Reale Märchen

Am 13. Juni dieses Jahres gab es mal wieder eine königliche Hochzeit und ich war erstaunt, wer alles in meinem Umfeld sich bemüßigt fühlte, dies zu kommentieren. Denn im Allgemeinen wird es in meinem Freundeskreis eher verpönt, sich für die Schicksale jener zu interessieren, die nur aufgrund ihrer Geburt und ihres Status prominent sind. Das ist doch eher etwas für kitschfreudige Omis und glamourgeile Friseurkundinnen…

Die Kommentare waren übrigens weder zynisch-negativ noch schwärmerisch-positiv. Der Grundtenor war, dass mal wieder ein sympathischer junger Mensch offenbar eine Frau geheiratet hat, die er wirklich liebt – in diesem Fall Carl-Phillip, Prinz von Schweden – der kleine Bruder von Kronprinzessin Victoria.

Doch bei aller Nüchternheit der Betrachtung spielt natürlich der „Märchenfaktor“ in die Sache rein. Denn was den Bräutigam und seine spektakuläre Hochzeit so medienwürdig macht, ist allein die Tatsache, dass er ein echter Prinz ist, mit einem wirklichen König zum Vater und natürlich lauter Titeln, Orden, und einer schicken Uniform. Obendrein ist er auch noch ein wirklich attraktiver Mann und seine Braut – ein ehemaliges Model, mit Businessabschluß und Yoga-Ausbildung – ist auch im Brautkleid sehr ansehnlich und wirkt sympathisch.

Und auch wenn in unserer westlichen Welt die Zeiten vorbei sind, in denen gekrönte Häupter die Geschicke ihrer Untertanen regierten, so sind sie doch so etwas wie Ikonen der nationalen Identität und willige Projektionsfläche für alle möglichen Volksfilme: von der Schnulze bis zu anti-royalistischen Politthrillern… Ihr Leben – meist als Teil des internationalen Jet-set – lenkt ab, unterhält und vereint Menschen unterschiedlichster Hintergründe in bunten Diskussionen.

Und doch sind sie meiner Ansicht mehr, als nur nationaler Luxus (ein beständiges Argument der Anti-Royalisten, dass der aufwendige Lebensstil auf Staatskosten stattfindet) und beständige Protagonisten der Regenbogenpresse – hochadlig zu sein ist in der Regel eine lebenslange Angelegenheit…

Die mythologische Dimension bleibt aktiv

Doch allein durch ihren Status, als König oder Prinzessin, als Fürst oder Gräfin vertreten sie die gleichnamigen Archetypen. Auch deswegen kommen sie so häufig in alten Märchen und Legenden vor und gehören auch oft zum Figurenkanon in zeitgenössischen Fantasy-Computerspielen.

Das wirft die spannende Frage auf, ob das Märchenhafte, Archetypische immer den Beigeschmack von etwas historischem, einstmaligen haben muss? Wie drückt sich das Märchenhafte in der Gegenwart aus? Welche Form findet das Archetypische in unserer Kultur? Ich glaube, dass einige unserer hochkarätigen Aristokraten eine sinnvolle Vorbildfunktion haben – in dem sie sich auch oft für würdige Dinge engagieren, die ohne ihren Einsatz weit weniger Aufmerksamkeit und Unterstützung erführen. Aber das leisten andere – mehr oder weniger populäre – Prominente auch… Also, was ist heutzutage das Besondere an jemandem, der dazu befugt ist, mit „Königliche Hoheit“ angesprochen zu werden?

Eine neue Bedeutung für einen alten Topos

Beispielsweise präsentiert sich der englische Thronfolger Prinz Charles glaubwürdig als Förderer der Umwelt, u.a. indem er auf seinen Gütern ökologischen Landbau betreiben lässt. Damit gibt er der Klischeerolle des weltfremden Aristokraten als Nutznießer, wenn nicht gar als Ausbeuter seiner Ländereien einen positiven Rollenwandel hin zum bewussten Beschützer. Die Missachtung für die traditionellen spanischen höfischen Hofsportarten wie die Jagd und den Stierkampf wird offen von König Felipe IV. von Spanien zum Ausdruck gebracht. Aber am eindrucksvollsten hat für mich Prinzessin Victoria von Schweden mit dem alten Rollenbild der Prinzessin aufgeräumt: nicht nur, dass ihretwegen in Schweden die traditionelle Erbfolge, die nur männliche Thronfolger erlaubte, zugunsten des oder der Erstgeborenen geändert wurde, sie hat auch das Aschenputtelprinzip modernisiert:

Nachdem die Regenbogenpresse ihre ganze Jugend lang spekuliert hatte, wer denn einstmals ihr Prinzgemahl würde und allen möglichen jungen Männern aus dem europäischen Hochadel diesbezüglich öffentlich Chancen ausgerechnet wurden, verblüffte Victoria ihre Familie und Adelsexperten aller Länder mit ihrer Partnerwahl – nicht nur eines bürgerlichen Mannes, sondern auch noch ihres Fitnesstrainers…! Ein hochrangiges Mitglied der Streitkräfte oder gar ein hochdotierter Akademiker oder vielleicht sogar ein Spitzensportler wären noch akzeptabler gewesen…aber ein ganz gewöhnlicher, leicht prolliger Fitnesstrainer an der Seite einer künftigen Königin?

Der Ehemann einer Königin ist nicht automatisch ein König

Dabei haben es die Männer von Königinnen gar nicht so leicht – denn sie sind nicht ohne weiteres König. Wohingegen die angeheirateten Frauen immer auch den Königstitel kriegen, auch wenn sie nicht adliger Herkunft sind, wie z.B. Königin Sylvia von Schweden oder Königin Maxima der Niederlande. Außerdem wurden die Prinzgemahle des europäischen Hochadels bisher auch oft kritisch wahrgenommen und haben – mal mehr, mal weniger öffentlich – durchaus mit ihrer Rolle als royaler Samenspender und öffentliches Beta-Tier gehadert. Prinz Claus der Niederlande, der inzwischen verstorbene Ehemann der inzwischen abgedankten Königin Beatrix, war vor seiner Eheschließung ein geachteter deutscher Diplomat und durfte nun plötzlich nur noch alles mögliche ehrenhalber tun und sein. Es war öffentlich bekannt, dass er auch deswegen unter Depressionen litt.

Prinz Philip, der diesen Titel erst zehn Jahre nach seiner Eheschließung von seiner Frau Königin Elisabeth II von England verliehen bekam und vorher vornehmlich als Duke von Edinburgh bezeichnet wurde, gilt als verschroben und taktlos. Und ist demnächst Rekordhalter ausgerechent in seiner Eigenschaft als Prinzgemahl – denn die Dauer der Regentschaft seiner Frau (über 60 Jahre) währt bald länger als die ihrer Großmutter, Königin Victoria. Doch auf einem Fleckchen Erde wird er von etwa 400 Menschen eines melanischen Stammes über den Status seiner Frau erhoben: von ihnen wird er als Gottheit verehrt. Die Bewohnern des Dorfes Yaohnanen auf der zum melanesischen Vanuatu gehörenden Insel Tanna betrachten ihn als Verkörperung eines ihnen heiligen Naturgeistes.

 Herz über Amt

Also – für welchen Mann ist die Aussicht auf eine Rolle in der zweiten Reihe schon wirklich auf Dauer attraktiv? Aber deswegen Kompromisse machen? Kronprinzessin Victoria war offenbar immun gegen die sicherlich vielen Bemühungen, die ihr verdeutlichen sollten, dass sie als öffentliche Person nicht einfach ihrem Herzen folgen könne, sondern Rücksicht auf ihren Status, ihre Geschichte und  ihre edlen Gene nehmen müsse – ganz zu schweigen von der gesamten Verwandtschaft. So zumindest stelle ich mir das vor… Denn auch ich entnehme mein Wissen in diesen Dingen ausschließlich den Medien.

Aber Prinzessin Victoria blieb sich und ihrer Liebe treu und – den Bildern und Berichten in den Medien zufolge – liebt Daniel auch ehrlich sie und hat sich für sie und ihre gemeinsame Zukunft allen möglichen Prozeduren ausgesetzt. Laut der schwedischen Presse unterzog er sich zahlreichen Weiterbildungen und einer PR-Beratung um würdig und angemessen nehmen Victoria auftreten zu können – er musste u.a. seinen Job als Fitnesstrainer aufgeben, änderte seinen Kleidungsstil, bekam eine Intellektuellenbrille verpasst und paukte Englisch. Über acht Jahre dauerte es, bis sich Victoria mit ihrer Partnerwahl in der Familie und schließlich auch in der Öffentlichkeit durchgesetzt hatte. Seit dem gewinnt Daniel als ihr Ehemann und Vater ihrer Tochter stetig an Popularität und die ihre hat nie gelitten.

Wenn man es also wagt, das Sortieren von Erbsen und Linsen durch Gymnastik und Liegestützen zu ersetzen, dann ist Prinz Daniel eine Art moderner Aschenputtlerix…der aus vergleichsweise einfachen Verhältnissen stammt: Er wuchs in einem 6000 Seelenkaff als Sohn des Leiters der kommunalen Sozialbehörde und einer Postangestellten auf. Dank seiner Liebe zur schwedischen Kronprinzessin kann er sich jetzt locker seinen eigenen Personaltrainer leisten…wenn ihm danach der Sinn stände.

Auch ich habe 2010 die Fernsehberichte seiner Eheschließung mit Victoria verfolgt und neben dem Spaß an der üppigen Inszenierung: eine Hochzeit mit so vielen Gästen in so märchenhaften Roben ist halt immer spektakulär, hat mich vor allem berührt und fasziniert, wie ich die beiden wahrgenommen habe: sie erschienen mir wirklich glücklich miteinander und selig darüber, alle bisherigen Hürden bis zu diesem grandiosen Moment genommen zu haben und zwar gemeinsam.

Das hat mich am Ende mehr beeindruckt, als aller Prunk und Glamour. Für mich ist Prinzessin Victoria schon jetzt eine Königin in Sachen Selbstliebe, Authentizität und Durchhaltevermögen und unabhängig von ihren Kronen, die sie zurecht tragen darf – echt souverän, oder cool, wie man stattdessen heute wohl sagt…