Kein Wunder, dass wir oft so gespalten sind

Selbst unser Gehirn bedarf der Balance

Im 19. Jahrhundert stellten die ersten Hirnforscher fest, dass das Gehirn aus zwei Hälften mit dem Corpus callosum in der Mitte besteht und dass bestimmte Reize vorwiegend oder ausschließlich in der einen oder anderen Hirnhälfte verarbeitet wurden und dass in der Regel die eine oder andere Hirnhälfte und ihre Funktionsschwerpunkte das Wesen des jeweiligen Menschen stark prägten.

Man hatte auch beobachtet, dass die linke Hirnhälfte die rechte Körperseite steuerte und die rechte Hirnhälfte die linke. Im zeitgenössischen Wertesystem galt dann die linke Hirnhälfte als die männliche, überlegene Hirnhälfte, während die rechte als minderwertig und weiblich galt…

Die Theorie war, dass besonders Frauen, Wilde, Kinder, kriminelle und verrückte Menschen von ihrer rechten Hirnhälfte beherrscht wurden, während natürlich die guten, braven Männer alle von ihrer linken Hirnhälfte gesteuert wurden…

Auch wenn die Neurologie im Laufe der Zeit feststellte, dass die Reizverarbeitung nicht so eindeutig aufgeteilt werden kann – so hatte dieses Hemisphärenmodell doch einen großen Einfluss auf die Psychologie und bis heute auf die Neuroökonomie. Endlich gab es eine brauchbare Erklärung für Rechts- bzw. Linkshändigkeit, die Unterschiede zwischen künstlerisch und wissenschaftlich begabten Menschen…bis hin zu „warum Männer nicht gleichzeitig Nudeln kochen, Sport gucken und Kinder bespaßen können“ (Männer denken und handeln linear), und Frauen keinen Kofferraum packen können (Frauen haben ein schlechtes Augenmaß und können nicht gut räumlich Sehen)…

Die linke Hirnhälfte wird offenbar vor allem beansprucht wird, wenn wir denken, planen und lernen, während die rechte vor allem beansprucht wird, wenn wir fühlen, uns treiben lassen und kreativ sind. Die Liste weiterer Zuordnungen ist unendlich lang und würde den Artikel sprengen. Aber wenn man einmal diese Polarität erfasst hat, begreift man ganz schnell, ob etwas männlich, d.h. „linkshirnig“ geprägt ist oder weiblich, d.h. „rechtshirnig“…

Das Hirnhälftenmodell hat auch uns aller Toleranz für einander erhöht – denn diese unterschiedliche „Hirnlastigkeit“ ist von Geburt an genauso gegeben, wie z.B. das Sternzeichen und die Muttersprache… Man muss was dafür tun, wenn man diese Dispositionen wandeln will.

Einer der Gründe, warum dieses Modell so erfolgreich war, war das lange bevor die wissenschaftliche Bestätigung für diese Gegensätzlichkeit kam, Menschen sich schon immer intuitiv daran orientiert haben. Es ist als könnten wir quantenpsychologisch fühlen, wie viel Männlichkeit ein Mann braucht, wie viel Weiblichkeit eine Frau ausmacht… Nur wenn wir darüber reden und es erklären wollen, verheddern wir uns oft in den Elektrozäunen von Befindlichkeiten und Vorurteilen. Dann werden die zarten Wellen zu ätzenden Teilchen und vorher undifferenzierte Einigkeit war, herrscht nun differenzierte Feindseligkeit. Denn es ist wirklich schwer, etwas im Gegensatz zu etwas anderem zu beschreiben, ohne dass es scheint, als ob man urteilt. Glücklicherweise geben wir nie auf und manchmal gelingt diese „Quadratur des Kreises“ und wunderbare Dinge werden freigesetzt: wie geniale Erfindungen, grandiose Musik und viel Humor.

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