Wachstumskurven

Ich hatte mir geschworen, keine Katzengeschichten zu schreiben…und erst recht keine Fotos zu posten. Bis mir meine Katze eine Strich durch die Rechnung machte. Ein Teil dieser Entscheidung war nämlich auf meine Gedanken zurückzuführen, dass meine Katze ihrerseits keine Gelegenheit hat, sich mit ihren Artgenossen über ihren Mensch auszutauschen, wenn sie sich beispielsweise über meine Ausdauer amüsiert, etwa: „Einfach putzig, wie sie immer wieder das Bällchen für mich über den Teppich rollt, selbst wenn ich längst woanders bin.“ Oder bei meiner Morgengymnastik spöttisch die Schnurrhaare zuckt: „Das soll Yoga sein?“ So lange ist es irgendwie unfair, wenn ich das umgekehrt tue. Doch Entscheidendes hat sich geändert.

Also doch eine Katzengeschichte:

Unsere Freundschaft begann im März vor zwei Jahren, als ich das zehn Jahre alte Hauskatzenfräulein aus dem Tierheim holte, um einer alternden felinen Lady einen angenehmen Lebensabend zu bieten, und in der Hoffnung, dass sie nicht ganz so viel Bespassung und Abwechslung bräuchte wie ein jüngeres Tier. Doch es stellte sich heraus dass SEVAL, wie ich sie nenne, (keine Ahnung ob sie vorher eine Minka oder Miezi war) für ihr Alter bemerkenswert fit ist und keinesfalls aufs Klettern auf mehrere Meter hohe Regale (ich wohne in einer Altbauwohnung) , wilde Jagden auf durch die Wohnung nach echten Leckerlis und fiktiven Mäusen und selbstständige Freilauftaufenthalte verzichten will.

Als sie zu mir kam, war nicht klar, ob sie nun eine Freigängerin ist oder nicht. Man hatte sie kurz vor Weihnachten draußen in der Kälte gefunden, abgemagert, apathisch, voller Parasiten und mit einer Herzerkrankung. Als ich sie im März bei mir einzog, waren zwar die Parasiten bereits auskuriert, sie hatte etwas Gewicht zugelegt und eine Herzoperation hinter sich. Doch das Fell auf der Brust war noch recht kurz und Streicheln am Bauch sehr unwillkommen. Und vor jedem neuen Besucher und unangenehmem Geräusch, wie Türklingel, Dampfbügeleisen und Staubsauger floh sie unters Sofa.

Doch inzwischen ist ihr schwarz-weißes Fell wieder üppig und glänzend, das leichte Röcheln beim Atmen und Schnurren aufgrund der vergrößerten Herzklappe ist völlig verschwunden und sie hat ordentlich zugenommen. Zugenommen hat auch ihre Neugier und Abenteuerlust, mehr und mehr Besucher bekommen sie nun zu Gesicht und unangenehm lärmende Tätigkeiten beobachtet sie jetzt missbilligend vom obersten Regalbrett.

Und als dieses Jahr die ersten warmen Abende kamen, stand sie mitten in den Blumenkästen auf der Balkonbrüstung, und machte gewagte Verrenkungen, um sich einen besseren Überblick über den Vorgarten zu verschaffen – ich wohne im Hochparterre. An solchen Tagen sind auch geworfene Bällchen und Leckerlis und das sonst begeisternde Spiel mit einer Pfauenfeder für sie offenbar so aufregend, wie für uns die x. Wiederholung eines Fernsehfilms.

Doch letztes Jahr war sie beim Müll hinausbringen in den Hinterhof gefolgt und mit zwei zackigen Sprüngen über die Mülltonnen und den Zaun im Nachbarhof verschwunden…Auf mein Rufen antwortete sie kläglich maunzend, war aber nicht in der Lage, das Schlupfloch im Zaun, was ich ihr geöffnet hatte, zu finden. So musste ich mich selbst durch den Zaun zwängen und sie in einem fremden Hauseingang, wo sie miauend auf einer der Stufen kauerte, wieder einsammeln. Daraufhin schwor ich mir, diese Katze bleibt ein Stubentiger!

Aber manche Schwüre muss man aus Liebe brechen…

Denn nach dem dritten Abend unzufriedenen Streifens über den kleinen Balkon bei herrlichstem Sommerwetter, dachte ich, ich wäre auch unglücklich, wenn ich schönes Wetter immer nur vom Balkon aus genießen könnte. Aber was, wenn die Katze wegrennt und sich dann verläuft? Noch schlimmer, was wenn sie überfahren wird? Ich wohne unweit von einer stark befahrenen Straße…

Andererseits: diese Katze hatte ein Leben vor mir – wenn sie doch eine Freigängerin war, dann musste sie auch mit Autos klar kommen. So überlegte ich hin und her, bis mich eine Freundin auf eine Idee brachte. Sie hatte eine Frau mit Katze an der Leine auf dem Friedhof gesehen. Ein guter Ort, um eine Katze laufen zu lassen, weil es da keine Hunde oder Autos gibt… Aber trotzdem fand ich Friedhofsausflüge irgendwie unattraktiv und konnte mir auch nicht vorstellen, dass Seval sich an der Leine bewegen würde. Aber so etwas weiß Frauchen nicht, bevor sie es ausprobiert hat. Also schaffte ich ein Katzengeschirr an und befestigte daran meinen Namen und Telefonnummer. Am ersten Abend zog ich Seval das Geschirr an. Das ließ sie über sich ergehen, aber von der Folge war sie überhaupt nicht begeistert. Ihre Empörung fühlte sich an, wie: „Dieses peinliche Ding ist nicht dein Ernst, oder?“ und kroch über die Dielen, immer an der Wand entlang. Bis ich ihren Bauch sanft hochhob und sie begriff, dass sie sich damit durchaus normal bewegen kann. Nach zwanzig Minuten hatte sie sich dran gewöhnt und machte keine Anstalten, das Teil abzustreifen.

Das Experiment wird gewagt

Daraufhin entschied ich, nun mit ihr vor das Haus in den Vorgarten zu gehen, ohne Leine – denn mein Name stand ja auf dem Geschirr. Sie war selig, konnte fröhlich herum streifen und als ich nach einer halben Stunde wieder hinein wollte, ließ sie sich ohne Probleme hereinlocken. Am Abend danach, wieder einer lauen Frühsommernacht, funktionierte Locken gar nicht und ich musste sie Einfangen. Aber dank des Geschirrs und einem beherzten Sprung über den Zaun eines benachbarten Kindergartens, hatte ich sie nach einer Dreiviertelstunde wieder in den Armen. Ich entschied, dass Ausflüge erst abends nach neun stattfinden sollten, weil dann merklich weniger Verkehr in meiner Straße ist und ich in der Regel dann auch nicht mehr ausgehe, d.h. wenn ein Ausflug mal länger dauert, ist das auch kein Problem. Bei diesen beiden Ausflügen war ich zeitgleich draußen, las oder telefonierte…und fühlte mich ähnlich einer Mutter, deren Kind auf einem Spielplatz zugange ist. Inzwischen sträubte sich Seval nicht mehr gegen das Geschirr, wenn es auch immer einen Moment dauerte, bis sie sich daran erinnerte, dass sie sich auf ganze Höhe aufrichten konnte. Und ich fühlte mich sicher, sollte sie abhauen, sich verlaufen und dann gefunden werden würde mich ein hoffentlich ein freundlicher Mensch kontaktieren, dank meiner Telefonnummer auf dem Geschirr. In der Regel erwischte ich sie nach einer halben Stunde, wenn sie durch die Hecke am Zaun schlüpfte oder eine Einfahrt zum benachbarten Garten überqueren wollte. Doch nach drei Tagen davon hatte Seval genug. Es war wieder eine besonders laue Nacht und sie schaffte es diesmal, mir immer wieder zu entwischen. Der Vorgarten ist von einer stacheligen Buchsbaumhecke umgeben und also ist meine Bewegungsfreiheit auch eingeschränkt, während sie sich einfach unter dem Gestrüpp ducken kann. Tatsächlich fand Seval wohl, dass das ein grandioses Fangenspiel war, denn sie war immer im Vorgarten, aber eben nicht bereit, hinein zu kommen. Ich saß auf der Treppe zum Eingang und versuchte sie mit Rufen und Leckerli anzulocken. Sie interessierte sich gar nicht für mich, sondern putzte sich demonstrativ unter dem großen Rhododendron – immer in Sichtweite und doch unerreichbar… Einige Nachbarn, die kamen und gingen nahmen mehr oder weniger erheitert Anteil. „Was, Sie führen Ihre Katze aus?“ und dem Unterton war deutlich anzumerken, dass die Aktion meinem Ruf nicht unbedingt förderlich war.

Das Experiment droht zu scheitern

Ich lächelte verlegen und schwieg. Und wenn sie weg waren, machte ich einen erneuten Versuch, die Katze einzufangen. Aber Seval kannte die Hecke inzwischen besser und ließ sich nicht mehr so ohne weiteres überlisten. Dann kam unsere Lieblingsnachbarin und erkundigte sich mitfühlend, ob Seval vom Balkon gefallen sei, ich verneinte und berichtete von meinem Experiment. Sie nickte freundlich, wünschte mir viel Glück und verschwand dann auch im Haus. Jetzt war es schon nach elf. Seit zwei Stunden versuchte ich nun, die Katze einzufangen. Es war vollkommen sinnlos. Könnte man das Lachen von Katzen hören, wäre sicher ein durchdringendes Kichern durchs Gebüsch gedrungen… Um Mitternacht schließlich musste ich so dringend auf Toilette, dass ich beschloss, die Jagd kurz zu unterbrechen. Als ich anschließend wieder herunterkam, war Seval nirgends zu sehen. Ich schluckte nervös und begann mich über meine Schnapsidee zu ärgern. Mit meinem Handy als Taschenlampe streunte ich durch Hinterhöfe und Gärten und rief und miaute, aber weit und breit keine Seval. Nur gelegentlich begegnete mir jemand, der seinen Hund ausführte und mich entweder besorgt oder belustigt ansah. Aber keiner sagte was. Schließlich war es halb ein Uhr morgens und ich so müde, dass ich entschied, nach Hause zu gehen. Irgendjemand würde die Katze bestimmt irgendwann finden – sie hatte ja das Geschirr mit meiner Nummer…Gott sie Dank! Niedergeschlagen ging ich ins Bett und schlief voller Schuldgefühle ein, eine rechte „Rabenkatzenmutti“ zu sein. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Seval war schließlich eine Katze, ein Tier, verflixt nochmal!!!

Nächtlicher Weckruf

Mein Handy legte ich griffbereit und auf ganz laut gestellt, und als um drei Uhr morgens eine SMS kam, sprang ich sofort aus dem Bett, in der Hoffnung, jemand habe Seval gefunden… Doch es war eine SMS aus den USA, und hatte mich aufgrund der verschiedenen Zeitzonen eben zu nachtschlafender Zeit erreicht, obwohl es für den Absender erst neun Uhr abends war. Trotzdem trat ich auf den Balkon und blickte hoffnungsvoll hinunter in den Vorgarten. Und tatsächlich: da saß ein schwarzweißes etwas direkt unter dem Balkon und maunzte, kaum dass sie mich hörte! Dankbar und selig stürzte ich barfuß und im Nachthemd durch den Hausflur die Treppe hinunter zur Haustür und ließ die Katze herein. Sie raste an mir vorbei, die Treppe hinauf, durch die Wohnungstür direkt aufs Katzenklo! Ich möchte nicht übertreiben, aber nicht nur aufgrund meiner Erleichterung klang das ausgiebige Scharren ausgesprochen freudvoll. Nach Umfang der erledigten Geschäfte zu schließen, war auch Seval heilfroh, wieder in heimischen Gefilden zu sein und war sicher kein Fan der Wildnis. Währenddessen hatte ich ihr frisches Futter in ihren Napf in der Küche gefüllt und als sie aus dem Bad kam, nahm ich ihr das Geschirr ab. Dann machte sie sich über das Futter her und zwinkerte mich dabei freundlich an. Dankbar und erleichtert ging ich wieder ins Bett, wohin sie mir kurz darauf laut schnurrend folgte und sich an ihren Lieblingsplatz begab. So schliefen wir dann glücklich aneinander geschmiegt beide bis zum Morgen.

Experiment hat funktioniert, alle Beteiligten glücklicher als zuvor

Seit dem funktioniert das mit den abendlichen Ausflügen fabelhaft: irgendwann gegen neun kratzt sie an der Wohnungstür, dann lasse ich sie zur Haustür heraus und etwa eine halbe Stunde bis Stunde später sitzt sie miauend unter dem Balkon und möchte wieder rein. Wenn ich dann die Haustür aufmache, kommt sie sofort aus dem Gebüsch und rennt in den Hausflur, die Treppe hinauf zu meiner Wohnung. Weil das so gut klappt, darf sie jetzt auch ohne Geschirr hinaus – denn jetzt findet sie ja ihr zuhause wieder. Und wenn es gewittrig ist, oder ich mal abends unterwegs, dann verbringt sie ihren Abend, wie gewohnt drinnen. Doch die abendlichen Spaziergänge bekommen ihr offensichtlich gut, sie wirkt deutlich ausgeglichener, frisst wieder mehr und wir beide freuen uns jedes Mal, wenn sie von ihren Ausflügen nach Hause kommt, genauso, wie wenn ich von meinen Ausflügen nach Hause komme und wir beide wieder vereint sind!

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