Das Zwinkern im Auge des Sturms

Wie eine Schwangere ständig überall Babys sieht, so beeinflusst derzeit mein Blog immer wieder meine Wahrnehmung. Ständig fallen mir Bezüge zum Thema Balance auf und ein – manche vielleicht offensichtlicher als andere… Aber je mehr ich mit dem Thema beschäftige, umso mehr fasziniert mich, wie sehr es unser aller Leben durchdringt. Tatsächlich noch viel mehr, als ich je vermutete!

Auf der Suche nach einer schönen Abbildung von einem Mobile, mit dem ich demnächst mal einen Eintrag illustrieren werde, kam mir die „Kardanische Aufhängung“ unter – auf Englisch heißt das Ding „Gimbal“, was ich viel hübscher und spielerischer finde – auch weil die Endsilbe nach Ball klingt.

Ich will mich hier nicht mit den physikalischen Details allzusehr aufhalten: was ich begriffen habe, ist, dass die Konstruktion, die aus drei sich auf unterschiedlichen Achsen drehenden Ringen besteht dem Objekt in der Mitte ermöglicht, unabhängig von der Bewegung dessen, was sie hält, stabil zu bleiben. (Ok, alle Physiker dürfen die Augen verdrehen.) Das Prinzip wurde im 15 Jhd. von dem italienischen Physiker und Mathematiker Girolamo Cardano detailliert beschrieben – bekannt ist es aber schon seit der Antike.

Typischerweise kommt diese Konstruktion oft auf Schiffen zum Einsatz, wo neben dem Kompass auch der Herd und sogar Getränke dadurch stabilen Halt finden. Im Alltag kennt man das als Kreisel – wenn ein Kreisel sich dreht, bleibt die innere Mitte stabil…man muss ihn halt immer wieder anschwingen. Das macht die kardanische Aufhängung von allein: sie ist quasi ständig in Bewegung.

Alles in Bewegung, aber trotzdem stabil

Das ist natürlich das, was mich als Metapher hier reizt: alles in Bewegung…und die Mitte bleibt stabil…in Balance.

Denn wichtig ist bei einer gesunden Balance ja auch, dass sie nie statisch und fixiert ist – denn eine fixierte Wippe ist nur noch eine Bank, wenn vielleicht auch eine schräge…

Wir wollen und müssen ja auch alle beweglich sein und andererseits auch unter heftigsten Belastungen stabil. Damit wir in unserem manchmal sehr stürmischen Leben einigermaßen stabil bleiben können, bedarf es eines dynamischen Halts – oft auch von außen.

Den z.B. kann die eigene Familie geben oder gute Freunde – oder die Verlässlichkeit der Alltagsrhythmen und die Vertrautheit der heimischen Umgebung und natürlich auch persönlicher Glaube und Prinzipien – seien sie nun religiöser oder sonstiger Natur.

Wenn der Sturm kommt, wird´s spannend

Aber was passiert, wenn dies erschüttert wird, wie z.B. durch einen Todesfall in der Familie, durch ein zerstörerisches Erdbeben und/oder durch eine Glaubenskrise, die einen an der eigenen Existenz verzweifeln lässt? Wie viele „Halteringe“ haben wir noch, wenn einer oder mehrerer unserer gewohnten wegbrechen? Was hilft uns stabil zu bleiben – auch wenn scheinbar gar kein Halt mehr da zu sein scheint…? Was hilft uns, im Auge unserer eigenen Stürme zu bleiben? Manchmal sind das auch sehr eigenwillige Dinge und nicht frei von Humor.

Für jeden können die Ringe andere sein

Mir haben in einer stürmischen Lebensphase mal unzählige Partien von online-Mahjong geholfen, mein inneres Gleichgewicht zu wahren; ein Freund berichtete in einer Situation als ihm Job und Freundin gleichzeitig abhanden kamen, er neben alkoholfreiem Bier besonders viel Halt im Kinderfernsehprogramm fand und eine Bekannte, die sehr religiös aufgewachsen ist und stark unter Depressionen litt, überlebte zu ihrer eigenen Überraschung einen ihrer depressiven Schübe ausgerechnet wegen Jesus… Sie war nachts bei hoher Geschwindigkeit mit ihrem Auto unterwegs, fest entschlossen, ihrem Leben in einem Autobahntunnel ein Ende zu setzen. Doch dies wollte ihr nicht gelingen: irgendjemand hatte sämtliche Tunnelwände mit immer demselben Graffiti überzogen, das sie nicht zu ruinieren wagte. Es lautete: „Jesus loves you.“