit dem ist sie vor allem in der Schwulen- und Lesbenszene eine prominente Figur. Ihr Anliegen ist es Menschen mit ihrer Erscheinung zum Nachdenken anzuregen – über sexuelle Orientierung und das anders sein an sich. Amüsanterweise erinnert ihr Bild viele an Jesusdarstellungen und tatsächlich gibt es Kommentatoren die diesbezüglich Bezüge herstellen. Selbst Kinder erinnern die photographischen Darstellungen oft an den berühmten Erlöser – gerade wegen des zarten, scheinbar weiblichen Gesichts – mit Bart.

An dieser Stelle möchte ich auch die junge Britin indischer Herkunft, Harnaam Kaur erwähnen, die vor

einigen Monaten Internet-Ruhm erlangte. Aufgrund eines speziellen medizinischen Umstands, eines sogenannten polyzystischen Eierstocksyndroms hat sie einen extremen Haarwuchs. Weil sie in den Glauben der Shiks initiiert wurde und damit bewusst akzeptierte, dass sie nun ihren Haarwuchs nicht mehr unterdrücken können würde – da das Schneiden von Haaren im Shik-Glauben untersagt ist, hat sie diesen – in ihrem Fall unfreiwilligen – Look beherzt angenommen und entschied sich gegen die gesellschaftliche Definition, wie Frauen auszusehen haben, zu wehren. Sie sagt: „Wir müssen begreifen, dass ein jeder von uns anders ist. Wir sind alle unperfekt perfekt. Ich möchte der Gesellschaft zeigen, dass wir alle unsere Individualität feiern können. Ich liebe meinen Bart und werde ihn ewig wertschätzen.“

Symptom des Zeitenwandels

Aber egal ob als Kunstfigur oder aufgrund eines mutigen Bekenntnisses zur eigenen Besonderheit: ich glaube, dass die Genderdiskussion derzeit so viel Aufmerksamkeit erfährt ist ein Hinweis. Genau wie die bereits erwähnte bärtige Venus im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung ein Ausdruck des Übergangs vom Matriarchat zum Patriarchat war, so stehen wir wohl wieder an der Schwelle zu etwas Neuem – weg vom Postpatriarchat und dem Postfeminismus hin zu etwas, in dem weder das eine noch das andere Geschlecht dominiert. Sondern wo echte Balance und Harmonie möglich sind und wir erforschen können, was uns individuell anzieht und anziehend macht und dabei bewusst unsere Einzigartigkeit feiern – gemeinsam!

Ein tierisches Weib!

Meine erste Muppetshow habe ich vermutlich 1977 gesehen – da war ich elf Jahre alt. Von da an war ich Miss Piggy Fan. Weil ich im Rheinland aufwuchs, wo jedes Jahr der Karneval groß gefeiert wird, wurde ich von da ab jedes Jahr zu Karneval eine Teenie-Version von Miss Piggy. Jedes Jahr montierte ich liebevoll gebastelte Schweineohren an ein Haarband im langen blonden Haar, klemmte einen Schweinerüssel mit rosa gefärbtem Gummiband über meiner Nase hinter meinen Ohren und befestigte mittels einer Sicherheitsnadel ein rosa Ringelschwänzchen aus Schaumstoff an einem ausrangierten Abendkleid meiner Mutter. Dazu ein geräuschvolles Schnauben und ein spitzes „Moi“ statt einem „ich“ und ich konnte meine alljährliche Huldigung meines Lieblingsschweins lustvoll beginnen.

Denn: Miss Piggy ist eine vollendete Dame und trotzdem herrlich unerzogen. Sie ist vielleicht die inspirierendste Diva der Welt und ja, sie liebt einen Frosch. Kleiner, leiser, schmächtiger, zarter als sie… als ob eine Walküre ihr Herz an einen Elf verloren hätte. Ihm gilt ihre ganze üppige Liebe – inklusive seiner quietschgrünen Filzhaut und Schwimmhäuten, wie es eben seine Natur ist. Für diesen Prinzen wird sie gerne mal zur furiosen Queen – da folgt sie kompromisslos ihrem Herzen, auch über zoologische Grenzen.

Dass sie jetzt einen Preis für feministische Kunst gekriegt hat, ist mehr als stimmig – obwohl sie mehr das Kunstwerk als die Schöpferin ist. Sie ist das Produkt des vielleicht raffiniertesten und rührendsten Drag-Acts der Welt – denn hinter Miss Piggy stecken in Wirklichkeit männliche Puppenspieler und männliche Sprecher…!

Diese geglückte Vereinigung von männlichen und weiblichen Qualitäten ist seit mehr als vier Jahrzehnten bezaubernd und genauso alterslos wie die aggressive Weiblichkeit die sie auf manchmal buchstäblich umwerfende Weise zum Ausdruck bringt. Miss Piggy hat nie ein Problem damit, Miss Piggy zu sein und mit diesem zweifelsfreien Wissen um das Weib im Schwein, liefert sie auf ihre einmalige Weise einen wertvollen Beitrag zur weiblichen Identität in unserem Medienzeitalter. Insofern finde ich es besonders angemessen, dass mit ihrem Preis geradae auch die Frau in diesem Tier gewürdigt wird. Es gibt mir umgekehrt das Gefühl, dass damit in gewisser Weise auch die Tiere in uns Frauen gewürdigt werden!

Lang lebe Miss Piggy, die vielleicht dramatisch wirksam mit ein bisschen Übergewicht zu kämpfen hat, aber sicher nie mit Alterungserscheinungen!