Von der Venus mit Penis zu Conchita Wurst, Teil 1

Das im vorigen Artikel beschriebene „Kontinuum zwischen den Polen von männlich-weiblich“ gibt es mit großer Wahrscheinlichkeit schon genauso lange, wie es beide Geschlechter gibt. Und je nachdem, auf welche Zeit und Gesellschaft man den Blick lenkt, erfährt das Thema mehr oder weniger Aufmerksamkeit, mal mehr, mal weniger umstritten. In jedem Falle durchdringt es alle möglichen gesellschaftlichen Bereiche.

Mythologische Varianten

Die Hindus haben vielleicht die bezauberndste Gottheit, die der Vereinigung von männlich-weiblich einen würdigen Ausdruck gibt. Die bereits erwähnte hinduistische Gottheit Ardhanarishvara entspringt der vereinigten Gestalt von Shiva und seiner Partnerin Parvati und ist wirklich Mann und Frau in einem und damit ein Ausdruck der Ureinheit von allem, aus der alles entspringt… Die ältesten erhaltenen Darstellungen stammen aus dem ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung.

Die alten Griechen haben in ihrer Mythologie den ebenfalls bereits erwähnten Hermaphroditos – der mit Penis und Brüsten sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale hat. Er wurde besonders auf Zypern als männlicher Ausdruck der Liebesgöttin Aphrodite verehrt. Der Kult des Hermaphroditos und der „bärtigen Venus“ hatte seine Blüte wohl um das 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Denn zu Hermaphroditos gehört auch unbedingt Androgyne. Über diese Gottheit ist nichts bekannt, außer dass es Gegenden im antiken Griechenland gab, wo eine bärtige Göttin verehrt wurde. Ein Ausdruck dieses Kults war, dass die Anhänger sich als Angehörige des anderen Geschlechts verkleideten.

Dies sind laut dem britischen Mythenforscher Robert von Ranke-Graves religiöse Stufen im Übergang von Matriarchat zu Patriarchat. Er zählt auch die oft weibische Darstellung des Fruchtbarkeitsgottes Dionysos dazu.

Im späteren Mythos von Ovid (um Beginn unserer Zeitrechnung) ist von der Kultfigur nichts mehr übrig. Stattdessen erleidet der Sohn der Götter Hermes und Aphrodite – denen er auch seinen Namen verdankt – ein tragisches Schicksal, das ihn letztlich zu einem unglücklichen Doppelwesen macht. Das entspricht der Haltung des Patriarchats und seinem Hang zu klaren Grenzen. Und passend auch dazu sein Name als Beschreibung eines „Missstandes“ in der Natur, nämlich wenn Wesen „doppeltgeschlechtlich“ sind – wie z.B. Schnecken oder Regenwürmer. Früher galt der Begriff „Hermaphroditismus“ auch für Menschen, mit beiden Geschlechtsmerkmalen. Aber das ist sowohl biologisch, als auch kulturell überholt. Biologisch gilt er nur noch für Wesen, die auch in „beide Richtungen“ fortpflanzungsfähig sind, in der Biologie auch als „Zwitter“ bezeichnet und kulturell ist heute der korrekte Begriff intersexuell.

Die alten Ägypter hatten ebenfalls eine doppelgeschlechtliche Gottheit: Hapi war zuständig für die jährliche Überflutung des Nilufers und also Ausdruck einer reichhaltigen Befruchtung. Er war männlich, trug einen Bart und hatte doch Hängebrüste und einen großen Bauch.

Interessanterweise gibt keine Legenden, in denen die wirklich besondere, vielleicht sogar heilige Eigenschaft dieser Gottheiten Beachtung findet: nämlich ihre einzigartigen Möglichkeiten beide Geschlechter beglücken zu können…

Spirituelle Funktionen

Doch tatsächlich gilt in einigen Kulturen die „Zweigeschlechtlichkeit“ als heilig. Natürlich weniger, wegen der sexuellen Möglichkeiten, als wegen ihrer Verortung in diesem „besonderen Zwischenraum“. Menschen, die sich darin aufhalten, gelten als besonders …grenzkundig… sind. Und auch, weil sie dadurch dem Göttlichen vielleicht näher sind und gar über magische Fähigkeiten verfügen.

Schamanen in Frauenkleidung

So ist es unter den mongolischen Schamanen des Bo-Kultes Sitte, dass der initiierte Schamane Frauenkleidung trägt. Auch in alten Germanengräbern fand man jüngst Männerkörper in Frauenkleidung und vermutet, dass es sich um Schamanen handelte… Auch wenn ich persönlich prä-historische Travestiekünstler durchaus vorstellbar finde!

Two Spirits

Die in den USA anerkannten, sogenannten „Two Spirits“, die von sich sagen, dass sie beides absolut gleichwertig sind, weil in ihrem Körper sowohl eine männliche, als auch eine weibliche Identität wohnt. Diese spezielle Position und oft besondere spirituelle Rolle wird bei vielen nordamerikanischen Indianergruppen gewürdigt und unterstützt. Bei den meisten Indianerstämmen gibt es keine streng getrennten Geschlechterrollen, aber bei jenen, wo das der Fall ist, werden mindestens vier unterschieden: männliche Männer, weibliche Männer, männliche Frauen und weibliche Frauen.

Radical Faeries

In diese Rubrik passen wohl auch die „Radical Faeries“: eine weltweite lose Gruppe von Menschen, die den heterosexuellen Lebensstil ablehnt und nach einem neuen, queeren Ausdruck sucht. Dabei spielt Spiritualität in einem undogmatischen Sinn eine gewisse Rolle. Ihnen liegt die Überwindung konventioneller Geschlechterrollen am Herzen zugunsten eines generell achtsamen Umgangs miteinander. Als erste Bewusstseinsbewegung, die aus der Homosexualität entspringt ist sie ein weltweites Phänomen. Sie hat ihren Ursprung in der schwulen Szene der 70er Jahre in Amerika. Ursprünglich war „fairy“ ein abwertender Ausdruck im Englischen für einen homosexuellen Mann, doch diese Gruppe hat ihn offensichtlich heiter umdefiniert und identifiziert sich mit der ursprünglichen Bedeutung: der Fee als natürlichem und Naturwesen…

Ethnologische Nischen

In einigen Ländern ist die Transgenderkultur schon länger viel offensichtlicher und etablierter, als im Westen:

Hijra

In den Gesellschaften Südindiens gibt es die Gemeinschaften der „Hijra“, die als Mitglieder des „dritten Geschlechts“ definiert werden, was auch formaljuristisch seit 2009 Gültigkeit hat.

Meist sind dies Männer, die einen weiblichen Ausdruck vorziehen. Traditionell verdienen Hijras ihr Geld und ihre Anerkennung durch Tanzen und Segnungen bei Hochzeiten, Hauseinweihungen und Geburten von Söhnen. Doch das reicht meist nicht aus und weil kaum andere Berufe zur Wahl stehen, arbeiten viele als Prostituierte.

Hijras begreifen sich Schutzbefohlene der Göttin Bahuchara Mata, die überhaupt von den Transsexuellen Indiens angebetet wird. Diese launische Hindu-Göttin hat einige heftige Mythen: u.a. betete einst ein König sie um einen Sohn an. Der Sohn wurde geboren, doch war er impotent. Die Göttin erschien dem Prinzen im Traum und befahl ihm, sich die Genitalien abzuschneiden, Frauenkleidung zu tragen und ihr zu dienen – wenn er das nicht täte, würde er die nächsten sieben Inkarnationen impotent sein müssen… So springt diese wenig barmherzige Göttin mit impotenten Männern um und das erklärt auch die häufige, oft rituelle Selbst-Kastration und das Zölibat der Hijras. Es gibt auch eine andere Legende, in der sie eine indische Braut war, der sich ihr Mann verweigerte und stattdessen lieber im Wald in Frauenkleidern herumlief – aus Rache kastrierte sie ihn…

Chanit

Im Oman leben die Chanith (oder Xanit) – ist das umgangssprachliche Wort im Oman für Männer, die die männliche Geschlechterrolle ablehnen und/oder aus westlicher Sicht intersexuell sind. Sie werden im Prinzip als Eunuchen angesehen, denn sie besitzen männliche Geschlechtsorgane sind jedoch sexuell nicht aktiv und gelten also als impotent. Im omanischen Verständnis bedeutet Mann = sexuell aktiv. Wer als Mann nicht mit einer Frau sexuell aktiv sein kann oder will – dem bleibt diese Nische im Gendercode.

Die Chanit haben einen Zwischenstatus, sowohl von ihrer Erscheinung her als auch im sozialen Gefüge. Sie tragen sowohl Männer- , als auch Frauenkleidung – wobei sich letzterer oft in der Farbgebung von üblicher Frauenkleidung absetzt. Sie haben einen halblangen Haarschnitt, den sie unverhüllt tragen. Im Verhalten sind sie Frauen meist näher, sie benutzen viel Parfum, bewegen sich weiblich und sprechen gerne mit hoher Stimme. Aufgrund ihrer Grenzposition können sie sich sowohl im häuslichen Bereich der Frauen, wie auch im öffentlichen Bereich der Männer bewegen. Bei Hochzeiten und anderen wichtigen Ereignissen nehmen sie eine wichtige Rolle ein.

Kathoey

Im thailändischen Verständnis umfasst Kathoey ursprünglich alle, die von ihrem ursprünglich biologischen männlichen bzw. weiblichen Rollenverständnis abwichen. Schon in den buddhistischen Ursprungsmythen ist von drei Geschlechtern die Rede – nämlich, männlich, weiblich und „zwitter“ – eben Kathoey und welches Geschlecht wir haben, ist auch – nach buddhistischer Lehre – von unserem Karma abhängig und man kann niemandem sein Karma und seine Folgen vorwerfen. So ist ihre Akzeptanz in der thailändischen Gesellschaft ist viel älter und weitreichender, als die Trans- oder Intersexueller in westlichen Gesellschaften.

Meist sind die Kathoey biologische Männer mit femininen Eigenschaften oder weiblicher Identifikation, die maskuline Männer begehren. Sie schlüpfen entweder dauerhaft oder gelegentlich in weibliches Rollenverhalten, inklusive Kleidung und Make-up. Manche von ihnen sind auch echte transsexuelle, inklusive Operationen und Hormonbehandlung.

Doch auch für sie ist der Arbeitsmarkt schwierig, meist sind sie in der Unterhaltungsindustrie und im Rotlichtmilieu beschäftigt.

Fa‘afafine

Auch in Polynesien wird ein drittes Geschlecht gesellschaftlich anerkannt. In der Regel sind die Fa’afafine bei ihrer Geburt männlich, aber verfügen über ausgeprägte männliche und weibliche Eigenschaften – die sie auf einzigartige Weise in ihrer Gesellschaft zum Ausdruck bringen können. Meist werden sie schon als Kinder identifiziert, wenn sie selbst merken, dass sie Dinge lieber auf weibliche Weise als auf männliche Weise tun. Von ihrer Erscheinung her können sie extrem weiblich bis extrem männlich wirken. Sie sagen von sich, dass ihre Rolle nicht mit der Homosexueller anderer Gesellschaften vergleichbar ist, auch wenn ihre Partner in der Regel männlich sind, gelegentlich auch weiblich und selten ebenfalls fa’afanfine.

Eingeschworene Jungfrauen

Burrneashas oder Virgjineshas sind Frauen auf dem Balkan, die in ihrer Familie die Rolle des Mannes übernehmen. Sie legen vor den Ältesten ihrer Gemeinde einen entsprechenden Schwur ab und werden fortan an als Mann behandelt. Sie tragen Männerkleidung und Waffen und verzichten auf sexuelle Beziehung und eine Ehe. Sie sind die einzige institutionalisierte Cross-Gender Kultur in Europa.

Das Abschwören von der Weiblichkeit war oft die einzige Möglichkeit für eine Frau einer arrangierten Verheiratung zu entgehen, ohne dass ihre Familie entehrt wurde. Außerdem war es für Familien, in denen es an Männern fehlte, eine Möglichkeit, den Schutz und die Autorität ihres Klans zu erhalten. Das war in einer Region, in der oft alle erwachsenen männlichen Familienmitglieder Opfer von Blutrache wurden, oftmals nötig. Dies war vor allem in ländlichen Gegenden üblich und nicht nur auf Albanien beschränkt, doch ist Albanien heute der einzige Ort wo noch ein paar Dutzend eingeschworener Jungfrauen leben.

Situative Notwendigkeit

Und immer wieder hat es Situationen gegeben, in denen die Kleidung des anderen Geschlechts das Leben gesichert oder massiv erleichtert hat. So haben sich während der Kriege immer wieder Frauen als Männer verkleidet, um Vergewaltigungen zu entgehen, oder Männer als Frauen, um unbeschadet desertieren zu können oder einem Massaker zu entgehen.

Außerdem haben immer wieder Menschen ihr biologisches Geschlecht verleugnet, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, was eben dem anderen Geschlecht vorbehalten war:

Dazu gehört z.B. die Chinesin Hua Mulan (die Vorlage des Disney-Films Mulan), die sich zur Zeit der nördlichen und südlichen Dynastien (420-589) als Mann verkleidete, um ihrem alten, gebrechlichen Vater den Krieg zu ersparen, so erzählt es jedenfalls eine alte Ballade. Man weiß nicht, wieviel Wahres daran ist.

Genauso auch ist die Geschichte von Päpstin Johanna umstritten – doch hat sie bis heute nichts von ihrer provokativen Kraft eingebüßt: im Mittelalter soll eine kluge und gelehrte Frau sich als Mann verkleidet durch die klerikalen Hierarchien bis zur Papstposition aufgestiegen sein. Doch soll sie während einer Prozession ein Kind geboren haben und kurz danach gestorben sein – entweder durch natürliche Umstände oder durch Mord…

Eine sicherlich reale Kämpferin in Männerkleidung war Johanna von Orléans (c.1412-1431) – die allerdings nie leugnete, eine Frau zu sein. Im Gegensatz zur Spanierin Catalina de Erauso (1592-1650) der es bis zu ihrem eigenen Geständnis gelang, unentdeckt als Soldat in der spanischen Armee in Süd-Amerika diente.

Shi Pei Pu war ein männlicher Sänger der Peking Oper, dem es während der Kulturrevolution gelang den französischen Diplomaten Bernard Boursicot davon zu überzeugen, dass er eigentlich eine Frau war. Doch schließlich kam die Wahrheit auf spektakuläre Weise ans Licht. Die Geschichte ist recht dramatisch und wurde zur Grundlage des Theaterstücks und gleichnamigen Films „M.Butterfly“ von David Henry Hwang.

Gesellschaftliche Provokation

Gar nicht heimlich, dafür aber vielleicht umso provokativer, agierte der französische Diplomat, Soldat und Spion Charles Geneviève Louis Auguste André Timothée d’Éon et Beaumont allgemein bekannt als Chevalier d’Eon (1728-1810) – der die ersten fünfzig Jahre seines Lebens als Mann lebte und sich dann entschied den Rest seines Lebens als Charlotte zu leben. Da er Zeit seines Lebens zwischen den Geschlechtern oszillierte – er veranstaltete u.a. Fechtduelle in Frauenkleidern, rätselte Frankreich bis zu seinem Tod um sein wahres Geschlecht. Als er starb wurde es schließlich öffentlich, dass er männliche Genitalien hatte.

George Sand (1804-1876) war das Pseudonym der französischen Schriftstellerin Amandine Aurore Lucile Dupin v war eine Schriftstellerin im frühen 19. Jahrhundert, die Männerkleidung der Frauenkleidung vorzog. Sie rebellierte gegen die traditionelle Frauenrolle in ihrer Gesellschaft: schließlich verdiente sie mit dem Schreiben ihren Lebensunterhalt und versorgte nach ihrer Scheidung ihre Kinder selbst. Sie war eine frühe Feministin.

Besonders interessant ist das fiktive Alterego des französisch-amerikanischen Künstlers Marcel Duchamp (1887-1968), der als schöne und erotische Rrose Sélavy (Rose ist ein Anagram von Eros und Selavy ist eigentlich c’est la vie: Eros – das ist das Leben) seiner weiblichen Seite Ausdruck gab. Zunächst auf Photos seines Freundes Man Ray und als selbständige Künstlerin mit eigenen Kunstwerken und Texten…

Und als Abschluss zu diesem Aspekt möchte ich die deutsche Schauspielerin und Sängerin Marlene Dietrich (1901-1992) erwähnen, die in ihrem ersten Hollywoodfilm „Marokko“ (USA 1930) erstens einen Smoking trug und zweitens eine Frau küsste. Bis dahin war der Smoking ein den Männern vorbehaltenes Kleidungsstück gewesen und Marlene fand überhaupt Gefallen darin, sich in Herrenkleidung fotografieren zu lassen. Die von ihr gerne getragenen weit geschnittenen und hoch in der Taille sitzenden Stoffhosen wurden als „Marlene-Hosen“ bekannt und unterstrichen ihre androgyne Ausstrahlung, die Männer, wie Frauen gleichermaßen reizte. Der britische Theaterkritiker und Autor, Kenneth Tynan, der mit ihr befreundet war, erklärte: „Sie hat Sex, aber kein eindeutiges Geschlecht.“

Im nächsten Artikel werde ich mich der Frage widmen, was an der öffentlichen Überschreitung der Geschlechtergrenze so reizvoll ist, das sie ein fester Bestandteil unserer Unterhaltungsindustrie geworden ist und auch warum es so viel mehr Dragqueens als Dragkings gibt…

 Anmerkung zum Schluss: die Recherche für diesen Artikel wurde ungemein durch Wikipedia erleichtert. Danke allen, die mit ihrer Arbeit diese Plattform unterstützen.

Geeigneter Gott gesucht!

Natürlich habe ich geforscht, ob es eigentlich einen Gott oder eine Göttin oder wenigstens einen Heiligen des Gleichgewichts gibt. Aber tatsächlich scheint das Gleichgewicht, sogar von Kräften keine würdige Domäne. Weder für Götter noch für Heilige.

Selbst Justitia, die mit ihrer Waage zumindest dem Anschein nach für Gleichgewicht sorgt, ist zuständig für Gerechtigkeit und das ist höchstens ein Aspekt des göttlichen Balanceprinzips.

Vielleicht hätte die griechische Göttin Harmonia (römisch: Concordia) noch eine Chance gehabt, als Göttin des Gleichgewichts. Immerhin ist sie die Tochter von Aphrodite/Venus (Liebe) und Ares/Mars (Krieg). Doch sie ist nicht einmal für das zuständig, was wir Harmonie nennen. Sondern viel mehr für Eintracht, also für Konsens und Einstimmigkeit und nicht unbedingt die ausgewogene Vereinigung von Gegensätzen.

Auch ein passender Heiliger war nicht zu finden. Dabei gibt es sogar christliche Heilige für schwierige Hochzeiten (St. Phillip Howard von Arundel), dringende Angelegenheiten (St. Expedit) und zwei(!) fürs Internet (St Isidor von Sevilla und St. Jakob Alberione.) Aber nicht mal einen für wenigstens ökologisches Gleichgewicht – am nächsten kommt dem noch Naturschutz, das Patronat von St. Franziskus und der Indianerin St. Kateri Tekakwitha. Übrigens gibt´s auch keinen für Mäßigung und Maßhalten – was zumindest etwas in die Richtung von Gleichgewicht ginge.

Es gibt jedoch durchaus anbetbare Gestalten, die das Männliche und Weibliche in sich vereinen

In der griechischen Mythologie gibt es Hermaphroditos, der nur erwähnt wird als Kind von Aphrodite und Hermes und der ein „Jüngling mit langem Haar und weiblichen Brüsten war.“ Das meiste ist beim römischen Dichter Ovid zu finden. Dieser verpasst ihm einen Mythos, demzufolge sich des unschuldigen Jünglings während eines Bades in einem Teich eine liebestolle Nymphe bemächtigte. Diese bat die Götter Hermes und Aphrodite, untrennbar mit ihm verbunden zu werden. Die Götter gewährten ihr die Bitte und die beiden verschmolzen zu einem und waren fortan eine Zwittergestalt.

Als Hermaphroditos sein Schicksal bemerkt, bittet er seine göttlichen Eltern darum, dass jeder der in demselben Teich badete wie er, sein Schicksal teilen würde. Die Eltern gewährten auch seinen Wunsch.

Durch sein Schicksal wurde er auch zum passenden Namensgeber des Phänomens, wenn Wesen weibliche und männliche Geschlechtsmerkmale aufweisen. In der Wissenschaft wird dies als Hermaphroditismus bezeichnet. Bei Menschen galt das noch bis in die jüngste Zeit als Krankheitsbild und erhält gerade erst unter der Bezeichnung Intersexualität allmählich eine gesellschaftliche Akzeptanz, die Menschen mit diesen Eigenschaften nicht mehr ohne weiteres zum Außenseiter macht.

Dieser ursprünglich negative Blick auf die „Uneindeutigkeit“ der geschlechtlichen Erscheinung ist schon bei Ovid angelegt. Denn der Dichter hätte auch die göttliche Qualität dieser machtvollen Vereinigung betonen können. Dann wäre es vielleicht keine magisch übergriffige Nymphe gewesen, sondern die Kraft der Liebe zueinander hätte sie eins werden lassen können… So aber ist Hermaphroditos kein Ausdruck der geglückten Balance, sondern eher der verunglückten Zwangsvereinigung, oder wie es bei Ovid heißt „ Er war sowohl Mann und Frau und doch weder das eine noch das andere.“ Das hat etwas von zwei Sackgassen und damit taugt er also nicht wirklich als Gott des Gleichgewichts.

Keiner der griechischen, römischen und germanischen Gottheiten ist wirklich geeignet

Die einzigen Götter, die in der germanischen Mythologie mal über die Geschlechtergrenze gehen, sind Thor und Loki und das, um Thors Hammer wiederzugewinnen. Den hatte ein gewisser Riese namens Thrym geklaut, um als Lösegeld die Liebesgöttin Freya fordern zu können, um sie zu heiraten. Freya will aber natürlich nicht und so erfordert eine List von Loki, dass Thor sich als Braut verkleidet und er selbst mimt die Brautjungfer. Gemeinsam begeben sie sich an den Hof des Riesenkönigs, der entzückt ist vom Anblick der vermeintlichen Braut. Als im Zuge der Trauungszeremonie der Hammer hervor geholt und den Schoß der Braut gelegt wird, schnappt sich Thor diese blitzschnell und zertrümmert den Schädel des Bräutigams und auch gleich die Schädel der anderen Riesen. Denn jetzt hat er die Macht über seinen Hammer wieder.

Doch diese Aktion qualifiziert Thor und Loki weniger als potentielle Götter des Gleichgewichts, als vielleicht zu Patronen der Dragqueens. Außerdem ist Thor der Gott des Donners (dafür braucht er auch den Hammer…) und im Grunde also ein gefürchteter Kampf- und Kriegsgott. Und Loki ist mit seinem Hang zum Unruhestiften eher ein Gott des Chaos und damit einer der Ungleichgewichte schafft. Das braucht es zwar auch: für das Gleichgewicht des Gleichgewichts braucht es auch das Ungleichgewicht – so paradox das klingt -, aber das alleine reicht eben auch nicht.

Eine hinduistische Gottheit ist ziemlich nah dran!

Am ehesten entspricht meiner Vorstellung eines Gott des Gleichgewichts die Gestalt des indischen Ardhanarishvara. In einer der hinduistischen Mythen wird berichtet, dass es in der Schöpfungsgeschichte eine Zeit gab, in der die Geschöpfe sich nicht vermehrten. Da teilte sich der Gott Shiva selbst und nahm mit der rechten Körperhälfte die Gestalt eines Mannes und mit der linken, die einer Frau an. Dann teilte er sich in Shiva und Parvati – die den Fruchtbarkeitsaspekt verkörpert – und schuf neue Wesen.

Dieser androgyne Shiva – der gleichzeitig Mann und Frau ist – ist ein Symbol für die Ureinheit von allem, die sich dann in ihre polaren Gegensätze spaltet. In dieser Gestalt trägt Shiva den Namen Ardhanarishvara und interessanterweise gibt es unter den vielen bildlichen Darstellungen der Gottheit auch manche, bei der die weibliche Seite rechts und die männliche links ist. (Und für jene, die spekulieren wie so eine vertikale Spaltung physisch aussehen soll: es bleibt ein müssiges Unterfangen, denn die indischen Götter werden in der Regel bekleidet dargestellt, so hat er/sie auf der einen Seite den männlichen Dhoti an, auf der anderen den weiblichen Sari…)

Durch seine Verkörperung der Einheit von Mann und Frau geht Ardhanarishvara tatsächlich über den Ausdruck des Gleichgewichts hinaus: seine Gestalt ist der Ausdruck der Verschmelzung, die absolute Einheit, aus der alles entspringt. Da muss gar kein Gleichgewicht mehr hergestellt werden…es ist längst und immer da – wenn man ALLES mit einbezieht. Doch damit Schöpfung möglich ist, wird die Spaltung in gegensätzliche Pole gebraucht…und damit beginnt das ewige Spiel der göttlichen Balance. Aus dieser Sicht ist Ardhanarishvara weniger ein Hüter als ein Erzeuger der Balance – die ohne gegensätzliche Pole nicht vorstellbar wäre.

In gewissem Sinne ist der Gott der Balance die Balance selbst!

Vielleicht ist keine einzelne Gottheit wirklich geeignet die gesamte göttliche Ordnung – quasi das metaphysische Gleichgewicht aller Kräfte und Dynamiken – zu repräsentieren. Vielleicht, weil diese göttliche Balance, die kosmische Harmonie ein Ausdruck des Göttlichen schlechthin ist – wie auch immer der einzelne das für sich bezeichnen mag – und damit sind auch alle Götter und Gottheiten ein Teil davon.

Michael Roads, der spirituelle Lehrer aus Australien, dessen Newsletter ich ein paar Mal ins Deutsche übersetzt habe, erklärt in seinem letzten Newsletter dass, einer seiner Lieblingsbezeichnungen für Gott „das endlose Lied der unendlichen Balance ist“. (Offenbar stammt diese schöne Formulierung von den Dichtern Lucille O´Dell und Robin Arnold, deren Bändchen mit Lyrik und Erzählungen den schönen Haiku-esken Titel hat: „Das endlose Lied vom unendlichen Gleichgewicht: Verwirklichung der Nicht-Kraft, die alle Kraft ist.“) Das trifft diesen Ansatz ziemlich genau.

Und weil auch jeder einzelne von uns und wir alle zusammen ein Ausdruck dieser Göttlichen Balance sind – macht es uns alle gleichzeitig auch zu Göttern dieses unendlichen Gleichgewichts. Denn ein jeder von uns ist auf seine Weise beständig bestrebt, den ihm gemäßen Platz in der kosmischen Ordnung, im sensiblen und ewig dynamischen Gleichgewicht aller Kräfte einzunehmen.