Ritter des 21. Jahrhunderts

 

Sind ritterliche Tugenden überhaupt noch aktuell?

Vor einigen Wochen erwartete ich mal wieder eine Lieferung von Amazon. Also wunderte ich mich nicht, als der Postbote klingelte und mir einen Stapel mit drei Päckchen überreichte. Doch als ich die Päckchen öffnete, erwartete mich eine Überraschung: „Der Alpha Code“? Fitness für echte Männer?? Mit einem Vorwort von Arnold Schwarzenegger??? Das hatte ich ganz sicher nicht bestellt!!!

Hatte sich Amazon etwa mit dieser Lieferung vertan? Ich sah noch einmal in den Karton mit der Lieferbestätigung und siehe da, sie enthalt auch die Nachricht eines lieben Klienten von mir, der mir dieses Buch hatte zukommen lassen. Er schrieb, der „Alpha Code“ hätte ihn sehr begeistert und seiner Meinung nach enthielte das Buch jede Menge Material – jenseits der Fitness-Tipps – das ich bei meiner Forschung in Bezug auf die Geschlechterrollen in unserer Zeit und in Zukunft beachten sollte.

Zögernd und nicht ohne Vorurteile begann ich, das Buch zu lesen. Allerdings nicht ohne vorher mal schnell nach dem amerikanischen Original zu googeln und festzustellen: die beiden Autoren sind Koryphäen der amerikanischen Fitness- und Bodybuildingszene und ihr Buch verkauft sich so gut, dass es schon zwei Jahre später auf Deutsch erschien.

Das Buch geht in der Tat über eine reine und wirklich ausführliche Fitnessanleitung – zum Bedauern mancher und zur Begeisterung anderer Leser – weit hinaus. Es liefert nämlich auch eine psychisch-ethische Anleitung für das Mannsein!

Das heißt, es gibt auch heute noch Ritter! Und das weit weniger metaphorisch, als ich selbst je vermutet hatte. Nämlich nicht nur als Titel von Mitgliedern teilweise obskurer Orden und Bruderschaften, oder bei Computerspielen und bei Mittelalter-Veranstaltungen. Völlig unabhängig vom Ritter als Titel, gibt es sie als Verkörperung der Ritterlichkeit und es hat sie auch immer gegeben!

Historische Ritterregeln

Dass die Rittertugenden vom Mittelalter über die Romantik bis in die Gegenwart von Bedeutung waren und sind, zeigen z.B. die Arthussagen und das Rolandslied – beide begannen den Siegeszug ihrer Popularität im 12. Jahrhundert. Stellvertretend für den „Ehrenkodex“ eines Ritters, hier ein Auszug aus dem Rolandslied, wie ich ihn auf der englischen Webseite: lordandladies.org gefunden und selbst für diesen Blog übersetzt habe.

  • Gott zu fürchten und seine Kirche zu erhalten
  • Dem Lehensherrn mit Tapferkeit und Treue zu dienen
  • Die Schwachen und Wehrlosen zu beschützen
  • Witwen und Waisen Beistand zu leisten
  • Mutwilliger Beleidigung zu widerstehen
  • Ehrenhaft für den Ruhm zu leben
  • Entlohnung durch Geld zu verachten
  • Für das Wohlergehen aller zu kämpfen
  • Jenen in Autoritätspositionen zu gehorchen
  • Die Ehre anderer Ritter zu achten
  • Ungerechtigkeit, Geiz und Täuschung zu vermeiden
  • Den Glauben zu wahren
  • Zu allen Zeiten die Wahrheit zu sagen
  • Bei jeder Unternehmung bis zum Ende durchzuhalten.
  • Die Ehre der Frauen zu achten.
  • Niemals die Herausforderung eines Ebenbürtigen abzulehnen
  • Niemals einem Feind den Rücken zuzuwenden.

In der einen oder anderen Form sind diese oder ähnliche Regeln auch Teil von soldatischen Ehrenkodices (schließlich waren die Ritter ursprünglich die Soldaten ihres Lehensherrn) und von Gelübden einiger, wie auch immer zu definierenden, Kriegergruppen. Entsprechend ihrer Kultur spielen dann oft auch noch Gehorsam, Loyalität und Achtung der Hierarchien eine Rolle und das bis heute, wenn auch teilweise abgewandelt. Denn die Zeiten und gesellschaftlichen Verhältnisse haben sich glücklicherweise in weiten Teilen der Welt positiv verändert. In der westlichen Welt sind „Witwen und Waisen“ heute viel besser versorgt sind und weder die Kirche, noch Lehnsherren, noch sonstige Autoritätspersonen haben eine vergleichbare Macht.

Welche Regeln gelten also heute für einen „urbanen Ritter der westlichen Gegenwart“?

 Moderne Regeln für Ritter heißen heute z.B. „Alpha Code“

Wenn man statt Ritter „Alpha Regeln“ in die Suchmaschinen eingibt, gibt es einige interessante Listen. Die umfassendste und genaueste entnehme ich dem oben erwähnten Buch von Bornstein und Romaniello und habe sie für diesen Zweck leicht gekürzt.

1 Schaffe Zeit für Wichtiges…Alphas sind bereit, Kleinigkeiten für Großes zu opfern, auch wenn sie dabei auf ein wenig Spaß verzichten müssen.

2 Betrachte ein Problem von allen Seiten, um eine Lösung zu finden. Ein Alpha weiß, dass man manchmal einen Hammer, manchmal einen Schlüssel benötigt…

3 Akzeptiere dein Ego als Mechanismus für mehr Zuversicht – höre aber immer zu und bleibe lernbereit.

4 „Mach dir die Bedeutung von Sex klar“ oder, wie es die Autoren selbst drastisch formulieren: „Alphas ficken phantastisch“.

5 Sag Nein, wenn du etwas nicht magst.

6 Frag nicht um Erlaubnis – bitte um Verzeihung (Das ist einfacher).

7 Kritisiere keinen Vorschlag, für den du keine Alternative anbieten kannst.

8 Kauf dir maßgeschneiderte Klamotten. Ein 200 Euro Anzug, der sitzt, sieht besser aus als ein schlecht sitzender 500-Euro-Anzug.

9 Drücke deine Zuneigung aus. Verkneife dir niemals ein Kompliment, wenn es ehrlich gemeint ist. Es gibt keinen schlechten Zeitpunkt, etwas Nettes zu sagen; gewöhne es dir an.

10 Greife immer als Erster nach der Brieftasche. Auch wenn man eigentlich dich einladen wollte…Alphas möchten sich um andere kümmern und wollen in niemandes Schuld stehen, aber sie zwingen auch keinem etwas auf, schon gar nicht in Geldfragen.

11 Reagiere auf alle Beleidigungen mit einem Lächeln…

12 Gib deine Fehler ehrlich und humorvoll zu…

13 Übernimmt die Führung…Alphas warten nicht auf Vorschläge anderer – sie bewegen etwas.

14 …“Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Alphas nehmen Risiken auf sich, sie kosten ihre Siege aus, nehmen aber auch die Lehren aus den Niederlagen an.

15 Lerne kochen….Alphas können sich selbst ernähren. Das gehört zu den menschlichen Grundfunktionen.

(Aus: Der Alpha Code Fitness für echte Männer von Adam Bornstein und John Romaniello, Goldmann Verlag München 2015 S.37ff)

Diese Regeln spiegeln deutlich unseren gesellschaftlichen Wandel: der moderne Ritter trägt einen gut sitzenden Anzug, erobert den Markt mit Kompetenz, Charme und einem gesunden Selbstbewusstsein. Außerdem kann er Prioritäten setzen und kochen…

Und wie sieht´t mit den Rittertugenden aus – anders ausgedrückt, was zeichnete einen historischen Ritter aus? Laut Wikipedia gehörten zu den gewünschten Eigenschaften im Hochmittelalter: Demut, heitere Gelassenheit, Würde, Freundlichkeit, Höflichkeit, Tapferkeit, Maßhaltung, Großzügigkeit, Beständigkeit, Treue, Anstand und Erziehung und Ehre (eben ritterliches Ansehen.) und während der Blütezeit der Minnekultur auch noch: Hoffnung, Frauendienst und Liebe.

Frauendienst ist heute passé – und auch Liebe verstehen wir heute im Zweifel anders als unsere Vorfahren. Und doch passen einige der Begriffe auch in den Tugendkatalog von Bornstein und Romaniello. Sie listen 7 „Alpha-Merkmale“ auf:

1 Hilfsbereit – aber nicht herablassend

In der Erläuterung wird dazu ermutigt, andere auf kompetente Weise zur Selbsthilfe zu verhelfen – so dass auch der Helfer etwas davon hat.

2 Selbstsicher – aber nicht großspurig

Hier geht es darum, aufrichtig und authentisch zu sein und auch über ehrliche Kenntnis der eigenen Stärken und Schwächen zu verfügen.

3 Eitel – aber nicht eingebildet

Der Leser wird dazu ermutigt, zwar auf sein Äußeres zu achten und es weitestgehend zu optimieren – aber gleichzeitig zu wissen, dass nicht seine Erscheinung sondern sein Handeln ihn definiert.

4 Stolz – aber nicht arrogant

Der Leser wird dazu angehalten, klug mit dem eigenen Erfolg umzugehen.

5 Bescheiden – ohne Selbsthass

Ein gesunder Selbstwert, das Wissen um die eigenen Schwächen, den Mut diese zu überwinden und die Fähigkeit zur Selbstironie werden hier propagiert.

6 Tolerant – aber nicht schwach

Im Prinzip geht es um die Fähigkeit, unterscheiden zu können, wann man(n) Farbe bekennt.

7 Engagiert – aber nicht besessen

Zielorientiertes Arbeiten – mit einem Sinn für das rechte Maß auch zum Wohle der anderen wird hier betont.

(Aus: Der Alpha Code Fitness für echte Männer von Adam Bornstein und John Romaniello, Goldmann Verlag München 2015 S.66ff)

Bei der Lektüre konnte ich es mir nicht verkneifen, darüber nachzudenken, welche Männer ich kenne, die das in meiner Wahrnehmung tatsächlich leben oder wenigstens leben wollen…

Und dann gleich die weitere Frage: wie sieht´s eigentlich bei den Frauen aus und bei mir selbst?

Alle können ritterlich sein!

Denn Ritterlichkeit ist keineswegs nur Männern vorbehalten – und war es übrigens auch anfänglich nicht. Denn Ritterlichkeit galt immer schon als eine menschenwürdige Tugend, auch wenn sie mindestens sprachlich in der jüngsten Zeit aus der Mode gekommen ist. Aber ihre Bedeutung ist nach wie vor attraktiv. In beiden Richtungen: es ist durchaus erstrebenswert, sich ritterlich zu verhalten – und ritterlich behandelt zu werden. Doch das geht vielleicht nur, wenn man sich der „Hausordnung fürs eigene Gemüt“ einigermaßen bewusst ist und entsprechend handelt!