Hammer oder Kochlöffel?

Ohne Klischees scheint es nicht zu gehen?!

Denn natürlich muss es eigentlich Hammer UND Kochlöffel heißen… Aber noch gibt es in vielen Köpfen eine stereotype Vorstellung, von dem was ein Mann ist und sein muss, und eben auch eine Frau ist und sein muss:

Es gibt einen schönen US Film aus dem Jahr 1998 „Pleasantville – Zu schön, um wahr zu sein“ in dem auf charmante Weise die Ideale der 50er Jahre dargestellt und auch überzeichnet werden… Joan Allen und Willam H. Macy geben darin ein „klassisches Paar“ ab – er kommt abends immer strahlend, in einem perfekt sitzenden Anzug aus dem Büro, während sie im perfekten Kleid mit perfekter Frisur perfekte Muffins bäckt und natürlich leben sie in einer perfekten schwarzweißen Welt – denn sie sind Figuren einer fiktiven Fernsehserie… Allerdings hält Farbe Einzug in ihre Welt und zu sehen, wie das geschieht und was das für Folgen hat, ist ziemlich unterhaltsam.

Tatsächlich ist unsere Welt seitdem in vieler Hinsicht bunter geworden: mit Hausmännern und Ehefrauen, die den Familienunterhalt mit ihrem Managerjob bestreiten, und Schornsteinfegerinnen und Bauleiterinnen oder männlichen Sprechstundenhilfen und Sekretären. Dennoch gelten Kindergärtner und Werkzeugmacherinnen nicht als selbstverständlich. Irgendwas verhindert das.

Der Zauber des Werkzeugkastens bzw. der Küchenschürze

Irgendwann in den 90er Jahren hörte ich mal beim Autofahren eine Radiosendung, in der eine Umfrage unter den vor allem weiblichen Hörern gemacht wurde, was sie an einem Mann am attraktivsten fänden: Wenn er aussähe wie Tom Selleck (Star der damals populären TV-Serie Magnum), wenn er ein dickes Portemonnaie oder wenn er einen ordentlichen Werkzeugkasten hätte. Zur Überraschung der Redakteure war der Werkzeugkasten mit dem Portemonnaie fast gleichauf. Auf entsprechende Nachfrage erklärten die Hörerinnen, viel Geld könnten sie selber verdienen – aber handwerkliches Geschick sei rar und sexy…

Die meisten Männer fühlen sich dagegen eher weniger erotisiert, wenn sie eine Frau mit dem Bohrschrauber hantieren sehen, als wenn sie strickt oder kocht… Irgendwie wirken Schweißperlen vom aufsteigenden Wasserdampf der kochenden Pastasauce an Frauen im Allgemeinen attraktiver, als jene vom Andübeln einer Deckenlampe, wohingegen das bei Männern oft umgekehrt ist.

Durch genauere Betrachtung werden die Klischees unscharf…

Andererseits kenne ich viele Männer, die hervorragend kochen (und ja, die meisten Starköche sind Männer – aber es ist natürlich ein Unterschied, ob man unter Beifall Gourmetzungen beglückt, oder der Familie täglich ein Essen vorsetzen muss, das allen Geschmäckern gerecht werden soll…) und genauso souverän mit der Bohrmaschine umgehen können – wie auch Frauen!

Und auch in anderen Bereichen sind die Klischee-Grenzen neblig: die Menschen, die ich kenne, die den größten Hang zu Klatsch und Tratsch und Neigung zum Kitsch haben – sind männlich, und keine Softies und auch nicht schwul, um mal gleich einem anderen Klischee zu begegnen! Und die Menschen, die ich kenne, die am effizientesten zerstören – seien es Gegenstände oder Beziehungen – sind Frauen! Trotzdem kennt unsere Sprache keine Klatschonkel und Kitschbolde – obwohl es doch sogar viel mehr männliche Gartenzwerge gibt?! Und für die weibliche Zerstörungskompetenz gibt es keinen umgangssprachlichen Ausdruck, wie „Terminatrix“. Vielleicht, weil Gewalt nicht immer die erste Wahl einer Hexe ist…

Aus irgendwelchen Gründen halten sich also die Klischees hartnäckig und nicht nur, weil die wissenschaftlich erwiesenen Dispositionen das schüren: Männer können schwerer tragen und räumlich sehen, Frauen können mehr Schmerz ertragen und sind multitaskingfähiger.

Gleichberechtigung – ja, Gleichmacherei – nein

Bei aller Sehnsucht nach der Gleichberechtigung von Mann und Frau gibt es eben auch eine Sehnsucht danach, die Unterschiedlichkeit deutlich zum Ausdruck zu bringen. Manche Männer meiden rosa, selbst wenn es sich ihnen in Form einer Rhabarbersaftschorle präsentiert… während manche Frauen sich beharrlich weigern, etwas anderes als Röcke und Kleider zu tragen. Auch in unserer Kultur und linken Kreisen…

Viele Männer möchten wirklich gerne männlich sein, ohne als Macho verschrien zu werden, viele Frauen möchten wirklich gerne weiblich sein – ohne als Zicke oder Tussi abgestempelt zu werden… Aber der Dschungel aus Stereotypen, Vorurteilen und mehr oder weniger veralteten gesellschaftlichen Mustern und Traditionen ist dicht und dunkel. Sich darin einen Weg zu bahnen, der schließlich zu einem gesunden Umgang mit dem eigenen Geschlecht und dem der anderen führt, ist für viele ein lebenslanger Prozess. Da hilft nur Mut, Durchhaltevermögen und viel Humor – immerhin ein häufiges Begleitprodukt der Klischees!