Stichflamme oder Herdfeuer?

Neulich wieder klagte eine meiner Klientinnen mal wieder über ihren Stress mit Tinder, einer Smartphone App für die umstandslose Begegnung mit passenden Vertretern des anderen Geschlechts. Durchaus zutreffend, wenn auch ziemlich böse, hat ein holländischer Künstler ein Smartphone mit der offenen Tinder-App unter einem schwenkenden Stück Fleisch platziert, das willkürlich mal rechts mal links über den Touchscreen streift….

Tinder heißt Zunder auf Englisch, das Logo ist der Schriftzug mit einer Flamme über dem i – wohl suggerierend, dass die Datenbank Kandidaten für einen gemeinsamen Funkenflug bereithält. Ob das dann ein Strohfeuer oder ein jahrelanges Herdfeuer ist – hängt vom Brennwert der Beteiligten ab…

Dabei ist die App ziemlich nüchtern: irgendeinem einem Algorithmus folgend stellt die Datenbank das Foto mit Vorname und Alter des anderen zur Verfügung – ein Wisch nach links heißt kein Interesse, ein Wisch nach rechts kann – wenn der andere ebenfalls Interesse signalisiert – ein „Match“ herstellen: dann können die beiden mit einander nach dem Whatsapp Prinzip chatten und alles weitere bleibt ihnen überlassen. Ein Abonnement dieser App kostet etwa 20 US$.

Meine Klientin hat mit ihren Anfang dreißig eine aufrichtige Sehnsucht nach einer langfristigen Partnerschaft und sogar Familie – aber das behält sie um Himmels willen für sich, denn derlei schreckt Männer im Alter ihrer Zielgruppe meist stark ab. Also gibt sie sich ein bisschen anders, um attraktiver zu sein…und weil sie hübsch und charmant ist und eine Weltmeisterin im Texten erfreut sie sich großer Nachfrage. Nur, die dann statt findenden Dates hinterlassen neben einer kurzen anfänglichen Aufregung, oft langfristig Enttäuschung und ein schales Gefühl: denn eigentlich will sie was anderes. Aber wer in dem Alter (Tinder ist für die Zielgruppe 18-35) traut sich schon, den Wunsch nach einer langfristigen, möglicherweise familienorientierten Beziehung zu äußern? Denn genauso groß, wie die Angst niemanden zu finden, mit dem das möglich ist, ist oft die eigene Angst, dass es doch möglich wäre und dann? Es ist offenbar viel leichter sich nach einem Partner zu sehnen, als einen zu haben….

Die Sehnsucht nach Partnerschaft gehört zu unserer Kultur

Ich kann nachvollziehen, wie schwer das mit der Partnersuche ist – bin schließlich selbst seit Jahrzehnten die meiste Zeit Single – und dabei nicht glücklicher oder unglücklicher, als jene in Partnerschaft. Ich habe längst gelernt, persönliches Wohlbefinden und Zufriedenheit nicht von meinem Beziehungsstatus abhängig zu machen.

Aber natürlich ist eine Liebes- und Partnerschaftsbeziehung etwas ganz anderes, als Beziehungen zu Freunden und auch der wirklich wichtigen Beziehung zum eigenen Selbst. Und also ist die derzeitige Popularität von Tinder und all den vielen anderen Apps und Datingwebseiten nur allzu verständlich. Denn die Sehnsucht nach Partnerschaft und romantischer Liebe ist unserer Kultur von jeher ein wichtiges, vielleicht sogar existentielles Thema. Denn gemeinhin gelten Liebe und Partnerschaft als Voraussetzung für Familie und damit für Fortpflanzung und diese wird ja zum Erhalt der Kultur dringend gebraucht… Und außerdem wird damit ein, vielleicht uns allen inne wohnender Sinn, für „die Ordnung des Lebens“ befriedigt. Denn zum einen ist es einfach schön, wenn zwei Menschen einander die seelisch-emotionale Priorität sind, und beruhigend, wenn jeder jemanden hat, der sich um ihn kümmern kann und zum anderen machen dann all die Paarangebote, Gutscheine für zwei und Doppelpacks viel mehr Sinn.

Ich habe übrigens schon als Teenager darüber sinniert, wie man herauskriegen könnte, wie all die lieben Menschen, die ich kenne und zwar nicht nur meine gleichaltrigen Freunde und Freundinnen, sondern auch die – wie es damals hieß – ledigen Menschen im Freundes- und Bekanntenkreis meiner Eltern einen passenden Partner finden könnten. Denn die Sehnsucht danach war bei den meisten immer wieder mehr oder weniger stark spürbar. Aus diesem Gedanken heraus habe ich damals die Bestrebungen meiner Mitschülerinnen auf unserer Mädchenschule unterstützt, eine Klassenfete zusammen mit einer Jungenklasse von einer Jungenschule zu organisieren (wir wählten einen Jahrgang über uns). Wir hatten auch alle einen ganz netten Nachmittag – ich glaube sogar, es kam unter ca. 60 Jugendlichen zu 1, 2 Paarbildungen. Und später als Studentin, bastelte ich während langweiliger Kunstgeschichtsvorlesungen an Ideen, wie man diese Heerschar braver, gut gebildeter und heiratswilliger Mädels zur en gros zur ersehnten Partnerschaft verhelfen könnte? Vielleicht in dem man ein Event mit dem Maschinenbaustudiengang anleierte, wo notorisch Frauenmangel war? Ich fand Frauen mit Kenntnissen über bayerische Barockkirchen passten ideal zu künftigen Ingenieuren…

Mehr Gelegenheiten schaffen leider nicht mehr Treffer

Doch mit dem Einzug des Internets hat sich unser Balzverhalten verändert. Übrigens hatten die Amerikaner ihre ersten virtuellen Erfahrungen gesammelt – von Eheanbahnung, online Affären und Scheidungen bevor in Deutschland die erste Email verschickt wurde. Und das auch lange vor Facebook – und doch erst vor knapp 20 Jahren! Das Potential der elektronischen Medien und damit die Chance einer zunächst oft anonymen und unverbindlichen Begegnung hat von Anfang an nicht nur sehnsüchtige Nerds angezogen, sondern auch viele, die in der freien physischen Wildbahn bis dato gescheitert waren. Die ersten Datingwebseiten, wie friendscout24 waren 2000 noch kostenlos… Aber schon am 14. Februar 2001 ging Parship online, und es folgten und folgen viele weitere. Meist gegen Gebühr und manchmal für Männer höher als für Frauen… Übrigens finde ich persönlich, dass die Webseiten für Homosexuelle mit den besten Service liefern.

Inzwischen gibt es natürlich auch schon wissenschaftliche Studien dazu – und zwar unabhängig von den jeweiligen Plattformen, die natürlich gerne suggerieren, dass sie eine besonders hohe Trefferquote haben. Aber dem ist nicht so. Man trifft online keineswegs häufiger oder schneller den passenden Partner. Wie das mal ein Mann, den ich meinerseits auf einer Datingplattform kennen gelernt hatte, während unseres „Schnupper-Spaziergangs“ durch Berlin, plastisch formulierte: er habe gelesen, dass man(n) rein statistisch 100 Begegnungen hinter sich bringen müsste, bis es funken würde! Das Internet mache es lediglich einfacher das Volumen abzuarbeiten…

Und mir wurde übel bei dem Gedanken, womöglich hundert Mal mit Männern durch Berlin spazieren zu müssen. Auch wenn das meine Ortskenntnis ganz sicher ungemein vertiefen würde, türmte sich doch der zeitliche und soziale Aufwand vor meinem inneren Auge wie ein unüberwindliches Gebirge auf. Ich meine, wie viele Male wollte ich Lieblingsreiseerlebnisse, Schlüsselmomente bei der Berufswahl und jüngste Gründe für herzliches Lachen wirklich erfahren? Zumal es oft ein Gemecker über Flugpreise, Gejammer über zu geringen Verdient und Begeisterung für Mario Barth enthielt. Bei der Aussicht wurde mir schwindlig.

Dennoch habe ich ein paar Mal in meinem Leben von diesen Plattformen Gebrauch gemacht – und je älter ich werde, umso mehr bin ich persönlich diesen Plattformen und Apps abgeneigt. Natürlich auch durch meine eigenen – nicht nur negativen – Erfahrungen, die mich haben erkennen lassen, dass diese Plattformen genau genommen vom Gegenteil dessen leben, was sie verkaufen wollen: denn eigentlich leben sie ja davon, dass Paare NICHT zu einander kommen, denn mit jedem Paar verlieren sie auf Anhieb zwei Kunden, die dann ihren Vertrag kündigen bzw. deaktivieren… so lange es eben gut geht.

Außerdem finde ich es unbehaglich finde, wenn im Namen der Liebe Geschäfte mit Sehnsucht und Bedürftigkeit gemacht werden. Irgendwie wirkt das auf mich wie die Vermarktung eines Diätmittels, was aber in Wirklichkeit die Gewichtsimbalance verstärkt und nur mehr oder weniger zufällig – und statistisch wirksam – bei einem gewissen Prozentsatz von Menschen dazu führt, ihr Idealgewicht zu finden und zu halten. Eine Weile jedenfalls… Aber ein Beitrag zur Gesundheit ist es eben in Wirklichkeit nicht, aber definitiv einer zum Klingeln in den Kassen der Anbieter.

Die elektronischen Medien gehören zur Paarungsindustrie

Aber ich kann da meckern, wie ich lustig bin – heutzutage gehören die elektronischen Datingserviceanbieter genauso zur Paarungsindustrie, wie früher nur die Kontaktanzeigen in den Printmedien und Heiratsvermittler. Fest steht auch, dass sich durchaus eine beachtliche Zahl an Paaren durchs Internet kennen lernt und manchmal sogar langfristig zusammen bleibt. Wenn auch die Quote vielleicht nicht so hoch ist, wie die Anbieter der Datingplattformen gerne glauben machen. Im Übrigen finden sich durch das Internet auch Paare die sich unter anderen Umständen nie begegnet wären – was sicherlich für die neuen Medien spricht.

Aber was mich wirklich diesbezüglich sehr beschäftigt ist, dass vor kurzem einem Artikel im Tagesspiegel zu entnehmen war, viele junge Leute in Berlin sich aufgrund ihrer Enttäuschungen mit den Apps und dem Dating überhaupt entschieden haben, single zu bleiben. Das finde ich wirklich traurig! Aber mit Medien, in denen in der Regel Paartrennungen dauernd und gründlich thematisiert werden, einer grundsätzlich hohen Scheidungsrate und einer wachsenden Anzahl von sich immer weiter verzweigenden Patchworkfamilien in der westlichen Welt – schwindet eben auch der Mut und die Bereitschaft Vertrauen ins partnerschaftliche Miteinander zu investieren.

Dabei ist es in Wirklichkeit gar nicht so düster: zum einen sinkt die Scheidungsrate seit ein paar Jahren und zum anderen ist laut Forschung die Beziehungsqualität der heutigen Ehen/Partnerschaften besser als früher!

 Laßt uns mutiger lieben!

Ich würde mir wünschen, dass Menschen auf allen Ebenen – in den Medien, in den Schulen, in den Familien mehr Mut zur Liebe und zum Lieben gemacht wird. Wenn wir alle bewusster lieben würden und könnten – dann hätten vielleicht Erwartungen, Vorstellungen und daraus resultierende Enttäuschungen nicht so eine verheerende Wirkung auf das individuelle und kollektive Liebesleben. Dann würden aus der Liebe zum Selbst und dem Vertrauen in die eigenen gesunden Gefühle Begegnungen möglich, bei denen der Funkenschlag langfristig genährt werden kann. Nicht wegen irgendeines merkwürdigen Algorithmus, sondern aus der Gemeinsamkeit der Begeisterung für ein Leben zu zweit und der mutigen Bereitschaft, gegebenenfalls im Miteinander zu scheitern – aber im Wissen, sich, dem anderen und dem Leben wenigstens eine ehrliche Chance gegeben zu haben.

Noch toller wäre es, wenn wir als Spezies endlich eine Fähigkeit hervorbringen könnten, die uns erlaubt, einen potentiellen Partner mit Bestimmtheit leicht und mühelos zu identifizieren und wir dann auch noch Konventionen etablieren könnten, die solchen Begegnungen unaufdringliche Unterstützung angedeihen lässt. Ich glaube übrigens tatsächlich, dass das möglich ist und werde diese Vision nähren!

Wir wollen uns lieben, aber?

 

In Deutschland wird fast jede zweite Ehe geschieden und trotzdem boomen die Dating-Webseiten.

Partnerschaftscoachings und Flirtschulen erfreuen sich wachsenden Zulaufs. Es gibt immer mehr Webseiten zum Thema und der Literaturberg wächst auch stetig: Angefangen mit Studien dazu: z.B. vom Allensbach-Institut 2013 „Hier funkt´s am Häufigsten“ und dem sogar verfilmten Bestseller „Warum Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können“ (Allen und Barbara Pease 2003), über ernüchternde Bestandsaufnahmen, wie „Warum Liebe weh tut“ (Eva Illouz, 2012) und Ratgebern wie: „Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest (Eva-Maria Zurhorst, 2009) und schließlich dem über zwanzig Jahre alten Bestseller „Männer sind anders. Frauen auch“ auch bekannt als „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“(John Gray, 1993), einschließlich seiner englischen Parodie: „Women are from Bras, Men are from Penus“ (Anna Collins und Elliot Sullivan, 1999), sowie natürlich zahlreiche Kabarettprogramme, die ihr Material aus diesem Feld beziehen. Dabei ist von Liebe zwar immer die Rede – aber welchen Stellenwert hat sie tatsächlich?

Das Verhältnis von männlich und weiblich kann eine lebenslange Herausforderung sein

Wenn wir unsere Kultur und unser Leben so betrachten und das Maß an Stress und glücklicherweise auch Humor, die aus dem Spannungsfeld der beiden Geschlechter bzw. Pole bzw. Prinzipien ständig hervorgehen, stellt sich also durchaus die Frage: woher kommen die Spannungen eigentlich? Und das wiederum wirft die Frage auf: Warum gibt´s überhaupt männlich und weiblich? Was ist der tiefere Sinn dahinter? Gibt´s überhaupt einen? Wie ist der derzeitige evolutionsbiologische Erkenntnisstand dazu?

Die erste Vermutung ist oft, dass es vor allem um die Fortpflanzung geht. Aber Recherchen haben mir gezeigt, dass das zwar naheliegend, aber naturwissenschaftlich längst nicht so offensichtlich ist. Auch der Standpunkt der Religionen dazu ist erhellend – der ist nämlich bei weitem nicht so einfach, wie man(n)/frau meinen könnte. Natürlich finden sich auch in der Philosophie interessante Impulse und beides macht eine mythologische Betrachtung zusätzlich reizvoll, denn das ermöglicht auch einen metaphysischen Blick auf das Thema.

Weil das in der öffentlichen Diskussion oft fehlt, wird dem in meinem Blog eine besondere Aufmerksamkeit zukommen. Außerdem haben mir meine Forschungen gezeigt, dass das Spannungsfeld zwischen männlich-weiblich in verschiedenen Kulturen und zu verschiedenen Zeiten sehr unterschiedlich und zeitweise auch bemerkenswert friedvoll gehandhabt wurde. Dabei beschränkt sich das nicht grundsätzlich auf den sogenannten „Geschlechterkampf.“ Dabei liefern manchmal auch höchst ungewöhnliche Quellen höchst faszinierende Einsichten.

Höchste Zeit für eine  gründliche Erforschung

Dieser Blog widmet sich also all diesen Fragen und Ansätzen in vielfältiger Form und scheut vor keiner Quelle an spannenden Antworten zurück! Wenn dabei auch ein friedvollerer und noch faszinierenderer Umgang mit dem Thema möglich wird, hat sich die Sache schon gelohnt! Denn die Schöpfung hat zweifellos etwas unendlich Weises damit beabsichtigt, doch wir haben vielleicht das wahre Potential, das in Wirklichkeit in diesem Spannungsfeld liegt, noch gar nicht richtig erkannt! Es wird Zeit, dass wir das erkunden. Dieser Blog ist mein Beitrag dazu!