Balance hat eine Farbe

Wie ein paar aufmerksame Leser bemerkt haben, habe ich im Januar keine Blogartikel geschrieben. Mein Blog musste ein paar Wochen ruhen, während der ich in einer Art literarischer Rettungsaktion, die missglückte Buchübersetzung von Michael Roads‘ Buch „Stepping…Between…Realities“ übernahm. Das Buch kann nun, wie bereits in den Medien angekündigt und von den Fans ersehnt, planmäßig auf Deutsch erscheinen und zwar in einer hoffentlich dem Autor und seinem Werk würdigen Qualität. Es heißt: „Wanderer zwischen den Welten“ und erscheint am 15. April bei Hierophant.

Damit alle entsprechenden Termine eingehalten werden konnten, musste ich mein eigenes Schreiben hintanstellen. Zum einen hatte ich dafür schlichtweg keine Zeit, zum anderen fällt es mir außerordentlich schwer, während ich mich im ‚geistigen Garten‘ eines anderen aufhalte, mich um meine ‚eigenen Gewächse‘ zu kümmern. Doch im Gegensatz zu realen Pflanzen, nehmen einem das Texte weniger übel, wenn sie eine Weile vernachlässigt werden. Sie entstehen halt dann, wenn der Autor endlich so weit ist…

Wie Michael Roads die Schöpfungskräfte wahrnimmt

Nachdem ich mich nun wochenlang intensiv mit Michaels metaphysischen Reiseberichten beschäftigt habe, fasziniert mich nun seine Wahrnehmung unserer Schöpfungskräfte umso mehr. Da ich das nun gerade übersetzt habe, erlaube ich mir ihn dazu direkt aus diesem Buch zu zitieren, wo er seine Wahrnehmung den neuen Lesern erklärt:

„Die Qualität zeigt sich in einer mir nun vertrauten Weise: CHAOS – der Motor, der antreibt, ORDNUNG – die Stabilität der Struktur, und BALANCE – der Ort des größten Potenzials.

Okay, für die neuen Leser muss ich das noch einmal erklären.

CHAOS – die Antriebsenergie, ist eine Energie, die ich metaphysisch in hunderten von Rottönen erfahre, von denen jeder eine andere emotionale Verbindung zu mir hat. Doch für diese emotionale Sprache – denn darauf läuft es hinaus – gibt es keine intellektuelle Übersetzung. Ich könnte sagen, dass manche Rottöne niederträchtig, wütend, zornig, destruktiv, flüchtig sind, während andere liebend, fürsorglich, beruhigend, verbunden, kreativ sind… all das in stetig variierenden emotionalen Nuancen, die vielleicht über eintausend verschiedene rote Farbtöne enthalten. Mit der schwarzen Farbe der ORDNUNG, der Stabilität der Struktur, verhält es sich genauso.

Ein Flächenbrand ist zum Beispiel reines CHAOS ohne ORDNUNG. Ein Felsen ist reine ORDNUNG ohne CHAOS. Zwischen CHAOS und ORDNUNG gibt es eine enorme, kreative Verwindung (Torsion). Wenn diese zwischen den beiden Polen eine perfekte Dynamik erreicht, dann erlebe ich das weiße, flimmernde Licht der BALANCE – der Ausdruck des größten Potenzials.“

(Michael J. Roads, „Wanderer zwischen den Welten“, S.98)

Jenseits von bekannten physikalischen Prinzipien

Was ich so besonders spannend daran finde, ist die Farbwahrnehmung. Denn ganz offensichtlich hat es nichts mit den – uns bisher bekannten – optischen Gesetzen der Physik zu tun, denen zu Folge die drei Gestaltgebenden Farben Orange, Grün und Violett sind, bzw. Blau, Rot und Gelb.

Doch hier geht es weniger um optisch wahrnehmbare, physikalisch messbare Erscheinungen, sondern um metaphysische Prinzipien. Als ob man in die Töpfe auf dem Schöpfungsherd gucken könnte, manche brodeln und manche…scheinen fast völlig erkaltet… Und natürlich alle Stufen dazwischen.

Und diese Prinzipien zeigen sich mindestens Michael Roads in den Farben Schwarz, Weiß und Rot. Doch ist mir dieses magische Farbtrio schon längst und lange bevor ich mit Michael Roads in Kontakt kam, auch in anderen Zusammenhängen aufgefallen.

Beispielsweise fand ich es immer interessant, dass klassische Kartenspiele entweder schwarze oder rote Symbole auf weißem Grund haben.

Beliebte Vereinsfarben

Außerdem spielten die Farben natürlich eine große Rolle in der mittelalterlichen Heraldik, was sich bei uns beispielsweise noch in Sportvereinen oder politischen Parteien seinen Ausdruck findet.

Sportvereine in allen Ländern wählen oftmals diese Farben: In Deutschland z.B. die Bundesliga Fußballmannschaften von Bayer Leverkusen und Eintracht Frankfurt. In der Amerikanischen NBA z.B. die Chicago Bulls und die Houston Rockets.

Unangenehm bekannt ist uns diese Kombination in der uns allerdings machtvollen Symbolik der Hakenkreuzflagge der Nazis: ein schwarzes Hakenkreuz in einem weißen Kreis auf rotem Grund…

Tatsächlich hieß es im deutschen „Reichsflaggengesetz“ von 1935: „Die Reichsfarben sind Schwarz-Weiß-Rot.“

Bis heute sind diese Farben die Nationalflaggenfarben vom Jemen, Irak und Ägyptens und Syriens. Ihnen gemeinsam ist ihre Wurzel in der arabischen Revolutionsfahne von 1952 und entsprechend sehen haben sie alle den gleichen Grund: drei gleichbreite Querstreifen in der Reihenfolge von oben nach unten: rot, weiß, schwarz. Diese Farben gehören – mit Grün, wenn auch weniger – zu den panarabischen Farben und ihre Symbolik ist eine der arabischen Kultur spezifische. Doch dies, sowie die Geschichte der Fahnenfarben überhaupt führt hier zu weit von meinem Thema. Belassen wir es dabei, dass dies machtvolle und daher beliebte Farben für eine Gruppenzugehörigkeit sind.

Schneewittchen lässt grüßen

In Märchen kommen die Farben auch immer wieder vor. Das Märchen vom Schneewittchen nach den Gebrüdern Grimm beginnt mit einer sehnsüchtigen Königin, die an einem Wintertag nähend an einem Fenster mit schwarzem Ebenholzrahmen sitzt und sich versehentlich in den Finger sticht. Während ihre roten Blutstropfen in den weißen Schnee fallen, denkt sie: „Ach hätt ich doch ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz.“ Ihr Wunsch erfüllt sich und sie bekommt eine Tochter – mit dem Namen Schneewittchen. Ihre Haut ist weiß, die Haare schwarz und die Wangen rot, wie Blut.

Aber die Wurzeln dieses Märchens sind natürlich noch viel älter. Tatsächlich gehen sie wohl weit in die vorchristliche Antike zurück: den der Forschung zufolge sind Reste eines alten Venus/Aphroditekults darin zu entdecken: die drei Gegenstände, mit denen ihre böse Stiefmutter versucht, sie zu Tode zu beglücken…sind ein Gürtel, ein Kamm und ein Apfel, alles Attribute der Liebesgöttin! Und wahrscheinlich sind die genauen Farben dieser Gegenstände im Laufe der Überlieferung verloren gegangen – aber ich würde mich nicht wundern, wenn sie das magische Farbtrio reflektierten. D.h. möglicherweise ein schwarzer Gürtel, ein weißer Kamm und ein roter Granatapfel!

Auch im beliebten russischen Märchen „Die schöne Wassilissa“ spielt das Farbtrio eine geheimnisvolle Rolle. Die Heldin wird von ihrer ebenfalls bösen… Stiefmutter in den Wald geschickt um bei der höchst gefährlichen Hexe Baba Yaga Feuer zu holen. Auf dem langen Weg dorthin begegnet Wassilissa in der Morgendämmerung ein Reiter. Alles an ihm ist weiß: das Gesicht, die Kleidung, das Pferd und auch dessen Riemenzeug. Bei Sonnenaufgang begegnet ihr ein roter Reiter und bei Anbruch der Nacht ein Schwarzer. Es sind dies die drei Diener der Baba Yaga: Der helle Tag, die rote Sohne und die schwarze Nacht.

Die Farbsymbolik

Allgemein kann man sagen, dass psychologisch Schwarz u.a. Macht, Mysterium, das Weibliche, das Böse, das Dunkle und der Tod in Verbindung gebracht, mit Weiß: Hoffnung, Reinheit, das Männliche, das Gute, das Licht und das Leben und mit Rot: Leidenschaft, Gefahr, Liebe, Energie und Blut.

Doch haben die Farben einen unterschiedlichen Stellenwert in unterschiedlichen Kulturen: bei uns sind Bräute weiß gekleidet, in China rot; bei uns trägt man bei Beerdigungen schwarz, in Indien weiß.

Und in der Antike waren die Farben auch mit der Temperamentenlehre von den Körpersäften verbunden. Traditionell galt Schwarz als die Farbe der Melancholiker, Weiß als die Farbe der Phlegmatiker und rot als die Farbe der Sanguiniker, dem dazugehörigen Choleriker wurde die Farbe Gelb zugeordnet.

Tiefenpsychologisch steht schwarz für die unbekannten und unterdrückten ‚Schattenseiten‘, die Angst vor dem Unbekannten und für Angst vor oder eine Situation von Tod und Trauer.

Weiß steht für Unschuld und Reinheit, auch für Enthaltsamkeit und Unfruchtbarkeit. Rot steht für Leidenschaft, Feuer und offensichtliche Gefühle überhaupt.

Dazu gibt es natürlich unendlich viel Material, als ich an dieser widergeben kann und möchte. Außerdem geht es mir ja um das besondere gemeinsame Auftreten der drei Farben. Schließlich wurde ich diesbezüglich fündig.

Von der Mythologie zur Alchemie

So sehr mich Alchemie immer fasziniert hat, so sehr bin ich auch bisher immer daran gescheitert, sie wirklich im Detail zu verstehen – zu vielfältig und komplex sind die vielschichtigen Bedeutungen der verschiedenen Elemente und ihrer Wirkungsweisen. Deswegen ist die folgende Beschreibung auch nur eine Annäherung im Dienste meiner Theorie, nämlich dass es mit dem gemeinsamen Auftreten der drei Farben Schwarz, Weiß und Rot eine Bewandtnis hat, die über unser übliches Verstehen hinausgeht.

So, wie ich die alchemistische Lehre diesbezüglich verstanden habe drücken die drei Farben drei Wandlungszustände aus, zu der ursprünglich noch ein vierter, der gelb ist gehörte. Doch seine Bedeutung verlor sich mit der Zeit bzw. wurde wohl dem Roten untergeordnet.

Im Prinzip geht es dabei um einen Wandlungsprozess (Transmutation), um etwas von einem niedriger werten Zustand in einen Zustand höherer Ordnung zu überführen.

Der Alchemie zufolge geht das mit einer gewissen Farbgebung der Materie einher, die dann auch psychologische Symbolkraft erhielt.

Demnach sind Phasen der Alchemie, die mit dem Wandlungsprozess von Materie einhergehen, wie folgt:

Nigredo – die Schwärzung: damit ein Stoff in einen höheren Zustand kommen kann, muss er zunächst in seinen Urzustand versetzt werden – d.h. er wird eine schwarze formlose Masse und ist ‚tot‘ d.h. am Ende ihres alten Zustands. Albedo – die Weißung folgt darauf – entweder in dem eine Vielzahl von Farben durchlaufen werden oder direkt weiß bzw. silber wird. Sodann erfolgte der ultimative Zustand in der der Stoff sich rot färbte und also seine höchste Qualität erreichte: Rubedo.

Der Schweizer Begründer der Tiefenpsychologie C.G. Jung interpretierte das psychologisch: Im Dunkel, im Schatten, im Urzustand verborgen liegt das Potenzial damit ein neuer Ich-Zustand erreicht werden kann, eine Wiedergeburt. Darauf folgt Albedo der Zustand des Gleichgewichts, laut Jung ein Idealzustand, der mit Leben erfüllt werden muss, mit Blut (Rubedo), für ihn waren das Weiße und das Rote Königin und König…

Außerdem gibt es bei Jung noch eine komplizierte Interpretation bezüglich des ‚transmutativen‘ Verhältnisses zwischen Therapeut und Patienten – das umfasst noch mehr als diese Farben und sprengt den aktuellen Rahmen.

Ein bewusster Umgang mit den Farben ist vielleicht ergiebiger als wir ahnen

Also drücken die drei Farben offenbar Wandlungszustände aus und damit eröffnen die Farben im Märchen vom Schneewittchen, die Initiationsschritte in den Venuskult beschreiben eine weitere Dimension. Offenbar war damals ein Wissen bekannt, das uns zwischenzeitlich – mal abgesehen von den Alchemisten – verloren ging. Doch hat es uns unterbewusst durch die Jahrtausende begleitet. Denn bis heute hat die Kombination der drei Farben Schwarz, Weiß und Rot eine ganz besondere Wirkung auf uns, ob wir uns dessen gewahr sind, oder nicht.

Auch wenn es sich – zumindest nach Michaels metaphysischer Betrachtung – genau genommen etwas anders verhält, als die Alchemie lehrt.

Das wirft die Frage auf, ob sich unser Verhältnis zu den Wahrheiten des Lebens ändern würde, wenn wir unsere Wahrnehmung entsprechend der „höher realen“ bzw. metaphysischen Wahrnehmung von Michael Roads ausrichten würden: dann drückt schwarz einen Zustand von fast unbeweglicher Stagnation und Beharren auf Ordnung aus – d.h. schwarze Kleidung wäre geistiger und psychischer Beweglichkeit nicht wirklich zuträglich, obwohl viele Künstler und Intellektuelle traditionell gerne schwarz tragen und schwarze Dessous als besonders verwegen und erotisch gelten. (Tatsächlich gibt es Untersuchungen, dass schwarze Unterwäsche der Gesundheit weit abträglicher ist als weiße!)

Desweiteren leuchtet ein, warum Heiler und Mediziner so gerne weiß tragen. Neben der vordergründigen Bedeutung von Reinheit und dem symbolischen Versprechen ‚gutes zu tun“ und lichtvoller Autorität sollten sie in Balance sein, um auch ihren Patienten wieder zu Balance zu verhelfen und rot schließlich ist die Farbe die neben (manchmal auch notwendiger) Zerstörung auch Bewegung und Wachstum ermöglicht, und Wandel – ob er nun willkommen ist oder nicht…

Wie immer ist es eine Frage des Maßes und die wahre Kunst liegt in einem dynamischen, ewigen Tanz der drei: Schwarz als die Farbe der Ordnung und Festigkeit, Rot als die Farbe des Chaos, die Bewegung ermöglicht und Weiß als ihr idealer Treffpunkt zur Freisetzung des höchsten Potenzials… Und das streben wir doch alle an?!

 

Balance der Klänge

Missklänge und Harmonie gehören beide zur Balance!

Michael Roads, der spirituelle Lehrer, Autor und Metaphysiker aus Australien postet regelmässig seine Gedanken bei Facebook. Heute ist Balance sein Thema und der Post passt so wunderbar zu meinem Blog, dass ich ihn von Michaels Facebookseite hierher kopiert habe.

MICHAELS GEDANKEN vom 22. Mai 2015:
Balance ist der Treffpunkt zwischen Dissonanz und Harmonie. Laß dich nicht narren, zu glauben, dass es bei Balance darum geht, ungestört und glücklich zu sein. Im Gleichgewicht zu sein bedeutet, den Dissonanzen des Lebens ihren Ausdruck zu gestatten ohne davon gestresst zu sein – und nicht der Harmonie verhaftet zu sein. Laß Harmonie einen wichtigen Teil deines Lebens sein, aber nicht um den Preis die Missklänge zu verleugnen. Missklänge zu verleugnen ist kontraproduktiv. Akzeptiere Dissonanzen als Teil der Orchestrierung des Lebens. in dem du mitgehst, statt in Widerstand, wirst du den tieferen Grundrhythmus der inneren Harmonie finden. Das ist der Ort der Balance. In vielerlei Hinsicht ist Balance der Ort des inneren Friedens und der Hingabe. Du strebst sie nicht an, du erlaubst sie! Balance findest du leichter, wenn du beständig und bewusst…Liebe wählst!

 

Das Zwinkern im Auge des Sturms

Wie eine Schwangere ständig überall Babys sieht, so beeinflusst derzeit mein Blog immer wieder meine Wahrnehmung. Ständig fallen mir Bezüge zum Thema Balance auf und ein – manche vielleicht offensichtlicher als andere… Aber je mehr ich mit dem Thema beschäftige, umso mehr fasziniert mich, wie sehr es unser aller Leben durchdringt. Tatsächlich noch viel mehr, als ich je vermutete!

Auf der Suche nach einer schönen Abbildung von einem Mobile, mit dem ich demnächst mal einen Eintrag illustrieren werde, kam mir die „Kardanische Aufhängung“ unter – auf Englisch heißt das Ding „Gimbal“, was ich viel hübscher und spielerischer finde – auch weil die Endsilbe nach Ball klingt.

Ich will mich hier nicht mit den physikalischen Details allzusehr aufhalten: was ich begriffen habe, ist, dass die Konstruktion, die aus drei sich auf unterschiedlichen Achsen drehenden Ringen besteht dem Objekt in der Mitte ermöglicht, unabhängig von der Bewegung dessen, was sie hält, stabil zu bleiben. (Ok, alle Physiker dürfen die Augen verdrehen.) Das Prinzip wurde im 15 Jhd. von dem italienischen Physiker und Mathematiker Girolamo Cardano detailliert beschrieben – bekannt ist es aber schon seit der Antike.

Typischerweise kommt diese Konstruktion oft auf Schiffen zum Einsatz, wo neben dem Kompass auch der Herd und sogar Getränke dadurch stabilen Halt finden. Im Alltag kennt man das als Kreisel – wenn ein Kreisel sich dreht, bleibt die innere Mitte stabil…man muss ihn halt immer wieder anschwingen. Das macht die kardanische Aufhängung von allein: sie ist quasi ständig in Bewegung.

Alles in Bewegung, aber trotzdem stabil

Das ist natürlich das, was mich als Metapher hier reizt: alles in Bewegung…und die Mitte bleibt stabil…in Balance.

Denn wichtig ist bei einer gesunden Balance ja auch, dass sie nie statisch und fixiert ist – denn eine fixierte Wippe ist nur noch eine Bank, wenn vielleicht auch eine schräge…

Wir wollen und müssen ja auch alle beweglich sein und andererseits auch unter heftigsten Belastungen stabil. Damit wir in unserem manchmal sehr stürmischen Leben einigermaßen stabil bleiben können, bedarf es eines dynamischen Halts – oft auch von außen.

Den z.B. kann die eigene Familie geben oder gute Freunde – oder die Verlässlichkeit der Alltagsrhythmen und die Vertrautheit der heimischen Umgebung und natürlich auch persönlicher Glaube und Prinzipien – seien sie nun religiöser oder sonstiger Natur.

Wenn der Sturm kommt, wird´s spannend

Aber was passiert, wenn dies erschüttert wird, wie z.B. durch einen Todesfall in der Familie, durch ein zerstörerisches Erdbeben und/oder durch eine Glaubenskrise, die einen an der eigenen Existenz verzweifeln lässt? Wie viele „Halteringe“ haben wir noch, wenn einer oder mehrerer unserer gewohnten wegbrechen? Was hilft uns stabil zu bleiben – auch wenn scheinbar gar kein Halt mehr da zu sein scheint…? Was hilft uns, im Auge unserer eigenen Stürme zu bleiben? Manchmal sind das auch sehr eigenwillige Dinge und nicht frei von Humor.

Für jeden können die Ringe andere sein

Mir haben in einer stürmischen Lebensphase mal unzählige Partien von online-Mahjong geholfen, mein inneres Gleichgewicht zu wahren; ein Freund berichtete in einer Situation als ihm Job und Freundin gleichzeitig abhanden kamen, er neben alkoholfreiem Bier besonders viel Halt im Kinderfernsehprogramm fand und eine Bekannte, die sehr religiös aufgewachsen ist und stark unter Depressionen litt, überlebte zu ihrer eigenen Überraschung einen ihrer depressiven Schübe ausgerechnet wegen Jesus… Sie war nachts bei hoher Geschwindigkeit mit ihrem Auto unterwegs, fest entschlossen, ihrem Leben in einem Autobahntunnel ein Ende zu setzen. Doch dies wollte ihr nicht gelingen: irgendjemand hatte sämtliche Tunnelwände mit immer demselben Graffiti überzogen, das sie nicht zu ruinieren wagte. Es lautete: „Jesus loves you.“

Geeigneter Gott gesucht!

Natürlich habe ich geforscht, ob es eigentlich einen Gott oder eine Göttin oder wenigstens einen Heiligen des Gleichgewichts gibt. Aber tatsächlich scheint das Gleichgewicht, sogar von Kräften keine würdige Domäne. Weder für Götter noch für Heilige.

Selbst Justitia, die mit ihrer Waage zumindest dem Anschein nach für Gleichgewicht sorgt, ist zuständig für Gerechtigkeit und das ist höchstens ein Aspekt des göttlichen Balanceprinzips.

Vielleicht hätte die griechische Göttin Harmonia (römisch: Concordia) noch eine Chance gehabt, als Göttin des Gleichgewichts. Immerhin ist sie die Tochter von Aphrodite/Venus (Liebe) und Ares/Mars (Krieg). Doch sie ist nicht einmal für das zuständig, was wir Harmonie nennen. Sondern viel mehr für Eintracht, also für Konsens und Einstimmigkeit und nicht unbedingt die ausgewogene Vereinigung von Gegensätzen.

Auch ein passender Heiliger war nicht zu finden. Dabei gibt es sogar christliche Heilige für schwierige Hochzeiten (St. Phillip Howard von Arundel), dringende Angelegenheiten (St. Expedit) und zwei(!) fürs Internet (St Isidor von Sevilla und St. Jakob Alberione.) Aber nicht mal einen für wenigstens ökologisches Gleichgewicht – am nächsten kommt dem noch Naturschutz, das Patronat von St. Franziskus und der Indianerin St. Kateri Tekakwitha. Übrigens gibt´s auch keinen für Mäßigung und Maßhalten – was zumindest etwas in die Richtung von Gleichgewicht ginge.

Es gibt jedoch durchaus anbetbare Gestalten, die das Männliche und Weibliche in sich vereinen

In der griechischen Mythologie gibt es Hermaphroditos, der nur erwähnt wird als Kind von Aphrodite und Hermes und der ein „Jüngling mit langem Haar und weiblichen Brüsten war.“ Das meiste ist beim römischen Dichter Ovid zu finden. Dieser verpasst ihm einen Mythos, demzufolge sich des unschuldigen Jünglings während eines Bades in einem Teich eine liebestolle Nymphe bemächtigte. Diese bat die Götter Hermes und Aphrodite, untrennbar mit ihm verbunden zu werden. Die Götter gewährten ihr die Bitte und die beiden verschmolzen zu einem und waren fortan eine Zwittergestalt.

Als Hermaphroditos sein Schicksal bemerkt, bittet er seine göttlichen Eltern darum, dass jeder der in demselben Teich badete wie er, sein Schicksal teilen würde. Die Eltern gewährten auch seinen Wunsch.

Durch sein Schicksal wurde er auch zum passenden Namensgeber des Phänomens, wenn Wesen weibliche und männliche Geschlechtsmerkmale aufweisen. In der Wissenschaft wird dies als Hermaphroditismus bezeichnet. Bei Menschen galt das noch bis in die jüngste Zeit als Krankheitsbild und erhält gerade erst unter der Bezeichnung Intersexualität allmählich eine gesellschaftliche Akzeptanz, die Menschen mit diesen Eigenschaften nicht mehr ohne weiteres zum Außenseiter macht.

Dieser ursprünglich negative Blick auf die „Uneindeutigkeit“ der geschlechtlichen Erscheinung ist schon bei Ovid angelegt. Denn der Dichter hätte auch die göttliche Qualität dieser machtvollen Vereinigung betonen können. Dann wäre es vielleicht keine magisch übergriffige Nymphe gewesen, sondern die Kraft der Liebe zueinander hätte sie eins werden lassen können… So aber ist Hermaphroditos kein Ausdruck der geglückten Balance, sondern eher der verunglückten Zwangsvereinigung, oder wie es bei Ovid heißt „ Er war sowohl Mann und Frau und doch weder das eine noch das andere.“ Das hat etwas von zwei Sackgassen und damit taugt er also nicht wirklich als Gott des Gleichgewichts.

Keiner der griechischen, römischen und germanischen Gottheiten ist wirklich geeignet

Die einzigen Götter, die in der germanischen Mythologie mal über die Geschlechtergrenze gehen, sind Thor und Loki und das, um Thors Hammer wiederzugewinnen. Den hatte ein gewisser Riese namens Thrym geklaut, um als Lösegeld die Liebesgöttin Freya fordern zu können, um sie zu heiraten. Freya will aber natürlich nicht und so erfordert eine List von Loki, dass Thor sich als Braut verkleidet und er selbst mimt die Brautjungfer. Gemeinsam begeben sie sich an den Hof des Riesenkönigs, der entzückt ist vom Anblick der vermeintlichen Braut. Als im Zuge der Trauungszeremonie der Hammer hervor geholt und den Schoß der Braut gelegt wird, schnappt sich Thor diese blitzschnell und zertrümmert den Schädel des Bräutigams und auch gleich die Schädel der anderen Riesen. Denn jetzt hat er die Macht über seinen Hammer wieder.

Doch diese Aktion qualifiziert Thor und Loki weniger als potentielle Götter des Gleichgewichts, als vielleicht zu Patronen der Dragqueens. Außerdem ist Thor der Gott des Donners (dafür braucht er auch den Hammer…) und im Grunde also ein gefürchteter Kampf- und Kriegsgott. Und Loki ist mit seinem Hang zum Unruhestiften eher ein Gott des Chaos und damit einer der Ungleichgewichte schafft. Das braucht es zwar auch: für das Gleichgewicht des Gleichgewichts braucht es auch das Ungleichgewicht – so paradox das klingt -, aber das alleine reicht eben auch nicht.

Eine hinduistische Gottheit ist ziemlich nah dran!

Am ehesten entspricht meiner Vorstellung eines Gott des Gleichgewichts die Gestalt des indischen Ardhanarishvara. In einer der hinduistischen Mythen wird berichtet, dass es in der Schöpfungsgeschichte eine Zeit gab, in der die Geschöpfe sich nicht vermehrten. Da teilte sich der Gott Shiva selbst und nahm mit der rechten Körperhälfte die Gestalt eines Mannes und mit der linken, die einer Frau an. Dann teilte er sich in Shiva und Parvati – die den Fruchtbarkeitsaspekt verkörpert – und schuf neue Wesen.

Dieser androgyne Shiva – der gleichzeitig Mann und Frau ist – ist ein Symbol für die Ureinheit von allem, die sich dann in ihre polaren Gegensätze spaltet. In dieser Gestalt trägt Shiva den Namen Ardhanarishvara und interessanterweise gibt es unter den vielen bildlichen Darstellungen der Gottheit auch manche, bei der die weibliche Seite rechts und die männliche links ist. (Und für jene, die spekulieren wie so eine vertikale Spaltung physisch aussehen soll: es bleibt ein müssiges Unterfangen, denn die indischen Götter werden in der Regel bekleidet dargestellt, so hat er/sie auf der einen Seite den männlichen Dhoti an, auf der anderen den weiblichen Sari…)

Durch seine Verkörperung der Einheit von Mann und Frau geht Ardhanarishvara tatsächlich über den Ausdruck des Gleichgewichts hinaus: seine Gestalt ist der Ausdruck der Verschmelzung, die absolute Einheit, aus der alles entspringt. Da muss gar kein Gleichgewicht mehr hergestellt werden…es ist längst und immer da – wenn man ALLES mit einbezieht. Doch damit Schöpfung möglich ist, wird die Spaltung in gegensätzliche Pole gebraucht…und damit beginnt das ewige Spiel der göttlichen Balance. Aus dieser Sicht ist Ardhanarishvara weniger ein Hüter als ein Erzeuger der Balance – die ohne gegensätzliche Pole nicht vorstellbar wäre.

In gewissem Sinne ist der Gott der Balance die Balance selbst!

Vielleicht ist keine einzelne Gottheit wirklich geeignet die gesamte göttliche Ordnung – quasi das metaphysische Gleichgewicht aller Kräfte und Dynamiken – zu repräsentieren. Vielleicht, weil diese göttliche Balance, die kosmische Harmonie ein Ausdruck des Göttlichen schlechthin ist – wie auch immer der einzelne das für sich bezeichnen mag – und damit sind auch alle Götter und Gottheiten ein Teil davon.

Michael Roads, der spirituelle Lehrer aus Australien, dessen Newsletter ich ein paar Mal ins Deutsche übersetzt habe, erklärt in seinem letzten Newsletter dass, einer seiner Lieblingsbezeichnungen für Gott „das endlose Lied der unendlichen Balance ist“. (Offenbar stammt diese schöne Formulierung von den Dichtern Lucille O´Dell und Robin Arnold, deren Bändchen mit Lyrik und Erzählungen den schönen Haiku-esken Titel hat: „Das endlose Lied vom unendlichen Gleichgewicht: Verwirklichung der Nicht-Kraft, die alle Kraft ist.“) Das trifft diesen Ansatz ziemlich genau.

Und weil auch jeder einzelne von uns und wir alle zusammen ein Ausdruck dieser Göttlichen Balance sind – macht es uns alle gleichzeitig auch zu Göttern dieses unendlichen Gleichgewichts. Denn ein jeder von uns ist auf seine Weise beständig bestrebt, den ihm gemäßen Platz in der kosmischen Ordnung, im sensiblen und ewig dynamischen Gleichgewicht aller Kräfte einzunehmen.