Weibliche Superkräfte

Endlich habe ich mit einer lieben Freundin den Film Wonder Woman (USA 2017) im Kino angesehen. Verschiedene Kritiker haben den Film als beste Comic-Verfilmung seit einer Weile gefeiert, die hohen Zuschauerzahlen und Einspielergebnisse haben das untermauert und allgemein gilt der Film jetzt als gelungene Öffnung für mehr Weiblichkeit im Superheldengenre.

Spaß macht der Film auf jeden Fall: die Schauspieler sind gut, die Story funktioniert und die Figuren sind spannender und etwas tiefgründiger, als man vielleicht erwartet. Besonders großartig ist er fürs Auge: phantastische Ausstattung, tolle Kamera, guter Schnitt und eindrückliche Spezialeffekte und natürlich Action, Action, Action: es wird gejagt, gekämpft und zerschlagen, dass es schier eine Oper von Scheppern, Krachen und Knallen ist. Und die Hauptdarstellerin macht das alles großartig mit der richtigen Mischung aus Anmut, Eros und Aggression! Wonder Woman wird dargestellt von der jungen Israelin Gal Gadot, deren Karriere als Miss Israel begann. Außerdem war sie in der heimischen Armee und hat offensichtlich ein kämpferisches und tänzerisches Talent – sie verfügt über die entsprechende Körperbeherrschung. Im Übrigen ist sie verheiratet und hat zwei Töchter – und als sie auf einer großen Filmgala zwar im Abendkleid, jedoch flachen Schuhen erschien, wurde sie von verblüfften Reportern gefragt, wieso sie denn keine High Heels trage und sie erklärte freundlich: ‚Weil es bequemer ist!‘ Also offenbar bodenständig und sympathisch die Dame!

Interessant ist außerdem anzumerken, dass mit Patty Jenkins eine Frau Regie führte und mit dem Film den höchsten Umsatz einfuhr, den eine weibliche Regisseurin bisher geschafft hat. D.h. der Film war deutlich auch für Männer tauglich und hoffentlich muss man das in näherer Zukunft auch nicht mehr ausdrücklich erwähnen. Denn natürlich können sich Männer auch für eine weibliche Superheldin begeistern, erst recht in ihren favorisierten Genres – und Jenkins scheut die traditionell männlichen Genres wie Action und Horror keineswegs, wie ihre Filmographie zeigt.

Jenkins meinte zu ihrem Film, dass Wonder Woman am Ende erkennt und es auch sagt, dass es ultimativ um die Liebe geht! So wahr ich das finde, so finde ich es doch nicht so richtig schlüssig im Film – zumal ihr der Gedanke kommt, als sie einen Panzer über ihrem Haupt schwingt, um ihn auf dem kauernden weiblichen Bösewicht niedergehen zu lassen. Mir kam da eher der Gedanke, dass sie das Potential für ein Sequel nicht ruinieren will..

Aber ja, am Ende erklärt Diana Prince, alias Wonder Woman, dass es sich immer lohne für Liebe und Gerechtigkeit zu kämpfen – und wer würde ihr da widersprechen wollen?

Wonder Womans Ursprung

Wonder Woman ist traditionell deutlich eine Amerikanerin – in der Regel ist ihr Heldenkostüm in den Farben der US-Flagge gehalten. Im Film jedoch weniger, da wird ihre griechisch-göttliche Herkunft betont und die Handlung spielt in einem vom ersten Weltkrieg gebeutelten Europa. Aber die Figur ist viel älter als der Film, sie wurde 1941 dem Comic Universum hinzugefügt. Max Gaines, der Herausgeber der DC Comics machte sich Anfang der 40er Jahre Gedanken, dass die Comics vielleicht zu gewaltvoll für die jugendlichen Leser seien und wandte sich an seinen Berater William Marston, der nicht ebenfalls nur ein Comicbuch Autor war, sondern auch ein Psychologe und selbst stark geprägt von unkonventionellen und selbstbewussten Frauen seiner Zeit geprägt: er selbst lebte mit seiner Frau und seiner Geliebten und vier gemeinsamen Kindern unter einem Dach. Nach der Legende sagte Marston zu Gaines: ‚Was du brauchst, ist ein weiblicher Superheld. Sie wird so stark wie Superman, aber im wesentlichen Pazifistin sein. Sie wird für die Demokratie kämpfen, aber für die Gleichberechtigung der Frau. Und ihre Superkräfte werden Liebe, Wahrheit und Schönheit sein.‘ Max Gaines wollte einen Versuch wagen – und ich kenne die Originalcomics nicht, weiß also nicht, in wie weit sich dieser Ansatz durchsetzte.

Aber wenn man mich jetzt fragen würde, ob ich finde, dass die jüngste Wonder Woman spezifisch weibliche Kräfte hat, die ihr Superheldentum auszeichnen – müsste ich passen. Sie ist zwar zweifellos schön und steht auf Wahrheit – im Film konfrontiert sie andere, vornehmlich Männer gnadenlos mit ihrer Haltung zur Rettung Unschuldiger und klagt sie des mangelnden Mitgefühls an. Und Liebe mag ihre Motivation sein, ist aber entschieden nicht ihre Kraft – diese besteht, wie auch bei ihren männlichen Kollegen, vor allem in einer physischen Überlegenheit gegenüber den Gegnern. Das heißt, sie wirkt zwar femininer – nicht nur wegen ihrer herrlichen sexy Ausrüstung, aber auch sie lässt die herrschenden Konflikte, wie ihre männlichen Kollegen letztlich mit Kraft, Gewalt, etwas Magie (sie kann fliegen und Kraftwellen erzeugen) und Kampfeskunst.

Ähnliches gilt auch für die neue TV-Serie ‚Supergirl‘, die mit der Einführung von ‚Supermanns Cousine‘ (und noch einen ganzen Rattenschwanz an Verwandtschaft vermeintlich bei der planetaren Katastrophe abhanden gekommener Kryptoniden) ebenfalls versucht, das Genre auf das weibliche auszudehnen.

Supergöre

Auch ich fand während meiner Filmstudienzeit Ende der 90er Jahre in den USA, dass es dafür Zeit wäre und hatte so eine Geschichte kreiert, in der Supermann mal eine Affäre mit einer Australischen Olympia-Schwimmerin hatte und die Frucht dieser Begegnung mit Einsetzen ihrer Periode von ihren Superkräften überwältigt wird. Nach verschiedenen Besuchen bei Ärzten und Psychologen, die alle erklären, dass dies keine vorübergehende Erscheinung der Pubertät ist und in der Tat außergewöhnlich, rückt dann Mutti mit der Sprache heraus und erzählt, dass sie mal eine Nacht mit einem Amerikaner mit rotem Umhang verbracht hat…

Daraufhin entschließt sich die Heldin ihren Papa aufzusuchen – natürlich entgegen dem Wunsch der Mutter, aber wer kann sich schon gegen einen Teenager mit Superkräften durchsetzen? Also reißt sie nach Amerika und lernt dabei mit ihren Fähigkeiten immer besser umzugehen – zieht allerdings auch die Aufmerksamkeit gegnerischer Kräfte (das Genre erfordert diese) auf sich. Das ganze kulminiert darin, dass sie auf der Suche nach ihrem Vater direkt in die Arme ihrer Feinde läuft, nur um festzustellen, dass diese bereits Superman in ihrer Gewalt haben. Aber gemeinsam schaffen sie es (natürlich) sich zu befreien und die Welt erneut zu retten.

Zwei Dinge setzten der weiteren Entwicklung dieser schönen Idee ein Ende. Zum einen erklärte der Professor, in dessen Kurs ich das Konzept entwickelt hatte, dass die Rechte an Supermann und allem, was da dran hängt, bei DC-läge (Detective Comics) und dass sie diese Rechte nie abtreten und auch nicht bereit seien, Vorschläge, die nicht exakt den Regeln für ihre Superhelden entsprechen – die ja etablierte Charaktere im Marvel-Universum sind – akzeptieren würden. Und meine Supergöre würde da deutlich aus dem Rahmen fallen.

Des weiteren meinte ein Kommilitone, es gemahne ihn an den Roman Carrie von Stephen King, in dem eine sechzehnjährige von klein auf und erst recht ab ihrer ersten Periode massive telekinetische Fähigkeiten entwickelt. Wie bei Stephen King üblich eskaliert das ganze auf äußerst gruselige Weise und endet mit einem Massaker, bei dem auch die Heldin stirbt. Solche Assoziationen zu wecken, hatte ich natürlich überhaupt keine Lust.

Aber auch ich erlag damals der Verführung, einfach eine Frau mit supermännlichen Kräften auszustatten.

Heute frage ich mich, ob mich das als junge Zuschauerin wirklich inspiriert hätte – ich meine sicher würden ein paar Mädels daraufhin mehr Neugier auf Kampfsport etc. haben, aber das war nie meins. Das wirft also die Frage auf, welche superweiblichen Kräfte denn wirklich inspirierend und so motivierend wären, dass man Lust hätte mit ihrem Einsatz unsere Welt zu einer besseren zu machen. Denn das ist ja immer das Ziel aller Comic-Helden!

Und ja, natürlich fände ich es spannend, Telekinese zu beherrschen, wie Carrie oder, die klassischen Supermanfähigkeiten, wie fliegen – mit Cape und ohne hängen zu bleiben – Den Röntgenblick, das Supergehör, die relative Unverwundbarkeit und natürlich die Superkraft: die Einkäufe mit dem kleinen Finger tragen zu können und falls nötig, das Auto hochkant parken zu können hätte seinen Reiz.

Aber trotzdem sind das irgendwie supermännliche Fähigkeiten: die gewaltige Körperkraft, und immer wieder der Kampf für Gerechtigkeit und das Beenden von kriegerischen Auseinandersetzungen indem man alles in Schutt und Asche legt – das finde ich nicht nur unbefriedigend, sondern irgendwie auch langweilig!

Echte weibliche Superkräfte

Aber was wären denn Möglichkeiten, mit weiblicheren Superkräften Ordnung in unsere chaotische, gewaltvolle und ungerechte menschliche Welt zu bringen? Und damit meine ich nicht Telekinese wie bei Mary Poppins oder der bezaubernden Jeannie die mit einem Zwinkern mal eben das Kinderzimmer auf Vordermann bringen oder den Haushalt mit einem Kopfnicken erledigen.

Nach einigem Nachdenken habe ich mich für folgende entschieden:

  • Gefühle dekodieren können, bzw. ihren Ursprung erkennen können und damit die Ursache jeglichen Konflikts
  • Menschen von der Angst ins Mitgefühl führen können  – ein Gegner wird ziemlich ohnmächtig, wenn man auf seine Schwäche, seinen Schmerz fokussiert…
  • Durch zärtliches Hand auflegen oder einen warmen Blick heilen können
  • Jegliche Waffen durch einen Blick unschädlich machen zu können.
  • Schwierige Aufgaben in Gemeinschaft bewältigen, wenn z.B. der bedrohliche Tanker durch die Hilfe von Walen unschädlich gemacht wird
  • Mit einer Geste Landschaften wieder ergrünen lassen zu können – aus Kriegsschauplätzen blühende Gärten machen können!

In Anlehnung an meine aktuelle Forschung, was denn nun diese spezifische weibliche Energie, die sich derzeit in unserem kollektiven Bewusstsein Bahn brechen will, würde ich außerdem – wenn ich könnte – ALLE Superhelden dazu ermutigen, künftig von Gewalt und Zerstörung abzusehen und einen weiblicheren, vielleicht softeren, aber sicher auch nachhaltigeren Weg zu wählen:

Denn meiner Meinung nach ist jeder Bösewicht nur böse, weil er zutiefst verletzt und gekränkt wurde, das zu heilen und Vergebungsarbeit zu machen, wäre sicher lohnender, als sie einfach nur auszuschalten. Des weiteren fände ich Kooperation spannend, nicht nur zwischen den Superhelden und die findet ja immerhin auch schon statt, z.B. bei den Fantastic Four usw.) sondern vor allem zwischen den Menschen und ein Schulen ihres Bewusstseins darin, dass viele Menschen gemeinsam durchaus eine Superkraft darstellen können!

Richtig schick wäre auch, wenn sie eine solch friedvolle Kraft ausstrahlen würden, dass keiner mehr Lust auf Kampfeshandlungen hat – gibt es eigentlich Buddha schon als Superhelden? Natürlich auch Liebe und Schönheit – welche Superkräfte daraus erwachsen können, auch für Menschen, weiß jeder, der liebt und von Schönheit schon nachhaltig und zutiefst berührt wurde.

Und wer mir jetzt entgegenhalten möchte, dass das aber weniger unterhaltsam ist und weniger Action erfordert, dem entgegne ich, dass ich absolut sicher bin, dass man das reizvoll visuell umsetzen kann und auch bei mehr psychologischem Tiefgang nicht mehr Dialog braucht. Im Gegenteil. Außerdem bin ich der ewigen Kriegsszenen müde – ich fände visuell den Einsatz von Fischen bei der Rettung der Ozeane oder der Vögel zur Rettung der Lüfte viel origineller!

Ich bin sicher, da ist noch viel Spielraum – und ich bin gespannt, wie sich das Genre weiterentwickelt und welchen Wandel Wonder Woman und Kollegen noch erfahren werden – denn gerade die Comicheftliteratur spiegelt unseren Zeitgeist besonders deutlich…

Von der Venus mit Penis zu Conchita Wurst, Teil 2

Von der gesellschaftlichen Provokation ist der Weg nicht weit zur Unterhaltung, denn schon immer wurden auf der Bühne Dinge gewagt und gesagt, die im Alltag unvorstellbar waren…

Verkleidung und Rollentausch der Geschlechter gab´s immer schon

Auch wenn von den antiken griechischen Theaterstücken nur ein Bruchteil überliefert ist und es keine entsprechenden Hinweise gibt… so halte ich es doch für absolut möglich, dass in irgendeinem Satyrspiel – einer komischen Einlage zwischen den ernsten Tragödien, der eine oder andere Mann zur Gaudi des Publikums in eine Frauenrolle schlüpfte… Denn selbst ihre Götter verkleideten sich gelegentlich als Person des anderen Geschlechts und es gab den im vorigen Artikel erwähnten Aphroditekult, bei dem die Geschlechter die Rollen tauschten. Ob es nun intendiert war oder nicht: das wird auch durchaus unterhaltsam gewesen sein…

Überhaupt wird die Verkleidung als Vertreter des anderen Geschlechts schon immer Teil der Volksbelustigung gewesen sein, besonders zu bestimmten Festen, bei denen Verkleidung ein zentrales Element ist, wie im europäischen Karneval, bei dem inzwischen fast globalen Halloween oder beim jüdischen Purimfest.

Männer als Frauen als Männer…

Bekanntermaßen war Frauen in Westeuropa die Bühne und das Tragen von Männerkleidung lange verwehrt und so mussten Schauspieler die Frauenrollen übernehmen. Eine hübsche Illustration dessen ist der Film „Shakespeare in Love“, der zeigt, wie ungewöhnlich es im Elisabethanischen Zeitalter gewesen wäre, wenn eine Frau auf der Bühne erschienen wäre.

Doch als die Theater 1660 in England wieder eröffnet wurden, traten erstmals weibliche Darsteller auf und kurz darauf sogar auch in Männerkleidung. Unabhängig davon, ob die Figuren nun von Männern oder Frauen dargestellt wurden, hat Shakespeare in mehreren Stücken den zum Teil mehrbödigen Rollentausch zur Unterhaltung eingesetzt, z.B. in Was Ihr Wollt: so verkleidet sich die junge Viola (gespielt von einem Schauspieler) als ihr Zwillingsbruder Sebastian (eine klassische Doppelrolle bei Shakespeare, denn beide haben keine gemeinsame Szene) und nennt sich Cesario. Als solcher gerät er zwischen die Liebesfronten, eines Fürsten, der eine Edelfrau liebt, die aber „Cesario“ liebt, während Viola in Wirklichkeit den Fürsten liebt… Glücklicherweise taucht der tot geglaubte Bruder am Ende auf und bringt Ordnung in alle Angelegenheiten…

Hohe Stimmen sind nicht unmännlich

In den Barockopern war es anfangs nicht selbstverständlich, dass Darstellergeschlecht bzw. Stimmlage und Rollengeschlecht übereinstimmte. Die Hauptrollen wurden von Kastraten und Frauen übernommen, deren „engelsgleicher“ Gesang als besonders anziehend galt. Dass eine besonders hohe Stimme der kraftvollen Männlichkeit eines Feldherrn vielleicht nicht ideal entspricht – daran störte sich damals niemand. Jeder sang die Partie, für die sich seine Stimme am besten eignete. Kastrat und Sopranistin tauschten sogar in der Berliner Uraufführung von Cleopatra e Cesare in Berlin im letzten Akt die Rollen, um die Oper musikalisch zu Ende führen zu können.

Als die Kastraten aus der Mode kamen, setzte sich die heterosexuelle Ordnung auch auf der Bühne durch. Allerdings wurden Opern und Operetten mit Gesangseinlagen für Männerrollen mit hohen Stimmen noch immer komponiert und gespielt. Diese wurden dann von Frauen in sogenannten „Hosenrollen“ übernommen. Das bot auch noch einen pikanten Bonus, weil einen Blick auf das Bein einer Frau zu erhaschen, damals als höchst verwegen galt.

Charlys Tante und die Travestiekünstler

Im Übrigen leuchtet es ein, dass der Rollentausch natürlich dann besonders reizvoll und unterhaltsam ist, wenn die Geschlechterrollen in der Gesellschaft ansonsten ziemlich rigide sind. Insofern war der enorme Erfolg des englischen Theaterstücks „Charlys Tante“ von Brandon Thomas aus dem Jahr 1892 nicht wirklich überraschend. Die Farce erzählt von zwei Studenten, die mit zwei jungen Damen ausgehen wollen, dazu aber eine Anstandsdame brauchen. Weil die erhoffte Tante von Charly nicht rechtzeitig eintrifft, überreden sie einen Freund, eben diese Tante zu mimen…

Heute nicht mehr so bekannt, dafür damals umso mehr war die Britin Vesta Tilley (1864-1952), die in ihren Bühnenshows auch diverse Sketche einbaute, in denen sie die Männer ihrer Zeit karikierte.

Sie war über dreißig Jahre lang ein Star in der englischsprachigen Welt. Und sie war nicht die einzige, die als Frau mit der Imitation von Männern großen Erfolg hatte. Dragkings hat es genauso oft und prominent gegeben, wie Dragqueens – gerade an Orten, wo diese Kunst besonders populär ist, wie z.B. in San Francisco – von jeher eine Hochburg der „queeren Szene“.

Populärität über die „Szene“ hinaus erlangten meines Wissens in jüngster Zeit vor allem Dragqueens: wie „Dame Edna Everage“ – das Alterego des australischen Komikers und erfolgreichen Autors Barry Humphries. Mit dieser Figur trat der Komiker zum ersten Mal 1955 auf und hatte schließlich ihre Blüte mit einer eigenen Fernsehshow in England, die schließlich auch international ausgestrahlt wurde in den 80er und frühen 90er Jahren. Danach tauchte die Figur regelmässig in einer britischen TV-Serie auf und die 2000er Jahre waren geprägt von ihren Auftritten in einer zwei Personen Revue und in diesem Jahr gab Dame Edna ihre Abschiedstour… Barry Humphries ist letztes Jahr 80 geworden!

In Deutschland vielleicht bekannter ist das Travestieduo Mary & Gordy, alias Georg Preuße und Reiner Kohler die vor allem in den 80er Jahren höchst populär waren. Doch 1987 musste sich Kohler wegen eines Rückenleidens von der Bühne verabschieden und starb 1995 an Krebs. Preuße setzte seine „Mary“-Karriere bis in die 2000er Jahre solo fort.

Sowohl Humphries als auch Preußes und Kohlers Figur waren charakterisiert durch eine Überzeichnung des Weiblichen, viel Frivolität und grandiosen Kostümen – was typisch für das Genre der Travestie ist.

Gender-crossing zur Unterhaltung

Möglicherweise ist der Billy Wilder Film „Some like it hot“ (USA 1959) der lustigste „cross-dressing“ Film. Aber vielleicht weniger, wegen der beiden Musiker, die sich um der Rache der Mafia zu entgehen als Frauen verkleiden und fortan in einer Frauenband spielen, sondern weil der Film mit Tony Curtis, Jack Lemmon und Marilyn Monroe grandios besetzt ist und vor genialen Dialogzeilen nur so strotzt. Als ich den Film in den 80ern das erste Mal sah, habe ich Tränen gelacht. Doch als ich den Film vor einigen Jahren noch einmal sah, konnte ich mich zwar an Schauspiel, Dialog und Dramaturgie noch immer begeistern – doch das cross-dressing Element erschien mir eigentümlich überholt. Außerdem empfand ich den Film auf unterschwellige Weise als gleichzeitig männer- und frauenfeindlich…irgendwie menschenverachtend. Was, wenn man Wilders´ Biographie in Betracht zieht gar nicht so abwegig ist.

Vielleicht werde ich ihn nächstens noch einmal ansehen und meine Wahrnehmung überprüfen. Denn möglicherweise zeigt sich daran der Wandel unseres Zeitgeistes deutlicher, als man meinen möchte.

Eins der erfolgreichsten Bühnenstücke der 70er Jahre war „La Cage aux Folles“, was dann auch 1978 von den Franzosen verfilmt wurde. Die Handlung ist so simpel, wie spassig: ein Showproduzent und sein Travestiestar sind ein glückliches homosexuelles Paar mit Glamourfaktor – was alleine schon eine gewisse Komik garantiert – doch wird ihre Harmonie auf die Probe gestellt, als der Sohn des Produzenten aus seinem heterosexuellen Vorleben mit seiner Verlobten und deren hochkonservativen Eltern auftaucht. Um die Verlobung nicht zu gefährden, entschließt sich der Travestiekünstler auch im „normalen Leben“ die „Mutter“ zu spielen… Ebenfalls aus den Siebzigern stammt der Klassiker „Rocky Horror Picture Show“(USA 1975), ursprünglich ein Bühnenmusical, wurde es schließlich verfilmt. In dem Stück werden alle möglichen Grenzen auf unterhaltsame Weise überschritten werden und eben auch die Grenzen der Gender-Konventionen.

1982 kamen gleich zwei Filme zum Thema heraus, und – wie es der Zeitgeist so oft will – in eigentümlicher Komplementarität:

Der britische Filmhit Victor/Victoria, in dem die Engländerin Julie Andrews eine arme Sopranistin spielt, die erst Erfolg hat, als sie sich als „Graf Viktor Grazinski“ ausgibt, der Frauen darstellt… (Übrigens ein Remake eines deutschen Films von 1933.) ist gewissermaßen das Gegenstück zu dem amerikanischen Filmhit Tootsie: Dustin Hoffmann spielt einen brillanten Schauspieler, der als so schwierig gilt, dass keiner mehr mit ihm arbeiten will. Also gibt er sich als Frau aus und wird schließlich zum Fernsehstar…

Mitte der 90er Jahre war die Darstellung des bunten, aber auch zwiespältigen Lebens von Dragqueens noch so populär, dass die Amerikaner 1996 ein erfolgreiches US- Remake von „La cage aux folles“ mit Robin Williams und Nathan Lane in den Hauptrollen produzierten. Und auch der australische Independent-Film „Priscilla, Königin der Wüste (AUS 1994)“ wurde zum internationalen Erfolg. Eher eine Tragikomödie, erzählt der Film vom Schicksal dreier Dragqueens auf und abseits der Bühne.

Mit „The Crying Game“ (IRL 1992) erhält das Thema Einzug in das Genre des Psychothrillers. Vor dem Hintergrund der politischen Probleme Irlands wird auch die Vielfalt von Sexualität reflektiert.

Und weil seit mitte der 80er Jahre die Anzahl der Aidstoten immer weiter stieg, bekamen Homosexualität und Gender-Crossing eine neue, ernstere Aufmerksamkeit. Das mehrfach preisgekrönte Theaterstück „Angels in America“ (USA 1993) erzählt das Schicksal eines schwulen Paares, von dem einer an Aids erkrankt. Auf verschiedenen Handlungs- und Bewusstseinsebenen (viele der Figuren sind Engel und Geister) wird das Geschehen reflektiert. Es geht um Politik, um Homosexualität und um die amerikanische Geschichte.

Das Stück ist so geschrieben, dass mehrere Schauspieler mehrere Rollen übernehmen müssen und dafür mehr als einmal auch das andere Geschlecht darstellen.

Auch der spanische Filmemacher Pedro Almodovar liebt Figuren, die sich nicht eindeutig festlegen lassen und in seinem ebenfalls preisgekrönten Film „Alles über meine Mutter „(E 1999) spielen Transgender-Männer eine wichtige Rolle. Wiewohl der Film über die Almodovareske Dramaturgie verfügt in der höchste Tragik und höchste Komik berührend nah beieinander liegen und sich oft kreuzen, so zeigt er doch auf unaufdringliche Weise, wie zerrissen Transgender-Menschen oft sind. Es ist selten ein einfaches Schicksal – wenn ein Mensch von sich feststellt, dass sein Körper nicht zu seiner gefühlten geschlechtlichen Identität passt.

Trotz des anhaltenden Erfolgs von „La cage aux folles“ und vielen Dragqueen und einigen Dragking-Bühnenshows in vielen westlichen Großstädten, ist neben der Travestie nun auch der ernstere Aspekt der Gender-Mannigfaltigkeit Unterhaltungstauglich – und zwar durchaus auch in ernsten und dokumentarischen Darstellungen.

Die amerikanische Schauspielerin Glenn Close spielt die Titeltrolle in dem Film „Albert Hobbs“ (Irl/GB 2011), der die Geschichte einer Frau erzählt, die sich als Butler ausgibt, weil sie darin ihre einzige Chance sieht im Dublin des 19. Jahrhunderts selbstbestimmt zu leben.

Auch im Fernsehen gibt es inzwischen einige Serien, vor allem in Amerika, wo transgender-Charaktere mal als Haupt, mal als Nebenfiguren zu sehen sind, teilweise auch von echten transgender-Menschen gespielt.

2012 entschloss sich der deutsche TV Sender RTL 2 eine Doku-Serie auszustrahlen mit dem Titel „Transgender – Mein Weg in den richtigen Körper“. Darin werden sieben Transgender Personen auf ihrem Weg durch ihre Geschlechtsumwandlung begleitet. Dabei kommen auch Ärzte und Psychologen zu Wort. Bisher gibt es zwei Staffeln dieser Serie.

Und auch die Online-Plattformen widmen sich dem Thema. Amazon hat eine Serie mit dem schönen Titel Transparent (auf Englisch auch lesbar als Trans-Elternteil) produziert, in der ein älterer, geschiedener Vater beschließt, endlich einen langgehegten Wunsch zu verwirklichen und als Frau zu leben… Auch Netflix hat eine Transgenderfrau unter den Protagonisten seiner neuen Serie Sense8 – die auch tatsächlich von einer Transgenderfrau gespielt wird.

Außerdem gibt es übrigens einige Zeichentrickfiguren, die sich gerne mal als Frau verkleiden, wie Bugs Bunny und auch in den japanischen Manga ist das „cross-dressing“ fester Bestandteil der Figurengestaltung. Am bizarrsten vielleicht in den Futanari (das japanische Wort für Hermaphroditismus bzw. Androgynie) – einem pornographischen Genre von Computerspielen, Comics und Zeichentrickfilmen in denen die Figuren beide Geschlechter haben.

Ich glaube, die Entwicklung weit längst über die bereits erwähnten Dragkings und – queens hinaus. Zum einen gibt es längt einige prominente Transgendermänner, wie der Pornostar Buck Angel und Transfrauen, wie zuletzt Caitlyn Jenner, die spektakulär auf dem Cover von Vanity-Fair dieses Jahr ihre Entscheidung einer breiten Öffentlichkeit bekannt gab. Viele hatten auch schon ihren Übergang in der achtteiligen TV-Serie „I am Cat“ gesehen.

Transgender als Kunstform

Der vielseitige Musiker britische David Bowie und die jamaikanische Sängerin Grace Jones müssen unbedingt in diesem Kontext erwähnt werden, denn beide hatten massiven Einfluss auf die Musikszene und die Gesellschaft jener Zeit und teilweise bis heute.

David Bowies schillerndes Spiel mit Geschlechterrollen – wozu sein ohnehin apartes Aussehen mit zwei von Natur aus verschiedenen Augenfarben und markanten Gesichtszügen beitrug – und seine gelegentlich gezielt feminine und mindestens androgyne Erscheinung sowie das Schüren der Spekulationen über seine mögliche Bisexualität, machten sexuelle Mehrdeutigkeit in den 70er Jahren salonfähig.

Grace Jones wurde zunächst als Supermodel bekannt und schließlich als Sängerin. Die Tatsache, dass sie über zwei Oktaven singen kann, über 180 cm groß ist und ihr gezielt androgynes Erscheinungsbild prägte die Popszene der 80er Jahre und die Cross-Dressing Mode dieser Zeit.

Und dann gibt es jene, denen es dabei nicht um das Spektakuläre geht sondern, sondern die das ganze zu einer echten Kunstfigur erheben. In Deutschland haben wir die Kunstfigur Georgette Dee, eine Diseuse, Sängerin und Schauspielerin, deren bürgerlicher, männlicher Name der Öffentlichkeit nicht einmal bekannt ist.

Sie beherrscht perfekt die Gratwanderung zwischen den Geschlechtern – und drückt damit quasi in sich selbst die Faszination für die Qualitäten des anderen aus – indem sie zwischen beidem permanent changiert.

Denn das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ist nun auch grundsätzlich von dem Spannungsfeld des gegenseitigen Mysteriums und häufig von Erotik geprägt.

Obwohl es in ihren selbstgeschriebenen Chansons, selten vordergründig darum geht, ob ein Mann eine Frau liebt oder umgekehrt, so geht es doch immer um die Liebe selbst – zu beidem. Georgette lebt wirklich beide Seiten…auf eine poetische, berührende, oft humorvolle, erotische und souveräne Weise. In gewisser Weise ist sie längt ihr eigenes Genre.

Auch die immer gern glamouröse Conchita Wurst ist eine Kunstfigur, immer in Abendkleidern, mit langem Haar, perfektem Make-up – und Bart. Sie ist das Alterego des österreichischen Sängers Tom Neuwirth und wurde bekannt als die österreichische Grandprixsiegerin von 2014. Seit dem ist sie vor allem in der Schwulen- und Lesbenszene eine prominente Figur. Ihr Anliegen ist es Menschen mit ihrer Erscheinung zum Nachdenken anzuregen – über sexuelle Orientierung und das anders sein an sich. Amüsanterweise erinnert ihr Bild viele an Jesusdarstellungen und tatsächlich gibt es Kommentatoren die diesbezüglich Bezüge herstellen. Selbst Kinder erinnern die photographischen Darstellungen oft an den berühmten Erlöser – gerade wegen des zarten, scheinbar weiblichen Gesichts – mit Bart.

An dieser Stelle möchte ich auch die junge Britin indischer Herkunft, Harnaam Kaur erwähnen, die vor

einigen Monaten Internet-Ruhm erlangte. Aufgrund eines speziellen medizinischen Umstands, eines sogenannten polyzystischen Eierstocksyndroms hat sie einen extremen Haarwuchs. Weil sie in den Glauben der Shiks initiiert wurde und damit bewusst akzeptierte, dass sie nun ihren Haarwuchs nicht mehr unterdrücken können würde – da das Schneiden von Haaren im Shik-Glauben untersagt ist, hat sie diesen – in ihrem Fall unfreiwilligen – Look beherzt angenommen und entschied sich gegen die gesellschaftliche Definition, wie Frauen auszusehen haben, zu wehren. Sie sagt: „Wir müssen begreifen, dass ein jeder von uns anders ist. Wir sind alle unperfekt perfekt. Ich möchte der Gesellschaft zeigen, dass wir alle unsere Individualität feiern können. Ich liebe meinen Bart und werde ihn ewig wertschätzen.“

Symptom des Zeitenwandels

Aber egal ob als Kunstfigur oder aufgrund eines mutigen Bekenntnisses zur eigenen Besonderheit: ich glaube, dass die Genderdiskussion derzeit so viel Aufmerksamkeit erfährt ist ein Hinweis. Genau wie die bereits erwähnte bärtige Venus im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung ein Ausdruck des Übergangs vom Matriarchat zum Patriarchat war, so stehen wir wohl wieder an der Schwelle zu etwas Neuem – weg vom Postpatriarchat und dem Postfeminismus hin zu etwas, in dem weder das eine noch das andere Geschlecht dominiert. Sondern wo echte Balance und Harmonie möglich sind und wir erforschen können, was uns individuell anzieht und anziehend macht und dabei bewusst unsere Einzigartigkeit feiern – gemeinsam!

Die Eiskönigin ist heiß!

 

Loslassen ist unbedingt gut, besonders wenn es um die Fesseln der Selbstbeschränkung geht…

Disneyfilme haben bekanntermaßen eine lange Tradition mit Heldinnen, deren Abenteuer in der Regel im Brautkleid endet. Doch die „Eiskönigin – völlig unverfroren“ bzw. „Frozen“ (USA 2013) fällt auffallend aus dem Rahmen und ich bin mir gar nicht sicher, ob Disney wirklich das beabsichtigt hat, was schließlich dabei heraus gekommen ist. Doch eines haben sie gründlich verinnerlicht: wenn eine Geschichte ein wirklich originelles Element hat – wie hier die Tatsache, dass die Liebe zwischen Schwestern die Erlösung birgt und nicht wie sonst so oft, die Liebe zwischen Mann und Frau, dann lohnt es sich, die restliche Geschichte dem in den Dienst zu stellen – so dass sich dieses Element glaubwürdig vermitteln lässt. Das ist hier gelungen.

Die Drehbuchautorin Jennifer Lee wird zitiert mit der Aussage, dass sie von Anfang an wussten, die „Liebe der Schwestern“ würde die Lösung bringen – auch wenn sie nicht wussten wie. Aber dieses „Wissen“ ist das, was ich gerne als die „Magie“ einer Geschichte beschreibe, wenn ihre Gestalt beginnt, einen in den Bann zu ziehen, ohne dass man erklären könnte warum. Doch die emotionale Wahrheit ist spürbar und diese zu finden ist bei jeder Geschichte ein Samenkorn, das man zur Blüte bringen kann.

Der Film ist ungewöhnlich erfolgreich und auch wenn die Geschäftstüchtigkeit und der geschickte Umgang mit Werbung von Disney legendär ist, so leisten sie das auch bei ihren anderen Filmen wie zuvor Rapunzel-Neu verföhnt (USA 2010) – doch nur die Eiskönigin wurde zum bisher erfolgreichsten Animationsfilm und zum fünfterfolgreichsten Film der Kinogeschichte.

Was also macht diesen Zauber dieses Films aus, der zu diesem Erfolg führt? Eine erste Spur erhielt ich, als mir einige Freundinnen in Amerika, aber auch in Deutschland berichteten, dass das Lied „Ich lass jetzt los“ mit Begeisterung von ihren Töchtern – meist im Alter zwischen 4 und 12 gesungen würde und zwar ziemlich oft und nicht immer mit Gesangstalent. Es gibt sogar einen amüsanten Youtube Clip von einer völlig genervten Mutter, die seufzend dem Gesang ihrer Tochter lauscht und immer wieder vor sich hin flüstert: „Yep, lass es los…lass es einfach los…“ Man kann deutlich spüren, dass die Mutter sich nichts sehnlicher wünscht, als dass die Tochter endlich dieses Lied loslässt, oder vielmehr, von ihm losgelassen wird. Denn viele Mädchen scheint Elsa und ihr Lied besonders zu fesseln. Dabei ist das Lied zwar eingängig, aber gar nicht so leicht nachzusingen. Der berühmte Refrain mit „Let it go“ kommt dreimal vor, jedes Mal leicht variiert und wurde in mindestens 25 Sprachen übersetzt. (Bei youtube gibt es einen wunderbaren Clip, bei dem die Sängerinnen der verschiedenen Sprachen bei den Aufnahmen im Studio zusammenmontiert wurden.)

Wie so oft bei Disney, sind Musik, Text und Bilder bestens aufeinander abgestimmt: während sich Elsa visuell von einem braven Mädchen, das sich für ihre schrecklichen Fähigkeiten schämt, in eine selbstbewusste junge Frau im sexy Kleid und lasziver Frisur verwandelt und lustvoll ihrer Kraft Ausdruck verleiht, singt sie davon, dass sie nun alles jetzt loslässt und sich keiner Beschränkung mehr unterwirft. Während sie sich einen eisigen Palast und ein elegantes Gewand erschafft, bekennt sie sich auch singend zu ihrer besonderen Fähigkeit und ihrer neuen Freiheit und nimmt dafür willentlich die Einsamkeit in Kauf. Denn endlich kann sie völlig ungehindert sie selbst sein… Dass es doch einen Weg gibt, ihre Kraft und ein soziales Miteinander zu vereinen, spielt an dieser Stelle im Film noch keine Rolle.

Dieses Bekenntnis zu totaler Selbstbestimmung und Annahme der eigenen schöpferischen Kraft und der Verantwortung dafür – auch wenn es zunächst einmal Einsamkeit bedeutet – hat eine enorme dramatische und mythologische Wucht, gerade für junge Frauen. Meines Erachtens ist das ein wesentlicher Grund für den Erfolg dieses Films.

Aus der bösen Antagonistin wird eine gute Kontagonistin

Ursprünglich basiert der Film auf dem Märchen des dänischen Dichters Hans-Christian Andersen und hat nur noch wenig mit dieser Geschichte gemeinsam. Das Original lässt sich an diversen Stellen im Internet nachlesen, deswegen wiederhole ich es hier nicht. Außerdem ist nicht das Maß der Veränderung interessant, sondern der Verlauf, den die vermeintliche Adaption genommen hat. Denn immer wieder drohte das Projekt bei Disney zu scheitern, weil es ihnen nicht gelingen wollte, eine zeitgemäße Version zu entwickeln.

Ein erster Durchbruch war schließlich, die beiden wichtigen weiblichen Figuren – die Schneekönigin Elsa und die Prinzessin Anna Schwestern sein zu lassen. Damit wurde die Schwesternbeziehung das zentrale Thema des Films und entfernte sich damit von der klassischen Dramaturgie einer Liebesgeschichte. Jetzt ging es plötzlich um das Schicksal zweier Frauen!

Von ihrem Ursprung als Schneekönigin brachte Elsa ihre Fähigkeit der Kryogenik mit – d.h. sie kann mit ihren Händen eine Energie aussenden, die Dinge vereist bzw. Dinge aus Eis entstehen lässt. Warum das so ist – ob ein Fluch die Ursache ist o.ä. wird nicht erzählt und während der Drehbuchentwicklung wurde auch entschieden, auf alle diesbezüglichen Erklärungen zu verzichten. Denn diese hätten den Film unnötig kompliziert gemacht und das Erzähltempo verlangsamt.

Der zweite wesentliche Durchbruch war, als bei Disney das Produktionsteam gemäß der Studiopraxis, alle 12 Wochen den Stand ihrer Arbeit anderen Kollegen der Firma zu präsentieren die Sequenz gezeigt wurde, in der Elsa „Let it go“ singt und sich dabei von einem ängstlichen Prinzesschen in eine selbstbewusste Eiskönigin verwandelt – die keine Lust mehr hat, ihre Fähigkeiten zu unterdrücken, auch wenn es sie zur Einsamkeit verdammt. Mit dieser Szene eroberte Elsa überraschend die Herzen der Zuschauer – und es war klar, dass sie sich keineswegs zur Antagonistin ihrer lieben Schwester eignete, geschweige denn zum Bösewicht des Films.

Das bedeutete eine grundsätzliche Veränderung der Geschichte und der Figurenführung. Das Produktionsteam entschied, dass nicht Elsas Charakter sondern ihre magische Kraft und die daraus resultierende Abgrenzung von der einstmals so geliebten Schwester die Hauptherausforderung für die Schwestern war. Doch gerade diese Liebe würde schließlich ermöglichen, diese Herausforderung zu meistern. Tatsächlich liegt auch für Elsa selbst der konstruktive Umgang mit ihren Fähigkeiten nicht in der Selbstisolation, sondern in der Liebe. Wenn ihre „Eisenergie“-Ausbrüche nicht vom Gefühl der Wut oder Verzweiflung gespeist sind, sondern aus der Liebe kommen, kann sie ihre Kräfte nämlich gezielt steuern und schließlich im Sommer einem Schneemann das Leben erhalten oder eine Schlittschuhbahn erschaffen.

Trotzdem wird für eine spannende Geschichte ein Antagonist gebraucht. Dazu mauserte sich schließlich eine Figur, die anfänglich durchaus sympathisch wirkt, denn es ist der Mann, in den sich Anna zunächst verliebt. Doch seine Liebe zu ihr ist nicht echt, sondern entstammt eiskalter Berechnung. Hans‘ Bosheit entspringt seinem Bedürfnis nach Macht und sich dafür auch skrupellos der Gefühle anderer zu bedienen und sogar über ihre Leichen zu gehen… Doch Anna durchschaut schließlich seine Täuschung und entscheidet sich für die Liebe – zu ihrer Schwester.

 Der besondere Reifungsprozess

Also macht nicht nur Elsa einen wichtigen Reifungsprozess durch – vom armen Mädel, dass das Opfer ihrer „schrecklichen Kräfte“ ist – zur selbstbewussten Frau, die lernt, mit Liebe ihre Kräfte zu kontrollieren. Man könnte sagen: sie wird vom ohnmächtigen Opfer ihrer Gabe (und vermeintlichen Täterin, die anderen mit ihrer Kraft Schaden zufügt) zur bewussten Schöpferin.

Auch Anna lernt etwas Lebenswichtiges und wird darüber erwachsen: nämlich, die wahre Liebe zu unterscheiden von den romantischen Sehnsüchten eines einsamen Teenagers – derer sich Hans bedient. Anna erkennt, dass partnerschaftliche Liebe nicht auf scheinbar mystischen Zufällen basiert, sondern auf zweifelsfreiem Vertrauen, Ehrlichkeit und der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Damit erweist sie sich dann auch der Zukunft mit dem anständigen Kristof für würdig.

So reflektieren beide Schwestern wesentliche Aspekte eines Reifungsprozesses und erfahren ein deutliches Bewusstseinswachstum. Und so wesentlich Annas Erleben zum Erwachsen werden dazu gehört, umso faszinierender ist doch Elsas Werdungsprozess: denn sich nicht mehr vor den eigenen Kräften zu fürchten und zu lernen, mit ihnen sinnstiftend umzugehen – ist eine Sehnsucht, die viele bewusst oder unbewusst haben. Es erinnert an den Text, der oft Nelson Mandela zugesprochen wird, aber tatsächlich von Marianne Williamson stammt: „Unsere tiefste Angst nicht, dass wir unzulänglich sind. Unsere tiefste Angst ist, dass wir unermeßlich machtvoll sind. Es ist unser Licht, das wir am meisten fürchten, nicht unsere Dunkelheit. “ (Aus Marianne Williamson: Rückkehr zur Liebe)

Damit wird Elsa mit ihrem Lied der Selbstermächtigung schließlich zur Ikone all jener, die bewusst oder unbewusst, direkt oder indirekt die Erfahrung in ihrem Leben machen oder gemacht haben, in ihrem Selbstausdruck absichtlich oder unabsichtlich eingeschränkt zu werden. Und metaphysisch trägt sie auch noch unsichtbar, aber spürbar, ihre Entwicklung von der zunächst als negativ und böse wahrgenommenen Figur, die letztlich ein positiver Sympathieträger wird. Auch eine Erfahrung die viele nachvollziehen zu können: zunächst dämonisiert zu werden, bis man schließlich mit den Augen der Liebe gesehen wird – oder umgekehrt: man fürchtet etwas oder jemanden, bis man es mit Liebe sehen kann und Mitgefühl entwickelt.

Dass dieser Film gerade in Japan, wo Frauen noch mit einem sehr engen gesellschaftlichen Rollenbild zu kämpfen haben und gleichzeitig eine große Sehnsucht nach Liebe und unzensiertem kreativem Ausdruck haben, verwundert kaum. Es geht um die Leidenschaft, ungehindert die eigene Wahrheit zu leben und sich dieses Recht – mit allen Konsequenzen – auch zu nehmen.

So lange sich in unseren Kulturen Menschen noch durch Traditionen und gesellschaftliche Regeln und Konventionen behindert oder ausgebremst fühlen – so lange dürfte der Film seine Erfolgsgeschichte ungehindert fortsetzen. Oder anders: solange wir altes loslassen müssen, um wahrhaft unser befreites Selbst zu sein…

Nachtrag 19. Juni 2015

elsassoftball

Eine Gruppe amerikanischer Mütter von Ballett-Elevinnen dachte darüber nach, wie sie ihre 3- und 4jährigen Töchter zum Softballspielen animieren könnten. Was bräuchte es, um alle Mädchen dafür zu begeistern? Eine von ihnen kam auf den Disneyfilm „Die Eiskönigin“, den all diese kleinen Mädchen kennen und lieben. Und die frischgekürte Softballmannschaft bekam den Namen „Freeze“ (etwa „einfrieren!“) und spielte – entsprechend den Kostümfarben der Filmheldin Elsa – in türkisweißer Kleidung. Die inzwischen 4-5jährigen Mädchen spielten als jüngstes Team in der Softball-Liga von Edmond. Sie landeten auf dem allerletzten Platz, aber hatten enorm viel Spaß. Erfolg wurde nicht in Punkten, sondern in Lächeln und Lachen gemessen. So entschieden sie am Ende der Saison, dass ihr Mannschaftsfoto diesen Spaß reflektieren sollte. Betsy Gregory, eine der Mütter, die nebenbei als Fotografin arbeitet, sollte das Foto machen und fragte die anderen Mütter, ob jede ihrer Töchter ein Elsa-Kleid habe und tatsächlich war dem so. Also kamen sie alle in ihrem Elsa-Kleid und ihren Softballutensilien zum Fototermin. Kurz bevor sie auf den Auslöser drückte, sagte Betsy zu den Mädchen, sie sollten sich vorstellen, dass ihr Bruder sie beklaut hätte. Darauhin bekamen sie einen mächtig kriegerischen Gesichtsausdruck. Und jetzt drückt das Foto genau das aus, wofür die Filmfigur Elsa steht: „Es ist OK, stark und ermächtigt zu sein! Auch als kleines Mädchen!“

Kaum war das Foto online wurde es in Amerika zum Internethit – und landete schließlich auch in einem meiner Facebookthreads. Die weiteren Informationen und das Foto habe ich von hier.

 

Hammer oder Kochlöffel?

Ohne Klischees scheint es nicht zu gehen?!

Denn natürlich muss es eigentlich Hammer UND Kochlöffel heißen… Aber noch gibt es in vielen Köpfen eine stereotype Vorstellung, von dem was ein Mann ist und sein muss, und eben auch eine Frau ist und sein muss:

Es gibt einen schönen US Film aus dem Jahr 1998 „Pleasantville – Zu schön, um wahr zu sein“ in dem auf charmante Weise die Ideale der 50er Jahre dargestellt und auch überzeichnet werden… Joan Allen und Willam H. Macy geben darin ein „klassisches Paar“ ab – er kommt abends immer strahlend, in einem perfekt sitzenden Anzug aus dem Büro, während sie im perfekten Kleid mit perfekter Frisur perfekte Muffins bäckt und natürlich leben sie in einer perfekten schwarzweißen Welt – denn sie sind Figuren einer fiktiven Fernsehserie… Allerdings hält Farbe Einzug in ihre Welt und zu sehen, wie das geschieht und was das für Folgen hat, ist ziemlich unterhaltsam.

Tatsächlich ist unsere Welt seitdem in vieler Hinsicht bunter geworden: mit Hausmännern und Ehefrauen, die den Familienunterhalt mit ihrem Managerjob bestreiten, und Schornsteinfegerinnen und Bauleiterinnen oder männlichen Sprechstundenhilfen und Sekretären. Dennoch gelten Kindergärtner und Werkzeugmacherinnen nicht als selbstverständlich. Irgendwas verhindert das.

Der Zauber des Werkzeugkastens bzw. der Küchenschürze

Irgendwann in den 90er Jahren hörte ich mal beim Autofahren eine Radiosendung, in der eine Umfrage unter den vor allem weiblichen Hörern gemacht wurde, was sie an einem Mann am attraktivsten fänden: Wenn er aussähe wie Tom Selleck (Star der damals populären TV-Serie Magnum), wenn er ein dickes Portemonnaie oder wenn er einen ordentlichen Werkzeugkasten hätte. Zur Überraschung der Redakteure war der Werkzeugkasten mit dem Portemonnaie fast gleichauf. Auf entsprechende Nachfrage erklärten die Hörerinnen, viel Geld könnten sie selber verdienen – aber handwerkliches Geschick sei rar und sexy…

Die meisten Männer fühlen sich dagegen eher weniger erotisiert, wenn sie eine Frau mit dem Bohrschrauber hantieren sehen, als wenn sie strickt oder kocht… Irgendwie wirken Schweißperlen vom aufsteigenden Wasserdampf der kochenden Pastasauce an Frauen im Allgemeinen attraktiver, als jene vom Andübeln einer Deckenlampe, wohingegen das bei Männern oft umgekehrt ist.

Durch genauere Betrachtung werden die Klischees unscharf…

Andererseits kenne ich viele Männer, die hervorragend kochen (und ja, die meisten Starköche sind Männer – aber es ist natürlich ein Unterschied, ob man unter Beifall Gourmetzungen beglückt, oder der Familie täglich ein Essen vorsetzen muss, das allen Geschmäckern gerecht werden soll…) und genauso souverän mit der Bohrmaschine umgehen können – wie auch Frauen!

Und auch in anderen Bereichen sind die Klischee-Grenzen neblig: die Menschen, die ich kenne, die den größten Hang zu Klatsch und Tratsch und Neigung zum Kitsch haben – sind männlich, und keine Softies und auch nicht schwul, um mal gleich einem anderen Klischee zu begegnen! Und die Menschen, die ich kenne, die am effizientesten zerstören – seien es Gegenstände oder Beziehungen – sind Frauen! Trotzdem kennt unsere Sprache keine Klatschonkel und Kitschbolde – obwohl es doch sogar viel mehr männliche Gartenzwerge gibt?! Und für die weibliche Zerstörungskompetenz gibt es keinen umgangssprachlichen Ausdruck, wie „Terminatrix“. Vielleicht, weil Gewalt nicht immer die erste Wahl einer Hexe ist…

Aus irgendwelchen Gründen halten sich also die Klischees hartnäckig und nicht nur, weil die wissenschaftlich erwiesenen Dispositionen das schüren: Männer können schwerer tragen und räumlich sehen, Frauen können mehr Schmerz ertragen und sind multitaskingfähiger.

Gleichberechtigung – ja, Gleichmacherei – nein

Bei aller Sehnsucht nach der Gleichberechtigung von Mann und Frau gibt es eben auch eine Sehnsucht danach, die Unterschiedlichkeit deutlich zum Ausdruck zu bringen. Manche Männer meiden rosa, selbst wenn es sich ihnen in Form einer Rhabarbersaftschorle präsentiert… während manche Frauen sich beharrlich weigern, etwas anderes als Röcke und Kleider zu tragen. Auch in unserer Kultur und linken Kreisen…

Viele Männer möchten wirklich gerne männlich sein, ohne als Macho verschrien zu werden, viele Frauen möchten wirklich gerne weiblich sein – ohne als Zicke oder Tussi abgestempelt zu werden… Aber der Dschungel aus Stereotypen, Vorurteilen und mehr oder weniger veralteten gesellschaftlichen Mustern und Traditionen ist dicht und dunkel. Sich darin einen Weg zu bahnen, der schließlich zu einem gesunden Umgang mit dem eigenen Geschlecht und dem der anderen führt, ist für viele ein lebenslanger Prozess. Da hilft nur Mut, Durchhaltevermögen und viel Humor – immerhin ein häufiges Begleitprodukt der Klischees!