Weibliche Superkräfte

Endlich habe ich mit einer lieben Freundin den Film Wonder Woman (USA 2017) im Kino angesehen. Verschiedene Kritiker haben den Film als beste Comic-Verfilmung seit einer Weile gefeiert, die hohen Zuschauerzahlen und Einspielergebnisse haben das untermauert und allgemein gilt der Film jetzt als gelungene Öffnung für mehr Weiblichkeit im Superheldengenre.

Spaß macht der Film auf jeden Fall: die Schauspieler sind gut, die Story funktioniert und die Figuren sind spannender und etwas tiefgründiger, als man vielleicht erwartet. Besonders großartig ist er fürs Auge: phantastische Ausstattung, tolle Kamera, guter Schnitt und eindrückliche Spezialeffekte und natürlich Action, Action, Action: es wird gejagt, gekämpft und zerschlagen, dass es schier eine Oper von Scheppern, Krachen und Knallen ist. Und die Hauptdarstellerin macht das alles großartig mit der richtigen Mischung aus Anmut, Eros und Aggression! Wonder Woman wird dargestellt von der jungen Israelin Gal Gadot, deren Karriere als Miss Israel begann. Außerdem war sie in der heimischen Armee und hat offensichtlich ein kämpferisches und tänzerisches Talent – sie verfügt über die entsprechende Körperbeherrschung. Im Übrigen ist sie verheiratet und hat zwei Töchter – und als sie auf einer großen Filmgala zwar im Abendkleid, jedoch flachen Schuhen erschien, wurde sie von verblüfften Reportern gefragt, wieso sie denn keine High Heels trage und sie erklärte freundlich: ‚Weil es bequemer ist!‘ Also offenbar bodenständig und sympathisch die Dame!

Interessant ist außerdem anzumerken, dass mit Patty Jenkins eine Frau Regie führte und mit dem Film den höchsten Umsatz einfuhr, den eine weibliche Regisseurin bisher geschafft hat. D.h. der Film war deutlich auch für Männer tauglich und hoffentlich muss man das in näherer Zukunft auch nicht mehr ausdrücklich erwähnen. Denn natürlich können sich Männer auch für eine weibliche Superheldin begeistern, erst recht in ihren favorisierten Genres – und Jenkins scheut die traditionell männlichen Genres wie Action und Horror keineswegs, wie ihre Filmographie zeigt.

Jenkins meinte zu ihrem Film, dass Wonder Woman am Ende erkennt und es auch sagt, dass es ultimativ um die Liebe geht! So wahr ich das finde, so finde ich es doch nicht so richtig schlüssig im Film – zumal ihr der Gedanke kommt, als sie einen Panzer über ihrem Haupt schwingt, um ihn auf dem kauernden weiblichen Bösewicht niedergehen zu lassen. Mir kam da eher der Gedanke, dass sie das Potential für ein Sequel nicht ruinieren will..

Aber ja, am Ende erklärt Diana Prince, alias Wonder Woman, dass es sich immer lohne für Liebe und Gerechtigkeit zu kämpfen – und wer würde ihr da widersprechen wollen?

Wonder Womans Ursprung

Wonder Woman ist traditionell deutlich eine Amerikanerin – in der Regel ist ihr Heldenkostüm in den Farben der US-Flagge gehalten. Im Film jedoch weniger, da wird ihre griechisch-göttliche Herkunft betont und die Handlung spielt in einem vom ersten Weltkrieg gebeutelten Europa. Aber die Figur ist viel älter als der Film, sie wurde 1941 dem Comic Universum hinzugefügt. Max Gaines, der Herausgeber der DC Comics machte sich Anfang der 40er Jahre Gedanken, dass die Comics vielleicht zu gewaltvoll für die jugendlichen Leser seien und wandte sich an seinen Berater William Marston, der nicht ebenfalls nur ein Comicbuch Autor war, sondern auch ein Psychologe und selbst stark geprägt von unkonventionellen und selbstbewussten Frauen seiner Zeit geprägt: er selbst lebte mit seiner Frau und seiner Geliebten und vier gemeinsamen Kindern unter einem Dach. Nach der Legende sagte Marston zu Gaines: ‚Was du brauchst, ist ein weiblicher Superheld. Sie wird so stark wie Superman, aber im wesentlichen Pazifistin sein. Sie wird für die Demokratie kämpfen, aber für die Gleichberechtigung der Frau. Und ihre Superkräfte werden Liebe, Wahrheit und Schönheit sein.‘ Max Gaines wollte einen Versuch wagen – und ich kenne die Originalcomics nicht, weiß also nicht, in wie weit sich dieser Ansatz durchsetzte.

Aber wenn man mich jetzt fragen würde, ob ich finde, dass die jüngste Wonder Woman spezifisch weibliche Kräfte hat, die ihr Superheldentum auszeichnen – müsste ich passen. Sie ist zwar zweifellos schön und steht auf Wahrheit – im Film konfrontiert sie andere, vornehmlich Männer gnadenlos mit ihrer Haltung zur Rettung Unschuldiger und klagt sie des mangelnden Mitgefühls an. Und Liebe mag ihre Motivation sein, ist aber entschieden nicht ihre Kraft – diese besteht, wie auch bei ihren männlichen Kollegen, vor allem in einer physischen Überlegenheit gegenüber den Gegnern. Das heißt, sie wirkt zwar femininer – nicht nur wegen ihrer herrlichen sexy Ausrüstung, aber auch sie lässt die herrschenden Konflikte, wie ihre männlichen Kollegen letztlich mit Kraft, Gewalt, etwas Magie (sie kann fliegen und Kraftwellen erzeugen) und Kampfeskunst.

Ähnliches gilt auch für die neue TV-Serie ‚Supergirl‘, die mit der Einführung von ‚Supermanns Cousine‘ (und noch einen ganzen Rattenschwanz an Verwandtschaft vermeintlich bei der planetaren Katastrophe abhanden gekommener Kryptoniden) ebenfalls versucht, das Genre auf das weibliche auszudehnen.

Supergöre

Auch ich fand während meiner Filmstudienzeit Ende der 90er Jahre in den USA, dass es dafür Zeit wäre und hatte so eine Geschichte kreiert, in der Supermann mal eine Affäre mit einer Australischen Olympia-Schwimmerin hatte und die Frucht dieser Begegnung mit Einsetzen ihrer Periode von ihren Superkräften überwältigt wird. Nach verschiedenen Besuchen bei Ärzten und Psychologen, die alle erklären, dass dies keine vorübergehende Erscheinung der Pubertät ist und in der Tat außergewöhnlich, rückt dann Mutti mit der Sprache heraus und erzählt, dass sie mal eine Nacht mit einem Amerikaner mit rotem Umhang verbracht hat…

Daraufhin entschließt sich die Heldin ihren Papa aufzusuchen – natürlich entgegen dem Wunsch der Mutter, aber wer kann sich schon gegen einen Teenager mit Superkräften durchsetzen? Also reißt sie nach Amerika und lernt dabei mit ihren Fähigkeiten immer besser umzugehen – zieht allerdings auch die Aufmerksamkeit gegnerischer Kräfte (das Genre erfordert diese) auf sich. Das ganze kulminiert darin, dass sie auf der Suche nach ihrem Vater direkt in die Arme ihrer Feinde läuft, nur um festzustellen, dass diese bereits Superman in ihrer Gewalt haben. Aber gemeinsam schaffen sie es (natürlich) sich zu befreien und die Welt erneut zu retten.

Zwei Dinge setzten der weiteren Entwicklung dieser schönen Idee ein Ende. Zum einen erklärte der Professor, in dessen Kurs ich das Konzept entwickelt hatte, dass die Rechte an Supermann und allem, was da dran hängt, bei DC-läge (Detective Comics) und dass sie diese Rechte nie abtreten und auch nicht bereit seien, Vorschläge, die nicht exakt den Regeln für ihre Superhelden entsprechen – die ja etablierte Charaktere im Marvel-Universum sind – akzeptieren würden. Und meine Supergöre würde da deutlich aus dem Rahmen fallen.

Des weiteren meinte ein Kommilitone, es gemahne ihn an den Roman Carrie von Stephen King, in dem eine sechzehnjährige von klein auf und erst recht ab ihrer ersten Periode massive telekinetische Fähigkeiten entwickelt. Wie bei Stephen King üblich eskaliert das ganze auf äußerst gruselige Weise und endet mit einem Massaker, bei dem auch die Heldin stirbt. Solche Assoziationen zu wecken, hatte ich natürlich überhaupt keine Lust.

Aber auch ich erlag damals der Verführung, einfach eine Frau mit supermännlichen Kräften auszustatten.

Heute frage ich mich, ob mich das als junge Zuschauerin wirklich inspiriert hätte – ich meine sicher würden ein paar Mädels daraufhin mehr Neugier auf Kampfsport etc. haben, aber das war nie meins. Das wirft also die Frage auf, welche superweiblichen Kräfte denn wirklich inspirierend und so motivierend wären, dass man Lust hätte mit ihrem Einsatz unsere Welt zu einer besseren zu machen. Denn das ist ja immer das Ziel aller Comic-Helden!

Und ja, natürlich fände ich es spannend, Telekinese zu beherrschen, wie Carrie oder, die klassischen Supermanfähigkeiten, wie fliegen – mit Cape und ohne hängen zu bleiben – Den Röntgenblick, das Supergehör, die relative Unverwundbarkeit und natürlich die Superkraft: die Einkäufe mit dem kleinen Finger tragen zu können und falls nötig, das Auto hochkant parken zu können hätte seinen Reiz.

Aber trotzdem sind das irgendwie supermännliche Fähigkeiten: die gewaltige Körperkraft, und immer wieder der Kampf für Gerechtigkeit und das Beenden von kriegerischen Auseinandersetzungen indem man alles in Schutt und Asche legt – das finde ich nicht nur unbefriedigend, sondern irgendwie auch langweilig!

Echte weibliche Superkräfte

Aber was wären denn Möglichkeiten, mit weiblicheren Superkräften Ordnung in unsere chaotische, gewaltvolle und ungerechte menschliche Welt zu bringen? Und damit meine ich nicht Telekinese wie bei Mary Poppins oder der bezaubernden Jeannie die mit einem Zwinkern mal eben das Kinderzimmer auf Vordermann bringen oder den Haushalt mit einem Kopfnicken erledigen.

Nach einigem Nachdenken habe ich mich für folgende entschieden:

  • Gefühle dekodieren können, bzw. ihren Ursprung erkennen können und damit die Ursache jeglichen Konflikts
  • Menschen von der Angst ins Mitgefühl führen können  – ein Gegner wird ziemlich ohnmächtig, wenn man auf seine Schwäche, seinen Schmerz fokussiert…
  • Durch zärtliches Hand auflegen oder einen warmen Blick heilen können
  • Jegliche Waffen durch einen Blick unschädlich machen zu können.
  • Schwierige Aufgaben in Gemeinschaft bewältigen, wenn z.B. der bedrohliche Tanker durch die Hilfe von Walen unschädlich gemacht wird
  • Mit einer Geste Landschaften wieder ergrünen lassen zu können – aus Kriegsschauplätzen blühende Gärten machen können!

In Anlehnung an meine aktuelle Forschung, was denn nun diese spezifische weibliche Energie, die sich derzeit in unserem kollektiven Bewusstsein Bahn brechen will, würde ich außerdem – wenn ich könnte – ALLE Superhelden dazu ermutigen, künftig von Gewalt und Zerstörung abzusehen und einen weiblicheren, vielleicht softeren, aber sicher auch nachhaltigeren Weg zu wählen:

Denn meiner Meinung nach ist jeder Bösewicht nur böse, weil er zutiefst verletzt und gekränkt wurde, das zu heilen und Vergebungsarbeit zu machen, wäre sicher lohnender, als sie einfach nur auszuschalten. Des weiteren fände ich Kooperation spannend, nicht nur zwischen den Superhelden und die findet ja immerhin auch schon statt, z.B. bei den Fantastic Four usw.) sondern vor allem zwischen den Menschen und ein Schulen ihres Bewusstseins darin, dass viele Menschen gemeinsam durchaus eine Superkraft darstellen können!

Richtig schick wäre auch, wenn sie eine solch friedvolle Kraft ausstrahlen würden, dass keiner mehr Lust auf Kampfeshandlungen hat – gibt es eigentlich Buddha schon als Superhelden? Natürlich auch Liebe und Schönheit – welche Superkräfte daraus erwachsen können, auch für Menschen, weiß jeder, der liebt und von Schönheit schon nachhaltig und zutiefst berührt wurde.

Und wer mir jetzt entgegenhalten möchte, dass das aber weniger unterhaltsam ist und weniger Action erfordert, dem entgegne ich, dass ich absolut sicher bin, dass man das reizvoll visuell umsetzen kann und auch bei mehr psychologischem Tiefgang nicht mehr Dialog braucht. Im Gegenteil. Außerdem bin ich der ewigen Kriegsszenen müde – ich fände visuell den Einsatz von Fischen bei der Rettung der Ozeane oder der Vögel zur Rettung der Lüfte viel origineller!

Ich bin sicher, da ist noch viel Spielraum – und ich bin gespannt, wie sich das Genre weiterentwickelt und welchen Wandel Wonder Woman und Kollegen noch erfahren werden – denn gerade die Comicheftliteratur spiegelt unseren Zeitgeist besonders deutlich…

Geeigneter Gott gesucht!

Natürlich habe ich geforscht, ob es eigentlich einen Gott oder eine Göttin oder wenigstens einen Heiligen des Gleichgewichts gibt. Aber tatsächlich scheint das Gleichgewicht, sogar von Kräften keine würdige Domäne. Weder für Götter noch für Heilige.

Selbst Justitia, die mit ihrer Waage zumindest dem Anschein nach für Gleichgewicht sorgt, ist zuständig für Gerechtigkeit und das ist höchstens ein Aspekt des göttlichen Balanceprinzips.

Vielleicht hätte die griechische Göttin Harmonia (römisch: Concordia) noch eine Chance gehabt, als Göttin des Gleichgewichts. Immerhin ist sie die Tochter von Aphrodite/Venus (Liebe) und Ares/Mars (Krieg). Doch sie ist nicht einmal für das zuständig, was wir Harmonie nennen. Sondern viel mehr für Eintracht, also für Konsens und Einstimmigkeit und nicht unbedingt die ausgewogene Vereinigung von Gegensätzen.

Auch ein passender Heiliger war nicht zu finden. Dabei gibt es sogar christliche Heilige für schwierige Hochzeiten (St. Phillip Howard von Arundel), dringende Angelegenheiten (St. Expedit) und zwei(!) fürs Internet (St Isidor von Sevilla und St. Jakob Alberione.) Aber nicht mal einen für wenigstens ökologisches Gleichgewicht – am nächsten kommt dem noch Naturschutz, das Patronat von St. Franziskus und der Indianerin St. Kateri Tekakwitha. Übrigens gibt´s auch keinen für Mäßigung und Maßhalten – was zumindest etwas in die Richtung von Gleichgewicht ginge.

Es gibt jedoch durchaus anbetbare Gestalten, die das Männliche und Weibliche in sich vereinen

In der griechischen Mythologie gibt es Hermaphroditos, der nur erwähnt wird als Kind von Aphrodite und Hermes und der ein „Jüngling mit langem Haar und weiblichen Brüsten war.“ Das meiste ist beim römischen Dichter Ovid zu finden. Dieser verpasst ihm einen Mythos, demzufolge sich des unschuldigen Jünglings während eines Bades in einem Teich eine liebestolle Nymphe bemächtigte. Diese bat die Götter Hermes und Aphrodite, untrennbar mit ihm verbunden zu werden. Die Götter gewährten ihr die Bitte und die beiden verschmolzen zu einem und waren fortan eine Zwittergestalt.

Als Hermaphroditos sein Schicksal bemerkt, bittet er seine göttlichen Eltern darum, dass jeder der in demselben Teich badete wie er, sein Schicksal teilen würde. Die Eltern gewährten auch seinen Wunsch.

Durch sein Schicksal wurde er auch zum passenden Namensgeber des Phänomens, wenn Wesen weibliche und männliche Geschlechtsmerkmale aufweisen. In der Wissenschaft wird dies als Hermaphroditismus bezeichnet. Bei Menschen galt das noch bis in die jüngste Zeit als Krankheitsbild und erhält gerade erst unter der Bezeichnung Intersexualität allmählich eine gesellschaftliche Akzeptanz, die Menschen mit diesen Eigenschaften nicht mehr ohne weiteres zum Außenseiter macht.

Dieser ursprünglich negative Blick auf die „Uneindeutigkeit“ der geschlechtlichen Erscheinung ist schon bei Ovid angelegt. Denn der Dichter hätte auch die göttliche Qualität dieser machtvollen Vereinigung betonen können. Dann wäre es vielleicht keine magisch übergriffige Nymphe gewesen, sondern die Kraft der Liebe zueinander hätte sie eins werden lassen können… So aber ist Hermaphroditos kein Ausdruck der geglückten Balance, sondern eher der verunglückten Zwangsvereinigung, oder wie es bei Ovid heißt „ Er war sowohl Mann und Frau und doch weder das eine noch das andere.“ Das hat etwas von zwei Sackgassen und damit taugt er also nicht wirklich als Gott des Gleichgewichts.

Keiner der griechischen, römischen und germanischen Gottheiten ist wirklich geeignet

Die einzigen Götter, die in der germanischen Mythologie mal über die Geschlechtergrenze gehen, sind Thor und Loki und das, um Thors Hammer wiederzugewinnen. Den hatte ein gewisser Riese namens Thrym geklaut, um als Lösegeld die Liebesgöttin Freya fordern zu können, um sie zu heiraten. Freya will aber natürlich nicht und so erfordert eine List von Loki, dass Thor sich als Braut verkleidet und er selbst mimt die Brautjungfer. Gemeinsam begeben sie sich an den Hof des Riesenkönigs, der entzückt ist vom Anblick der vermeintlichen Braut. Als im Zuge der Trauungszeremonie der Hammer hervor geholt und den Schoß der Braut gelegt wird, schnappt sich Thor diese blitzschnell und zertrümmert den Schädel des Bräutigams und auch gleich die Schädel der anderen Riesen. Denn jetzt hat er die Macht über seinen Hammer wieder.

Doch diese Aktion qualifiziert Thor und Loki weniger als potentielle Götter des Gleichgewichts, als vielleicht zu Patronen der Dragqueens. Außerdem ist Thor der Gott des Donners (dafür braucht er auch den Hammer…) und im Grunde also ein gefürchteter Kampf- und Kriegsgott. Und Loki ist mit seinem Hang zum Unruhestiften eher ein Gott des Chaos und damit einer der Ungleichgewichte schafft. Das braucht es zwar auch: für das Gleichgewicht des Gleichgewichts braucht es auch das Ungleichgewicht – so paradox das klingt -, aber das alleine reicht eben auch nicht.

Eine hinduistische Gottheit ist ziemlich nah dran!

Am ehesten entspricht meiner Vorstellung eines Gott des Gleichgewichts die Gestalt des indischen Ardhanarishvara. In einer der hinduistischen Mythen wird berichtet, dass es in der Schöpfungsgeschichte eine Zeit gab, in der die Geschöpfe sich nicht vermehrten. Da teilte sich der Gott Shiva selbst und nahm mit der rechten Körperhälfte die Gestalt eines Mannes und mit der linken, die einer Frau an. Dann teilte er sich in Shiva und Parvati – die den Fruchtbarkeitsaspekt verkörpert – und schuf neue Wesen.

Dieser androgyne Shiva – der gleichzeitig Mann und Frau ist – ist ein Symbol für die Ureinheit von allem, die sich dann in ihre polaren Gegensätze spaltet. In dieser Gestalt trägt Shiva den Namen Ardhanarishvara und interessanterweise gibt es unter den vielen bildlichen Darstellungen der Gottheit auch manche, bei der die weibliche Seite rechts und die männliche links ist. (Und für jene, die spekulieren wie so eine vertikale Spaltung physisch aussehen soll: es bleibt ein müssiges Unterfangen, denn die indischen Götter werden in der Regel bekleidet dargestellt, so hat er/sie auf der einen Seite den männlichen Dhoti an, auf der anderen den weiblichen Sari…)

Durch seine Verkörperung der Einheit von Mann und Frau geht Ardhanarishvara tatsächlich über den Ausdruck des Gleichgewichts hinaus: seine Gestalt ist der Ausdruck der Verschmelzung, die absolute Einheit, aus der alles entspringt. Da muss gar kein Gleichgewicht mehr hergestellt werden…es ist längst und immer da – wenn man ALLES mit einbezieht. Doch damit Schöpfung möglich ist, wird die Spaltung in gegensätzliche Pole gebraucht…und damit beginnt das ewige Spiel der göttlichen Balance. Aus dieser Sicht ist Ardhanarishvara weniger ein Hüter als ein Erzeuger der Balance – die ohne gegensätzliche Pole nicht vorstellbar wäre.

In gewissem Sinne ist der Gott der Balance die Balance selbst!

Vielleicht ist keine einzelne Gottheit wirklich geeignet die gesamte göttliche Ordnung – quasi das metaphysische Gleichgewicht aller Kräfte und Dynamiken – zu repräsentieren. Vielleicht, weil diese göttliche Balance, die kosmische Harmonie ein Ausdruck des Göttlichen schlechthin ist – wie auch immer der einzelne das für sich bezeichnen mag – und damit sind auch alle Götter und Gottheiten ein Teil davon.

Michael Roads, der spirituelle Lehrer aus Australien, dessen Newsletter ich ein paar Mal ins Deutsche übersetzt habe, erklärt in seinem letzten Newsletter dass, einer seiner Lieblingsbezeichnungen für Gott „das endlose Lied der unendlichen Balance ist“. (Offenbar stammt diese schöne Formulierung von den Dichtern Lucille O´Dell und Robin Arnold, deren Bändchen mit Lyrik und Erzählungen den schönen Haiku-esken Titel hat: „Das endlose Lied vom unendlichen Gleichgewicht: Verwirklichung der Nicht-Kraft, die alle Kraft ist.“) Das trifft diesen Ansatz ziemlich genau.

Und weil auch jeder einzelne von uns und wir alle zusammen ein Ausdruck dieser Göttlichen Balance sind – macht es uns alle gleichzeitig auch zu Göttern dieses unendlichen Gleichgewichts. Denn ein jeder von uns ist auf seine Weise beständig bestrebt, den ihm gemäßen Platz in der kosmischen Ordnung, im sensiblen und ewig dynamischen Gleichgewicht aller Kräfte einzunehmen.